Jul 6 2013

Über Zuschauer

Stephen King - The Running ManStephen Kings "The Running Man" spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft. Der Roman handelt von einer Reality-TV-Show, für die sich ein Mann bereit erklärt hat, um sein Leben zu rennen. Er wird verfolgt von einer Gruppe von "Jägern" (ebenfalls Beteiligte der Reality-Show), deren Auftrag es ist, ihn zu töten. Der TV-Sender beteiligt seine Zuschauer, indem er ihnen die Möglichkeit bietet, Informationen über den Aufenthaltsort des "Running Man" zu liefern, die dann wieder der Gruppe der "Jäger" weitergegeben werden. Wenn der Gejagte 30 Tage überlebt, erhält er eine Million Dollar, wenn nicht, wird er von den Jägern getötet – vor laufender Kamera, live im Fernsehen übertragen.

Das 1982 erschienene Buch des Bestsellerautors hat sich mit der Vorwegnahme der Themen Überwachung (Big Brother), Zuschauerbeteiligung (Votings) und "Für-Geld-oder-Ruhm-mach-ich-alles" (Casting-Shows) als prophetisch erwiesen.

Der Roman wäre eine gute Grundlage für ein interaktives Online-Spiel. Gejagter und Jäger. Klar vergebene Rollen, viele mögliche Varianten für den Verlauf, aber nur zwei mögliche Ergebnisse: Leben oder Tod.

Würde der Roman als interaktives eBook gestaltet, dann könnte er eine weitere Variante anbieten: Die Leser nehmen nicht die Rolle einer der beiden Parteien ein, sondern die der Zuschauer. Immer wieder werden sie gefragt, ob sie ihr Wissen über den gegenwärtigen Aufenthaltsort des rennenden Mannes UND der Jäger wahlweise an ihn oder an die Jäger weitergeben wollen. Die Leser könnten sich auch dafür entscheiden, nichts zu tun – und dann das Buch so lesen, wie Stephen King es geschrieben hat.

Selbst wenn sich die Leser / Zuschauer für die dritte und letzte Variante entscheiden würden: Allein der Gedanke, dass es die Möglichkeit gibt, aktiv am Ausgang der Handlung teilzuhaben, würde den Lesern mindestens eine Illusion rauben: Nämlich die, dass es einen unbeteiligten Leser/Zuschauer gibt.

Sep 24 2010

Lesen und Handeln

Wer liest, handelt nicht. Wer handelt, liest nicht. Warum? Der Handelnde ist fühllos, der Lesende passiv.

Wer ein literarisches Werk liest, stellt seinen Körper still und öffnet sich – in unterschiedlichen Intensitätsgraden – den dargebotenen Inhalten. Flüssige Sätze durchströmen ihn wie ein gefühlter Bachlauf, die Worte rempeln ihn an im Dahinfliessen des grossen Demonstrationszuges einer Erzählung. Er lässt zu, dass seine Imagination besetzt wird von etwas, auf das er wenig Einfluss nimmt. Empathie entfaltet sich in der Sensibilität für das Erzählte und im analytischen Denken, das nichts anderes ist als ein Denken mit der Sensibilität. Dem Handelnden dagegen mangelt es an dieser Sensibilität, er drückt dem Geschehen seinen Stempel auf und legt keine Rechenschaft ab über ein Fremdes, das sich ihm in den Weg stellt. Er schreitet über es hinweg, häufig ohne Bewusstsein der eigenen Disempathie.

Für die Zukunft des Buches bedeutet das ein Gebot zur Vorsicht bei der Gestaltung interaktiver Elemente. Ein Buch ist nicht einfach ein Computerspiel, in dem beständig gewechselt wird zwischen Lesen und Handeln. So spielerisch und intuitiv der Zugang zur imaginierten Welt auch gestaltet sein mag – immer wieder zu Aktivität aufgefordert zu werden behindert die eigene Imaginationsfähigkeit und beschneidet die Sensibilität. Daher wird es auch weiterhin einen Bereich geben müssen, der vom Literarischen des Textes vollständig dominiert wird, und der sich nicht von der Realität des Lesers abhängig macht. Texte eröffnen ihre eigene Realität nur dem, der es zulässt, und der nicht beansprucht, mitwirken zu wollen. Dann hört er die Sonne über sich jauchzen, sieht die Frühlingszweige sich ehrfurchtsvoll zur Seite neigen und wird jener Liebende auf dem Weg zu seiner Geliebten, dahinschreitend über den weichen roten Teppich des Bürgersteigs. Und er überlässt sich der Fürsorge und Klugheit des Textes, die ihn aus dem Exil der geistigen Stagnation herausführt, er bewundert die Syntax, die ihn mit ihren Rhythmen liebkost, und er bemerkt das Spiel der fiktionalen Muskeln in ihrer Anstrengung, das Leben der Literatur wirklich werden zu lassen.

Hier ein gutes Gleichgewicht zwischen Handeln und Lesen zu finden und dem Literarischen seinen Raum zu gewähren, wird eine Aufgabe zukünftig zu gestaltender Bücher sein.

Jul 26 2010

Ein Buch, kein Spiel

Die spielerische Herangehensweise, die die neuen Medien eröffnen, die Möglichkeit, kollaborativ Texte zu erstellen und die Verlockungen eines interaktiven storyboardings scheinen die Grenze zwischen Buch und Spiel zu verwischen. Obwohl Dramaturgie und Erzählung einige Elemente mit den aktuellen High-Tech-Spielen teilen, zeichnet sich die Literatur jedoch durch einige wichtige Merkmale aus, die das Spiel nicht eröffnen kann.

Verlassen der Ich-Perspektive: Im Spiel erhält man keine Reflexion vorgeführt, die man nicht selbst vollzieht. Die Literatur dagegen bietet ein Denken auf der Bühne an und lädt dazu ein, unbekannte Gefühls- und Erlebniswelten zu erschliessen. Die Innenperspektive einer Figur, die nicht ich ist, bietet mir mehr als die verschiedenen Varianten meiner Erlebniswelten, in die mich das Spiel führt. Dieses Manko liesse sich ja eventuell noch dadurch beheben, dass dem Leser gestattet wird, in einen Dialog mit einem Autoren zu treten. Dieser scheinbare Ausweg bietet aber keine Rettung. Denn die Literatur zeigt häufig: Die Gespräche, die wir nicht führen, sind noch bewegender als die anderen, die wir führen.

Fiktionale Verstärkung: Die merkwürdige Fähigkeit der Literatur, wahrer zu sein als das alltägliche Leben und ihr Potential, zu enthüllen, wie es ist, hat kein Pendant im Spiel. Im Spiel gibt es nur die Wirklichkeit des Spiels, in der Literatur hingegen den Reichtum der Fiktionen. Dadurch gelingt es der Literatur, eine künstliche Intensität von Dingen, die im wirklichen Leben flüchtig sind, freizulegen und den „Kern“ von Erfahrungen oder Erlebnissen zu präsentieren. Diesen Verstärkereffekt gibt es wohl in anderen Medien wie dem Film oder dem Theater, nicht aber im Spiel.

Ein Buch ist nicht ergebnisoffen: Die Personen übernehmen in einem Buch die Führung und schreiben es selbst. Die spielerische Wahlfreiheit und Beliebigkeit kennt das Buch nicht, wohl aber die scheinbar zwangsläufige, schicksalhafte Verkettung. Auch überflüssige Seitenpfade, die das Thema und seine Durchführung anreichern, sind im Spiel nicht angelegt. Die Literatur aber kennt Pfade, die dramaturgisch überflüssig sind.

Jul 6 2010

Das Buch schütteln

Wenn man sich anguckt, was der deutsche Kinderbuchmarkt aktuell zu bieten hat, kommt man an Sybille Heins Produkten nicht vorbei, etwa an Prinzessin Knöpfchen:

Hier wird vollständig auf den Flash Player gesetzt (der auf dem iPad nicht läuft), es gibt viele Interaktionen und Spielvarianten, aber eigentlich keine Erzählung, denn die Webseite ist mehr das Spiel zum Buch als ein Kinderbuch selbst.

Seltsam wenig Wert wird hier auf das Lesen selbst gelegt. Die animierten Illustrationen stehen im Vordergrund, die eigentlich story ist nicht mit den interaktiven Angeboten verknüpft. Zweifellos werden wir es mit einer Generation von Kindern zu tun haben, deren visuelle und bildanalytische Fähigkeiten stärker ausgebildet sind als je zuvor. „Lesen“ wird also nur noch eine Medienkompetenz unter vielen sein.

Eine gute Antwort auf diesen Befund wären vielleicht elektronische Kinderbücher, in denen Bild und Text enger miteinander verknüpft sind. Eine Geschichte wie „Hans im Glück“ zum Beispiel, in der die Leser dessen aktuelles Hab und Gut (den Goldklumpen, die Kuh, die Ente) durch die story vorwärtsschubsen und immer wieder tauschen müssen.

Oder man nähert sich mehr dem Text und zieht die Aufmerksamkeit der Kinder stärker auf die Wörter. Man könnte beispielsweise einzelne Wörter animieren. Wenn sich Daumen und Zeigefinger des Kindes auf dem Touchscreen dem Wort nähern, kann es 'ausgequetscht' werden, so dass neue Worte und Bilder aus ihm herausquellen, also Konnotationen und Denotationen sichtbar werden.
Oder man könnte die Kinder beim Entstehungsprozess mitmachen lassen, beispielsweise bei einem Gedicht. Interactive Lyrics, sozusagen. Als Beispiel versuch ich es mal mit folgenden leicht obskuren Zeilen:

Im Schlafzimmer klingelt der Wecker
Der Bruder schlingert da noch im Traum

Wenn man das Lesegerät schüttelt, dann verwandeln sich die Zeilen zum Reim:

Im Zimmerschlaf weckert die Klingel
Im Traum noch da brudert der Schlingel

Hmmm - naja. Geht so. Vielleicht fragen wir mal lieber bei Paul Maar nach für ein Buch mit Schüttelreimen.

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