Dez 19 2014

Vom ferngesteuerten Lesen

Bücher als Medium haben eine ganz besondere Eigenschaft: Sie drängen sich dem Leser nicht auf, und sie bestimmen ihn nicht. Das macht einen entscheidenden Unterschied, besonders im Hinblick auf die Aktivität der Imagination. Filme rattern einfach durch, egal, was der Zuschauer davon aufgenommen oder verstanden hat. Sie gehören wie das Fernsehen zu den zeitgebundenen Medien. Beim Lesen dagegen bestimmt die LeserIn das Tempo: Augen auf, ein bisschen Text lesen, wegträumen, assoziieren, in einen Dialog mit dem Text treten, alternative Erzählstränge entwerfen, kurz verweilen, um ein paar sprachliche Schönheiten zu genießen, am Köder eines Lachens knabbern, und so weiter. Das ist ja das Schöne am Lesen: Man braucht dafür Muße, und es inspiriert.

Der Vergleich mit Hörbüchern ist hier aufschlußreich: Tatsächlich kann auch hier der Leser das Tempo nicht bestimmen. Aber es macht die Kunstfertigkeit des Sprechers (meistens sind es Schauspieler) aus, dass er ein untrügliches Gespür für Tempo hat und stark mit ihm variiert. Der an sich gleichförmige Text wird so verbreitert oder beschleunigt, ausgebreitet oder im Stakkato vorgetragen. Dem Hörer bleibt genug Freiheit (und Zeit), um sich "seinen Teil zu denken" und drumherum jene Überlegungen anzustellen, die auch bei einer Lektüre durch sein Hirn schießen würden. Bemerkenswert ist auch, dass viele Hörbücher unheimlich lang sind: 24 gehörte Stunden auf CD? Kein Problem. Leser haben Zeit.

Zeit aber ist ein knappes Gut, und darum gibt es Menschen, die das Lesen optimieren wollen, sprich: Es beschleunigen. Tollerweise kann man das lernen und so bis zu dreimal schneller lesen. Das ganze gibts als Lese-App, sie trägt den Namen Spritz und zeigt die Worte rasch nacheinander einzeln auf einem kleinen Display an, so dass man die Augen nicht über eine Textseite wandern lassen muss.

Ja super. Wer die App ausprobiert, merkt schnell: Meine Augen kommen mit hohen Geschwindigkeiten mit, verstehen geht auch noch gerade so, aber merken kann ich mir davon eigentlich nix. Die App macht ungefähr ein so kuscheliges Gefühl im Text wie ein Stroboskop in der Disco bei 130 Dezibel. Tatsächlich wird man durch eine solche Technik systematisch davon abgehalten, in den "Ich-stell-mir-jetzt-was-vor"-Modus zu verfallen, das innere Auge aufzuschlagen und in die erzählte Welt einzusteigen. Klare Sache: Hier wird der Leser literarischer Bücher vergewaltigt und durch die typische Filmtechnik – unerbittliches Vor-dem-Auge-ablaufen – gemartert. Das ist mit Sicherheit über kurz oder lang der Tod der Literatur.

Oder andersherum: Gerade weil unser besessenes Zeitalter mit solchen digitalen Erfindungen aufwartet, werden wir uns dessen viel bewusster, was das Lesen eigentlich ausmacht: Versenkung. Imagination. Zeit. Selbstbestimmung.

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Mär 8 2014

A real-time eBook

Nicht selten spielen Geschichten an mehr oder minder nur einem Ort, auf einem "Zauberberg" oder einem Kloster im Apennin. Manche erzählen gar das ganze Leben eines oder mehrerer Protagonisten oder Familien anhand von einem Ort; Bruce Chatwins "Auf dem schwarzen Berg" ist hierfür ein Beispiel. Die Mikrostruktur des alltäglichen Lebens wird mit der Makrostruktur des Raumes verknüpft.

Wäre es nicht schön, immer ein Bild dieses einen, speziellen Ortes zur Verfügung zu haben? Auf der linken Buchseite eine Ansicht dieses Ortes, auf der rechten der Text. Und die Ansichten wandeln sich in der Zeit.

Hier gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie richten sich nach der Zeit des Lesers - eine Realzeitansicht des Ortes, wie er jetzt in diesem Moment gerade aussieht. Wer morgens liest, sieht den Ort am Morgen. Wer abends liest, den Abend. Während des Lesens werden die Schatten immer länger.

Oder die Zeit der Erzählung wird gewählt: Der Ort im Frühjahr. Der Ort im Herbst. Der Ort bei Sturm. Kinder werden geboren, werden erwachsene Menschen und Alte, und immer wieder sieht man den Ort, der ihr Leben bestimmt, neu und verändert. Das tut der Erzählung keinen Abbruch: Sehen heisst Nichtsehen.

Mai 21 2011

Die alten Ägypter konnten offensichtlich mit komplexen Notationssystemen recht gut umgehen. Ihre Aufschreibesysteme variieren wahlweise mit Schreibungen von links nach rechts, rechts nach links, von rechts und links kommend (und sich in der Mitte treffend), von oben nach unten, Hieroglyphen oder hieratische Schrift. Wir dagegen sind ziemlich festgelegt mit unserem "von links nach rechts und von oben nach unten". Besonders beeindruckend ist die Tatsache, dass die Ägypter um 2400 vor Christus ein Jahrbuch mit einer dreizeiligen Darstellung hergestellt haben.

PalermosteinDer Palermostein (das Bild rechts zeigt nur einen Ausschnitt) wird von rechts nach links gelesen und verzeichnet in der schmalen oberen Zeile den Namen des Königs und seiner Mutter, in der breiteren zweiten Zeile wird für jedes Jahr ein rechteckiges Kästchen angelegt und in ihm die wichtigsten Ereignisse notiert. In der schmalen dritten Zeile unten schliesslich wird die Höhe der Nilflut notiert. Alles Wichtige, schnell und übersichtlich.

Wenn man sich den gesamten Palermostein vorstellt und vor dem inneren Auge dynamisch ablaufen lässt, erhält man ein von links nach rechts laufendes Band wie bei Al Jazeera. Mir scheint das ein phänomenales Beispiel für eine optimierte Informationsdichte zu sein. Wir jedenfalls hätten Probleme, mit unserem Schriftsystem und unseren Lesegewohnheiten drei Spuren gleichzeitig zu verfolgen. Vielleicht weist das altägyptische Beispiel ja in eine Richtung, wie unsere Lesesysteme verändert werden könnten: Ein stärker grafischer Aufbau, Kombination von Phonogrammen mit Ideogrammen, optische Phrasierung. Der Rest ist Übung und Gewohnheit.

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Apr 6 2011

Zeitlichkeit

Kaum ein Medium, das einen so die Zeit vergessen lässt wie ein Buch. Schlag' ein Buch auf, und Du entfliehst der Diktatur von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Das hat das Buch mit Zuständen wie Tagträumereien oder dem Schlaf gemeinsam: Es führt den Leser in ein anderes, imaginäres Raum-Zeit-Kontinuum. Gilt dort keine Zeit? Doch, aber hier gibt es Alternativen: Durchbrechungen der Chronologie, Phasen der Entschlußlosigkeit und Zögerlichkeit, Unterbrechungen, Einschübe und Abwege, ewige Gegenwart der Verliebtheit, Zeitschleifen usf.

Das physische Buch, wie wir es kennnen, steht diesen Inhalten eigentlich entgegen. Der Leser muss in seiner Phantasie alles leisten (und dabei das Medium vergessen), das Buch selbst passt sich der erzählten Zeit nicht an, hat mir ihr nichts zu schaffen. Elektronische Bücher hingegen könnten das: Gerade die Veränderbarkeit ist ein wesentliches Merkmal ihrer spezifischen Medialität. Ohne weiteres lassen sich hier dynamische Elemente einbauen, die mit der Zeitlichkeit des Buches verknüpft sind.

Zunächst einmal gibt es da die klassischen Zeitanzeiger: Sonne und daher auch Schatten, Wind und Wolken am Himmel, die Gezeiten am Meer; längere Perioden werden durch Aufblühen und Verwelken von Blüten und durch den Jahreszeitenwechsel angedeutet. Anders als in den klassischen Büchern könnten Illustrationen so gestaltet werden, dass sie sich verändern, während der Leser liest. Dasselbe Haus, derselbe See könnten anders dargestellt werden, je nachdem, ob die Geschichte gerade den Morgen oder den Abend beschreibt. Animationen in Abhängigkeit vom Lesefortschritt: Das Bild verändert sich während des Lesevorgangs.

Salman Rushdie (Luka and the Fire of Life), Michael Ende (Momo) und Jean Cocteau (Orphée) haben Geschichten und Bücher als 'Gegengift' zu Tod und Zeitverknappung geschildert. Immer ist es die Welt der Magie, aus der die Rettung kommt. Und mit solchen Illustrationen würde die Tür zur Welt der Magie sicherlich ein bisschen weiter aufgestoßen.

Vor etwa 15 Jahren habe ich "Hamlet" gelesen und das meiste glücklich vergessen. Ein Zauderer, auf halbem Wege zwischen Mutterliebe und Vatererbe steckengeblieben - das ist nichts für mich. Permanente Unentschiedenheit, Waten im Sumpf des "Was denn jetzt", verträumtes Spiel mit changierenden Möglichkeiten. Was sonst noch blieb: Die Szene, in der Theater auf dem Theater gespielt wird (H will seiner Mutter was vorführen), der Kopf des Polonius, und das Allerweltswort "Sein oder Nicht-Sein", das Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden ist.

Ob Ihr es glaubt oder nicht, ich weiss noch, was die Menschen auf Bombays Boulevards in Rushdies "Midnight Children" knabbern ('time-pass, time-pass'), ich erinnere mich an das Loch im Nachthemd der Ehefrau von Arcadio Buendia (oder war es Aureliano Segundo?) in Marques' Hundert Jahre Einsamkeit, und an die verdammten Nasennebenhöhlenentzündungen des Protagonisten in Kiran Nagarkars "Gottes kleiner Krieger".

Kurz - das Lesen geniesst Portionen, Reste, Stücke, und was haften bleibt, ist fragmentarisch, sprunghaft, und bestimmt nicht den Texten angemessen. Wer kann schon die Entwicklung einer Figur vollständig wiedergeben ausser dem Autor?

Hätte ich ein passendes eBook zur Hand, würde ich, wie ich es schon jetzt mit physischen Büchern tue, Stellen markieren, um sie noch einmal zu geniessen. Beim zweiten oder dritten Lesen würden mir diese Stellen und Zitate genügen, der Rest könnte 'entfallen'. Jahre später, wenn ich wieder zu diesem Text greife, reicht wiederum ein kleinerer Teil dieser Auswahl, oder vielleicht ein zwei andere markante Stellen dazu. Ich wünsche mir also ein eBook, das zerfällt, bis das übrig bleibt, was ohnehin in meinem Gedächtnis ist. Und wenn dieses etwas auch in Eurem Gedächtnis ist, ist es unsterblich.

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