Dez 29 2011

A world apart

Bis vor ein Monaten gab es das noch, jenes feature in GoogleBooks, das dem geneigten Betrachter auf einer Weltkarte alle Orte anzeigte, die in dem Buch genannt werden. Eigentlich war das der naheliegendste Zugriff, aber irgendjemand in diesem allmächtigen Konzern hat beschlossen, den Service an anderer Stelle anzubieten. Man findet ihn nun als Layer in Google Earth. Jetzt funktioniert das Spielchen also andersherum: Der Leser / Nutzer bewegt sich mittels Google Earth auf der Karte und bekommt gemeinfreie Bücher angezeigt, in denen sich ein Verweis auf den angezeigten Ort findet.

Nicht schlecht, möchte man meinen. Für Literaturliebhaber (und eBook-Freunde) liesse sich allerdings ein anderer Dienst ausmalen, denn ihr Reich ist ja nicht von dieser Welt, sondern existiert in der Imagination. Eine Karte imaginärer Orte mit den Verweisen auf die korrespondierenden Bücher wäre doch klasse – downloadmöglichkeit inklusive. Freundlicherweise haben schon ein paar fleissige Leser vorgearbeitet und ein Dictionary of Imaginary Places erstellt. Von Abaton – der Stadt, die den Ort wechselt – bis Zyundal – einer der Inseln der Weisheit – findet sich dort die imaginäre Welt, als Nachschlagewerk aufbereitet.

Ein wenig mehr Mühe, und die fiktionalen Orte, Landschaften, Wüsten, Täler, Gletscher sind wie in Google Earth erforschbar – inklusive Mittelerde und Phantàsien. Noch mehr Mühe, und auch der Weltraum wird erforschbar, damit Douglas Adams "Per Anhalter durch die Galaxis" und Stanislaws Lems "Sterntagebücher" auch räumlich an-navigiert werden können.

Fangen wir doch erstmal klein an –  mit einer Karte der Weisheit ...


Königreich der Weisheit

Jul 9 2011

It's a global nomad world

Der Nomade weiss, wann die Weiden abgegrast sind, wann es Zeit ist, die Herden weiterzutreiben. Auf in die U-Bahn, das Auto, das Flugzeug und – up in the air, das Jetzt fallenlassen, eintauchen in den stream of consciousness. Dann die nächste Station, kurzes check-in, log-in, wieder on, wieder sichtbar im social network, in der community, in den transparenten Zeltdörfern unserer Zeit.

Gibt es Texte für das Dazwischen? Welche Art von Lyrik oder Prosa könnte ein globaler Nomade unterwegs lesen? Kurze Texte, for sure: "Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt.“ "Notre nature est dans le mouvement; le repos entier est la mort.“ “The World is a book, and those who do not travel read only a page.”

Und wie lesen, während der Reise? Auf dem mobilen Endgerät? Der Nomade zieht – wie Jackie Brown in Tarantinos berühmtem Intro – über die Laufbänder übervölkerter Flughäfen, er schießt auf dem gleißenden Band sengender Autobahnen dahin. Und dorthin, zu seiner Rechten und Linken, gehören die Texte, an denen der Nomade vorbeigleitet.

Lesen zur Rechten: الذي لا سفر لا يعرف قيمة الرجل.

Lesen zur Linken: "Wer nicht reist, kennt den Wert des Menschen nicht.“

Vom Nomaden dagegen bleibt nur eine Spur im Sand...

Mär 8 2011

Geo-aware eBooks

Ok, Liza Daly von ThreePress Consulting ist schon letztes Jahr mit einem geo-aware ebook-demo im ePub-Format rausgekommen. Im ePub selbst ist der Geo-Code als JavaScript enthalten, und er enthält die Schnittstelle zum geolocation feature des Browsers, das die Längen- und Breitengrade des Leserstandorts übermittelt.

Wenn man das so macht wie Liza Daly sich das vorstellt, fängt man irgendwo an zu lesen und erlaubt zu Beginn dem Browser, die Standortinformationen aufzunehmen. Um weiterlesen zu können, muss man sich bewegen – erst dann also erhält man mehr Text. Ein echtes technisches WUNDER! Nur: Was hat das mit Narration zu tun?

Erst mal gar nichts. Was bringt der Unfug? Also: Für mich ist der Clou daran, dass das Buch sich seines Lesers bewusst ist. Das erlaubt tatsächlich neue Formen der Interaktion zwischen Text und Leser. Stellen wir uns vor, dass ein Leser an einem bestimmten Ort, zum Beispiel in einem Märchenpark ist und an einem Punkt dort mit der Lektüre beginnt. Am Ende der Textpassage angelangt, erhält er eine Anweisung: Geh da und dort hin. An diesem neuen Punkt angelangt, erhält der Leser die Fortsetzung der Geschichte (und wenn er dort nicht hingeht, kann entweder nichts passieren oder er wird von seinem Browser angemault).

Das bindet zwar den Leser an einen bestimmten Ort, vervielfacht aber die Erlebnismöglichkeiten und -intensitäten. Du musst in Dornröschens Turm steigen und Dich dort hinlegen. Du musst, um ans Ziel zu gelangen, eine Schlucht durchqueren und unter einem Wasserfall durchlaufen. Du musst durch einen unterirdischen Tunnel gehen und siehst dabei gruselige Monster in Nischen stehen oder erblickst durch die Glasscheiben in der Decke Fische und See-Elefanten von unten. Du erhältst die nächste Anweisung nur, wenn Du durch das Schlüsselloch einer Tür schaust, auf der "Säbelzahntiger" steht. Und so fort. Also eindeutig was für die Erlebnisindustrie.

Oder man macht eine digitale Schnitzeljagd oder richtet schicke Stadtführer ein.

Wenn einem die Ortsgebundenheit solcher Erzählungen als zu enge Jacke erscheint, kann man die Leser mit Krimiplots auf Fährtensuche schicken. Es ist bestimmt möglich, einen Krimi in 20 verschiedenen Städten desselben Sprachraumes spielen zu lassen und die jeweiligen Geo-Codes als Varianten im eBook unterzubringen.

Wir fragen mal bei der AOK und der Barmer nach, ob sie die Entwicklung solcher stories als Bewegungsförderung finanziell unterstützen ...

Nov 20 2010

Weg von der Papiermetapher

Wenn man über die Geschichte des Lesens nachdenkt, fällt einem zuerst Gutenberg ein. Dabei ist die Erfindung des Papiers mindestens genauso wichtig für die Entstehung von Textwelten gewesen wie die beweglichen Lettern des Mainzer Druckers.
Aller Text ist Fläche - damit ist ein Umstand von fundamentaler Bedeutung für die Entwicklung von Lesekompetenz bezeichnet. Die steinzeitlichen Höhlenmalereien, die antiken Inschriften in Steintafeln, die Kalligraphie der Bibelkopisten mit ihren gemalten Majuskeln, schliesslich das Buch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit: Aller Text ist Fläche.
Selten einmal, dass den Buchstaben Räumlichkeit (und Schatten) gewährt wird, selten, dass das Wort "Textur" dazu führt, dass Schriftzeichen in Gewebe eingestickt werden, um die zarte Stofflichkeit verwebter Schicksalsfäden und das dichte Geflecht literarischer Werke haptisch erfahrbar zu machen.
Wenn eBooks das Lesen in ähnlich revolutionärer Weise verändern werden, wie es der Hypertext bereits getan hat, müssen sie sich von der Papiermetapher ablösen. Es kann nicht sein, dass moderne eReader immer nur eine ebene Fläche anzeigen, Eselsohren als Markierungen anbieten und - wie Steve Jobs iBook - grosse Mengen an Programmiercode verschwenden, nur damit das Umblättern von Buchseiten möglichst realitätsnah imitiert wird. Dieses mimetische Verhalten verleugnet die Potentiale der elektronischen Darstellung von Buchstaben und unterwirft sich den festgefahrenen Gewohnheiten des Durchschnittslesers.
Also sollten wir damit anfangen, in unserer Phantasie Möglichkeiten zu ersinnen, wie Texte dargestellt werden können:
- Als Inschrift auf der Oberfläche einer virtuellen Glaskugel - ein Fingerwischen von unten nach oben erlaubt ein verräumlichtes "Scrollen". Das wäre eine angemessene Darstellung für Science Fiction-Werke - die Zukunft auf der Glaskugel.
- Als unendliche Textlinie in einem Raum - der Leser folgt dem Text durch den Raum, indem er sich an der Zeile entlanghangelt wie an Ariadnes Faden. Eine Möglichkeit für Labyrinth-Texte von Dädalos bis Homo Faber.
- Oder jedes Wort ist auf den Rücken eines Insekts geheftet, die in unendlicher Abfolge vor den Augen des Lesers von rechts nach links durchs Bild wandern. Mit diesem Spektakel würde man sicherlich viele Leser für die Entomologie begeistern können ...

Nov 13 2010

Recycle Books #3

Wohin mit den ganzen Wäldern, die ein dämmeriges Dasein in staubigen Nischen fristen, dürstend nach Aufmerksamkeit und Zuwendung? Die Funktionslosigkeit der privaten Bibliotheken des 20. Jahrhunderts erschreckt und beschämt, dienen doch die Bewohner der Buchregale einzig dem Ausweis der Belesenheit ihrer Besitzer.

Vorschlag: Schickt die Bücher ins Museum. Dort sind sie gut geschützt, haben es trocken und warm. Und sie bekommen Besuch, wenn gestattet wird, dass sie auf ungewöhnliche Weise angeordnet werden. Kein Zweifel, man auf ganz neue Weise erfahren, welchen Kultcharakter die Literatur hat, wenn man die Bücher auf ihre Materialität reduziert und in eine sakrale Architektur verwandelt:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Begriffe: 
Sep 30 2010

Visualisierung

Jeder kennt das: Man liest einen Text mit einem oder gleich mehreren farbigen Marker in der Hand, und nach der Lektüre hat man einen Flickenteppich mit vielen knallbunten Patchwork-Seiten. Wenn die Farben mit den Inhalten korrespondieren, sieht das nicht nur gut aus, sondern orientiert auch.

Für digitale Bücher kann ein solcher grafischer Zugang neue Wege der Lektüre erschliessen. Es geht nicht mehr um die Volltextsuche – den klassischen Index –, sondern um inhaltliche Verknüpfungen. Im elektronischen Text kann man zunächst eine Vielzahl von Motiven ausmachen und als tags markieren, danach diese tags in eine überschaubare Anzahl von Inhalten gliedern, und diesen schliesslich Farben zuweisen – wie der Leser mit dem Textmarker in der Hand.

Fasst man die tags und Farben in einer Grafik zusammen, dann erhält man ein farbiges Leitsystem, so etwas wie das Liniennetz des ÖPNV einer Großstadt oder, wenn mans dreidimensional macht, fein verzweigte Verästelungen bzw. Wurzelgeflechte ohne Stamm (die Schlauheimer sagen dazu Rhizome).

Solche Visualisierungen fördern vielfältige Lektüren, entdeckendes Lesen und spontane, nichtlineare Zugänge zum Text. Oder auch zu mehreren Texten, denn Autoren verfolgen bestimmte Themen ja häufig ein Leben lang.

Wer meint, dass das mit der narrativen Chronologie nicht zu vereinbaren ist, kann sich ja mal ein Gegenbeispiel anschauen. Stephen Fry hat sich für seine „Fry Chronicles“ – die Fortsetzung seiner Autobiographie – einen solchen visuellen Index basteln lassen:

Den Entwurf dazu hat Stefanie Posavec gemacht, die sich schon eine ganze Weile mit der Visualisierung von Texten herumschlägt. Mich selbst überzeugt ihr Rad mit den vielen Speichen nicht wirklich – zu abstrakt, um es gut zu verstehen –, aber weiterverfolgen sollte wir die Idee auf jeden Fall. MyFry wird mit Sicherheit nicht das letzte Beispiel dieser Art sein.

Begriffe: 
Aug 18 2010

Raum und Erzählung

Jede Erzählung entfaltet sich in einem strukturierten Raum. Die erzählte Welt teilt sich dabei in mindestens zwei Räume auf, die zum einen durch topologische Unterscheidungen (z.B. oben – unten, innen – außen, zu Hause – in der Fremde) strukturiert wird, zum anderen durch semantische Gegensätze wie gut – böse, bekannt – unbekannt, geordnet – chaotisch usf. Schliesslich gibt es den oder die Helden der fabula, und ein wesentliches Kennzeichen dieser Helden ist ihre Fähigkeit, zwischen den Räumen hin- und herwechseln zu können.
Ein einfaches Beispiel: Die Welt der Pippi Langstrumpf teilt sich in die kleine schwedische Stadt mit ihren bürgerlichen Bewohnern und der wohlgeordneten Welt der Konventionen und in die Welt der Südsee (Taka-Tuka-Land), der abenteuerlichen Piraten und des Unkonventionellen. Der Heldin (und ihren Freunden Tommy und Annika) gelingt es, zwischen diesen Welten hin- und herzuwandern, sie kann sie aber nicht zusammenführen. Den Vater, König einer Südseeinsel, kann sie zwar wiederfinden, entscheidet sich aber gegen ihn und bleibt bei ihren kleinen schwedischen Freunden.
Anders als gedruckte Bücher erlauben es elektronische Medien prinzipiell, diese Raumstruktur sichtbar und navigierbar zu machen. So könnte man sich vorstellen, die Episodenstruktur der drei Pippi-Bücher grafisch-räumlich zu veranschaulichen und so dem Leser die Möglichkeit zu eröffnen, zu entscheiden, ob er lieber Episoden in der kleinen, überschaubaren und heimeligen schwedischen Welt lesen möchte oder eher die Abenteuer in der großen, weiten Welt der Meere und der Südsee. Entscheidend aber scheint mir zu sein, dass die räumliche Struktur von Erzählungen sich in der Imaginationskraft des Leser entfaltet. Anschlüsse und Übergänge in die jeweils andere Welt sind damit in der Vorstellung des Lesers zwar vorhanden, aber man kann nicht einfach aus einer in sich geschlossenen Episode ausbrechen und wieder in die Gegen-Welt überwechseln, sprich, dort weiterlesen. So weit ich das sehen kann, kann damit die räumliche Ordnung der Erzählung höchstens in einem Inhaltsverzeichnis visualisiert werden. Die nichträumlichen Gegensätze (wie konventionell – unkonventionell), die den Text strukturieren, können dagegen nicht visualisiert werden, sondern bleiben der Vorstellungskraft des Lesers vorbehalten.

Auch ein anderes Prinzip von Erzählungen – Nähe und Ferne zur Hauptfigur, also die Erzählperspektive – gehorcht einem räumlichen Prinzip. Ein Ich-Erzähler erlaubt keine Distanz zwischen dem Blick des Erzählers und dem Erzählten, ein personaler Erzähler ermöglicht den Wechsel zwischen der Sicht einer bestimmten Figur (seiner Binnenperspektive) und dem, was um ihn herum vorgeht (aber nur von außen betrachtet werden kann). Der auktoriale Erzähler schliesslich bietet eine umfassende Perspektive, ist allwissend und mischt sich immer wieder kommentierend und bewertend in das Geschehen ein.
Umgesetzt auf die Möglichkeiten elektronischer Medien hiesse das, dass die Perspektive gewechselt werden kann. Heranzoomen – wie in Google Maps mit der Bewegung von zwei Fingern – ermöglicht die Fokussierung auf einen Ich-Erzähler, Wegzoomen den Wechsel über den personalen bis hin zum auktorialen Erzähler. Gibt es bereits Narrationen, die alle drei genannten Perspektiven gleichwertig nebeneinander führen? Nein. Will man das wirklich: Drei Textstränge mit unterschiedlichen Erzählperspektiven, die parallel geführt werden und jederzeit Übergänge ermöglichen? Wohl eher nein, denn: Was soll das bringen? Wo wäre der Mehrwert? Wer will das alles lesen?

Mein Fazit zu Raum und Erzählung: Am ehesten viel schöne neue Welt, Platz für Experimente, aber noch keine überzeugenden Beispiele. So weit sind wir noch nicht. Entscheidend ist vielmehr, was in der Vorstellungswelt des Lesers abgeht. Und da sollten wir vielleicht garnicht hineinfingern.

Jun 22 2010

Augmented Literature

Wieder mal so ein Denkspielchen: Wenn wir Literatur und Realität haben und augmented als Bindeglied, kann man zwei Kombinationen herstellen: Literature-augmented reality und Reality-augmented literature

Literature-augmented reality

Wie bei Augmented Reality ist die Literatur hier etwas, was zur Realität "hinzu" kommt und diese erweitert.

Beispielsweise kann ich am Strand herumlungern und die Wellen heranrollen hören. Da mein AR-Händi auch hören kann, trägt mir jede Welle eine Flaschenpost auf den Bildschirm. Das reale Rollen der Wellen bildet also das akustische Signal, das die Anzeige einer kurzen Geschichte, eines Sinnspruchs, einer geheimen Botschaft auslöst. Naja, vielleicht nicht jede Welle, aber jede zehnte vielleicht. Sonst nervt es allzu bald.

Eine andere Möglichkeit wäre "Literature To Go": Ich laufe mit meinem Smartphone durch die Stadt, und immer, wenn ich einen bestimmten Ort erreiche, wird ein Stück Literatur auf dem Display angezeigt. Neue Orte, neue Geschichten. Ein Streifzug durch die Stadt kann so durch literarische Erlebnisse bereichert werden. Selbstverständlich hat der Text irgendwie mit dem Ort zu tun, und ob ich ihn lese oder nicht, kann ich selbst entscheiden.

Reality-augmented literature

Anders als bei LAR steht hier die Literatur im Vordergrund, sie dominiert und ist handlungsleitend.

Möglich wäre hier beispielsweise "Nomadic Literature": Als Teil eines Nomadenstammes ziehe ich mit meinem Smartphone los zu den grünen Wiesen, die natürlich lokal gebundene Textsammlungen sind – wie oben in „Literature to go“, nur mit dem Unterschied, dass ich hier nicht nur konsumiere, sondern auch beitrage, indem ich die vorhandenen Texte kommentiere, neue schreibe und hinzufüge. Der Raum, in dem ich mich bewege – eine Stadt oder eine Gegend – wird hier überlagert von der Literatur, denn durch die Interaktion ist mein Handeln auf sie ausgerichtet. Optimalerweise würden sich Themen und Foki der Auseinandersetzung aus der Interaktion von selbst ergeben. Schön wäre natürlich auch eine tracking-Option, so dass man die Pfade der Hirten und die besonders grünen Wiesen sehen kann.

Eine andere Möglichkeit wäre, mit Borges einen "Garten der Pfade, die sich verzweigen" zu realisieren. Wenn ich mich beispielsweise in einem Stadtviertel aufhalte und auf einem mobilen Gerät einen Krimi lese, der in diesem Stadtviertel spielt, kann ich mit der Narration interagieren, indem ich am Ende eines jeden Abschnitts entscheide, wohin ich als nächstes gehe. Am nächsten Ort angelangt, erhalte ich die Fortsetzung des Textes, und so weiter und so fort bis zur Auflösung. Wenn Borges sagt: "In allen Fiktionen entscheidet sich ein Mensch angesichts verschiedener Möglichkeiten für eine und eliminiert die anderen", dann wäre das hier anders, denn in diesem Werk müssten ja wirklich viele Möglichkeiten vorhanden sein, und erst der Leser eliminiert einige, indem er sich für eine der Möglichkeiten entscheidet und sie so zur Realität werden lässt (oder in die Realität kommen lässt? However...).
Ich kann mir sogar vorstellen, dass die Aufgabe, hierzu einen Text zu schreiben, für einen Autor attraktiv sein könnte. Beispielsweise kann er im Text den Einfluss nicht realisierter Möglichkeiten auf die Realität thematisieren. So kann er etwa Anschlüsse an Geschichten herstellen, die aber nicht genutzt werden. Ein Leser, der sich entscheiden muss, ob er in die Kneipe geht, die das Zentrum der Gangsterbande ist, wird sehr wohl in Erwägung ziehen, ob er das 'Wagnis' einer Auseinandersetzung mit Verbrechern eingeht. Hier winkt also eine abenteuerliche Geschichte, aber vielleicht fällt die Entscheidung ja auch ganz anders aus: Der Leser lenkt seine Schritte in eine andere Richtung und umgeht die Kneipe. Das bedeutet das definitive Aus für die abenteuerliche Geschichte, hat aber Folgen für die Realität gehabt, denn der Leser ist nun (erst einmal) an einen völlig anderen Ort gegangen.

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