Mai 21 2011

Die alten Ägypter konnten offensichtlich mit komplexen Notationssystemen recht gut umgehen. Ihre Aufschreibesysteme variieren wahlweise mit Schreibungen von links nach rechts, rechts nach links, von rechts und links kommend (und sich in der Mitte treffend), von oben nach unten, Hieroglyphen oder hieratische Schrift. Wir dagegen sind ziemlich festgelegt mit unserem "von links nach rechts und von oben nach unten". Besonders beeindruckend ist die Tatsache, dass die Ägypter um 2400 vor Christus ein Jahrbuch mit einer dreizeiligen Darstellung hergestellt haben.

PalermosteinDer Palermostein (das Bild rechts zeigt nur einen Ausschnitt) wird von rechts nach links gelesen und verzeichnet in der schmalen oberen Zeile den Namen des Königs und seiner Mutter, in der breiteren zweiten Zeile wird für jedes Jahr ein rechteckiges Kästchen angelegt und in ihm die wichtigsten Ereignisse notiert. In der schmalen dritten Zeile unten schliesslich wird die Höhe der Nilflut notiert. Alles Wichtige, schnell und übersichtlich.

Wenn man sich den gesamten Palermostein vorstellt und vor dem inneren Auge dynamisch ablaufen lässt, erhält man ein von links nach rechts laufendes Band wie bei Al Jazeera. Mir scheint das ein phänomenales Beispiel für eine optimierte Informationsdichte zu sein. Wir jedenfalls hätten Probleme, mit unserem Schriftsystem und unseren Lesegewohnheiten drei Spuren gleichzeitig zu verfolgen. Vielleicht weist das altägyptische Beispiel ja in eine Richtung, wie unsere Lesesysteme verändert werden könnten: Ein stärker grafischer Aufbau, Kombination von Phonogrammen mit Ideogrammen, optische Phrasierung. Der Rest ist Übung und Gewohnheit.

Begriffe: 
Apr 27 2011

Der entleibte Text

Wer sich mit der Zukunft von Büchern beschäftigt, kommt um eine Geschichte des Lesens nicht herum. Die Auseinandersetzung mit der über Jahrhunderte eingeübten Kompetenz zur kontemplativen Versenkung in einen Text verdeutlicht dabei vor allem eines: Auf das physische Buch lässt sich leicht verzichten. Es macht kaum einen Unterschied, auf welchem materiellen Träger ein Text daherkommt; man kann ihn daher getrost 'entleiben'. Unverzichtbar dagegen sind Qualitäten und Fähigkeiten, die mit den Texten selbst verknüpft sind. Die Stimulation der Imagination, die dialogische Struktur der Texte, das Spiel der Fiktionen, das Eröffnen von Empathie, die Sensibilisierung des Lesers, der Vollzug von Perspektivenwechseln usf. – alle diese Eigenschaften des Austauschs zwischen Text und Leser sind in sehr langen Lesetraditionen eingeübt worden, und kein vernünftiger Mensch wird sie aufgeben wollen.

Von daher lässt sich auch von der Zukunft des Lesens sprechen: Das elektronische Buch wird am feinen Gewebe der Texte anknüpfen und jene Möglichkeiten forthäkeln, die die Texte mit den Lesern verknüpft. Allen voran wird dies auf jenen Ebenen erfolgen, auf denen die Texte sich auf den Leser hin ausrichten. Literarische Texte erwarten eine imaginäre Komplettierung durch den Leser, sei es durch die Herstellung sinnhafter Bezüge und Querverbindungen innerhalb des Textes oder zum eigenen Verstehen und der eigenen Imagination hin, sei es in der sinnlich-emotionalen Erlebnisfähigkeit oder durch das textbasierte Visualisierungspotential.

Wo derart auf die Verstärkung sinnlicher Eindringkraft von Texten gesetzt wird, ist nicht zu erwarten, dass elektronische Texte eigene Genres ausbilden oder gar Konventionen entwickeln werden. Nichts deutet bislang darauf hin, dass auf der selbstreflexiven Ebene der Texte sich rasch entfaltende Erfindungen entstehen werden. Da sich das Lesen selbst nur sehr langsam verändert, sind hier schnelle Entwicklungen nicht zu erwarten. Sicher, es gibt Genres, die den Konsumtionsmustern unserer Zeit entgegenkommen. Auf eine spontane mobile Lesesituation ausgerichtete Texte und nichtlineare, fragmentierte Erzählschemata werden schneller ihren Weg in die digitale Welt finden als umfangreichere und komplexere Erzählmuster. Dennoch: Der Schwerpunkt der Entfaltung digitalen Lesens wird in der Intensivierung der Darstellungsmittel liegen. Wenn diese an die Strukturen der Texte angeknüpft werden und mit Angeboten konform gehen, die die Texte selbst eröffnen, wird sich sicher schnell eine neue Kultur des Lesens entfalten.  

Dez 10 2010

Neulich kam Borges vorbei und pfiff sich eins. Ich belauschte ihn.

Er hält es für einen allgemeinen Irrtum zu glauben, Literatur erzähle von der Wirklichkeit. Sie beschäftigt sich vielmehr häufig mit Themen und Gegenständen, die sich der direkten, sinnlichen Wahrnehmung entziehen. Es handelt sich hierbei um eine indirekte Strategie der Darstellung. Ihr liegt die Vorstellung von einer komplexeren Realität als jener zugrunde, die dem Leser mitgeteilt wird. Deshalb spricht Literatur immer von etwas anderem, das sich einer unvermittelten Darstellung entzieht.

Wohlbekannte Beispiele sind jene geschliffenen, paradoxen Verteidigungsreden für Dinge, die nicht zu verteidigen sind: Das Lob der Torheit, der Mord als schöne Kunst betrachtet, die Rechtfertigung des Kannibalismus. Ein anderes Beispiel sind die Metaphern, mit denen Vorgänge angezeigt werden: Kriegs- und Eroberungsmetaphern für zwischenmenschliche Beziehungen, Naturalisierung technischer Abläufe und so weiter.

Wir wissen also von dieser Wirklichkeit nur indirekt und erfahren von ihr durch die Kunstfertigkeit des Autors. Insofern ist Literatur immer schon augmentierte Realität avant la lettre gewesen. Auch von diesen Gedanken und Überlegungen hättest Du, lieber Leser, nie erfahren, wenn ich, die Nachtigall, nicht neulich im Gehölz gehockt und jenem Borges zugehört hätte, wie er ein paar Überlegungen anstellte und vor sich hin pfiff. So wollte es der Zufall, dass ich sein Tirili vernahm und davon jetzt berichten kann. Macht Dich das nicht schmunzeln?

Dez 5 2010

Unter einer Decke

„I'd sit alone and watch your light / My only friend through teenage nights“ – so himmelte einst Freddy Mercury sein Radio an. Ich hielt mich als Teenager dagegen mehr an eine kleine Funzel, die ich mit unter die Bettdecke nahm, um dort in heimeligem Licht zu schmökern.

Mit dem Buch ins Bett gehen, sich in intimer Komplizenschaft mit einem glimmenden Lämpchen der Lektüre widmen: Das iPad machts wieder möglich, dank Hintergrundbeleuchtung auch ohne Taschenlampe.

Die technische Virtuosität ermöglicht weitere Varianten dieses Szenarios. Händis sind ja ohnehin schon dafür bekannt, als „Scheinwerfer“ eingesetzt werden zu können; sie produzieren eine ganz eigene Aura, jenes diffuse, kühle Licht, das am besten mit 'glowing light' umschrieben wird. Warum nicht also gleich das Händi als Projektor benutzen und den Text auf das weiße Bettlaken werfen? Damit wären wir tatsächlich ganz weg vom Medium Buch und seinen digitalen Imitaten, und wir hätten den reinen, immateriellen Text, also das, worauf es mir eigentlich ankommt. Die Mozilla-Labs haben dazu schonmal eine Designstudie angefertigt, natürlich ohne an die Lektüre unter der Bettdecke zu denken:

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Ha! Mit dem kleinen Händi unter einer Decke stecken und ab und zu übers Laken streicheln, um eine neue Seite aufzuschlagen, stelle ich mir als nostalgisches Lesevergnügen köstlich vor ...

Begriffe: 
Nov 26 2010

Sehen heißt Nichtsehen

Jenen Zeitgenossen, die behaupten, dass story, plot und Narration im bewegten Bild weiterleben werden, sollte man mit Vorsicht gegenübertreten. Es ist richtig, dass unsere Zeit die Abwertung des Textes gegenüber dem Bild vorantreibt. Als Kompetenz des Wissenserwerbs muss sich „Lesen“ heutzutage neben visuellen bzw. bildanalytischen Fähigkeiten und einer Vielzahl von Medienkompetenzen behaupten. „Lesen“ zeichnet sich nicht mehr durch seine Vorrangstellung als Schlüsselkompetenz aus. Daraus aber zu folgern, genuin literarische Elemente seien in andere Medien zu verlagern, kommt einem eilfertigen Defätismus gleich. Die Vertreter dieser Position schielen nach der Jugend und tragen das Argument vor sich her, wir hätten es mit einer Generation von Kindern und Jugendlichen zu tun, die ihre kulturelle Identität nicht mehr primär aus Texten bzw. Büchern, sondern aus bewegten Bildern bezieht. Als wären wir selbst nicht mit dem Fernseher sozialisiert worden, und als hätte mit youtube ein Siegeszug des Bewegtbildes Einzug in die Kinderzimmer gehalten.

Man muss schon einen Schritt zurücktreten, um die Abgründe dieser Fluchtbewegung offenzulegen. Das (bewegte) Bild lebt von seiner Darbietung auf dem Silbertablett und von der Intensität, mit der es sich in das menschliche Gedächtnis einprägt. In Texten, vor allem in der erzählenden Literatur, geht es dagegen um das, was man nicht sieht, sich imaginieren muß und enträtseln soll. „Einen Gegenstand benennen“, soll Mallarmé gesagt haben, „heißt um drei Viertel den Dichtungsgenuß schmälern, der im Glück des Erratens beruht; der Traum ist seine Andeutung.“ Indem er sich in einen Text versenkt, vollzieht der Leser mehrere Akte: Er macht sich den Text vollkommen zu eigen, taucht in ihn ein, und zugleich hebt er eine Ecke des Textgewebes an, um darunter oder dahinter zu gucken. Das Faszinierende und Anrührende an Texten ist die Welt, die hinter den Worten liegt wie hinter einem dünnen Schleier, der sich hebt, wenn man die Augen auf ihn heftet, und die auf eine Welt gerichtet werden, die sich im Text entfaltet. Und doch ist dieser leere, ferne und bisweilen verträumte Blick eines konzentriert Lesenden nichts anderes als ein Blick nach innen, in die eigene Vorstellungswelt hinein. Daher auch die gängige Vorstellung vom Text als Spiegel: Der Blick in den Text führt nur wieder zurück zum Leser. „Ich werde erkennen, sowie ich erkannt bin.“ Die Lektüre ist, in ganz anderem Maß als der Konsum eines Films, ein reziproker Akt, und die Beschäftigung mit dem Gelesenen eine Interaktion in der eigenen Imagination. 'Sehen' meint hier eine Blindheit für das aufdringliche Bild, 'Nichtsehen' das Aufschlagen des inneren Auges. Sollten wir das wirklich aufgeben wollen?

Begriffe: 
Sep 24 2010

Lesen und Handeln

Wer liest, handelt nicht. Wer handelt, liest nicht. Warum? Der Handelnde ist fühllos, der Lesende passiv.

Wer ein literarisches Werk liest, stellt seinen Körper still und öffnet sich – in unterschiedlichen Intensitätsgraden – den dargebotenen Inhalten. Flüssige Sätze durchströmen ihn wie ein gefühlter Bachlauf, die Worte rempeln ihn an im Dahinfliessen des grossen Demonstrationszuges einer Erzählung. Er lässt zu, dass seine Imagination besetzt wird von etwas, auf das er wenig Einfluss nimmt. Empathie entfaltet sich in der Sensibilität für das Erzählte und im analytischen Denken, das nichts anderes ist als ein Denken mit der Sensibilität. Dem Handelnden dagegen mangelt es an dieser Sensibilität, er drückt dem Geschehen seinen Stempel auf und legt keine Rechenschaft ab über ein Fremdes, das sich ihm in den Weg stellt. Er schreitet über es hinweg, häufig ohne Bewusstsein der eigenen Disempathie.

Für die Zukunft des Buches bedeutet das ein Gebot zur Vorsicht bei der Gestaltung interaktiver Elemente. Ein Buch ist nicht einfach ein Computerspiel, in dem beständig gewechselt wird zwischen Lesen und Handeln. So spielerisch und intuitiv der Zugang zur imaginierten Welt auch gestaltet sein mag – immer wieder zu Aktivität aufgefordert zu werden behindert die eigene Imaginationsfähigkeit und beschneidet die Sensibilität. Daher wird es auch weiterhin einen Bereich geben müssen, der vom Literarischen des Textes vollständig dominiert wird, und der sich nicht von der Realität des Lesers abhängig macht. Texte eröffnen ihre eigene Realität nur dem, der es zulässt, und der nicht beansprucht, mitwirken zu wollen. Dann hört er die Sonne über sich jauchzen, sieht die Frühlingszweige sich ehrfurchtsvoll zur Seite neigen und wird jener Liebende auf dem Weg zu seiner Geliebten, dahinschreitend über den weichen roten Teppich des Bürgersteigs. Und er überlässt sich der Fürsorge und Klugheit des Textes, die ihn aus dem Exil der geistigen Stagnation herausführt, er bewundert die Syntax, die ihn mit ihren Rhythmen liebkost, und er bemerkt das Spiel der fiktionalen Muskeln in ihrer Anstrengung, das Leben der Literatur wirklich werden zu lassen.

Hier ein gutes Gleichgewicht zwischen Handeln und Lesen zu finden und dem Literarischen seinen Raum zu gewähren, wird eine Aufgabe zukünftig zu gestaltender Bücher sein.

Seiten

RSS - Lesen abonnieren