Aug 11 2014

Clues

Vor fast 150 Jahren schwappte die Wissenschaft in die Literatur über und ein neues Genre entstand – der Kriminalroman. Im Krimi geht es logisch zu, und der Kriminalist oder Detektiv arbeitet 'wissenschaftlich', indem er Hinweise sammelt, erforscht und miteinander verknüpft. Nie zuvor mussten sich die Leser derart akribisch mit den in den Text eingebetteten clues beschäftigen, um gemeinsam mit dem Protagonisten nach der Lösung des Rätsels zu forschen. Es ist merkwürdig genug: Das neue Genre setzte sich binnen kurzem durch und damit eine Sorte von Fiktionen, in denen ein semioti­scher Mechanismus (also die Entzifferung von Spuren und Hinweisen) mit einer narrativen Struktur (dem Spannungsaufbau bis zur finalen Auflösung) verschränkt wurde. Tatsächlich gibt es kaum ein anderes Genre, das den Leser derart stark involviert, ihn am Geschehen teilhaben lässt und ihn dazu verführt, im Wechsel entweder den plot zu verfolgen oder die gestellten 'kriminalistischen' Aufgaben zu lösen. Daher bietet der Kriminalroman Anknüpfungspunkte für Interaktivität wie kaum ein zweites literarisches Genre.

The labyrinthic big brain

Leserbindung, Interaktivität – vielleicht zeichnet sich der digitale Kriminalroman der Zukunft ja (als eines der wenigen literarischen Genres) durch seine Nähe zum Spiel aus. Denn wie bei einem Spiel könnten Leser digitaler Krimis (narrative) Fährten verfolgen und (virtuelle) Hinweise sammeln. Diese wiederum liessen sich mit dem plot verbinden; in einer simplen Form könnte das wie eine notwendige Bedingung aussehen ("wenn Du nicht alle nötigen Hinweise gefunden hast, kannst Du nicht weiterlesen"), in einer raffinierteren Form könnte das Geschehen mit dem Handeln des Kriminalisten oder Detektiv verbunden sein: Falsche Hinweise gesammelt, nicht auf die richtige Fährte gekommen. Oder: Richtig kombiniert, Mörder überführt.

Vermutlich wird sich das Genre "digitaler Kriminalroman" so entwickeln wie ein klassisches Labyrinth: Es wird eine ganze Weile brauchen, bis die konzeptionelle Mitte zwischen "Es gibt eigentlich nur einen Weg raus" und "Es muss schon unübersichtlich sein" gefunden ist. Ich glaube aber, das wird kommen. Warten wir's ab.

Aug 5 2014

Helden unserer Zeit

Nachdem die WM 2006 im eigenen Land so entkrampfend auf uns Deutsche gewirkt hat, können wir also nun ganz entspannt die Füße hochlegen. Und unsere Helden feiern. Was gibt es Schöneres, als jenen Torhüter in den eigenen Reihen zu wissen, der die meisten Ballkontakte außerhalb des Strafraums hatte, oder jenen kleinen Wusler, der das ganze Turnier über nichts rechtes zustande brachte, aber dann im entscheidenden Spiel das Siegtor erzielte?

Das Heldenproblem, das wir nach zwei verlorenen Weltkriegen und einem Holocaust hatten, wird sich damit wohl erledigt haben. Was nun? Läßt sich das noch toppen? Als Fußballer vielleicht: Wie Zinedine Zidane durch einen Kopfstoß im Finale (um die Beleidigung der Schwester zu sühnen). Oder, wie Marko Marin, durch die Teilnahme an europäischen Finalspielen in zwei aufeinanderfolgenden Jahren (mit Chelsea und Sevilla): In beiden Finals mit dabei, jedoch nicht an der Entscheidung beteiligt, weil auf der Auswechselbank platziert. Das hat jedesmal Mythospotential: Melancholie und übermenschliche Tragik werden in eins gefaßt.

Vor fast hundert Jahren hatte es Joseph Conrad noch leicht: Sein Held in "The Shadow Line" lenkt ein Schiff in die Windstille der Biskaya und setzt sich durch Geduld, Beharrlichkeit und Weisheit durch – er bringt das Schiff sicher in den Zielhafen, und Conrad eine Parabel über Mannwerdung und Heldentum zu Papier (hier auf Englisch für eBook-Leser).

Helden der Winde: Auf ins 21. Jahrhundert

Aber wir? Welche Helden erschaffen wir im 21. Jahrhundert? Mir fällt da nur die Tat eines Giganten der Globalisierung ein: Francesco Schettino, der es geschafft hat, ein 300 Meter langes Schiff im Wert von 450 Millionen Euro ins Verderben zu steuern. Dabei wollte Schettino doch nur seinem Kollegen Mario Terenzio Palombo den traditionellen "inchino" – die "Verneigung" – darbieten. Mit einer Verbeugung einen solchen Giganten in die Grütze zu reiten, das hat was. Das ist stark, das ist unschlagbar. Laßt uns einen Knicks vor Capitano Schettino machen.

Mehr tragische Größe ist uns nicht möglich; und mehr kann die Literatur nicht leisten, als diese Helden unserer Zeit ins Wort zu setzen. Welcher Joseph Conrad unter uns findet sich, um dieses Heldentum zu feiern?

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Dez 29 2013

Der erste Tweet

Frankreich, letztes Drittel des 19. Jahrhunderts. Die Rotationspresse ist erfunden, die Zahl der Zeitungen explodiert nach dem Ende der Zensur, der Preis pro verkauftem Exemplar fällt auf 5 Centimes, der Telegraph wird erfunden und versorgt die Redaktionen mit einer Fülle von Informationen. Nun wird der Platz knapp: Die Zeitungen bestehen meist aus vier Seiten auf zwei Blatt. Also: Raus mit den eloquenten Kommentaren und den Berichten aus der monde und demi-monde, rein mit den Informationen, kurz gehalten. Die faits divers, die vermischten Meldungen entstehen.

Als auch hier die Masse an Information die zur Verfügung stehende Anzahl von Zeichen übersteigt, wird die Reduktion von Information zur Kunstform. Keinem gelang das besser als dem Kritiker und Journalisten Félix Fénéon, der zwischen Mai und November 1906 in der Zeitung "Matin" die Rubrik "Nouvelles en trois lignes" betreute. Vermischte Meldungen, in drei Zeilen komprimiert – das dürften wohl die ersten Tweets gewesen sein. Kurze, geschliffene Sätze, bei denen die Leser wesentliche Informationen ergänzen mussten und oft nicht zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden konnten. "Nachdem er sein Messer sechs mal in den Hals, den Kopf und den rechten Arm der Baronin Apolline Selias gepflanzt hatte, floh ihr Ex-Liebhaber." Beziehungsdrama? Eifersucht? Parodie? Warum "gepflanzt"? 

Nicht schlecht, und das mehr als hundert Jahre vor den Tiny Tales von Florian Meimberg. Mehr braucht Microfiction nicht. Hat jemand schon eine Seite angelegt, um all die Tweets zu sammeln, die als vermischte Meldungen verkleidet daherkommen? 

Nov 30 2013

Nackt vor dem Schirm

Der Mensch im Spätkapitalismus ist hypermobil (ohne Zuhause), gut vernetzt und immer "on", erst recht, wenn es in Flugzeugen dann WLAN gibt. Sein ständiges Gezwitscher, die Posterei auf Facebook und den 17 Blogs, die er führt, sind nicht nur sein persönlich-privater Entfaltungsraum und die Manifestation seiner Individualität, sondern auch die Schnittstelle, mit der er von außen wahrnehmbar wird. Genauer: Diese Zone ist nicht nur der Bereich, in dem der Mensch und sein nahes gesellschaftliches Umfeld sich berühren, sondern auch der, auf den der ganz große Bruder schaut. Edward Snowden war so freundlich, uns darauf hinzuweisen.

Das spätkapitalistische Ich und die NSADer digitale Raum dient also nicht nur als Vehikel der Selbstverwirklichung; er ist auch – wie in George Orwells 1948 – der matte Schirm, vor dem wir Gymnastik machen. Wir sind vollständig nackt, weil wir das wollen. Eine Privatsphäre im herkömmlichen Sinn gibt's nicht mehr. Als Antwort darauf können wir ein rotes Tarnkäppchen aufsetzen und in die Wälder zur Großmutter wandern, uns auf die Toilette zurückziehen oder in uns selbst, indem wir schweigend lesen und hoffen, dass keiner dabei durchs eBook hindurch zuschaut.

Oder andersrum: Wir begreifen Facebook, Twitter und unsere Blogs als Raum der Möglichkeiten, in dem wir uns selbst als Fiktion ständig derart neu erfinden, dass keine NSA mehr zwischen den vielen Identitäten durchblickt. Wir können dort musikalische oder filmische Autobiographien schreiben, die klassische Hagiographie mit mobbendem Gossip verbinden, kollaborativ das Leben eines Kollektivs erfinden. Oder wir beleben (zu möglichst vielen natürlich) das Genre der kriminellen Autobiographie neu: Ist nicht jeder von uns auch ein Staatsfeind, Terrorist, Behördenhasser und Bombenleger? Was haben wir denn da in unserem Körbchen?

Jun 15 2013

Das andere Bewusstsein

Als Saleem Sinai, die Hauptfigur in Salman Rushdies „Mitternachtskinder“, gegen Ende seines Lebens zurückblickt und dabei seine müden Knochen leise knirschen hört, verbindet sich seine Erinnerung mit Wendepunkten in der Geschichte Indiens. Sinai verknüpft damit Momente, an denen er teilhatte, mit solchen, von denen er eigentlich nichts wissen kann: Von seiner Geburtsstunde in der Nacht auf den 15. August 1947, dem Tag der indischen Unabhängigkeit, über seine spielerisch-leichte Teilnahme an der am Eßtisch durchgeführten Planung des Militärputsches in Pakistan bis zur Geburt seines Sohnes in der Stunde der Ausrufung des Notstands durch Indira Gandhi. Rushdies Held lebt aus dem Gedächtnis, seine persönlichen Erinnerungen stehen in aller Klarheit vor ihm, und zugleich hat er teil an einem nationalen Erleben, das er wieder aufrufen kann. (Das ist es auch, was ihn so alt und müde werden lässt, so dass seine Gelenke schmerzen; aber das ist eine andere Geschichte).

Vielleicht steht diese Szene stellvertretend für unser Verhältnis zur erzählenden Literatur. Manch eine Beschreibung ruft in unserem Gedächtnis einen früheren Bewusstseinszustand auf, und der Text scheint etwas wiederzugeben, was wir früher schon einmal erlebt haben oder erlebt zu haben meinen. Oder die Literatur regt unsere Imagination an und führt uns etwas in einer Deutlichkeit vor Augen, als hätten wir es selbst erlebt. Es ist dieser Als-ob-Modus, der uns dazu verführt, zu denken, ja, das hätte mir genauso selbst widerfahren können; und auch wenn ich es nicht selbst erlebt habe, so ist es doch Teil meines potentiellen Selbsts.

So verbinden sich das eigene Gedächtnis, die Imagination und die erzählende Literatur als Wahrnehmungsstellvertreter des Lesers. Ein erfahrener Leser mag auf sein Leben und die vielen Bücher, die er in sich aufgenommen hat, zurückblicken wie in je unterschiedliche Teile seiner großen Lebensszene. Literatur wird ihm dann als eine andere Form des Bewusstseins erscheinen, eines, das nicht auf Selbsterlebtem beruht, aber trotzdem genauso Teil seiner selbst ist.

Das ist vermutlich auch der Grund, warum das Buch nie aussterben wird; ganz gleich, ob digital oder analog, auf eine solche Vielfalt wird keiner verzichten wollen.

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Jun 1 2013

Heteronym

Fernando PessoaDer portugiesische Dichter Fernando Pessoa veröffentlichte nicht nur unter eigenem Namen, sondern auch unter fremden. Was normalerweise Pseudonym genannt wird, heisst bei Pessoa Heteronym, weil er noch dazu eigene Identitäten mit eigenen Biographien erschuf, um die fiktiven Dichter, für die er schrieb, so 'wirklich' wie möglich erscheinen zu lassen. Eine dieser fiktiven Figuren Pessoas trägt den Namen Ricardo Reis. Reis wurde 1887 geboren, studierte Medizin, veröffentlichte seine ersten Arbeiten 1924 in der Zeitschrift Athena, und zwischen 1927 und 1930 erschienen Oden von ihm in der Zeitschrift Presença.

Hätte Pessoa ein bisschen später gelebt, dann hätte er wahrscheinlich eine eigene Facebook-Seite für Ricardo Reis eingerichtet; dort hätten dessen Freunde die jüngsten lyrischen Ergüsse des Meisters geniessen können. Leider aber ist Pessoa 1935 gestorben, und so ist lediglich eine Seite der portugiesischen Wikipedia Ricardo Reis gewidmet (wie Facebook auch kann die Wikipedia zwischen 'real' und 'fiktiv' nicht unterscheiden).

José Saramago hat später dann den Faden aufgenommen, ein Buch über die letzte Zeit im Leben des Ricardo Reis geschrieben und 1984 den Titel "Das Todesjahr des Ricardo Reis" veröffentlicht. Damit wurde Reis gewissermaßen zu einer doppelt fiktiven Figur; erst von Pessoa ins Leben gerufen, dann von Saramago in seinen letzten Stunden begleitet.

Eigentlich sollten wir weitere Dichter erschaffen; Facebook wäre dafür der richtige Ort. Und wenn der Schöpfer eines Dichters den Faden verliert, kann er den Staffelstab ja an einen anderen Autoren weitergeben. So wie Pessoa und Saramago es vorgemacht haben.

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Jan 12 2013

Heiße Luft

Was haben sich die Medien (vor allem die digitalen) letzte Woche vor Aufregung überschlagen: Fünf Jahre lang gab es einen komplett erfundenen Artikel zum "Bicholim-Konflikt" auf der Wikipedia. Erst jetzt wurde er gelöscht. Unerhört. Sensation. Ist ja eigentlich klar, da ja bei der Wikipedia jeder mitschreiben kann. Kein Wunder. So musste es ja kommen.

Ja richtig, so musste es kommen. Nur hat eben diese Logik keiner vorhergesehen. Wenn man nämlich Wissen nicht mehr als Macht begreift, sondern die Wissenserstellung demokratisiert, dann folgt daraus zuerst eine Verflüssigung des Wissens. Damit hat Wikipedia keine Probleme – stets aktuell und up to date, das stellt keine Hürde dar, die Einträge gleiten mit der Drift des Wissens mit. Als nächstes wird die Grenze zwischen relevant und irrelevant aufgeweicht: Man kann in der Wikipedia eigentlich über alles schreiben. Das ist ein Problem des Platzes und eigentlich auch keines, denn Webspace kann man mit Geld kaufen. Schliesslich gibt es ein Gleiten vom faktenorientierten Wissen zu den 'weicheren' Formen der Wissenschaftlichkeit. Hier kommt der Bicholim-Konflikt ins Spiel. Auch er müsste eigentlich kein Problem darstellen – wer hat eigentlich einen Schaden davon?

Viel erstaunlicher ist doch, dass die Wikipedia damit eine klassische Bewegung vollzieht, wie wir sie von den hierarchischen Wissensformen her kennen: Wo viel Wissensmacht ist, dort wird sie auch subvertiert und persifliert. Im berühmten Klinischen Wörterbuch von Willibald Psychrembel findet sich ab der 256. Auflage von 1990 ein Artikel zur "Steinlaus". Ein Scherz, Schabernack, Schwindel. Da in den Pschyrembel nur Autoritäten dürfen, musste auch ein berühmter Humorist diesen Artikel verfassen. Es war Loriot.

Wo viel Gelehrtheit, da ist eben auch viel Gelehrtensatire. Arnold M. Zwicky, Peter H. Salus, Robert I. Binnick (Hg.); Studies out in Left Field. Defamatory Essays. Presented to James D. MacCawley on the Occasion of His 33rd or 34th Birthday (= Current inquiry into Language and Lingustics 4), Edmonton 1971 ist eine Parodie auf die Methoden der modernen Linguistik; die angegebene Reihe enthält ansonsten seriöse sprachwissenschaftliche Veröffentlichungen. Der Artikel von Clark M. Zlotchew, "Tlön Llhuraos, N. Daly, J.L. Borges", in: Modern Fiction Studies 19 (1973), S.458f. berichtet aus dem Gebiet der Archäologie und Völkerkunde, genauer, über eine von Norman Daly organisierte Ausstellung über die fiktive Kultur der Llhuros.

Und: Weiss eigentlich jemand, was ein Roter Hering ist? Das ist eine falsche Fährte, eine Nebelkerze, wie sie oft von Literaten benutzt wird. Wer es nicht wusste, kann es ja hier nachschauen.

Zwangsläufig also musste die Wikipedia irgendwann auch zu ihrer eigenen Parodie werden. Von der Wissenschaft zur Fiktion mutieren. Willkommen im Klub! Leseratten und Freunde fingierter Wissenschaftlichkeit lesen jetzt nicht mehr nur A Tale of a Tub von Swift, Pale Fire von Nabokov oder Marbot. Eine Biographie von Wolfgang Hildesheimer, nein, Literaturliebhaber lesen jetzt auch Wikipedia – und genießen die heiße Luft, schwimmend im kühlen Faktenmeer.

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Jun 23 2012

... kennen alle Leser von gedruckten Büchern. Der Rest des Buches wird so schmal, dass man unweigerlich auf die Endlichkeit jeder Geschichte hingewiesen wird, und dann, nun ja, fliegt man raus aus der Welt des Buches. Manche lesen langsamer, um das unweigerlich nahende Ende ein wenig hinauszuzögern. Andere wiederum legen das Buch kurz vor Ende weg, um sich den Schluß für den nächsten Tag aufzuheben, und sie schliessen die Augen mit dem Gefühl, die Zeit angehalten zu haben.

Bei digitalen Büchern stellt sich diese Angst nicht selbstverständlich ein, zumindest nicht so intensiv. Das Lesegerät ist ohnehin immer gleich schwer und dick, da fühlt man das Ende nicht so stark nahen. Außerdem haben digitale Bücher das Potential, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu verwischen, eben weil sie mit dem Leser interagieren können.

An so etwas hat auch Orhan Pamuk gedacht, als er sein Buch "Museum der Unschuld" schrieb. Im Buch selbst findet man die Adresse dieses Museums, einen Ausschnitt aus dem Stadtplan von Istanbul und – auf den letzten Seiten selbstverständlich – eine Eintrittskarte. Vor ein paar Wochen, Ende April 2012 wurde dann das Haus mit diesem Namen oder Titel eröffnet. Das "Masumiyet Müzesi" ist ein dreistöckiges Eckhaus in Istanbul. Das Haus hat ebenso viele Räume wie Kapitel, und die im Buch enthaltene Eintrittskarte wird an der Pforte akzeptiert. Der Leser braucht also keine Angst mehr vor dem Ende zu haben; die Geschichte geht einfach weiter, im realen Leben, der Schluß des Buches gewährt einen direkten Übergang von der Welt der Fiktion in ihre Verlängerung in der Wirklichkeit.

Orhan Pamuks Museum ist natürlich nicht das erste Beispiel dieser Art. Zu Italo Calvino's wunderbarem Buch Le città invisibili wurde (nicht von ihm selbst) ein Hotel auf Menorca gebaut. Und die vielen Bücher, die in der Zukunft kommen werden ... wartet's ab, Leser, und ihr braucht keine Angst vor dem Ende mehr zu haben.

Der türkische Literaturnobelpreisträger wusste das schon lange. Schon in seinem Roman Die weiße Festung spendete Orhan Pamuk auf seine Weise Trost: "Man kann das Leben, diese einmalige Kutschfahrt. nicht neu beginnen, wenn es vorüber ist, aber wenn man ein Buch in der Hand hält, ganz gleich, wie schwierig es zu verstehen ist, kann man am Schluß zum Anfang zurückkehren, von vorn beginnen, um das Schwierige und damit das ganze Leben zu begreifen."

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Mär 17 2012

Zwischen Zeiten

Da haben also Jason Shiga und Andrew Plotkin den nächsten Versuch in interactive storytelling gestartet. Die iPhone- und iPad-App „Meanwhile verspricht dem Leser, dass er das Erlebnis eines selbstgestalteten Abenteuers haben könne – als Comic. Das ist clever, weil man schnell begreift, worum es geht, schnell Entscheidungen trifft und sich weiterklickt. Und cool – obwohl es wirklich sehr viele Entscheidungsmöglichkeiten und daher Verzweigungen in der story gibt – alles funktioniert echt fix, und da das ganze als riesige Karte angelegt ist, meint man immer, eine Art Überblick zu haben. Darüber hinaus ist die ganze App barrierefrei gestaltet; auch Menschen, die schlecht sehen, können sich mit VoiceOver orientieren. Gratulation!

Screenshot of "Meanwhile"

Wenn wie hier die Erzählung, die große Narration, im Vordergrund steht, wird der Unterschied zwischen Mitspielen und Zuhören nur allzu deutlich. Die großen Erzählungen der Weltliteratur teilen etwas mit, was nicht in Worten ausgedrückt wird; sie inszenieren etwas, und das ist ein Mehr, das man eigentlich so recht erst aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Das ruhelose Umherirren des Abenteurers, in dem eine große Verzweiflung über die eigene Heimatlosigkeit enthalten ist; das „Wie ich wurde, was ich bin“ des Bildungsromans, das von dem Erfolg des Aufsteigers erzählt; die Weltklugheit des Briefromans, in dem sich gelingendes Leben als Adaptationsfähigkeit zweier Gesprächspartner zeigt. Das sind drei typische Beispiele für klassische Erzählungen, in denen der Leser nur Beobachter ist. Und es sind auch drei gute Gründe, warum interactive storytelling auf dem Niveau eines unterhaltsamen Würfelspiels verbleiben wird.

Vielleicht befinden wir uns ja auch nur zwischen zwei Zeiten. Die große Erzählung verweilt auf dem Papier, weil sie einen elektronischen Mehrwert nicht nötig hat. Und die gaming fiction muss sich noch stark weiterentwickeln, damit sie in derselben Liga spielen darf wie die gute alte Narration.

Meanwhile we'll play that games, and we'll wait for others.

Oder gibt es schon den einen Weg durch die vielen Verzweigungen, der uns glücklich macht und uns die ganze Weisheit der Erzählung zuteil werden lässt?

Feb 11 2012

Als Wolfgang Hildesheimer 1981 – wenige Jahre nach seiner triumphal aufgenommenen Mozartbiographie – eine weitere Biographie veröffentlichte, löste er heftige Irritationen aus. "Marbot. Eine Biographie" erstaunte und verwirrte die Fachwelt anfangs, weil hier das Leben eines bis dahin unbekannt gebliebenen Goethe-Zeitgenossen und Kunsttheoretikers geschildert wurde. Dementsprechend eröffnete sich ein "Fundus bedeutender Einsichten in die Welt der geistigen Romantik", wie sich der Germanist Peter Wapnewski im Spiegel formulierte. Es stellte sich aber heraus, dass die Sache noch komplizierter war – Andrew Marbot existierte nämlich gar nicht, die Biographie aus der Feder von Hildesheimer ist eine Fiktion. Was die Leser und Wissenschaftler der achtziger Jahre jetzt daran faszinierte und irritierte, war die Perfektion, mit der Hildesheimer den wissenschaftlichen Beweisapparat imitiert hatte. Fußnoten, unveröffentliches Archivmaterial, Bibliographie, Register, das ganze drumherum.

Heute sähe das natürlich ganz anders aus. Es könnte etwa so beginnen: "Der Journalist und Schriftsteller Charles Sutter schrieb seine Erlebnisse als Gardemobilist im Krieg von 1870/71 und während der Pariser Commune unter dem Titel Geschichte eines Dreißigpfennigs auf."

Ja, heutzutage verlinkt man eben, das soll als Nachweis genügen. Und jeder, der sich im Netz gut auskennt, weiss auch, wie man diese Nachweise schön manipulieren oder komplett selbst herstellen kann – besonders auf solchen crowdsorcing-Seiten wie der Wikipedia. Ein post-postmoderner Autor und Hildesheimer- Fan würde also die gesamte fiktionale Welt seines Buches im Netz erstehen lassen, er würde auf hunderten von Seiten Nachweise hinterlegen und sein ganzes Werk zu einem mächtigen selbstreferenziellen Spielchen werden lassen. Also, lieber Leser, glauben Sie das, was oben über Charles Sutter steht – bloß weil hier vier Verweise in einem Satz untergebracht wurden?

Oh weh! Nichts ist in unseren digitalen Zeiten instabiler geworden als Wissen ...

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