Dez 13 2014

Im August diesen Jahres ist ja das Video unten rausgekommen; eigentlich eine Animation auf der Grundlage von 150.000 Personendaten aus der Datenbank Freebase. Geburtsorte sind blau dargestellt, Sterbeorte rot. Die Migrationsbewegungen der Personen, d.h. die Wanderung von Geburts- zu Sterbeort, bilden die Bögen zwischen beiden Punkten.

Was könnte das mit Büchern zu tun haben? Welchen Aufschluss könnte man bei ihnen erhalten? Nun, in alter Zeit wurden Bücher noch von Hand geschrieben. Es waren alles Unikate, wie die Individuen im Video. Bücher wurden geboren, und ihre Provenienz (die Folge der Besitzer des Werks) kann nachgezeichnet werden. Bei Kunstwerken, die auf Auktionen versteigert werden, ist das selbstverständlich, weil der lückenlose Besitznachweis auch das Einschleusen von Fälschungen minimiert.

Ein Video, das den Ort der Niederschrift von handgeschriebenen Büchern und ihren weiteren Weg bis in die Gegenwart nachzeichnet, würde vermutlich erst eine massive Konzentration dieser Werke in Europa bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dokumentieren, dann eine Abwanderungsbewegung nach dem 2. Weltkrieg in die USA, und vermutlich eine Konzentration dieser Werke im 21. Jahrhundert am Persischen Golf, in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Vermutlich.

Interessant wäre es aber auch, die – weit weniger wertvollen – gedruckten oder sogar nur die digital vorliegenden Bücher in ihren Wanderungsbewegungen zu verfolgen. Bei physischen Büchern könnte man kleine Chips einkleben (wenn das nicht so teuer wäre). Digitale Bücher könnte man mit einem Skript ausstatten, so dass sie ab und zu nach Hause telefonieren und angeben, wo sie sich gerade befinden; Hauptsache, das Gerät, in dem sie sich befinden, ist gerade online.

So ließen sich Fragen beantworten wie: Wo gehen die Bücher von ihren Produktionsorten (den Verlagen und Druckereien) hin, in welchen Vierteln von Städten lassen sie sich nieder, wie verteilen sie sich über die Fläche eines einzelnen Nationalstaats, und wie vermischen sich die unterschiedlichen Sprachen, in denen sie abgefasst sind? Was sagt uns das über die ökonomische Situation ihrer Besitzer, über den lokalen Lesegeschmack, über die Konzentration einzelner Genres in einer Region? Und: Weiss Amazon das schon alles?

Es gehört zu den Eigenheiten von Büchern, dass sie als Ganzes gekauft, aber nicht unbedingt auch ganz gelesen werden. Bestimmte Textgattungen werden sogar zuverlässig gar nicht gelesen: Politikerbiographien, Gesamtausgaben und jene Bücher von Prominenten, über die jeder spricht (da alle drüber sprechen, liest es keiner). In der Welt des Papierbuchs ist das keine Schande, denn das Buch wird einfach ins Regal gestellt, und der Besitzer der Bibliothek gilt dann in den Augen seiner Besucher als belesen.

Wäre ich ein solches Buch, dann würde ich mich scheisse fühlen. Als Buch hätte ich den Anspruch, nicht nur mit einem geilen Cover zu glänzen, nicht nur als GNTM-Retortenprodukt wahrgenommen zu werden – mir käme es auf meine inneren Werte an. So herum betrachtet, wäre ich nicht mal gerne als Sachbuch auf die Welt gekommen. Sachbücher haben nämlich ein Problem: Sie basieren meist auf drei guten Ideen, der Rest kommt dann beim Schreiben. Aber weil Verlage verlangen, dass Bücher eine bestimmte Mindestlänge haben müssen, wird noch viel Füllmaterial in das Sachbuch hineingestopft; meistens Kompilationen oder Zusammenfassungen anderer Bücher. Ganz klar: Ich als Buch wäre gerne als literarisches Werk geboren worden.

Ich als Buch würde natürlich immer fordern: Lest mich! Vermutlich würden die Leser nicht auf mich hören, aber ich würde mir schon merken, welche Passagen immer wieder gelesen werden. Ich würde diese Daten sammeln, mich an den entsprechenden Stellen grafisch aufhübschen, so wie eine Kuh, die sich ihrem Esser anbietet und sagt: Schau her, das ist mein bestes Stück, hier ein Kotelett aus meiner Taille, das kann ich Dir empfehlen. Greif zu.

Und ich als Buch würde meinen Lesern sagen: Empfehle mich weiter. Wenn Du mich nicht als Ganzes empfiehlst, dann doch wenigstens das Stück aus der Taille. Techniker nennen so etwas Polling-Funktion, Soziologen sprechen von sozialem Lesen. Und ja, ich als Buch würde auch Kommentare erlauben. Hauptsache, es maßt sich keiner an, in meinem Text rumzupfuschen, das würde ich irgendwie als Angriff auf meine Identität verstehen. Aber Kommentare und Ergänzungen: Einverstanden. Vielleicht werden meine Leser sagen, dass sie nur mich haben wollen und nicht das Gesülze von Hans Wurst und Hans Käse. Das verstehe ich, und ich finde es ja auch toll, dass sie mich so haben wollen, wie ich bin. Weil ich aber auch Kommentare in Ordnung finde, würde ich ihnen entgegenkommen und sagen: Schalt halt einen Filter dazwischen. Lies nur die Kommentare Deiner Freunde, Deiner Literaturpriester, nur die Kommentare, die auch andere Leser toll fanden.

Das alles hätte den Vorteil, dass ich als Buch mich aus der Papierwelt verabschieden könnte. Mir kommt es nämlich auf meine inneren Werte an, und die stünden dann im Vordergrund. Dass mein Cover geil ist, nun: Das habe ich eigentlich schon immer gewusst.

Jul 20 2013

Echo

Bücher auf Facebook als Freunde hinzufügen: Gute Idee. Noch besser wäre es, wenn sich die Bücher auch untereinander vernetzen könnten. Buch Y bezieht sich auf Buch X, da von dort ein Zitat, ein Gedanke, eine Metapher übernommen wurde. Echos von Büchern in anderen Büchern also. Da die Bücher selbst als Nutzer nicht eingetragen sind, müsste jemand für sie die Aufgabe übernehmen, sich untereinander zu vernetzen....

Bestimmt gibt es bei den "Digital Humanities" schon eine Software, die anhand der durchschnittlichen Satzlänge, häufigen syntaktischen Mustern, lexikalischem Reichtum (oder Armut) und so weiter Beziehungen zwischen Texten ausfindig machen kann. So wie etwa Anspielungen auf Homer und antike Mythen im "Ulysses" von James Joyce. Nun müsste man diese Software nur noch darauf hin programmieren, Verbindungen zwischen diesen Büchern auf Facebook herstellen – also Bücher, deren Echo sich in anderen Büchern findet, als Freunde hinzufügen.

Eine Kartierung dieser Inter-Buch-Echos würde wahrscheinlich ein ähnliches Netzwerk ergeben wie die berühmte Karte des Praktikanten bei Facebook, Paul Butler. Eine globale Gemeinschaft von Büchern, das Echo von Echos.

Echos von Büchern in anderen Büchern

Vor etwa 15 Jahren habe ich "Hamlet" gelesen und das meiste glücklich vergessen. Ein Zauderer, auf halbem Wege zwischen Mutterliebe und Vatererbe steckengeblieben - das ist nichts für mich. Permanente Unentschiedenheit, Waten im Sumpf des "Was denn jetzt", verträumtes Spiel mit changierenden Möglichkeiten. Was sonst noch blieb: Die Szene, in der Theater auf dem Theater gespielt wird (H will seiner Mutter was vorführen), der Kopf des Polonius, und das Allerweltswort "Sein oder Nicht-Sein", das Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden ist.

Ob Ihr es glaubt oder nicht, ich weiss noch, was die Menschen auf Bombays Boulevards in Rushdies "Midnight Children" knabbern ('time-pass, time-pass'), ich erinnere mich an das Loch im Nachthemd der Ehefrau von Arcadio Buendia (oder war es Aureliano Segundo?) in Marques' Hundert Jahre Einsamkeit, und an die verdammten Nasennebenhöhlenentzündungen des Protagonisten in Kiran Nagarkars "Gottes kleiner Krieger".

Kurz - das Lesen geniesst Portionen, Reste, Stücke, und was haften bleibt, ist fragmentarisch, sprunghaft, und bestimmt nicht den Texten angemessen. Wer kann schon die Entwicklung einer Figur vollständig wiedergeben ausser dem Autor?

Hätte ich ein passendes eBook zur Hand, würde ich, wie ich es schon jetzt mit physischen Büchern tue, Stellen markieren, um sie noch einmal zu geniessen. Beim zweiten oder dritten Lesen würden mir diese Stellen und Zitate genügen, der Rest könnte 'entfallen'. Jahre später, wenn ich wieder zu diesem Text greife, reicht wiederum ein kleinerer Teil dieser Auswahl, oder vielleicht ein zwei andere markante Stellen dazu. Ich wünsche mir also ein eBook, das zerfällt, bis das übrig bleibt, was ohnehin in meinem Gedächtnis ist. Und wenn dieses etwas auch in Eurem Gedächtnis ist, ist es unsterblich.

Jun 28 2010

The Social Graph of Reading

Wenn ich mir vorstelle, wie die Zukunft des Lesens im Netz aussehen könnte, würde ich mir zunächst einmal ein schickes Lesegerät wünschen, so etwas wie den Flash-Player von Issuu.com;

Natürlich müsste das Ding ein bisschen komplizierter sein, denn ich würde ja an den Rändern der Bücher Kommentare, Assoziationen, Verknüpfungen, Ideen notieren wollen. Jetzt wird’s auch schon schwieriger: Wer soll das sehen können, was ich da aufzeichne? Ich bräuchte also die Möglichkeit, differenziert Rechte zu vergeben, damit auch andere meine Anmerkungen lesen können (und ich ihre). Als nächstes wäre mir wichtig, zu zeigen, welche Bücher ich gut finde ('sag mir was Du liest, und ich sage Dir, wer Du bist'), und das auch bei anderen sehen zu können. Ein soziales Ich, aus Büchern gebildet. Besser noch, wenn ich Menschen mit ähnlichem Geschmack finden kann (ähnliche Hitliste) und wenn ich Bücher empfohlen bekomme, durch Rezensionen, Blogs, Veranstaltungsankündigungen und so. Hier sind facebook-Funktionen hilfreich, denn ich vertraue nur wenigen Empfehlungen, es sei denn, ich weiss, von wem sie kommen. Richtig gut finde ich breite gesellschaftliche Debatten über Bücher, mit verschiedenen threads.

So herum gesehen führt kollektives Lesen im Netz fast automatisch zu einem postmodernen Tribalismus. Bestimmt werden sich geschmacklich ähnliche Gruppen von Lesern als Konsumsekten organisieren, mit gate-keepern, Hohepriestern und Sakralisierungsinstanzen. Bücher eignen sich dafür hervorragend, weil sie weniger als Dinge oder Produkte, sondern eben als Persönlichkeiten zu begreifen sind. Der Zusammenhalt in der Gruppe wird durch das Erlebnis eines neuen Textes gefeiert und neu gestiftet. Kult eben.

Einen habe ich noch: Richtig tricky wäre es doch, wenn ein Gerätchen Lesespuren sammeln würde: Wer hat wann wie lange in einem Text gelesen? Wo waren die heissen Punkte, mit denen sich die Leser viel beschäftigt haben? Damit wären wir bei einer visuellen Aufbereitung der Lesetätigkeit, die ich mir wie eye-tracking vorstelle (hier am Beispiel der Mona Lisa):

Ein Inhaltsverzeichnis, das nicht mit Buchstaben und Wörtern Auskunft über den Inhalt gibt, sondern den mal schwächeren, mal intensiveren Lesestrom darstellt, wäre doch bestimmt ein feature, das auch professionellen Lesern gefällt.

Oder zu viel schöne neue Welt.

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