Nov 2 2014

Literatur im Vortex

Edgar Allan Poe's Erzählung "Hinab in den Maelström" ist eine klassische Parabel auf die Fähigkeit des Menschen, Situationen zu erfassen, zu analysieren und mit Hilfe der Ratio auch zu meistern – selbst (oder gerade) wenn es um Leben und Tod geht. In der Erzählung berichtet ein weisshaariger Mann, wie er mit seinem Boot in einen gigantischen Strudel gerät und von diesem allmählich nach unten gezogen wird.

Illustration zu "Hinab in den Maeström" von Harry Clarke, 1919Als eBook könnte die kurze Geschichte den Leser, der sich die tödliche Gewalt des Wasserwirbels imaginieren muss, mit einer technischen Raffinesse bei der Einfühlung unterstützen: In den modernen Tablets sind – neben anderen Sensoren – auch Gyroskope eingebaut, Kreiselmesser, die feststellen, wie das Tablet gerade gehalten wird. Man kann eBook und Sensor verknüpfen, so dass der Leser beispielsweise nicht mehr durch Wischen blättert, sondern indem er das Tablet kurz 'nicken' lässt. Für eine digitale Maelström-Edition könnte man die Seiten ganz abschaffen, so dass der Text quasi durch Scrollen gelesen werden kann – man muss das Tablet kurz von sich weg neigen, um weiterlesen zu können. An der Stelle, in der der Mann sich mit seinem Boot in den Strudel hinabneigt, muss das Tablet die Kippbewegung des Bootes imitieren (sonst kann nicht weitergelesen werden). Und um dann weiterzuscrollen, muss das Tablet schräg gehalten werden – es muss auf der Seite liegen wie das Boot im Strudel. Später muss man vielleicht das Buch schaukeln lassen, um die heftigen Stöße nachzuempfinden, die das Boot abbekommt...

Ein eBook also, das vom Leser Bewegung fordert. Und eine Parabel auf die Literatur im digitalen Zeitalter. Auch wenn es nicht um Leben und Tod des Buches geht.

Aug 31 2014

Perspektivwechsel

Erzählen funktioniert ja in verschiedenen Medien; insofern können sich Erzähler auch etwas von anderen Medien abschauen. Einer der kreativeren Filmemacher der letzten Jahre, Quentin Tarantino, hat sich beispielsweise in dem subtilsten (und am wenigsten blutrünstigen) seiner Filme ein paar schöne Kniffe einfallen lassen. Es ist nicht nur die minutenlange ungeschnittene Kamerafahrt am Beginn des Films, die "Jackie Brown" für Cineasten wie für Vielflieger gleichermaßen attraktiv macht. Sondern: Eine der Schlüsselszenen des Films, die Geldübergabe in einer Shopping-Mall, wird nicht nur einmal gezeigt, sondern gleich drei Mal. Jedes Mal aus unterschiedlichen Perspektiven, erzähl- und kameratechnisch gesehen.

Beim ersten Mal begleitet die Kamera die Hauptdarstellerin Jackie Brown, wie sie sich in dem Modeladen, in dem die Geldübergabe stattfindet, einen Anzug aussucht. Steht ihr super.

Aus der Perspektive von Jackie

Beim zweiten Mal wird der Streit zwischen Melanie und dem sehr nervösen Louis gezeigt, die zugleich Jackie dabei beobachten, wie sie sich einen Anzug aussucht, der ihr super steht.

Aus der Perspektive von Melanie und Louis

Beim dritten Mal wird die ganze Szene von Max Cherry beobachtet, dem Kautionshändler, der schliesslich das Geld an sich nehmen wird (und der auch findet, dass der Anzug Jackie super steht).

Aus der Perspektive von Max Cherry


Dreimal dieselbe Szene, in unterschiedlichem Kamerawinkel und unterschiedlich nah aufgenommen. Von dem, was da erzählt wird, ist es immer dasselbe, wie die obigen Bilder belegen. Anders ist eigentlich immer nur der Rahmen – einmal ist es die Erlebnisperspektive von Jackie, dann die von Melanie und Louis, dann die von Max Cherry. Der Informationszugewinn für den Zuschauer liegt nur in der Rahmenerzählung, nicht in der Wiederholung. Dennoch bewirkt sie, dass der Zuschauer sehr genau versteht, was da wirklich passiert (und wer da wen hinters Licht führt).

In einem Buch würde das so wahrscheinlich nicht vorkommen – es wird wohl kaum einen Autor geben, der seinen Text per copy + paste dreimal einfügt. Unterschiedliche Winkel oder Nähe/Ferne kennt das Erzählen mit Worten so nicht. Stets wäre die Erzählperspektive an das individuelle Erleben eines der Figuren geknüpft; Jackie Brown empfindet und sieht anders als die anderen Figuren.

Das wäre eine Möglichkeit, wie in digitaler Literatur die viel gescholtenen Hyperlinks verwendet werden könnten; der Leser muss sich entscheiden, ob er lieber mit der einen oder der anderen Figur gehen (oder vielmehr lesen) will. Aber er kann auch alle drei Erzählungen lesen; oder das ganze auch mehrfach lesen ...

... wie man es nur mit Büchern macht, die man wirklich gern mag.

Aug 11 2014

Clues

Vor fast 150 Jahren schwappte die Wissenschaft in die Literatur über und ein neues Genre entstand – der Kriminalroman. Im Krimi geht es logisch zu, und der Kriminalist oder Detektiv arbeitet 'wissenschaftlich', indem er Hinweise sammelt, erforscht und miteinander verknüpft. Nie zuvor mussten sich die Leser derart akribisch mit den in den Text eingebetteten clues beschäftigen, um gemeinsam mit dem Protagonisten nach der Lösung des Rätsels zu forschen. Es ist merkwürdig genug: Das neue Genre setzte sich binnen kurzem durch und damit eine Sorte von Fiktionen, in denen ein semioti­scher Mechanismus (also die Entzifferung von Spuren und Hinweisen) mit einer narrativen Struktur (dem Spannungsaufbau bis zur finalen Auflösung) verschränkt wurde. Tatsächlich gibt es kaum ein anderes Genre, das den Leser derart stark involviert, ihn am Geschehen teilhaben lässt und ihn dazu verführt, im Wechsel entweder den plot zu verfolgen oder die gestellten 'kriminalistischen' Aufgaben zu lösen. Daher bietet der Kriminalroman Anknüpfungspunkte für Interaktivität wie kaum ein zweites literarisches Genre.

The labyrinthic big brain

Leserbindung, Interaktivität – vielleicht zeichnet sich der digitale Kriminalroman der Zukunft ja (als eines der wenigen literarischen Genres) durch seine Nähe zum Spiel aus. Denn wie bei einem Spiel könnten Leser digitaler Krimis (narrative) Fährten verfolgen und (virtuelle) Hinweise sammeln. Diese wiederum liessen sich mit dem plot verbinden; in einer simplen Form könnte das wie eine notwendige Bedingung aussehen ("wenn Du nicht alle nötigen Hinweise gefunden hast, kannst Du nicht weiterlesen"), in einer raffinierteren Form könnte das Geschehen mit dem Handeln des Kriminalisten oder Detektiv verbunden sein: Falsche Hinweise gesammelt, nicht auf die richtige Fährte gekommen. Oder: Richtig kombiniert, Mörder überführt.

Vermutlich wird sich das Genre "digitaler Kriminalroman" so entwickeln wie ein klassisches Labyrinth: Es wird eine ganze Weile brauchen, bis die konzeptionelle Mitte zwischen "Es gibt eigentlich nur einen Weg raus" und "Es muss schon unübersichtlich sein" gefunden ist. Ich glaube aber, das wird kommen. Warten wir's ab.

Apr 12 2014

Menschen machen Muster, und wenn man die Finger ständig an einem Gerät wie dem Smartphone hat, kennt das Gerät diese Muster. Die Vermessung des Ichs läuft über Spracherkennung, Temperatur, Hautfeuchtigkeit, Blutdruck und Puls, und wenn alle iDevices dann noch mehr vollgestopft werden mit Sensoren, kann man irgendwann noch geschmackliche Prämissen, arithmetische Geschwindigkeit, Depressivitätsintensität, Körpersaftaussscheidungsfrequenz und sensuelle Rezeptivität bei homöopathischen Dosen aufzeichnen (Liste beliebig verlängerbar). Alles, was sich wiederholt, kann zu Mustern verarbeitet werden, und stabile und erfolgreiche Muster lassen sich auslesen. So bestimmt auch die eigene Empfänglichkeit von Literatur.

Mit anderen Worten: Wenn ich schlecht drauf bin und mir Jandl-Lyrik aus dem Loch hilft; wenn es mir besser gelingt, Schmerz zu ertragen, weil ich Cervantes lese; wenn mich Rimbauds wilde Würstchen in das Hochland von Abessinien und damit aus den starren Alltagsabläufen herauszerren, dann ist das ganz klar ein Fall für mein 1984 erfundenes "Quantified Self" - eBook, das mit allen Geräten im Smartphone kommunizieren kann. Da es mich kennt, weiss es, wann es mir welche Literatur zu lesen gibt, damit es mir gut geht. Oder noch simpler: Das Buch fühlt mir den Puls und schlägt Literatur vor, passend zur Stimmung oder kontrapunktisch.

Ein Hurra auf alle Algorhythmen, denn die Hauptsache ist doch, dass Literatur beim Leser wirkt, wie eine quasi-homöopathische, "geistige" Stimulation. Und je genauer meine Daten interpretiert werden, um so genauer fokussiert die Literatur auf ihren Leser. Denn eigentlich gibt es ja immer nur einen Leser, und der heisst: ICH.

Jan 18 2014

Mit den Ohren sehen

Wer mal eine echte Wahrnehmungsveränderung erleben möchte, sollte ins Kino gehen: In "Imagine" bringt ein blinder Lehrer seinen ebenfalls blinden Kindern Orientierung per Echo-Ortung bei. Da das Sounddesign und die Hifi-Anlagen in den Kinos heutzutage super sind, kann man das alles als Zuschauer prima nachvollziehen: Man lernt, mit den Ohren zu sehen. Das klappt zum Ende des Films hin so gut, dass das riesige Schiff, vor dem die Blinden stehen, vollkommen wahrnehmbar ist (auch wenn man es nicht zu sehen bekommt, selbst wenn man sehen kann). Inneres Auge auf also, dann hast Du's. Das will auch der Titel des Films sagen: Was Du nicht sehen kannst, musst Du imaginativ ergänzen – erst dann ist die Szene komplett.

Die NASA hat sich jetzt was nettes für blinde Leser einfallen lassen. Weil das Hubble-Teleskop so schöne Bilder vom Tarantel-Nebel macht, produzierte das Space Telescope Science Institute (STScI) ein eBook mit interaktiven Fotos, das demnächst im iBook-Store erscheinen wird. Fotos für Blinde: Wenn man mit dem Finger über die Sterne streicht, werden sie hörbar. Je heller der Stern, desto höher der Ton. Kältere Sterne hört man auf dem rechten Ohr, wärmere auf dem linken. Interaktivität einmal akustisch realisiert. Darüber hinaus gibts noch naheliegende features wie Braille-Layer und Screenreader.

Hubble Probes Interior of Tarantula Nebula
Source: Hubblesite.org (Credits: NASA, ESA and E. Sabbi (STScI))

Mein eBook für Blinde sähe natürlich anders aus. Ein virtueller Raum, in dem weniges nur klar zu erkennen ist (die meisten "Blinden" sind ja nicht völlig blind, sondern sehen nur stark eingeschränkt). Geräusche zeigen an, wo es was zu entdecken gibt. Durch den Raum wird mit den Bewegungen des eReaders navigiert, also mit dem Gyroskop. Und Geschichten und Abenteuer sind dort leicht zu erleben, wie wir aus "Imagine" wissen. Man könnte sich zum Beispiel ein Glas Wasser einschenken ...

Dez 14 2013

Bücher, die sich an den Leser anpassen, während er liest – klingt spannend, aber wie kann man sich das vorstellen? Das Buch muss ja irgendwelche Hinweise auf den Leser bekommen, und wenn es nicht seine Lesespuren und Lesegewohnheiten registriert, muss es halt anders gehen.

Um uns an den Gedanken eines reagierenden Buchs zu gewöhnen (und um eine Leserschaft heranzuziehen), macht das New Yorker Startup "Borne digital" vor, wie so ein Buch funktionieren könnte: Die jungen Leser / Schüler bekommen nach dem ersten Kapitel Fragen vorgelegt. Wenn die beantwortet wurden, weiss das Buch, was es von seinem Leser halten soll und passt sich ihm an, was das sprachliche Niveau und die Komplexität angeht. So werden die noch Buchunerfahrenen bei der Stange gehalten. Als born digital readers wird ihnen dabei sicher nicht merkwürdig vorkommen, dass die Lehrer auch Zugang zu ihren Daten haben. Hm. Im Video des New Yorker Vereins sieht das so aus:

 

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Dez 7 2013

Stadt der Liebe

Nichts verändert die Wahrnehmung so stark wie die Liebe – sei es nun, weil alles in Rosa getaucht ist, oder weil die Sinne verwirrt sind. So taucht man als Leser eines Liebesromans schnell in eine phantastische Welt ein. Die Blumen wenden ihre Köpfe den Liebenden zu; die Fliesen, mit denen der Gang gekachelt ist, durch der Verliebte schreitet, beginnen warm zu strahlen und golden zu glänzen; eine schnelle Handbewegung durch die Luft lässt Musik erklingen.

Mit allen Sinnen durch die Stadt der LiebeKein Wunder, dass aus solchen Erzählungen schöne digitale Bücher werden können, in denen augmented literature und augmented reality verschmelzen. Nehmen wir die Stadt der Städte dafür, Paris. Der Leser streift mit seinem Lesegerät durch die Straßen und liest – und alles ist verändert: Die Straßen sind umbenannt, wenn er auf den Stadtplan schaut, denn nun erinnern sie an die Wege und Orte, die das Liebespaar beschreitet und besucht. Schaut der Leser durch die Kamera, sieht er die Liebste (oder den Liebsten) um die Ecke verschwinden wie einen holden Traum – oder im blauen Himmel über sich auf einer Wolke schweben. Die Denkmäler sind verwandelt, denn nun sieht man das Paar in Marmor gehauen und in hingebungsvollen Posen. Und die Metrostationen noch des banalsten Vergnügungsviertels verwandeln sich in den Namen der Geliebten. Ein rascher Schwenk mit dem digitalen Buch, und Sphärenklänge ertönen ...

Aber ach, vielleicht, vielleicht wird auch bald der schwache Duft einer Seerose die Lungen füllen ...

Sep 21 2013

Es ist eigentlich eine Aufgabe für einen Gymnasiasten: Fasse einen Text auf eine Länge von 1.000, 500 oder 140 Worten zusammen. 'Warum soll eigentlich ich das machen,' wird sich ein britischer Teenager gedacht haben, 'wenn auch eine Maschine das genauso gut erledigen kann?' Also programmierter er fröhlich eine App, die Artikel und Nachrichtentexte im Web zusammenfasst und stellte sie in Apples App-Store. Das war 2011. Zuerst hieß die App Trimit, die weiterentwickelte Version nannte sich dann Summly. Vor einigen Monaten hat Yahoo dann Summly gekauft, für schlappe 30 Millionen Dollar. Der britische Schüler durfte sich freuen: Jüngster Self-Made-Millionnaire der Geschichte.

Das ist eine der phänomenalsten Erfolgsstorys, die die IT-Welt zu bieten hat. Möglich ist sie geworden, weil auch Google und Apple massives Interesse an Textzusammenfassungssoftware hat. Google kaufte wenig später Wavii, eine andere Nachrichtenkürzungs-App. Nur Apple steht bislang mit leeren Händen da. Wo die Dinosaurier trampeln, leidet nicht immer nur das Gras; manchmal fallen auch große Fladen ab.

Mein Ich und der TextDass Maschinen Texte zusammenfassen können, ist eigentlich ein Phänomen. Sicher, es mag vergleichsweise simpel sein, Sachtexte (Nachrichten, Berichte, Zeitungsartikel) zusammenzufassen. Ein literarisches Werk kann man nicht einfach zusammenfassen, man muss es nacherzählen. Trotzdem ist die Aufgabe, die Summly übernimmt, nicht trivial: Ist Auswahl und Zusammenfassung nicht auch Interpretation? Oder sieht die Zusammenfassung etwa immer gleich aus? Wenn man es so herum sieht: Lässt man Summly mehrfach dieselben Texte zusammenfassen – kommen dann auch immer dieselben Ergebnisse heraus?

Und noch einmal anders gefragt: Macht diese merkwürdige App (die ja nichts anderes tut als Texte durch den Fleischwolf zu drehen) nicht deutlich, dass jedes Lesen eine Selektion und Komplexitätsreduktion darstellt? Erinnert sie daher nicht daran, dass Lesen und die Interpretation von Texten immer eine deformative Operation ist? Der Mensch ist das interpretierende Tier. Es macht ihm unheimlichen Spaß, in allen möglichen chaotischen Informationshaufen Muster zu erkennen. Leser literarischer Werke wissen genau: Wenn man mit anderen Lesern anfängt, über einen Text zu diskutieren, treffen automatisch unterschiedliche Lesarten aufeinander. Die Bedeutungen, die man aus einem Text herausliest, stellen immer nur eine Reduktion aus der enormen Menge von Bedeutungen dar, die dieses Werk aufbietet. Und meistens sagt die Interpretation, die der Leser darbietet, viel über ihn selbst, über sein Ich auf.

Wo Ich und Text in der Interpretation interagieren, kann eigentlich von der Einheit und Unantastbarkeit des Kunstwerks keine Rede mehr sein. Eine Funktion im eReader könnte das verdeutlichen: Diejenigen Textstellen, anhand derer sich das Buch zusammenfassen lässt, können markiert werden. Nach der Lektüre drückt der Leser auf einen Button, und der ganze literarische Text wird auf wenige Absätze eingedampft. Würde man die Ergebnisse verschiedener Leser desselben Textes miteinander vergleichen, wäre es überdeutlich: Interpretation ist Deformation.

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Aug 24 2013

My true companion

Als vor gut hundert Jahren der italienische Futurist Marinetti sein erstes Manifest in die Welt hinausposaunte, erlangte die Literatur nicht nur einen neuen gesellschaftlichen Stellenwert, sondern auch eine neue Attitüde gegenüber den Lesern. Fortan galt es als Markenzeichen der Avantgardisten, ihre Leser gleichsam anzubrüllen und sie in messianischem Überschwang zu bevormunden. Ab da wussten es die Künstler scheinbar besser, zumindest einige. Diese Selbstüberschätzung ging mit der Unterschätzung der Leser einher; sie waren diejenigen, deren Hirn es neu zu ordnen galt, deren Wahrnehmung verändert oder Sensibilität entfaltet werden musste. Noch der stille Kafka war der Ansicht, ein Buch müsse die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Ich selbst fühle das nicht so, und die Axt scheint mir eher bedrohlich zu sein.

Heutzutage ist es eigentlich nur noch der Film, allenfalls noch die Fotografie, die die Übernahme der Sinne anstrebt und eine Überwältigungsstrategie verfolgt. Bücher dagegen, das haben wir gelernt, gewähren dem Leser Handlungsmacht und Steuerungsfähigkeit. Man so schnell oder so langsam lesen wie man möchte, man kann intensiv oder kursorisch lesen, eintauchend udn versenkend oder analytisch-distanziert. Wir Leser reagieren ganz anders auf Literatur als auf Film, wir befinden uns mehr auf Augenhöhe, steuern unser empathisches Engagement und dialogisieren mit dem Text. Es ist möglich, von einem Buch begleitet zu werden und mit dem Buch zu tanzen, und wir behalten unsere Freiheit gegenüber diesem Medium noch in dem Moment, in dem wir die Lektüre abbrechen. Genau dieses Verhältnis stellt die Anschlussfähigkeit für eine interaktive Gestaltung von digitaler Literatur her.

Die Bücher vollzuballern mit Audios, Videos und allen möglichen klingelnden Features, um die Leser in eine neue Lesehaltung zu zwingen: Das hingegen ist eher die Fortführung der Strategie der terroristischen Avantgarden. Kein Wunder, dass viele Leser bei diesem Gedanken schaudern. Das Buch als Axt in der Hand von irgendwelchen Besserwissern – nein danke. Viel schöner ist es doch, ein Buch als ständigen, freundlichen und treuen Begleiter zu denken. Die Avantgardisten des neuen Buches tun gut daran, auf leisen Socken daherzukommen – und zumindest so raffiniert zu sein, wie es zeitgenössische Buchautoren schon sind.

Mein Buch als treuer Begleiter

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Jul 6 2013

Über Zuschauer

Stephen King - The Running ManStephen Kings "The Running Man" spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft. Der Roman handelt von einer Reality-TV-Show, für die sich ein Mann bereit erklärt hat, um sein Leben zu rennen. Er wird verfolgt von einer Gruppe von "Jägern" (ebenfalls Beteiligte der Reality-Show), deren Auftrag es ist, ihn zu töten. Der TV-Sender beteiligt seine Zuschauer, indem er ihnen die Möglichkeit bietet, Informationen über den Aufenthaltsort des "Running Man" zu liefern, die dann wieder der Gruppe der "Jäger" weitergegeben werden. Wenn der Gejagte 30 Tage überlebt, erhält er eine Million Dollar, wenn nicht, wird er von den Jägern getötet – vor laufender Kamera, live im Fernsehen übertragen.

Das 1982 erschienene Buch des Bestsellerautors hat sich mit der Vorwegnahme der Themen Überwachung (Big Brother), Zuschauerbeteiligung (Votings) und "Für-Geld-oder-Ruhm-mach-ich-alles" (Casting-Shows) als prophetisch erwiesen.

Der Roman wäre eine gute Grundlage für ein interaktives Online-Spiel. Gejagter und Jäger. Klar vergebene Rollen, viele mögliche Varianten für den Verlauf, aber nur zwei mögliche Ergebnisse: Leben oder Tod.

Würde der Roman als interaktives eBook gestaltet, dann könnte er eine weitere Variante anbieten: Die Leser nehmen nicht die Rolle einer der beiden Parteien ein, sondern die der Zuschauer. Immer wieder werden sie gefragt, ob sie ihr Wissen über den gegenwärtigen Aufenthaltsort des rennenden Mannes UND der Jäger wahlweise an ihn oder an die Jäger weitergeben wollen. Die Leser könnten sich auch dafür entscheiden, nichts zu tun – und dann das Buch so lesen, wie Stephen King es geschrieben hat.

Selbst wenn sich die Leser / Zuschauer für die dritte und letzte Variante entscheiden würden: Allein der Gedanke, dass es die Möglichkeit gibt, aktiv am Ausgang der Handlung teilzuhaben, würde den Lesern mindestens eine Illusion rauben: Nämlich die, dass es einen unbeteiligten Leser/Zuschauer gibt.

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