Nov 20 2010

Weg von der Papiermetapher

Wenn man über die Geschichte des Lesens nachdenkt, fällt einem zuerst Gutenberg ein. Dabei ist die Erfindung des Papiers mindestens genauso wichtig für die Entstehung von Textwelten gewesen wie die beweglichen Lettern des Mainzer Druckers.
Aller Text ist Fläche - damit ist ein Umstand von fundamentaler Bedeutung für die Entwicklung von Lesekompetenz bezeichnet. Die steinzeitlichen Höhlenmalereien, die antiken Inschriften in Steintafeln, die Kalligraphie der Bibelkopisten mit ihren gemalten Majuskeln, schliesslich das Buch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit: Aller Text ist Fläche.
Selten einmal, dass den Buchstaben Räumlichkeit (und Schatten) gewährt wird, selten, dass das Wort "Textur" dazu führt, dass Schriftzeichen in Gewebe eingestickt werden, um die zarte Stofflichkeit verwebter Schicksalsfäden und das dichte Geflecht literarischer Werke haptisch erfahrbar zu machen.
Wenn eBooks das Lesen in ähnlich revolutionärer Weise verändern werden, wie es der Hypertext bereits getan hat, müssen sie sich von der Papiermetapher ablösen. Es kann nicht sein, dass moderne eReader immer nur eine ebene Fläche anzeigen, Eselsohren als Markierungen anbieten und - wie Steve Jobs iBook - grosse Mengen an Programmiercode verschwenden, nur damit das Umblättern von Buchseiten möglichst realitätsnah imitiert wird. Dieses mimetische Verhalten verleugnet die Potentiale der elektronischen Darstellung von Buchstaben und unterwirft sich den festgefahrenen Gewohnheiten des Durchschnittslesers.
Also sollten wir damit anfangen, in unserer Phantasie Möglichkeiten zu ersinnen, wie Texte dargestellt werden können:
- Als Inschrift auf der Oberfläche einer virtuellen Glaskugel - ein Fingerwischen von unten nach oben erlaubt ein verräumlichtes "Scrollen". Das wäre eine angemessene Darstellung für Science Fiction-Werke - die Zukunft auf der Glaskugel.
- Als unendliche Textlinie in einem Raum - der Leser folgt dem Text durch den Raum, indem er sich an der Zeile entlanghangelt wie an Ariadnes Faden. Eine Möglichkeit für Labyrinth-Texte von Dädalos bis Homo Faber.
- Oder jedes Wort ist auf den Rücken eines Insekts geheftet, die in unendlicher Abfolge vor den Augen des Lesers von rechts nach links durchs Bild wandern. Mit diesem Spektakel würde man sicherlich viele Leser für die Entomologie begeistern können ...

Sep 24 2010

Lesen und Handeln

Wer liest, handelt nicht. Wer handelt, liest nicht. Warum? Der Handelnde ist fühllos, der Lesende passiv.

Wer ein literarisches Werk liest, stellt seinen Körper still und öffnet sich – in unterschiedlichen Intensitätsgraden – den dargebotenen Inhalten. Flüssige Sätze durchströmen ihn wie ein gefühlter Bachlauf, die Worte rempeln ihn an im Dahinfliessen des grossen Demonstrationszuges einer Erzählung. Er lässt zu, dass seine Imagination besetzt wird von etwas, auf das er wenig Einfluss nimmt. Empathie entfaltet sich in der Sensibilität für das Erzählte und im analytischen Denken, das nichts anderes ist als ein Denken mit der Sensibilität. Dem Handelnden dagegen mangelt es an dieser Sensibilität, er drückt dem Geschehen seinen Stempel auf und legt keine Rechenschaft ab über ein Fremdes, das sich ihm in den Weg stellt. Er schreitet über es hinweg, häufig ohne Bewusstsein der eigenen Disempathie.

Für die Zukunft des Buches bedeutet das ein Gebot zur Vorsicht bei der Gestaltung interaktiver Elemente. Ein Buch ist nicht einfach ein Computerspiel, in dem beständig gewechselt wird zwischen Lesen und Handeln. So spielerisch und intuitiv der Zugang zur imaginierten Welt auch gestaltet sein mag – immer wieder zu Aktivität aufgefordert zu werden behindert die eigene Imaginationsfähigkeit und beschneidet die Sensibilität. Daher wird es auch weiterhin einen Bereich geben müssen, der vom Literarischen des Textes vollständig dominiert wird, und der sich nicht von der Realität des Lesers abhängig macht. Texte eröffnen ihre eigene Realität nur dem, der es zulässt, und der nicht beansprucht, mitwirken zu wollen. Dann hört er die Sonne über sich jauchzen, sieht die Frühlingszweige sich ehrfurchtsvoll zur Seite neigen und wird jener Liebende auf dem Weg zu seiner Geliebten, dahinschreitend über den weichen roten Teppich des Bürgersteigs. Und er überlässt sich der Fürsorge und Klugheit des Textes, die ihn aus dem Exil der geistigen Stagnation herausführt, er bewundert die Syntax, die ihn mit ihren Rhythmen liebkost, und er bemerkt das Spiel der fiktionalen Muskeln in ihrer Anstrengung, das Leben der Literatur wirklich werden zu lassen.

Hier ein gutes Gleichgewicht zwischen Handeln und Lesen zu finden und dem Literarischen seinen Raum zu gewähren, wird eine Aufgabe zukünftig zu gestaltender Bücher sein.

Jul 26 2010

Ein Buch, kein Spiel

Die spielerische Herangehensweise, die die neuen Medien eröffnen, die Möglichkeit, kollaborativ Texte zu erstellen und die Verlockungen eines interaktiven storyboardings scheinen die Grenze zwischen Buch und Spiel zu verwischen. Obwohl Dramaturgie und Erzählung einige Elemente mit den aktuellen High-Tech-Spielen teilen, zeichnet sich die Literatur jedoch durch einige wichtige Merkmale aus, die das Spiel nicht eröffnen kann.

Verlassen der Ich-Perspektive: Im Spiel erhält man keine Reflexion vorgeführt, die man nicht selbst vollzieht. Die Literatur dagegen bietet ein Denken auf der Bühne an und lädt dazu ein, unbekannte Gefühls- und Erlebniswelten zu erschliessen. Die Innenperspektive einer Figur, die nicht ich ist, bietet mir mehr als die verschiedenen Varianten meiner Erlebniswelten, in die mich das Spiel führt. Dieses Manko liesse sich ja eventuell noch dadurch beheben, dass dem Leser gestattet wird, in einen Dialog mit einem Autoren zu treten. Dieser scheinbare Ausweg bietet aber keine Rettung. Denn die Literatur zeigt häufig: Die Gespräche, die wir nicht führen, sind noch bewegender als die anderen, die wir führen.

Fiktionale Verstärkung: Die merkwürdige Fähigkeit der Literatur, wahrer zu sein als das alltägliche Leben und ihr Potential, zu enthüllen, wie es ist, hat kein Pendant im Spiel. Im Spiel gibt es nur die Wirklichkeit des Spiels, in der Literatur hingegen den Reichtum der Fiktionen. Dadurch gelingt es der Literatur, eine künstliche Intensität von Dingen, die im wirklichen Leben flüchtig sind, freizulegen und den „Kern“ von Erfahrungen oder Erlebnissen zu präsentieren. Diesen Verstärkereffekt gibt es wohl in anderen Medien wie dem Film oder dem Theater, nicht aber im Spiel.

Ein Buch ist nicht ergebnisoffen: Die Personen übernehmen in einem Buch die Führung und schreiben es selbst. Die spielerische Wahlfreiheit und Beliebigkeit kennt das Buch nicht, wohl aber die scheinbar zwangsläufige, schicksalhafte Verkettung. Auch überflüssige Seitenpfade, die das Thema und seine Durchführung anreichern, sind im Spiel nicht angelegt. Die Literatur aber kennt Pfade, die dramaturgisch überflüssig sind.

Jul 6 2010

Das Buch schütteln

Wenn man sich anguckt, was der deutsche Kinderbuchmarkt aktuell zu bieten hat, kommt man an Sybille Heins Produkten nicht vorbei, etwa an Prinzessin Knöpfchen:

Hier wird vollständig auf den Flash Player gesetzt (der auf dem iPad nicht läuft), es gibt viele Interaktionen und Spielvarianten, aber eigentlich keine Erzählung, denn die Webseite ist mehr das Spiel zum Buch als ein Kinderbuch selbst.

Seltsam wenig Wert wird hier auf das Lesen selbst gelegt. Die animierten Illustrationen stehen im Vordergrund, die eigentlich story ist nicht mit den interaktiven Angeboten verknüpft. Zweifellos werden wir es mit einer Generation von Kindern zu tun haben, deren visuelle und bildanalytische Fähigkeiten stärker ausgebildet sind als je zuvor. „Lesen“ wird also nur noch eine Medienkompetenz unter vielen sein.

Eine gute Antwort auf diesen Befund wären vielleicht elektronische Kinderbücher, in denen Bild und Text enger miteinander verknüpft sind. Eine Geschichte wie „Hans im Glück“ zum Beispiel, in der die Leser dessen aktuelles Hab und Gut (den Goldklumpen, die Kuh, die Ente) durch die story vorwärtsschubsen und immer wieder tauschen müssen.

Oder man nähert sich mehr dem Text und zieht die Aufmerksamkeit der Kinder stärker auf die Wörter. Man könnte beispielsweise einzelne Wörter animieren. Wenn sich Daumen und Zeigefinger des Kindes auf dem Touchscreen dem Wort nähern, kann es 'ausgequetscht' werden, so dass neue Worte und Bilder aus ihm herausquellen, also Konnotationen und Denotationen sichtbar werden.
Oder man könnte die Kinder beim Entstehungsprozess mitmachen lassen, beispielsweise bei einem Gedicht. Interactive Lyrics, sozusagen. Als Beispiel versuch ich es mal mit folgenden leicht obskuren Zeilen:

Im Schlafzimmer klingelt der Wecker
Der Bruder schlingert da noch im Traum

Wenn man das Lesegerät schüttelt, dann verwandeln sich die Zeilen zum Reim:

Im Zimmerschlaf weckert die Klingel
Im Traum noch da brudert der Schlingel

Hmmm - naja. Geht so. Vielleicht fragen wir mal lieber bei Paul Maar nach für ein Buch mit Schüttelreimen.

Jun 14 2010

Autorschaft

Grosse Literatur hat einen Namen. Jedes Werk der Weltliteratur ist mit einer Person verknüpft: Homer, Cervantes Saavedra, Shakespeare, Musil, Garcia Marquez usf. Jeder dieser Texte versucht sich daran, ein bestimmtes Verständnis von Selbst und Welt zu entwerfen, und sie sind alle mit zumindest einer vagen Vorstellung davon begonnen worden, worum es gehen soll, was verhandelt werden soll (obwohl wir nicht wirklich wissen können, was genau die Intention bei Beginn der Niederschrift war; aber das interessiert im Nachhinein auch wenig).
Nun hat das Web 2.0 eine neue Rolle geschaffen - der Nutzer als Autor - und damit Bewegung gebracht in das Gefüge von Autor / Mittler / Leser. Wie aber kann man sich Literaturproduktion unter Web 2.0-Bedingungen vorstellen? Wie würden die Anteile an der Produktion verteilt sein?
Wenn man ein eingeführtes Autorbild nimmt: Ein Ich als Autor würde den Teufel tun und sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen, sprich, irgendjemand bei dem Masterplan dessen mitmischen zu lassen, was Ich zu realisieren vorhabe. Und dieses Ich würde auf seine Rolle als Hegemon klopfen und sie mit Zähnen und Klauen verteidigen. Hier darf Ich sein, hier bleibe Ich Gott.Kollaboratives, selbstorganisiertes und gleichberechtigtes Schreiben? Haben wir als Individuen jedes genügend Kompetenzen, um uns in die Schwarmintelligenz einzuordnen, dort am Masterplot mitzustricken und ein gemeinsames Textprodukt zu erstellen? Muss man sich einen solchen Herstellungsprozess dann nicht eher so vorstellen wie ein gigantisch wuchernder Pilz, ein formloser Schwamm, eine Text-Hydra, unförmig aus tausend Kanälen strömend, mit tausend Anfängen und Enden, strukturlos?
Sollten wir nicht bei der phänomenalen Kompetenz der Netznutzer beginnen, sich zu orientieren, Verknüpfungen herzustellen, sich im Labyrinth zu orientieren, einen Ariadnefaden zu legen, Spuren zu hinterlassen und sich der Weisheit der Vielen anzuvertrauen, um Muster zu finden?

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