Feb 14 2015

Writing with water

Eigentlich kann man ja, mit etwas Aufwand, mit allem Schreiben: Mit fahrenden Autos, deren Lichter mit Ultra-Langzeitbeleuchtung aufnimmt; mit Menschen, die obskure Wege gehen und im Zeitraffer aufgenommen werden; mit vielen Hunden, die gemächlich interessante Spuren in den Schnee pissen. Oder mit Wasser.

 

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Dez 6 2014

Wer heute ein Buch oder einen Film aus den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts konsumiert, das den Genres Action, Fantasy oder Science-Fiction zuzurechnen ist, wird sich bestimmt über das geringe Tempo, die Unterkomplexität der story und die leicht grobschlächtige Zeichnung der Charaktere wundern. Bücher (und Filme) altern eben, und gerade diese Genres haben – anders als etwa der Krimi – in den letzten vierzig Jahren eine enorme Entwicklung genommen.

Liegen alle diese Texte elektronisch vor, müsste es eigentlich möglich sein, mittels auswertender Maschinen ihre Evolution nachzuzeichnen. Tempo, nun ja, das wird wahrscheinlich schwer werden, aber lexikalischen Reichtum oder stilistische Merkmale kann problemlos analysieren. Nebenhandlungen und die psychologische Entwicklung der Charaktere müsste man vermutlich noch händisch markieren, aber kartieren ließe sich das bestimmt.

Altersbestimmung bei BaumscheibenIn den Geowissenschaften wurde so eine Methode bereits entwickelt, um zu bestimmen, wann ein Baum aus seinem Samen gesprossen ist und wie alt er wurde. Durch den Abstand der Jahrringe und das je unterschiedliche Wachstum innerhalb ihrer Lebenszeit können die Bäume bestimmten Regionen (wegen des Klimaeinflusses) und einem bestimmten, bekannten Zeitraum zugeordnet werden. Das Verfahren nennt sich Dendrochronologie und ermöglicht es etwa, festzustellen, wann ein Fachwerkhaus genau gebaut wurde.

Tolle Sache! Das sollte man für digitale Literatur entwickeln. So ließe sich das Alter der Texte bestimmen, auf gigantischen lexikalischen und stilistischen Karten eintragen, ... und irgendwie haben die Bücher ja auch etwas mit dem Material der Bäume, dem Zellstoff, zu tun.

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Aug 31 2014

Perspektivwechsel

Erzählen funktioniert ja in verschiedenen Medien; insofern können sich Erzähler auch etwas von anderen Medien abschauen. Einer der kreativeren Filmemacher der letzten Jahre, Quentin Tarantino, hat sich beispielsweise in dem subtilsten (und am wenigsten blutrünstigen) seiner Filme ein paar schöne Kniffe einfallen lassen. Es ist nicht nur die minutenlange ungeschnittene Kamerafahrt am Beginn des Films, die "Jackie Brown" für Cineasten wie für Vielflieger gleichermaßen attraktiv macht. Sondern: Eine der Schlüsselszenen des Films, die Geldübergabe in einer Shopping-Mall, wird nicht nur einmal gezeigt, sondern gleich drei Mal. Jedes Mal aus unterschiedlichen Perspektiven, erzähl- und kameratechnisch gesehen.

Beim ersten Mal begleitet die Kamera die Hauptdarstellerin Jackie Brown, wie sie sich in dem Modeladen, in dem die Geldübergabe stattfindet, einen Anzug aussucht. Steht ihr super.

Aus der Perspektive von Jackie

Beim zweiten Mal wird der Streit zwischen Melanie und dem sehr nervösen Louis gezeigt, die zugleich Jackie dabei beobachten, wie sie sich einen Anzug aussucht, der ihr super steht.

Aus der Perspektive von Melanie und Louis

Beim dritten Mal wird die ganze Szene von Max Cherry beobachtet, dem Kautionshändler, der schliesslich das Geld an sich nehmen wird (und der auch findet, dass der Anzug Jackie super steht).

Aus der Perspektive von Max Cherry


Dreimal dieselbe Szene, in unterschiedlichem Kamerawinkel und unterschiedlich nah aufgenommen. Von dem, was da erzählt wird, ist es immer dasselbe, wie die obigen Bilder belegen. Anders ist eigentlich immer nur der Rahmen – einmal ist es die Erlebnisperspektive von Jackie, dann die von Melanie und Louis, dann die von Max Cherry. Der Informationszugewinn für den Zuschauer liegt nur in der Rahmenerzählung, nicht in der Wiederholung. Dennoch bewirkt sie, dass der Zuschauer sehr genau versteht, was da wirklich passiert (und wer da wen hinters Licht führt).

In einem Buch würde das so wahrscheinlich nicht vorkommen – es wird wohl kaum einen Autor geben, der seinen Text per copy + paste dreimal einfügt. Unterschiedliche Winkel oder Nähe/Ferne kennt das Erzählen mit Worten so nicht. Stets wäre die Erzählperspektive an das individuelle Erleben eines der Figuren geknüpft; Jackie Brown empfindet und sieht anders als die anderen Figuren.

Das wäre eine Möglichkeit, wie in digitaler Literatur die viel gescholtenen Hyperlinks verwendet werden könnten; der Leser muss sich entscheiden, ob er lieber mit der einen oder der anderen Figur gehen (oder vielmehr lesen) will. Aber er kann auch alle drei Erzählungen lesen; oder das ganze auch mehrfach lesen ...

... wie man es nur mit Büchern macht, die man wirklich gern mag.

Jul 23 2014

... hat gerade wieder ein angelsächsisches Blatt ausgerufen. Mir, als ächtem Charakterkopfe, deucht das ein wenig voreilig. Ein solches wurde ja bereits vor hundert Jahren beschworen, auch im Sommer 1914 glaubte man, dass am deutschen Wesen die Welt genesen solle. Mich bekriecht hier eine Ahndung, dass die Huldigung an die Deutschen, so früh zu Beginn des noch im Morgenthau sich wälzenden Jahrhunderts wie ein ehernes Gesetz vorgetragen, der allgemeinen Entwicklung wenig behülflich sein werde.

Die Literatur hat diese Aufwartung natürlich bereits vorhergesehen. Christian Krachts Imperium und Jonas Lüschers Frühling der Barbaren erbrechen beide das Siegel zeitgenössischer Befindlichkeiten und kontrastiren den deutschen Hochmuth mit der Antiquiertheit des Verbalausdrucks, wie er im Deutschen Reiche gepflegt wurde. Kracht stellt die Negativfigur eines Einsiedler-Propheten in der Südsee dem von den Deutschen erwählten Dictator gegenüber und entbietet also mit Hülfe eines vegetarischen Kokovoren dem vegetarischen Anthropophagen einen verschrobenen Gruß. Lüscher dagegen bemüht einen schweizerischen Erzähler, um das Schicksal einer Gruppe von Bankern bis zum thränenreichen Ende des Finanz-Crashs voranzutreiben. All dies wird dem Leser in einer eigenthümlichen Sprache dargeboten, die anmuthig daherkommen, den Sinn bestricken und den Leser erquicken soll.

Die schmucke Sprache kommt dabei gleichsam als Hülle der Zivilisation daher, die den Deutschen stets silberhell umgibt, und die er doch abstreift, um die nackenden Hauer und das rohe Fleisch der Barbarei zu entblößen (um hier eine stumpf gewordene Metapher wieder aufzugreifen). Das alles wirkt ein wenig so, als wie wenn einem albernen Liede ("So gehn' die Gauchos") sein vorsintfluthlicher Ursprung ("Zehn kleine Negerlein") entwunden würde.

Vielleicht ist das sprachliche Geschwulst der beiden Authoren, ihre stutzerhafte Geberde, ja wirklich heilsam gegenüber dem Pathos des ins sommerliche Schlachtenwetter hinausgebrüllten Weltbeherrscherthums. Sollte dem so sein, könnte man mittels einer Apparatur jegliche deutschsprachige Verbaläußerung in das alterthümelnde Reichsdeutsch verwandeln. Ein digitaler Stylisator würde sich anschicken, jegliches ins Internet entäußerte deutsche Wort in sprachlichen Tand zu kleiden. Ich habe das Geräth eben ausprobiert – was haltet Ihr, geschätzter Leser, davon?

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Jun 11 2014

Wen die Fiktion erwischt

Was haben sich die Forscher geärgert: Da hat jetzt zum ersten Mal eine Software den Turing-Test bestanden. Das ist eigentlich ein relativ simples Frage- und Antwort-Spiel, das von Alan Turing entwickelt wurde, also dem Mathematiker, der auch während des Zweiten Weltkriegs den Code der deutschen Chiffriermaschine "Enigma" entschlüsselt hat. Mit dem Turing-Test wird überprüft, ob Menschen unterscheiden können, ob sie sich mit einem Mensch oder einer Maschine unterhalten. Erstmals in der Geschichte hat jetzt eine Software die Testpersonen in 30 Prozent der Fälle erfolgreich getäuscht und so den Test bestanden.

Diejenigen Forscher, die sich zu diesem Erfolg kritisch äußerten, haben als Einwand hervorgebracht, dass der Test, der lediglich fünf Minuten dauert, viel zu kurz sei, und dass nur Tricks den Erfolg möglich gemacht hätten. Im vorliegenden Fall simulierte die Software einen Jungen, der kein Muttersprachler ist. Daher reagierten die Juroren nachsichtig auf Verständnisprobleme und Wissenslücken der Software.

Es ist eigenartig, dass wir erst im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert so weit sind, dass eine Software eine so basale Unterscheidungsfähigkeit – die zwischen Fakt und Fiktion nämlich – erfolgreich aushebelt. Die Literatur macht das ja schon eine ganze Weile. Platon warf den Dichtern vor, dass sie lügen, weil sie eben erfundenes, fingiertes produzieren (vom lateinischen "fingere" kommt die "Fiktion"). Irgendwann wurde dann für viele Leser die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion wirklich wichtig; das wird wahrscheinlich irgendwann im 19. Jahrhundert gewesen sein. Versteht man die Unterscheidungsfähigkeit als eine Kulturtechnik, dann kann man sagen, dass wir sie ziemlich gut drauf haben: Wir nehmen in einer Buchhandlung ein Buch in die Hand, und in nichtmal fünf Minuten kommen wir zur Entscheidung, ob es eine fiktive oder faktuale Erzählung ist. Autobiographien gelten als faktuale Erzählungen, obwohl jeder weiss, dass da auch viel fingiertes und verzerrtes drin ist.

Und wie unterscheidet man eigentlich einen autobiographischen Text von der Fiktion einer Autobiographie? Oh weh, da haben sich schon manche die Zähne dran ausgebissen: Binjamin Wilkomirskis "Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948" etwa gilt inzwischen als erfundene Holocaust-Erinnerung, aber das kam erst etwa drei Jahre nach der Veröffentlichung des Buches heraus.

Die durch den bestandenen Turing-Test verärgerten Forscher sollten die Welt einmal aus der Sicht eines literarischen Buches betrachten: Wie täusche ich erfolgreich meine Leser? Wie schaffe ich es, ihn in meine Welt zu ziehen und mit ihm jenen fiktionalen oder autobiographischen Pakt zu schließen, der erst die Grundlage der Überzeugung bildet, dass man es mit einer fiktionalen oder faktualen Erzählung zu tun hat? Hier könnten die Forscher noch viel entdecken ...

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Mai 27 2014

Von der List des Erzählens

Das Internet vergisst nichts. Wir können irgendwo irgendwas lesen, und wir finden es recht bald wieder, dank der Suchmaschinen, die es inzwischen gibt – wahrhaft phantastische Wesen mit übermenschlichen Kräften sind das. Sie funktionieren deshalb so gut, weil sie zum Web 2.0 gehören: Cookies und Cache sorgen dafür, dass unsere Lesespuren aufgezeichnet werden und dass schnell alle Orte im Netz wieder aufgesucht werden können, an denen wir schon einmal waren. Daher ist auch das Geschwafel von der digitalen Demenz so wenig überzeugend. Das ganze alltägliche bla bla bla, zu dem das Gezwitscher wie auch der Shitstorm gehört, kann man ruhig vergessen, ohne deswegen Angst vor Demenz bekommen zu müssen. Das Internet ist unser externalisiertes Gedächtnis, ohne Frage.

Das menschliche Gedächtnis funktioniert einfach anders. Was es in seinen Abgründen verklappt und was nicht, kann keiner von vornherein sagen. Die Literatur bietet dazu wunderbare Beispiele. In Julian Barnes' "The Sense of an Ending" etwa berichtet der Ich-Erzähler von einem Brief, den er in jungen Jahren, mit Anfang Zwanzig schrieb. Viele Seiten später – der Erzähler ist inzwischen Rentner – bekommt er diesen Brief wieder zu sehen, und er ist entsetzt über den Inhalt jenes Briefes, den er einmal selbst geschrieben hat. Eine echte Jugendsünde, über die ihn seine Erinnerung lange betrogen hat. Nicht wenige Leser werden dann an jene Stelle im Buch zurückblättern, um die erste Erwähnung des Briefes noch einmal zu begutachten.

Ein Buch 2.0 könnte seinen Lesern an dieser Stelle eine echte Überraschung bieten: Wer von der zweiten Textstelle, an der der Brief zur Sprache kommt, zur ersten zurückblättert, könnte dort den Brief in seiner ursprünglichen Form zu lesen bekommen: so, wie ihn der Erzähler tatsächlich geschrieben hat. Und wie der Ich-Erzähler auch würde sich der Leser fragen, wie es eigentlich sein kann, dass er von seinem eigenen Gedächtnis so hintergangen worden ist. Er würde so dem Erzähler und seinen Emotionen viel näher kommen können, als dies bei einem gewöhnlichen, physischen Buch der Fall wäre.

Ein solches Buch aber würde unseren Umgang mit und unser Verhältnis zu physischen Büchern fundamental verändern. Wir sind es nicht nur gewohnt, Literatur als unser externalisiertes Gedächtnis zu behandeln, sondern wir sehen die Inhalte auch als 'wie in Stein gemeißelt' an. Ein Buch 2.0 hingegen wird typische Eigenschaften aktueller digitaler Medien aufweisen, also Optionalität, Veränderbarkeit und das Speichern von Nutzungsmustern. Vermutlich würden wir dann erst einmal Angst bekommen, es könnte uns etwas verloren gehen, einfach weg sein. Und vielleicht merken wir uns ja dann die Inhalte, die uns wirklich wichtig sind, einfach besser. Oder wir freunden uns mit dem Vergessen an.

Öhm – wie war das noch mit der digitalen Demenz?

Mai 5 2014

Man kennt das ja: In einem Markt fordern die kleinen Neulinge die großen Alteingesessenen heraus. Das kann im Bereich der Kunst, Musik oder Literatur sein, und die Avantgarde versucht, den Platz der Arrieregarde einzunehmen. Wird das optisch umgesetzt, spricht man auch von Bilderstürmern. Eines jüngeren Beispiele aus Russland sieht dann so aus:

Die Tolokonnikowa von Pussy Riot als Madonna

Aber können sich auch Große, bereits Arrivierte als Neulinge und Herausforderer präsentieren? Ja, das geht auch. Man muss dann halt immer schauen, gegen wen man sich wendet. Wie bei der Tolokonnikowa bieten Kirchen mit ihren Glaubensgemeinden in jeder Form eine wunderbare Angriffsfläche. Gegenüber der Orthodoxie steht man dann auf jeden Fall als Häretiker da. Man kann das beispielsweise an der Islamischen Revolution im Iran sehen. Der Bildersturm, den sich dieser Umsturz vor nunmehr 35 Jahren leistete, wurde damals unter anderem so präsentiert:

Der Ayatollah Khomeini nach Murillo

Na? Klingelts? Wahrscheinlich nicht sofort. Was hier ins Bild gesetzt wird, ist (nein, nicht nur der Erzfeind USA, der durch den Drachen unter den Füßen des Ayatollah symbolisiert wird) die Platznahme des Ayatollah Khomeini. Ersetzt wird – wieder die Madonna. Die Vorlage für dieses hübsche Bild stammt von Bartolomé Esteban Murillo, einem Barockmaler des 17. Jahrhunderts. Bei ihm sieht die "Unbefleckte Empfängnis" so aus:

Die "Unbefleckte Empfängnis" von Murillo

Dass sich ein großes Wirtschaftsunternehmen als Neuling und Herausforderer präsentiert, kommt auch vor. Hier geht es immer um die Glaubhaftmachung eines Innovativitätsvorsprungs. Daher muss man sich den Alteingesessenen immer wieder als Neuerer präsentieren. Man kennt ja im Kapitalismus des Phänomen der "rutschenden Abhänge": Nie darf man stillstehen, immer muss man sich weiterentwickeln, sonst holt einen die Konkurrenz ein. Das gilt auch für Giganten wie Microsoft. Dieses Unternehmen hat jüngst einen Beitrag zur aktuellen Debatte um den Charakter der Arbeit publiziert. Das ist mindestens insofern interessant, als sich ja nicht viele Unternehmen als Unternehmen in dieser Debatte positionieren; meist sind es ja die Kleinen, die als häretische Avantgarde auftreten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Das wollte ich dann mal kommentieren. Mein Beitrag zu dieser Debatte kann hier heruntergeladen werden - natürlich als ePub (öffnen in Adobe Digital Editions oder iBooks).

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Jan 4 2014

Innen und Außen

Schon vor ziemlich langer Zeit hat sich die Literatur angewöhnt, die Medien des Alltags zu verachten. Literatur  war schon immer edel und unvergänglich, sie zeigt filigrane Routen durch die dünne Höhenluft auf. Außerdem beansprucht sie, Seismograph der Intimität zu sein und besonders nah an lebende oder fiktive Personen heranzoomen zu können. Das hat sie allerdings mit den Alltagsmedien gemein: Auch Fernsehen, Zeitungen, Blogs, Twitter usf. behaupten die totale Transparenz der öffentlichen Person.

Irgendwie ist Literatur aber anders: Sie gewährt Einblicke in die Innenwelt, in die Innerlichkeit der Gefühle, auch wenn das alles vielleicht nur fingiert und gemutmaßt ist. Die alltäglichen Medien hingegen fokussieren stark auf Personen, kommen aber nicht in sie hinein. Auch Twitter – könnte ja ein Online-Tagebuch sein – täuscht ja Nähe nur vor; man ist nur schnell dran an den Leuten, die twittern; aber: Schaut man auch in sie hinein?

Andersherum gefragt: Wie könnte ein Roman aussehen, der auf Twitter publiziert wird und nicht nur die übliche Microfiction (oder Gedankengebrösel) ist? Wie würde ein Treatment für einen Film dort aussehen? Welche markigen Sätze und unsterblichen Dialoge würden wir dort finden?

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Aug 31 2013

Nation and Narration

Noch vor wenigen Jahrzehnten lasen die Menschen national: Der Abenteuerroman führte seinen Protagonisten an Grenzen, die er überschreitet, um glücklich wieder in die Zivilisation zurückzukommen. Er kehrt dahin zurück, wo er herkommt, gereift und wissend, wo seine Heimat ist. Das Draußen / Andere / Gegenüber hingegen ist fremd, fremdsprachig allemal, nicht kultiviert und unzivilisiert. Diese Struktur zeigte sich in ihrem Extrem im Kriegsroman, hier war die Front die Grenze und der Fremdsprachige der, der umgebracht werden sollte. So entstehen und entstanden Nationen, in einer Abgrenzungsbewegung von "wir" gegen "die". Tausende Romane füllten die Imagination zehntausender Leser an, hier "wir", dort "die", Nation gegen Nation, die Sprachgrenze dazwischen. Ist das alles passé? Vielleicht noch nicht ganz, aber aus der Mode gekommen. Zeit für Inventur und eine Bemessung dessen, was als Ausschuss gelten kann; der Abraum wird abgeschätzt.

Abraum der Geschichte: Das deutsche Buch

Wie könnte die (digitale) Abenteuerliteratur des 21. Jahrhunderts dagegen aussehen? Stellen wir uns ein paar Autoren vor, die sich wie Korrespondenten auf verschiedenen Kontinenten aufhalten. Dazu ein spannungsgeladenes Thema, internationaler Terrorismus beispielsweise. Jeder Autor entwirft einen Plot, verschiedene narrative Schnittstellen zwischen den Erzählungen werden vereinbart, jeder produziert in Abschnitten, alles wird in kürzester Zeit übersetzt und auf die Endgeräte der Leser gedrückt. Ein Autor erzählt, vor welchem gesellschaftlichen Hintergrund sich in einer Region eine Gruppe radikalisiert; ein anderer, wie sie sich durch internationalen Drogenschmuggel finanziert; ein dritter die Folgen terroristischer Attentate in den Zielländern; ein vierter schließlich die militärischen Reaktionen der Länder des globalen Nordens (denn diese reagieren immer militärisch auf so etwas...). Die Leser wählen aus dem Angebot aus, welchem Erzählstrang sie folgen wollen – oder folgen gleich mehreren. Ein Auge West, ein Auge Ost. Keine Nationen. Eine globalisierte Literatur.

Apr 6 2013

Le lecteur épuisé

Sage keiner, er sei noch nie über einem Buch eingeschlafen. Manchmal kostet es so viel Kraft, sich in den Kontext eines Buches wieder einzufinden, dass man schon nach wenigen Absätzen einschläft. Bücher von intellektuellen Geistesriesen werden so zur zuverlässigen Einschlafhilfe; vielen Studenten hat das schon zu einer willkommenen Erholung vom Alltag verholfen.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass ein Buch direkt Erschöpfung kommuniziert. Yoram Kaniuks Erinnerungsbuch "1948" ist so eines. Kaniuk erzählt vom israelischen Unabhängigkeitskrieg, in dem er als Siebzehnjähriger mitkämpfte. Von "diesem verfluchten Krieg" berichtet er in ungewöhnlichen Worten: "Wir waren zehn müde Krieger vor dem Haus des Dorfältesten, umringt von Olivenbäumen, und die Massen stürmten von allen Seiten an, preschten zu Hunderten herauf, und wir schossen auf sie und schafften es irgendwie, zwischen den Schüssen nicht einzuschlafen". Was für eine seltsame Formulierung, 'es zu schaffen, im Krieg nicht einzuschlafen.' Und wie grausam. Der Krieg ist nicht zum Aushalten. "Und ich war auf einmal müde, schlief im Gehen ein und konnte nicht mehr reden." Kaniuk ist völlig erschöpft. Das ist absolut nachvollziehbar. Wie soll man als Leser Sätze wie den folgenden auch ertragen? "Wie erklärt man einem Jungen an Bord der 'Van York', der als Zwölfjähriger in Auschwitz Brillanten in den Aftern seiner toten Eltern gesucht hat, um sie an SS-Leute zu verkaufen, wie erklärt man dem, was in Kastel passiert ist?" Wer so einen Satz liest, versteht die Erschöpfung sofort (und stellt sich hernach die Frage nach dem Weiterlesen). Das zwölfte Kapitel kriegt seine Leser dann bei den Eiern. Danach braucht er auf jeden Fall eine Pause; oder er schläft sofort ein, vor Erschöpfung.

Der Krieg hat Löcher in Yoram Kaniuk gebohrt, die nicht mehr weichen. Ein Kamerad spricht es aus: "Stimmt, es hat schwere Momente gegeben, aber wir waren löchrig wie ein Schweizer Käse, und weißt du, wie Schweizer Käse gemacht wird? Man nimmt Löcher und umhüllt sie mit Käse. Wer waren wir denn schon? Wir waren lebende Tote, waren Löcher von Sesamkringeln und Löcher von Käse, also was denn?"

Dabei wird das Buch nicht streng chronologisch erzählt; es ist vielmehr ein Sammelsurium von Anekdoten, kurzen Einschüben, Abwegen, fast chaotisch. Auch das ermüdet. Aber es ist auch eine Chance. Man muss das Buch nämlich nicht linear lesen. "1948" ist auch als eBook erhältlich. Leider nicht so eines, wie ich es mir vorstelle, ein eBook 2.0. Meine Vorstellung wäre ein kluges, humanes, fast schon humanitäres eBook, das Rücksicht auf seine Leser nimmt, indem es seine Pausen und Unterbrechungen aufzeichnet und ihm in Reaktion auf seine Lese-Untätigkeit Erholung gönnt. Es könnte auf die Erschöpfung des Lesers reagieren und ihm aus dem Fundus an Episoden ein motivierendes Angebot machen. Nach der Lektüre des 12. Kapitels (und der daran anschließenden Pause) könnte ein solches eBook dem Leser beispielsweise jenes wunderbare Kapitel von einer durchwachten Liebesnacht vorschlagen, frisch und belebend wie ein erster Frühlingsgruß. Und wer das Buch dann ganz liest und auch den Epilog mitnimmt, ist selbst verantwortlich für seinen Schlaf.

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