Aug 10 2013

Karten von der Lesewelt

Bücher, die sagen, wo sie sind und wo sie gelesen werden: Das eröffnet nicht nur enorme Möglichkeiten für interaktive Erzählungen, sondern man könnte die Ortsdaten der Bücher auch sammeln und auf Karten eintragen. Zusammen mit den Metadaten der Bücher (Autor, Titel, Genre usf.) würden diese Landkarten tiefe Einblicke ermöglichen: Eine literarische Kulturgeographie würde sich entfalten, wie wir sie bisher noch nicht gedacht haben.

Wir wissen beispielsweise, dass es nur ganz wenige Bücher gibt, die übersetzt und  international gelesen werden – sozusagen die Globetrotter der Literatur. Aber wissen wir auch, ob es Genres gibt, die bevorzugt in ländlichen Regionen gelesen werden? Gibt es Bücher, die nur in Großstädten rezipiert werden, zum Beispiel Lyrik? Digitale Werke, die auf Lesegeräten mit Internetanschluss gelesen werden, hätten hier einiges beizutragen (und wer weiss, ob Amazon hier nicht bereits mit seinem PaperWhite fleißig Daten sammelt).

Diese Perspektive ist nicht nur etwas für 'Brave-New-World'-Denker und NSA-Geschädigte, sondern sie könnte uns helfen, ein tieferes Verständnis unserer Kultur zu gewinnen: Gibt es literarische Hegemonie (so etwas wie einen Kulturkolonialismus) und wie sind die Räume dieser Welt aufgeteilt? Gibt es regional begrenzte Genres und orts- oder landesbezogene Diffusionsmuster? Was ist mit den Klassikern, den Longsellern, den kanonischen Ikonen der Weltliteratur – werden sie gelesen und in welchen Zeiträumen verbreiten sie sich wo? Gibt es Textgattungen, die sich besonders leicht verbreiten, weil sie in ganz anderer Weise gebraucht oder benutzt werden, zum Beispiel Sach- oder Kochbücher? Ist komische Literatur auf bestimmte Räume begrenzt, weil der literarische Witz eng an die Sprache gebunden ist und nicht übersetzt werden kann?

Wie würde die Google Maps der Bücher wohl aussehen?

Jun 9 2012

In dieser Stunde, ein Anfang

"Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotopen taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913."

Nicht jeder wird gleich darauf kommen, aber das ist tatsächlich der Anfang eines der berühmtesten (und daher auch ungelesensten) Romane der Weltliteratur. Es ist der erste Absatz von Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften". Wer weiterliest und das ganze erste Kapitel "Woraus bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht" konsumiert, weiss, dass Musil hier seine Genauigkeit auf die Spitze treibt – bis die vergangene Welt einer breiten, belebten Straße der Wiener Innenstadt im August 1913, nachmittags so etwa gegen vier Uhr vor dem geistigen Auge des Lesers aufersteht.

Wenn sich demnächst eine Debatte entfalten sollte, wie man den nächstes Jahr drohenden Jubiläumstag des Musilschen Werkes begehen soll, so möchte ich dazu einen Vorschlag machen, einen billigen: Man sollte ein Denkmal aufstellen. Zu der im Werk selbst genannten Stunde sollte es einen Zugang in dieses Monumentalwerk bieten, und die Hürde des Einstiegs sollte so niedrig wie möglich gehalten werden. Einfach an einer geeigneten Stelle der Wiener Innenstadt etwas aufstellen, was wie eine Sonnenuhr funktioniert, und ab 16 Uhr können bei schönem Augustsonnenschein alle Lesewilligen ihr Smartphone auf das Musildenkmal richten und 'SimSalaBim' öffnet sich ihnen das Reich des großen Meisters.

Die technische Lösung dazu hat neulich ein Verein namens Emart geliefert: Ein dreidimensionaler QR-Code, der nur zu einer bestimmten Stunde funktioniert. Das sieht so aus:

Also: QR-Code in Wien aufstellen, ab 16 Uhr Smartphone draufhalten und schwupps, schon darf man das eBook lesen. Mehr Genauigkeit, mehr "Welt" und mehr Einstieg in die Fiktion kann man doch gar nicht leisten, oder? DAS, so meine ich, wäre ein Denkmal, das Musil gerecht werden würde ...

Warum daraus "bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht" ... erkläre ich ein andermal ...

Nov 12 2011

Erinnerungen sind unsichtbar

Es ist das wohl weltweit größte dezentrale Mahnmal: Über 22.000 Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnnig in Gehwege, Asphalt oder Freiflächen eingebracht. Die kleinen Gedenktafeln aus Messing finden sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Niederlanden, Belgien, Italien, Norwegen, Österreich, Polen, Tschechien, der Ukraine und Ungarn.

Demnig verwendet für die Stolpersteine nur wenige Angaben wie Vorname, Name, Geburtsjahr, Deportationsjahr und Ort. Und tatsächlich bewirken die Gedenktafeln dieses kurze Innehalten, In-Sich-Gehen oder überraschte Aufschauen, das man sich von einem Gedenkort verspricht – und das nicht nur alljährlich am 9. November, diesem Schicksalstag der Deutschen im 20. Jahrhundert.

Manchmal, wenn man so vor einem der Häuser steht, in dem früher die Deportierten wohnten, möchte man gerne mehr über sie wissen. Im Netz finden sich dann oft, wenn auch nach einiger Suche, die gewünschten Informationen, wie zum Beispiel hier auf der Seite des Kulturamts Berlin-Neukölln

Eine andere Möglichkeit, um diese Informationen, Geschichten und evtl. auch Bilder verfügbar zu machen, ohne weitere physische Gedenktafeln oder ähnliches herzustellen, bietet ein geolokalisiertes eBook. In einem eBook werden zunächst alle vorhandenen Informationen zusammengefaßt, wie in einem Katalog oder Telefonbuch, nur ausführlicher. Im eBook wird dann der Geo-Code der Stolpersteine als JavaScript eingefügt, und es enthält eine Schnittstelle zum geolocation feature des Browsers, das die Längen- und Breitengrade des Leserstandorts übermittelt.

Im Endergebnis erhält man ein Produkt, das dem Nutzer, der vor einem Stolperstein steht, die zu den Personen vorhandenen Informationen im Browser seines Smartphones anzeigt. Läuft der Nutzer weiter und stößt auf einen weiteren Stolperstein, werden ihm andere Geschichten angeboten. Das Medium eBook mit seiner Unsichtbarkeit und Ortsgebundenheit wird dabei der Unwillkürlichkeit und Ungreifbarkeit von Erinnerungen in besonderer Weise gerecht.

Okt 15 2011

Nomadic reading

Das Auge des Nomaden erquickt sich am sanften Grün der Wiesen, an den bunten Blütenteppichen. Im sanften Rhythmus der Hügelwellen gleitet er dahin. Die ruhigen Linien der terrassierten Berghänge liegen vor ihm, aufgeschlagen wie ein Notizbuch Gottes. Erst in der Bewegung des Vorbeigleitens offenbart sich sein Inhalt.

Gottes Notizbuch, Äthiopien 2011

Mai 14 2011

Check in! Text out!

Eine von den weitgehend sinnfreien location-based services ist Foursquare. Man geht irgendwo hin, checkt sich ein, weiss dann, dass man an diesem Ort oft war (meist ist ein anderer noch häufiger dort gewesen) und kann verfolgen, wo die Freunde sich gerade einchecken. Super!

Jetzt hat ein Hundefutterhersteller eine wirklich bestechende Idee für den really cutting edge-Einsatz von Foursquare gehabt:

Eigentlich eine klasse Sache. Ich aber würde statt eines Hundefutterspenders einen Drucker anschliessen und hui – Lyrik to go: Check in, text out. Poetry to come.

Mär 8 2011

Geo-aware eBooks

Ok, Liza Daly von ThreePress Consulting ist schon letztes Jahr mit einem geo-aware ebook-demo im ePub-Format rausgekommen. Im ePub selbst ist der Geo-Code als JavaScript enthalten, und er enthält die Schnittstelle zum geolocation feature des Browsers, das die Längen- und Breitengrade des Leserstandorts übermittelt.

Wenn man das so macht wie Liza Daly sich das vorstellt, fängt man irgendwo an zu lesen und erlaubt zu Beginn dem Browser, die Standortinformationen aufzunehmen. Um weiterlesen zu können, muss man sich bewegen – erst dann also erhält man mehr Text. Ein echtes technisches WUNDER! Nur: Was hat das mit Narration zu tun?

Erst mal gar nichts. Was bringt der Unfug? Also: Für mich ist der Clou daran, dass das Buch sich seines Lesers bewusst ist. Das erlaubt tatsächlich neue Formen der Interaktion zwischen Text und Leser. Stellen wir uns vor, dass ein Leser an einem bestimmten Ort, zum Beispiel in einem Märchenpark ist und an einem Punkt dort mit der Lektüre beginnt. Am Ende der Textpassage angelangt, erhält er eine Anweisung: Geh da und dort hin. An diesem neuen Punkt angelangt, erhält der Leser die Fortsetzung der Geschichte (und wenn er dort nicht hingeht, kann entweder nichts passieren oder er wird von seinem Browser angemault).

Das bindet zwar den Leser an einen bestimmten Ort, vervielfacht aber die Erlebnismöglichkeiten und -intensitäten. Du musst in Dornröschens Turm steigen und Dich dort hinlegen. Du musst, um ans Ziel zu gelangen, eine Schlucht durchqueren und unter einem Wasserfall durchlaufen. Du musst durch einen unterirdischen Tunnel gehen und siehst dabei gruselige Monster in Nischen stehen oder erblickst durch die Glasscheiben in der Decke Fische und See-Elefanten von unten. Du erhältst die nächste Anweisung nur, wenn Du durch das Schlüsselloch einer Tür schaust, auf der "Säbelzahntiger" steht. Und so fort. Also eindeutig was für die Erlebnisindustrie.

Oder man macht eine digitale Schnitzeljagd oder richtet schicke Stadtführer ein.

Wenn einem die Ortsgebundenheit solcher Erzählungen als zu enge Jacke erscheint, kann man die Leser mit Krimiplots auf Fährtensuche schicken. Es ist bestimmt möglich, einen Krimi in 20 verschiedenen Städten desselben Sprachraumes spielen zu lassen und die jeweiligen Geo-Codes als Varianten im eBook unterzubringen.

Wir fragen mal bei der AOK und der Barmer nach, ob sie die Entwicklung solcher stories als Bewegungsförderung finanziell unterstützen ...

Sep 3 2010

Storystickers

Wenn die location-based services es ermöglichen, dass man an einem bestimmten Ort eine story erhält, dann wird es wohl möglich sein, dass man auch eine hinterlässt.

Wieder so eine Stadt-Idee: Was charakterisiert eine Stadt besser und individueller als die ganzen Anekdoten, die sich um sie ranken? Was, wenn man dieses Charakterbild noch weiter differenziert, nach Stadtteilen, Bezirken, Kiezen? Wenn kurze Geschichten direkt mit den Orten verknüpft werden, erhält man ein intensives Stadt-Feeling.

Also: Als ich mal bei unserem Italiener bin, fragt eine Frau ungeduldig: „Ober – können wir zahlen?“ und der Ober sagt: „Sie müssen sogar!“

Oder: Ich kaufe Bier bei so einem Spätkauf und wundere mich an der Kasse, dass es sogar das ausgefallene Bier aus meiner badischen Heimat gibt. Darauf erklärt mir der Migrationshintergründler an der Theke: „Jede ethnische Minderheit braucht ihr eigenes Bier.“

Stories to go, stories to tell.

Jeder hinterlässt die Anekdoten und Geschichtchen virtuell dort, wo er sie erlebt hat – und wenn ein anderer Nutzer wieder an diesem Ort vorbeikommt, werden sie ihm aufs Smartphone gespielt. Je mehr User sich an diesem Spielchen beteiligen, desto dichter wird das Netz von Geschichten, mit dem man die Stadt überzieht. Ein Rating-System sortiert gute und schlechte Anekdoten. Und für die diejenigen, die viel Wert auf Qualität legen und nicht mit allem konfrontiert werden wollen, was ihre freundlichen Mitnutzer hinterlassen haben, kann man ja ausgewählte narrative Trips durch die entsprechenden Orte zusammenstellen (in der Art, wie Gowalla dies bereits mit Musik und Events anbietet).

Eine andere Variante: Man stellt stories, Slogans und Begebenheiten zu einem Album zusammen, aus dem der User auswählen kann, um dann die entsprechenden Schnipsel an einem Ort zu hinterlassen – virtuell natürlich. Optisch ansprechend, aber als hardcopy geprinted, haben das schon die Kollegen vom Stickermagazin gemacht:

 

Wenn man sich ein solches Vorgehen mit virtuellen Stickers vorstellt, könnte das bei einzelnen locations ziemlich interessante Kollektionen erzeugen; vielleicht sehen die Orte in dieser literature-augmented reality ja dann wie tag clouds aus.

RSS - location-based abonnieren