Mär 23 2013

Die Konferenz der Bücher

Jetzt können sich unbelebte physische Objekte also schon miteinander unterhalten: Autos kommunizieren miteinander über ihre Position, ihren Staus und optimale Fahrwege, Kühlschränke reden mit Supermärkten, Solarkollektoren geben den Markisen Kommandos. Die Registrierkasse labert mit dem Zentralcomputer und macht dem Nutzer, den sie an der Kreditkarte erkennt, Konsumvorschläge. Das "Internet der Dinge" vernetzt Gegenstände miteinander. Super.

Selbstverständlich werden in naher Zukunft auch die Bücher miteinander vernetzt; die physischen, wohlgemerkt: Einfach einen Chip hintenreingeklebt, und schon können die Bücher miteinander sprechen. Toll.

Worüber würden sie wohl kommunizieren? Vermutlich werden die großformatigen Kunstdruck-Bände ihren Kollegen zurufen: "Wir sind die Schönsten! Darum hat man uns auch ein eigenes Regalfach gebaut, ganz oben natürlich. Da können wir auf alle anderen heruntergucken." "Pah!" würden die Lyrik-Bändchen antworten, "Von wegen! Wir sind noch viel schöner! Wir sind so schlank und zart – und werden von den Menschen wirklich geliebt."

"Ich dagegen werde zu Hunderttausenden gekauft", würde ein dicker Konsalik von links unten her mosern; "das ist wahre Anerkennung."  "Und ich", fistelt ein Liebesroman, "rege zwei Drittel meiner Leserinnen erotisch an. Das habe ich aus Amazonien erfahren."

"Mir ist einfach nur langweilig", sagt ein stw-Taschenbuch mit dem Namen Derrida auf dem Rücken, "seit dem Studium meines Besitzers stehe ich hier im Regal – also seit 20 Jahren." Zu dieser Statusmeldung ringen sich die anderen Bücher ein mitfühlendes "Like" ab.

"Wir sind total depressiv", sagt der Werther für alle Bände der Goethe-Gesamtausgabe, "wir scheiden wohl bald aus dem Leben." Da schweigen die anderen Bücher betroffen.

Mai 5 2012

Lies mit mir

Das menschliche Gewissen ist ein Organ, das sich erst herausbildet, wenn der Mensch in Dilemmasituationen geführt wird. Keine Dilemmata, kein Gewissen.

Was hat das mit Literatur zu tun? Stell Dir folgende Versuchsanordnung vor: Du liest ein eBook und weisst, dass Dein Lesen vom eBook registriert wird. Es reagiert auf Dich. Es reagiert auf alle Leser. Je mehr Leser, desto schneller stirbt die Hauptfigur. Das Buch ist so programmiert, dass es die kürzestmögliche der Varianten anzeigt, wenn viele Leser 'on' sind. Mehr Leser, mehr Gift. Je mehr Leser, desto schneller wuchert der Krebs. Je mehr Leser, desto schneller steigt das Wasser in dem Raum, in dem der Held sich befindet. Lesen tötet, lire tue, reading kills.

Warum das? Um die Leser stark zu machen. Wir sind nämlich alle neugierig und wollen wissen wie es weitergeht, und ob die Hauptfigur stirbt oder nicht, ist uns im Grunde egal. Nicht egal ist es uns aber, ob das Buch gleich vorbei ist oder nicht. Wir wollen alle nämlich gerne lesen, nur: Um lange zu lesen, müssten wir hier aufs Lesen verzichten oder es immer wieder unterbrechen...

Wie gemein ist das denn?

Eine Zwickmühle eben, die uns Leser darauf bringt, über unsere Lust am Sterben anderer zu reflektieren. Und unser Gewissen ausbildet.

Das Internet kennt das schon. Da dürfen die Nutzer im Rahmen eines Kunstprojekts über Leben und Tod eines Schafes abstimmen, oder ein Film führt vor, wie die Nutzer bei Morden mitmischen. Warum das ganze nicht mal als eBook ausprobieren?

Mär 17 2012

Zwischen Zeiten

Da haben also Jason Shiga und Andrew Plotkin den nächsten Versuch in interactive storytelling gestartet. Die iPhone- und iPad-App „Meanwhile verspricht dem Leser, dass er das Erlebnis eines selbstgestalteten Abenteuers haben könne – als Comic. Das ist clever, weil man schnell begreift, worum es geht, schnell Entscheidungen trifft und sich weiterklickt. Und cool – obwohl es wirklich sehr viele Entscheidungsmöglichkeiten und daher Verzweigungen in der story gibt – alles funktioniert echt fix, und da das ganze als riesige Karte angelegt ist, meint man immer, eine Art Überblick zu haben. Darüber hinaus ist die ganze App barrierefrei gestaltet; auch Menschen, die schlecht sehen, können sich mit VoiceOver orientieren. Gratulation!

Screenshot of "Meanwhile"

Wenn wie hier die Erzählung, die große Narration, im Vordergrund steht, wird der Unterschied zwischen Mitspielen und Zuhören nur allzu deutlich. Die großen Erzählungen der Weltliteratur teilen etwas mit, was nicht in Worten ausgedrückt wird; sie inszenieren etwas, und das ist ein Mehr, das man eigentlich so recht erst aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Das ruhelose Umherirren des Abenteurers, in dem eine große Verzweiflung über die eigene Heimatlosigkeit enthalten ist; das „Wie ich wurde, was ich bin“ des Bildungsromans, das von dem Erfolg des Aufsteigers erzählt; die Weltklugheit des Briefromans, in dem sich gelingendes Leben als Adaptationsfähigkeit zweier Gesprächspartner zeigt. Das sind drei typische Beispiele für klassische Erzählungen, in denen der Leser nur Beobachter ist. Und es sind auch drei gute Gründe, warum interactive storytelling auf dem Niveau eines unterhaltsamen Würfelspiels verbleiben wird.

Vielleicht befinden wir uns ja auch nur zwischen zwei Zeiten. Die große Erzählung verweilt auf dem Papier, weil sie einen elektronischen Mehrwert nicht nötig hat. Und die gaming fiction muss sich noch stark weiterentwickeln, damit sie in derselben Liga spielen darf wie die gute alte Narration.

Meanwhile we'll play that games, and we'll wait for others.

Oder gibt es schon den einen Weg durch die vielen Verzweigungen, der uns glücklich macht und uns die ganze Weisheit der Erzählung zuteil werden lässt?

Mär 10 2012

In Ron Leshem's Roman "Der  geheime Basar" ermöglicht das Internet die konspirativen Verbindungen zwischen der iranischen Jugend und der Welt, zwischen der Vergangenheit von Schah Reza Pahlevis Jet-Set und der Gegenwart der Mullahs, zwischen Teheran, dem Zentrum, und den vielen Peripherien am Kaspischen Meer oder anderswo. Das Internet ist das subversive Medium, die geheime connection  zwischen allem, was sich gegen die islamische Republik auflehnt.

Oft sind diese unsichtbaren Netzwerke das Schreckbild, der paranoide Untergrund der Literatur gewesen: "1984" von Orwell, "Das Leben der Anderen" von Henkel von Donnersmark, oder die ganzen Spionenromane des kalten Krieges. Hier, im "geheimen Basar" ist es andersherum  – die schweigend-verschwörerische Jugend, die Zukunft des Landes ist vernetzt und scheint die bestehende Ordnung über den Haufen werfen zu wollen. Als Roman funktioniert das Buch nicht deshalb, weil es das Internet thematisiert, sondern weil es die herausfordernde Ablehnung einer kleinen Minderheit mit der mächtigsten Technologie unserer Zeit zusammenbringt. Und dabei noch eine mitreißende Geschichte erzählt.

Das Internet nimmt dabei einen Platz ein, den früher oft der Literatur zugeschlagen wurde: Eine Literatur, die Einspruch erhob gegen die herrschenden Verhältnisse, die das Leben ausspielte gegen die menschenverachtenden Diktaturen, Überwachungsstaaten oder Religionswächter. So konnten sich die Schriftsteller als moralische Instanzen, vielstimmige und listige Orakel oder straighte Intellektuelle positionieren. Der Autor als Herausforderer, Literatur als Subversion.

Diese Art von Literatur funktioniert als eine Art Erkennungszeichen einer sublimen Verschwörung. "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" von Milan Kundera oder Christa Wolfs "Kassandra" verknüpften Leser mit Lesern und bildeten so eine schweigend-lesende Gemeinschaft derjenigen, die gegen das herrschenden System verschworen waren.

Heutzutage wäre es natürlich noch ganz anders möglich, eine solche unsichtbare Gemeinschaft erfahrbar zu machen. Wer wann welches eBook liest – das ließe sich schnell mit einer Software sichtbar machen. Aber sofort hätte man wieder die Schreckbilder paranoider Überwachungsstaaten auf dem Tableau – wer möchte denn schon wirklich preisgeben, welches Buch er gerade liest?

Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma könnte sein, eine Art Code auszumachen. Nur derjenige, der es wirklich möchte, gibt preis, was er gerade liest. Im Falle des "geheimen Basars" könnte man sein Smartphone oder sein Tablet nehmen, das Buch in seinem eReader aufschlagen, sich nach Mekka ausrichten und ein paar Verneigungen und Kniefälle ausführen. Kompass und Gyroskop und all die anderen Sensoren würden die Daten einlesen ... und schon werden auf einer Weltkarte alle Leser des "geheimen Basars" angezeigt, die gerade "on" sind ....

Feb 25 2012

Eulalie

Als Stéphane Mallarmé vor 115 Jahren Un coup de dés jamais n'abolira le hasard schrieb, hatte er eine Art Wortpartitur im Sinn. Für seine Zeitgenossen stellte die Beobachtung, dass man eine erstaunliche musikalische Poesie wahrnehmen kann, obwohl (oder gerade wenn) die Sprache keinen Sinn hat, eine Herausforderung dar.


Worte als Ausgangsmaterial für neue Poesie haben beispielsweise John Cage, James Joyce oder Kurt Schwitters benutzt und dabei gerne auf Sinn verzichtet. Alle drei waren gut eingeführte Künstler, alte Avantgardisten, die ihre hochartifiziellen Produkte in kleinen Marktnischen unterbringen konnten, jeder andere hätte es wahrscheinlich schwer gehabt, so etwas abzusetzen.

Man kann sich einer solchen klanglichen Sprache auch anders annähern; es lässt sich beispielsweise, wenn man aufmerksam hinschaut, ein überschaubares Set von Klangfiguren definieren. Ein Wortschwall als kompakte fluide Menge etwa, ein Stimmenwirrwarr, der sich bis zur Kakophonie steigert, oder Sang und Gegengesang wie bei einem Duett oder dem Wechselspiel Solist-Chor. Sicherlich können diese Figuren nicht beliebig miteinander kombiniert werden; daraus ergeben sich fast zwangsläufig Algorhythmen der Anordnung.

Und dann könnte man eine digitale und interaktive Umsetzung vornehmen. Hat der Nutzer eine Sprache ausgewählt, kann er Worte eingeben, die von der Maschine zu charakteristischen Phrasen ergänzt werden. Dann kann der Nutzer die gewünschten Klangfiguren auswählen ...

... und schon wabern Mallarmé'sche Klangteppiche über den Schirm. Vorsingen sollte man sie sich dann selber. Wer darauf keine Lust hat, kann sich ja eine Aufnahme von Schwitters' Ursonate besorgen.

Begriffe: 
Feb 18 2012

In der Metro

Als Jean Tardieu vor 60 Jahren die "Liebenden in der Untergrundbahn" schrieb, hatte er eine Liebesgeschichte vor Augen. Paris (so heisst der junge Liebende aus der Vorlage Tardieus) durchschwimmt eine Meerenge, um seine Geliebte Helena zu erreichen (die er dann mit nach Hause nimmt, nach Troja und so weiter). Bei Tardieu ist dieses Meer eine Menschenmenge in der U-Bahn, und der Liebende, der zu seiner Geliebten möchte, muss mit den vielen anonymen Personen um ihn herum Gespräche führen. Durchdrängeln geht nämlich nicht, und um seine Liebste zu erreichen, muss er seine U-Bahn-Nachbarn davon zu überzeugen, mit ihm den Platz zu tauschen.

Tardieu schreibt Texte für nur fünf Darsteller (zwei weibliche und drei männliche), die Hauptfiguren heissen schlicht "Elle" und "Lui", aber insgesamt kommen 23 anonyme Fahrgäste vor. Also ziemlich viel Raum für individuelle Gestaltung. Es gibt eine ganze Reihe von Dialogen, die nicht zwingend aufeinander folgen müssen; aber es gibt wiedererkennbare Rollen wie "die berühmte Schauspielerin" oder "der mürrische Beamte", und so ergeben sich bald Standardsituationen eines sprachlichen Austauschs, den Tardieu immer wieder aufs vergnüglichste verfremdet.

Metrostation in Paris

Das ist eigentlich eine prima Vorlage für ein digitales Großstadtspiel mit geskripteten Vorgaben. Man geht morgens in die U-Bahn, bekommt ein Update mit einem Rollenskript ins Smartphone gedrückt, dann kann man sich über die App jemanden in der U-Bahn suchen, der bei diesem Spiel mit dabei ist. Und dann muss man versuchen, mit diesem anderen die Rollenvorgaben auszufüllen. Eine Übung wie Smalltalk, kann aber ganz witzig sein, und als tägliches Training, um die Anonymität zu überwinden, taugt das bestimmt auch. Man lernt andere Leute kennen – interessante wie abstossende – und kann seinem Sprachwitz freien Lauf lassen; denn hier weiss der Angesprochene ja um den "Kontext" des Tardieuschen Stückes.

Und wenn das Stadt-Theater-Spiel zu einer echten Paarkonstellation führen sollte, kann die App bestimmt bald mit allen Partnerforen des Internets konkurrieren.

Jan 21 2012

A wall of words

Geschichten stiften Identität, wenn sie sich um das Woher und Wohin einer Gemeinschaft drehen. Wer möchte, kann die Literaturgeschichte daraufhin abklappern, wie erzählte oder aufgeschriebene Geschichten die Identität von Individuen, Gruppen oder größeren Einheiten konstruieren. Meist funktioniert das über einen simplen Gegensatz, den von "Wir da drinnen, ihr da draußen". Bei der Konstruktion einer neuen Identität wird all das ausgeschlossen, was nicht Teil dieser Identität ist; das Selbst und das Andere werden voneinander getrennt und abgegrenzt. So kommt es, dass Literatur mit ihrem Potential zu Polyphonie und Dialogizität manchmal einem ganz anderen Projekt dienlich wird, nämlich dem Ausschluss. Dann kommt das Erstellen einer Geschichte aus Worten dem Bau einer Mauer zwischen dem "wir" und dem "sie" gleich. Die Identität, die durch solche Geschichten gestiftet wird, beruht auf einer Art Verbannung, und vor allem macht sie vergessen, dass man eigentlich immer zwei braucht, um zu wissen, wer einer ist.

Diese Mauern, die zwischen zwei Identitäten, dem Drinnen und dem Draußen, dem Selbst und dem Anderen verlaufen, haben in der jüngeren Vergangenheit mit der innerdeutschen Mauer und dem Grenzmauer zwischen Israel und dem Westjordanland Monumentalcharakter erhalten. Auf beiden Seiten der Mauern wurden und werden Geschichten erzählt, die den Anderen ausschliessen, zum Fremden machen und die Vereinigung mit diesem Anderen als lebensgefährlich beschreiben.

Man könnte doch für ein "echt deutsches" Projekt solche Geschichten aus der Zeit zwischen 1961 und 1989 sammeln und auf dem Mauerstreifen in Berlin in ein interaktives Kunstwerk verwandeln. Ein paar Meter Mauer noch mal neu errichten, eine interaktive Fassade mit täglich wechselnden QR-Codes erstellen, und dann kann jeder Besucher mit einem Smartphone hüben und drüben – also auf beiden Seiten der Mauer – lesend erfahren, wie die Deutschen einstmals voneinander gedacht haben.

Wie das technisch aussehen könnte, hat Terada Design mal auf einer Fassade in Tokyo vorgeführt:

N Building from Alexander Reeder on Vimeo.

Vielleicht würde diese physisch-räumliche Erfahrbarkeit von Mauern und Stereotypen ja ein bisschen dazu beitragen, Einsicht in soziale Verhältnisse zu erlangen. Die meisten dieser Mauern sind schliesslich unsichtbar.

Jan 7 2012

Interactivity in iBooks

Gerade weil oder obwohl Steve Jobs tot ist, hat sein Laden noch einen seiner Wünsche erfüllt: Im Dezember gabs eine neue Version von iBooks und ein Geschenk dazu: Ein interaktives Büchlein, das die story des Beatles-Films "Yellow Submarine" interaktiv in Szene setzt. Ein schwäbischer iFan hat dazu ein Präsentationsvideo auf youtube gestellt:

Schön an diesem Buch ist zunächst einmal, dass es umsonst ist, jedenfalls noch. Es zeigt alle Möglichkeiten, die interaktive Bücher mit Stand von heute leisten können, und das, ohne eine App zu sein. Das Buch kommt im DRM-geschützten ePub-Format daher. Ob die Technik allerdings tatsächlich am neuen ePub3-Standard orientiert ist, weiss – wie so oft bei Apple – keiner genau. Die gewählten ePub-Erweiterungs-features und die iBooks-Aktualisierung sind jedenfalls aufeinander abgestimmt. Andererseits zeigt dieses Buch auch die Nachteile, mit denen man derzeit rechnen muss: Das iBook, das aus dem iBookstore geladen wird, ist 317 MB dick und braucht dementsprechend lange, bis es im Endgerät verfügbar ist. Einmal aufgeschlagen, benötigen viele Animationen ein bisschen, bis sie vollständig geladen sind, es gibt häufiger mal ein Geruckele hier und eine Irritation da (weil es noch keine eingeführte Gestik für derlei gibt), aber insgesamt kommt man gut durch und hat viel zum ausprobieren.

Für jeden, der sich für dieses Thema interessiert und ein iPädchen zur Hand hat, also ein Muss – solange es das Teil noch umsonst gibt, kann man ruhig in Kauf nehmen, dass damit für viele weitere Beatles-Produkte im Apple-Wunderland geworben wird.

Begriffe: 
Okt 29 2011

Hidden messages

Routinierte Leser kennen das Phänomen: Für die ersten fünfzig Seiten eines Romans benötigt man wesentlich länger als für die letzten fünfzig. Warum eigentlich? Jeder Leser, der sich in die imaginäre Welt eines literarischen Werkes versenkt, arbeitet intensiv: Er erstellt die imaginäre Welt in seinem Kopf, und diese Leistung entschleunigt das Lesetempo.

Wie wäre es, eBooks zu erstellen, bei denen jedes Umblättern einer Seite ein Abbild dieser imaginären Welt nach und nach, ganz allmählich zutage fördert? Hinter den Buchstaben könnten langsam Konturen sichtbar werden, die gegen Ende des Buches deutlich erkennbar sind.

Ein paar Beispiele: Leser von Daniel Kehlmanns Ruhm könnten eine grafische Darstellung des Beziehungsgeflechts angezeigt bekommen, das sich während der Lektüre durch die Bezüge zwischen den Figuren ergibt. Die Leser von Italo Calvinos Le città invisibili erhalten eine Karte all jener Städte, die von Marco Polo dem aufmerksamen Zuhörer Kublai Khan geschildert werden und mehr einem imaginären Universum angehören denn dem realen chinesisch-mongolischen Reich. Oder man erhält, von Kapitel zu Kapitel je unterschiedlich, Bilder aus der Geschichte Indiens, die in Salman Rushdies Mitternachtskindern erzählt wird.

Würde das den Begriff Illustration nicht neu definieren und der Beziehung zwischen Bild und Text neue Möglichkeiten einhauchen?

Okt 15 2011

Nomadic reading

Das Auge des Nomaden erquickt sich am sanften Grün der Wiesen, an den bunten Blütenteppichen. Im sanften Rhythmus der Hügelwellen gleitet er dahin. Die ruhigen Linien der terrassierten Berghänge liegen vor ihm, aufgeschlagen wie ein Notizbuch Gottes. Erst in der Bewegung des Vorbeigleitens offenbart sich sein Inhalt.

Gottes Notizbuch, Äthiopien 2011

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