Jul 26 2010

Ein Buch, kein Spiel

Die spielerische Herangehensweise, die die neuen Medien eröffnen, die Möglichkeit, kollaborativ Texte zu erstellen und die Verlockungen eines interaktiven storyboardings scheinen die Grenze zwischen Buch und Spiel zu verwischen. Obwohl Dramaturgie und Erzählung einige Elemente mit den aktuellen High-Tech-Spielen teilen, zeichnet sich die Literatur jedoch durch einige wichtige Merkmale aus, die das Spiel nicht eröffnen kann.

Verlassen der Ich-Perspektive: Im Spiel erhält man keine Reflexion vorgeführt, die man nicht selbst vollzieht. Die Literatur dagegen bietet ein Denken auf der Bühne an und lädt dazu ein, unbekannte Gefühls- und Erlebniswelten zu erschliessen. Die Innenperspektive einer Figur, die nicht ich ist, bietet mir mehr als die verschiedenen Varianten meiner Erlebniswelten, in die mich das Spiel führt. Dieses Manko liesse sich ja eventuell noch dadurch beheben, dass dem Leser gestattet wird, in einen Dialog mit einem Autoren zu treten. Dieser scheinbare Ausweg bietet aber keine Rettung. Denn die Literatur zeigt häufig: Die Gespräche, die wir nicht führen, sind noch bewegender als die anderen, die wir führen.

Fiktionale Verstärkung: Die merkwürdige Fähigkeit der Literatur, wahrer zu sein als das alltägliche Leben und ihr Potential, zu enthüllen, wie es ist, hat kein Pendant im Spiel. Im Spiel gibt es nur die Wirklichkeit des Spiels, in der Literatur hingegen den Reichtum der Fiktionen. Dadurch gelingt es der Literatur, eine künstliche Intensität von Dingen, die im wirklichen Leben flüchtig sind, freizulegen und den „Kern“ von Erfahrungen oder Erlebnissen zu präsentieren. Diesen Verstärkereffekt gibt es wohl in anderen Medien wie dem Film oder dem Theater, nicht aber im Spiel.

Ein Buch ist nicht ergebnisoffen: Die Personen übernehmen in einem Buch die Führung und schreiben es selbst. Die spielerische Wahlfreiheit und Beliebigkeit kennt das Buch nicht, wohl aber die scheinbar zwangsläufige, schicksalhafte Verkettung. Auch überflüssige Seitenpfade, die das Thema und seine Durchführung anreichern, sind im Spiel nicht angelegt. Die Literatur aber kennt Pfade, die dramaturgisch überflüssig sind.

Jul 21 2010

Die große Form

Fast jedes Kind kennt die Geschichte von Swimmy, dem kleinen Fisch, der sich mit vielen anderen kleinen Fischen zusammentut. Gemeinsam können sie einen großen Fisch bilden und anderen Fischen Furcht einflössen. So sind sie geschützt und können gemeinsam Spass haben. Bezeichnenderweise nimmt Swimmy in diesem Schwarm die Rolle des Auges ein. Einerseits kann er so wachsam beobachten und 'nach innen' kommunizieren, andererseits – und 'von außen' betrachtet – haucht er dem aus einem Schwarm gebildeten Fisch Leben ein. (Wie ich soeben merke, lässt sich diese Geschichte – wie jede gute Literatur – nicht paraphrasieren oder beschreiben; sie zwingt einen daher zum Nachdenken, hurra.)

Als ich früher in diesem Blog die Möglichkeit kollaborativer Autorschaft ausschloss, tat ich dies vor dem Hintergrund der Beobachtung, dass unsere Literaten ihre Autonomie mit Zähnen und Klauen verteidigen. Schliesslich ist die Literatur (und die Kunst) einer der wenigen Bereiche unserer arbeitsteiligen Welt, in denen ein Individuum ein Werk noch allein erschaffen und weitgehend kontrollieren kann, jedenfalls im Sinne von Kontrolle bis zur Abgabe des Textes. Die Idee von Autorschaft und Individualität sind durch den Geniekult eng miteinander verknüpft worden. Daher scheint es kaum denkbar, dass ein Schriftsteller seinen Namen teilweise aufgibt und sich bzw. sein Werk als Teil eines größeren Ganzen versteht. Diejenigen, die das tun, verzichten meist ganz auf ihren Namen und nennen sich John Sinclair. Warum publizieren solche Autoren eigentlich nicht unter dem Namen James Joyce?

Vielleicht eröffnen moderne Zeiten ja die Möglichkeit, dass sich einige wenige Autoren zusammentun. Sie sprechen sich untereinander ab, und jeder für sich schreibt ein in sich abgeschlossenes Buch, wobei diese Bücher sich zu einem übergeordneten Ganzen von epischer Breite zusammenfügen. Die Form müsste so groß und so offen sein, dass jeder der Autoren darin genügend Raum bekommt, um seine individuelle Meisterschaft zu entfalten und die Absprachen nicht als Fesseln zu empfinden. Beispielsweise könnte man die Geschichte eines großen gesellschaftlichen Konfliktes schreiben und jeder der Autoren übernimmt es, die Geschichte aus der Sicht einer gesellschaftlichen Gruppe (der Politik, der Polizei, einer Bürgerinitiative, einer Wirtschaftsvereinigung, der Unterwelt usf.) zu schreiben. Selbstverständlich müsste es für das übergeordnete Epos eine gemeinsame timeline und Figuren geben, die in zwei oder mehreren der jeweiligen Bücher auftauchen. Die Ausgestaltung eines jeden dieser Bücher in Formenbau, Stil, Ästhetik usf. könnte den jeweiligen Autoren selbst überlassen bleiben. Perspektivismus als Notwendigkeit, Komplexität und monumentale Größe als Chance.

Eine Zukunft des Schreibens? Vielleicht. Die Zukunft des Lesens? Auch schwierig. Wie in jedem Epos wird anhand der großen Form deutlich, dass sich jedes Werk aus vielen einzelnen Geschichten oder Erzählsträngen zusammensetzt, die für sich genommen rezipiert werden können. Die Unübersichtlichkeit wird dadurch gemildert, dass man sich als Leser zunächst für eine der Gruppen entscheiden muss, aus deren Perspektive erzählt wird. Also wählt man einen Teil des ganzen in der Größe eines Romans. Das entsprechende Buch könnte man beispielsweise als digitales eBook über ein Abonnement kapitelweise aufs Handy geschickt bekommen. Als Chance verstanden, könnte ein solches Lesen extrem kommunikativ sein, wenn man sich z.B. mit Arbeitskollegen austauscht, die parallel dasselbe Epos lesen, aber aus einer anderen Perspektive heraus geschrieben. Dieselbe story, derselbe Konflikt, aber ein völlig anderer Blick auf die Ereignisse. Ehrgeizige Leser können zwei, drei oder mehr der Romane lesen - und sich so einer 'Totalität' annähern. Welche Chancen für Empathie, Debatte, Anerkennung! Das Risiko aber besteht darin, dass die Leser frustriert werden, weil sie nicht mehr wissen, wo sie sich in der Gesamterzählung befinden, oder weil sie die Ausdauer verlieren. Das spricht entweder für das Erstellen kurzer, orientierender Zusammenfassungen oder für einen Seriencharakter (man kann sich als Leser jederzeit ein- und ausklinken) mit den entsprechenden Auflagen für die Autoren.

Zweifellos aber eine neue Bühne für den Konflikt zwischen Autonomie und Kollektiv, wie er schon der Geschichte von Swimmy zugrunde liegt. Wie Swimmy könnte der Leser wachsames Auge nach außen und innen und Schaltstelle in einer aktuellen gesellschaftlichen Debatte sein. Eine Position, in die ich mich als möglicher Leser gerne hineinwünsche.

Begriffe: 

Seiten

RSS - Erzählen abonnieren