Feb 18 2012

In der Metro

Als Jean Tardieu vor 60 Jahren die "Liebenden in der Untergrundbahn" schrieb, hatte er eine Liebesgeschichte vor Augen. Paris (so heisst der junge Liebende aus der Vorlage Tardieus) durchschwimmt eine Meerenge, um seine Geliebte Helena zu erreichen (die er dann mit nach Hause nimmt, nach Troja und so weiter). Bei Tardieu ist dieses Meer eine Menschenmenge in der U-Bahn, und der Liebende, der zu seiner Geliebten möchte, muss mit den vielen anonymen Personen um ihn herum Gespräche führen. Durchdrängeln geht nämlich nicht, und um seine Liebste zu erreichen, muss er seine U-Bahn-Nachbarn davon zu überzeugen, mit ihm den Platz zu tauschen.

Tardieu schreibt Texte für nur fünf Darsteller (zwei weibliche und drei männliche), die Hauptfiguren heissen schlicht "Elle" und "Lui", aber insgesamt kommen 23 anonyme Fahrgäste vor. Also ziemlich viel Raum für individuelle Gestaltung. Es gibt eine ganze Reihe von Dialogen, die nicht zwingend aufeinander folgen müssen; aber es gibt wiedererkennbare Rollen wie "die berühmte Schauspielerin" oder "der mürrische Beamte", und so ergeben sich bald Standardsituationen eines sprachlichen Austauschs, den Tardieu immer wieder aufs vergnüglichste verfremdet.

Metrostation in Paris

Das ist eigentlich eine prima Vorlage für ein digitales Großstadtspiel mit geskripteten Vorgaben. Man geht morgens in die U-Bahn, bekommt ein Update mit einem Rollenskript ins Smartphone gedrückt, dann kann man sich über die App jemanden in der U-Bahn suchen, der bei diesem Spiel mit dabei ist. Und dann muss man versuchen, mit diesem anderen die Rollenvorgaben auszufüllen. Eine Übung wie Smalltalk, kann aber ganz witzig sein, und als tägliches Training, um die Anonymität zu überwinden, taugt das bestimmt auch. Man lernt andere Leute kennen – interessante wie abstossende – und kann seinem Sprachwitz freien Lauf lassen; denn hier weiss der Angesprochene ja um den "Kontext" des Tardieuschen Stückes.

Und wenn das Stadt-Theater-Spiel zu einer echten Paarkonstellation führen sollte, kann die App bestimmt bald mit allen Partnerforen des Internets konkurrieren.

Jan 1 2011

A new life

Das eigene Leben erzählen? Da denkt man zuerst an eine Chronologie. Stetige Entwicklung, Fortschritt, Aufstieg, Karriere. Aber einsnachdemanderen, so entwickelt sich kein Mensch. Also warum nicht nach Themen erzählen, die einen immer wieder beschäftigen? My life and art. My erotic life. My life and war. My life and spirituality. Oder das Leben anhand von Personen wiedergeben, die man da und dort getroffen hat und mit denen sich dies und das ergeben hat? Die Autobiographie als Geschichte von Dialogen, Projekten, Krisen und Streitereien. Oder anhand von Orten. Heimat. Fremde. Eroberungen. Rückzüge. Nomadismus.

Die Aufgabe wird noch komplexer, wenn man die gängigen Möglichkeiten des Internets ausnutzen möchte. Bilder. Videos. "Dokumente". E-Mails. Blogs. Social networks. Aufzeichnungen anderer über einen selbst oder gemeinsam Erlebtes. Alles miteinander verknüpfen, na schönen Dank. Und überhaupt: Das loswerden, was man im Internet mit seinem unendlichen Gedächtnis nicht (mehr) haben möchte. Spuren überall, und nur ungenügende Radierer vorhanden. (Das würde auch eine schöne Episode geben: My life and seppuku.)

Also bräuchten wir doch eine schöne life-storytelling-software, die uns dabei hilft, unser Leben zu erzählen. Erster Schritt: Mit ihrer Hilfe lässt sich alles, was da so im Internet herumschwirrt und zu uns gehört, taggen und verknüpfen (retrieven). Hier ist natürlich das Hirnschmalz der Nutzer gefragt, denn ein Foto von der aktuellen Geliebten kann ja - je nach Perspektive - als größte Eroberung, als Auslöser einer Katastrophe in der eigenen Ehe oder als schemenhafte Momentaufnahme in Don Juans Bildergalerie fungieren. Also ist eine umfangreiche und pfiffige Verschlagwortung erforderlich.

Zweiter Schritt: In der Software sind gängige Erzählmuster als Algorithmen programmiert. Aufstiegserzählungen. Katastrophenerzählungen. Wiederholungsschlaufen. Erlösungsmuster. Leidenserzählungen. Verwandlungsmuster. Glücksversprechen. Ein Klick auf "My life as ..." stellt dann alle dazugehörigen Internetinhalte zusammen, wie die Flicken, aus denen Patchworkteppiche hergestellt sind. Man muss nur noch Übergänge "vernähen" und das große Bild "weben".

Dritter Schritt: Aus den verschiedenen Erzählsträngen werden Flechtwerke hergestellt, deren Unterschiedlichkeit und Wechselhaftigkeit einen Eindruck von der Vielfalt und dem Reichtum eines Lebens geben. Und erst die Patina, die die einzelnen Partien mit der Zeit gewinnen ... Vielleicht ergibt sich sogar eine textile Harmonie...

Sep 14 2010

Interpretation und Bedeutung

Wenn das Web die Kulturtechnik des Lesens verändert hat, dann sicherlich durch die Verwendung von Hypertext. Damit wurde die Vorstellung popularisiert, dass einzelne Begriffe in Texten verknüpft sind mit anderen Begriffen oder Texten. Diese Herangehensweise ist mit einem Verfahren der Textinterpretation verwandt, nämlich der Suche nach Schlüsselbegriffen und ihrer Katalogisierung und Hierarchisierung.
Für die webbasierte Interpretation von literarischen Texten liegt dagegen auch ein semantischer Zugang nahe, konzentriert er sich doch auf die Bedeutung von Begriffen und Textteilen. Hier gibt es aber scheinbar noch viel zu tun, denn auch das Semantische Web steckt noch in den Kinderschuhen. Die Idee ist einfach: Begriffe werden auf der Ebene ihrer Bedeutung miteinander verknüpft, aber nicht einfach über Hyperlinks, sondern über Relationen. Diese haben den Vorteil, dass sie typisiert werden können und so auch für Maschinen lesbar werden. Ein wesentliches Problem bei der Interpretation von Texten ist ja, dass die Texte Zusammenhänge herstellen, die aufgrund ihrer Komplexität – z.B. durch Bedeutungsvielfalt und Gleiten der Bedeutung – für Maschinen nicht auswertbar sind. Dieser Umstand generiert viele Arbeitsplätze von Literaturkritikern und Wissenschaftlern.
Wie könnte eine webbasierte Textinterpretations-Software aussehen? Zunächst haben wir einen literarischen Text. Ein Mensch liest ihn durch und stellt fest: die und die Begriffe sind wichtig und stellen zusammengenommen ein Ordnungssystem dar, das dabei hilft, den Text zu erschliessen oder besser zu verstehen. Er kann dann diese Begriffe mit Hilfe von Relationen miteinander verknüpfen und typisieren, d.h. den links Kategorien zuweisen. Dann weiss man – aha – dieser Begriff ist ein Synonym oder ein Gegenteil von diesem und jenem Begriff, er gehört über seine Konnotationen und Denotationen zu dieser oder jener Ontologie, er ist zentral oder weniger zentral für die erzählten Textwelten (Hierarchie), und – falls der Text das hergibt – er gehört zu dieser Taxonomie von Oppositionspaaren, die den Text strukturiert. Bestenfalls ergibt sich also eine grafische Anordnung der Begriffe oder eine andere Repräsentation der zugrunde liegenden Begriffe und deren Zusammenhänge.
Will das jemand haben? Ausser ein paar Wissenschaftlern vermutlich eher keiner. Interessant wird es eher, wenn eine solche Software mit einer Social-Web-Anwendung verknüpft wird. Dann würden die Leser nämlich die oben genannten Zusammenhänge herstellen und aufzeichnen, so wie es jeder einigermassen routinierte Leser mit dem Bleistift in einem Buch tut (oder er merkt sich die Textstellen schlichtweg). Diese benutzerspezifischen „Lesespuren“ könnten maschinell ausgewertet werden: Viele Leser fanden diese oder jene Relation hilfreich oder hätten sie genauso hergestellt, oder sie sahen diese oder jene Ontologie als zentral an. (Vorausgesetzt, alle Leser hätten die Kompetenz, diese Software richtig zu bedienen bzw. die Inkompetenz, sie zu manipulieren.) Was sich damit abzeichnen würde, wäre so etwas wie eine dominante gesellschaftliche Lesart. Begleitet von einem entsprechenden Online-Diskussionsforum könnte das die gesellschaftliche Debatte über einzelne Texte unterstützen, nicht aber die Bewertung dieser Texte. Ob man diesen oder jenen Text klug und hilfreich, amüsant oder langweilig, spannend oder dröge findet, das geht aus der semantischen Interpretierbarkeit nicht hervor. Und auch die Tatsache, dass ein hummeldummer Text zum Bestseller wird, lässt sich damit nicht erklären. Denn auch die Wissenschaft weiss noch nicht, ob ein Text dann erfolgreich ist, wenn sein semantisches Ordnungsystem dem seiner Leser besonders nahe ist. Hopp oder topp steht auf einem anderen Blatt.
Mit der Entwicklung des Semantischen Webs wird auch eine entsprechende Textinterpretations-Software kommen. Ob sie populär wird und jenseits von Literaturzirkeln zum Einsatz kommt, hängt ganz davon ab, in welchem Maß sie mit kommerziell erfolgreichen Titeln verknüpft werden kann, müssen diese doch online publiziert werden. Und davon sind wir noch weit entfernt.

Sep 3 2010

Storystickers

Wenn die location-based services es ermöglichen, dass man an einem bestimmten Ort eine story erhält, dann wird es wohl möglich sein, dass man auch eine hinterlässt.

Wieder so eine Stadt-Idee: Was charakterisiert eine Stadt besser und individueller als die ganzen Anekdoten, die sich um sie ranken? Was, wenn man dieses Charakterbild noch weiter differenziert, nach Stadtteilen, Bezirken, Kiezen? Wenn kurze Geschichten direkt mit den Orten verknüpft werden, erhält man ein intensives Stadt-Feeling.

Also: Als ich mal bei unserem Italiener bin, fragt eine Frau ungeduldig: „Ober – können wir zahlen?“ und der Ober sagt: „Sie müssen sogar!“

Oder: Ich kaufe Bier bei so einem Spätkauf und wundere mich an der Kasse, dass es sogar das ausgefallene Bier aus meiner badischen Heimat gibt. Darauf erklärt mir der Migrationshintergründler an der Theke: „Jede ethnische Minderheit braucht ihr eigenes Bier.“

Stories to go, stories to tell.

Jeder hinterlässt die Anekdoten und Geschichtchen virtuell dort, wo er sie erlebt hat – und wenn ein anderer Nutzer wieder an diesem Ort vorbeikommt, werden sie ihm aufs Smartphone gespielt. Je mehr User sich an diesem Spielchen beteiligen, desto dichter wird das Netz von Geschichten, mit dem man die Stadt überzieht. Ein Rating-System sortiert gute und schlechte Anekdoten. Und für die diejenigen, die viel Wert auf Qualität legen und nicht mit allem konfrontiert werden wollen, was ihre freundlichen Mitnutzer hinterlassen haben, kann man ja ausgewählte narrative Trips durch die entsprechenden Orte zusammenstellen (in der Art, wie Gowalla dies bereits mit Musik und Events anbietet).

Eine andere Variante: Man stellt stories, Slogans und Begebenheiten zu einem Album zusammen, aus dem der User auswählen kann, um dann die entsprechenden Schnipsel an einem Ort zu hinterlassen – virtuell natürlich. Optisch ansprechend, aber als hardcopy geprinted, haben das schon die Kollegen vom Stickermagazin gemacht:

 

Wenn man sich ein solches Vorgehen mit virtuellen Stickers vorstellt, könnte das bei einzelnen locations ziemlich interessante Kollektionen erzeugen; vielleicht sehen die Orte in dieser literature-augmented reality ja dann wie tag clouds aus.

Aug 25 2010

Die Welt als "ICH"

"See my profile on Facebook" lautet der Spruch, und – Simsalabim – öffnet sich eine Welt, in der sich die Nutzer profilieren, vielmehr definieren über das, was sie dort einstellen. Das Profil eines ICH wird erstellt über das, was die Nutzer für wichtig halten, und niemand weiss so recht, ob das, was sich dort findet, so ganz real ist, den „Tatsachen“ entspricht, oder ob die Selbstdarstellung nicht mehr eine Fiktion ist. Anders als in der „Realität“ ist dieses ICH vollständig gestaltet, zusammengefügt aus Worten, Bildern, Videos, links, und was das Medium Internet mit seinen virtuellen, elektronischen Optionen sonst noch so bietet. Das sollte man ausbeuten, denn die eigentliche Domäne der Literatur ist die Fiktion, und nirgendwo wird deutlicher, wie anders die Welt aussehen könnte, wenn das Profil ein anderes wäre, nirgendwo wird deutlicher, wieviele andere Möglichkeiten es gibt, wie das Profil zustandekam, und nirgendwo wird deutlicher, welche Macht einige Worte haben können, die die Selbstsicht eines Protagonisten vollständig verändern.

Konsequent wäre es daher, wenn man "Facebook" um "Fictionbook" erweitern würde. Schliesslich weiss jeder, dass das eigene ICH auch aus Leben besteht, die in den gängigen Formen der Selbstpräsentation üblicherweise nicht berücksichtigt werden, oder auch aus zahllosen ungelebten, bloß fiktiven Leben, die dort einen Platz finden könnten. Jenseits der beruflichen Entwicklung also ein ICH als Familienmensch, als Autor, Musiker, Abenteurer. Eine Biographie aus medizinischer Perspektive, eine, die das ICH als Rechtssubjekt fasst, eine intellektuelle Biographie und eine als politischer Mensch und Staatsbürger und so fort. Zweifellos ein attraktives Angebot, vor allem für jene, die an einer vorteilhaften Selbstdarstellung interessiert sind. Darüber hinaus käme man hier aber auch leicht weg von den konventionellen Fortschrittserzählungen und Schilderungen der derzeit erlangten Perfektion, hin zu einer Selbstdarstellung, die nüchterner und bescheidener ausfallen könnte oder die Wege erzählt, die man nicht gegangen ist, weil man sich an einer Gabelung anders entschieden hat. Man könnte seine Biographie als die eines Buchhalters anlegen, der Bilanz zieht und dessen Saldo immer gegen sich spricht. Diese Bescheidenheit eröffnet einen Reichtum – als biografischer Autor das Medium von Gestalten zu sein, die man selbst erschaffen hat, und die doch "ICH" sind. Noch ein Argument dafür: Welches Genre wird von jedem Internetnutzer besser beherrscht als das der Erzählung über sich selbst? Und wenn man die Rückkopplungen bedenkt: Bestimmt würde man das reale Leben in Rücksicht auf die virtuelle Inszenierung im Netz führen, damit dort mehr geboten werden kann als nur die Worte, die bislang ein literarisches ICH konstituierten ...

Jul 15 2010

Die kleine Form

Das morgendliche Vogelgezwitscher erfrischt. Der fröhliche Subjektivismus, vorgetragen von einer Vielzahl bunter Kehlen, wäscht die bleierne Schwere tiefer Träume und schlechter Gedanken davon. In der ersten Klarheit des Tages, umwölkt von Kaffeeduft, bleibt er haften, der tweet of the day – mein persönlicher Begleiter für einen Tag, nur für mich gemacht, klug, präzise, stilsicher.
Twitter setzt auf Informationen, Nachrichten und Meinungen. Sollte es nicht möglich sein, ein literarisches Pendant zu Twitter zu schaffen, in dem die entsprechenden Kurzformen einen virtuellen space finden? Es ist doch gerade die kleine Form, die von vielen beherrscht wird und die sich für ein literarisches GeTwitter anbietet. Micro-Literature statt Micro-Blogging.
Wo Twitter die Nutzer auf eine Zeichenzahl von 140 Anschlägen beschränkt, könnte man beispielsweise einen Haiku-Service mit maximal 17 Silben einrichten. Also morgens aufstehen, einen Tee eingießen, ein Haiku verfassen und twittern. „Ein Haus steht am See. / Vom Dach steigt der Rauch – Fehlte er / Wie trostlos wären – Dach, Haus und See.“ Die Haikus könnte man über tag clouds thematisch organisieren, poetische Wolken, nach Naturbildern, Jahreszeiten oder verhandelten Inhalten zusammengefasst. Die followers verorten sich über ihren Geschmack und bilden Netzwerke und Fangemeinden. Unser täglich Wort gib uns heute.
 
Die Möglichkeit, in Twitter nicht nur einzelnen Personen, sondern auch Ereignissen zu folgen und so in Echtzeit ein Universum von Perspektiven zu entfalten, fasziniert. Das Phänomen des Perspektivismus kennt man auch aus der Philosophie: Einen Gegenstand umkreisen und von vielen Seiten betrachten, ohne abschliessende Beurteilungen und allgemeingültige Festlegungen vorzunehmen. Zur literarischen Meisterschaft in der entsprechenden Kurzform, dem Aphorismus, hat es hier Nietzsche gebracht, aber auch Schopenhauer, Lichtenberg und viele andere. Ebenso wie sich der Aphorismus einer perspektivischen Philosophie als geeignetes Vehikel anbot, ebenso könnte sich ein Aphorismen-Twitter als subjektive und polyphonische Vielstimmigkeit entfalten. Zwitschert der eine: „Nichts ist älter als die Zeitung von gestern“, antwortet der andere: „Es gibt nichts halbwahreres als Aphorismen“ ...
Ein Aphorismen-Twitter müsste den Autoren freilich etwas mehr Raum als nur einen Satz gewähren. Sie sollten mehrere Sätze lang sein dürfen, aber kurz genug bleiben, um sich von ihrem großen Bruder, dem Essay, absetzen zu können. Diese kurzen Texte hätten den Vorteil der readibility, des passageren Konsums. Wer will schon einen Achttausender der Literatur auf seinem Handy besteigen; statt dessen die knappe und elegante Sprache und die pointierte Stilistik einiger weniger Absätze geboten zu bekommen – ça va bien.
Ein solcher Aphorismen-Service wäre sinnvollerweise themen- und nicht personenorientiert aufzusetzen; die Verortung im sozialen Raum erfolgt dann über Sympathie oder Antipathi zu den eingenommenen Positionen wie von selbst. Und auch die häufig ironische, selbstreferenzielle Stilistik hätte einen ihr angemessenen Ort gefunden – wo sonst sollte sich die paradoxale Wucht aphoristischer Echoräume sonst entfalten dürfen, wenn nicht in digitalen Nachhall-Schleifen?
 
Ein drittes Beispiel: Zahlreiche Benimmbücher und Ratgeber strategisch kluger Lebensführung werden als literarisch stilsichere, weisheitslaminierte Selbstdarstellung der Autoren präsentiert. Von Sun Tsu über Gracian, von Yamamoto bis zu Knigge wurde Eloquenz als sprachliches Pendant gesellschaftlich sicheren Auftretens verstanden, der smalltalk zur Kunstform gewendet. Strategisch ausgerichtetes Vorgehen wurde hier stets mit image management kombiniert, der sprachliche Wechsel der Innen- und Außenperspektive als Einübung in die je andere Sicht einer gesellschaftlich entfernten Position verstanden. Ein Twitter-Dienst, der auf Benimm- und Weisheitslehren ausgerichtet ist, wäre an kleineren sozialen Gruppen orientiert, etwa an Managern oder Bankern, jedenfalls an einzelnen Personen und ihren followers. Die Gurus (oder Propheten) könnten ihre Mitteilungen in Form von Orakelsprüchen absondern, als Denksportaufgaben, die den Lesern Rätsel-Nüsse zum Knacken aufgeben. „Nie spielt der Spieler die Karte aus, die der Gegner erwartet“, heisst es bei Gracian, „noch weniger die, welche er wünscht“. Worüber werde ich wohl im nächsten blogpost schreiben?

Jun 28 2010

The Social Graph of Reading

Wenn ich mir vorstelle, wie die Zukunft des Lesens im Netz aussehen könnte, würde ich mir zunächst einmal ein schickes Lesegerät wünschen, so etwas wie den Flash-Player von Issuu.com;

Natürlich müsste das Ding ein bisschen komplizierter sein, denn ich würde ja an den Rändern der Bücher Kommentare, Assoziationen, Verknüpfungen, Ideen notieren wollen. Jetzt wird’s auch schon schwieriger: Wer soll das sehen können, was ich da aufzeichne? Ich bräuchte also die Möglichkeit, differenziert Rechte zu vergeben, damit auch andere meine Anmerkungen lesen können (und ich ihre). Als nächstes wäre mir wichtig, zu zeigen, welche Bücher ich gut finde ('sag mir was Du liest, und ich sage Dir, wer Du bist'), und das auch bei anderen sehen zu können. Ein soziales Ich, aus Büchern gebildet. Besser noch, wenn ich Menschen mit ähnlichem Geschmack finden kann (ähnliche Hitliste) und wenn ich Bücher empfohlen bekomme, durch Rezensionen, Blogs, Veranstaltungsankündigungen und so. Hier sind facebook-Funktionen hilfreich, denn ich vertraue nur wenigen Empfehlungen, es sei denn, ich weiss, von wem sie kommen. Richtig gut finde ich breite gesellschaftliche Debatten über Bücher, mit verschiedenen threads.

So herum gesehen führt kollektives Lesen im Netz fast automatisch zu einem postmodernen Tribalismus. Bestimmt werden sich geschmacklich ähnliche Gruppen von Lesern als Konsumsekten organisieren, mit gate-keepern, Hohepriestern und Sakralisierungsinstanzen. Bücher eignen sich dafür hervorragend, weil sie weniger als Dinge oder Produkte, sondern eben als Persönlichkeiten zu begreifen sind. Der Zusammenhalt in der Gruppe wird durch das Erlebnis eines neuen Textes gefeiert und neu gestiftet. Kult eben.

Einen habe ich noch: Richtig tricky wäre es doch, wenn ein Gerätchen Lesespuren sammeln würde: Wer hat wann wie lange in einem Text gelesen? Wo waren die heissen Punkte, mit denen sich die Leser viel beschäftigt haben? Damit wären wir bei einer visuellen Aufbereitung der Lesetätigkeit, die ich mir wie eye-tracking vorstelle (hier am Beispiel der Mona Lisa):

Ein Inhaltsverzeichnis, das nicht mit Buchstaben und Wörtern Auskunft über den Inhalt gibt, sondern den mal schwächeren, mal intensiveren Lesestrom darstellt, wäre doch bestimmt ein feature, das auch professionellen Lesern gefällt.

Oder zu viel schöne neue Welt.

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