Jan 4 2014

Innen und Außen

Schon vor ziemlich langer Zeit hat sich die Literatur angewöhnt, die Medien des Alltags zu verachten. Literatur  war schon immer edel und unvergänglich, sie zeigt filigrane Routen durch die dünne Höhenluft auf. Außerdem beansprucht sie, Seismograph der Intimität zu sein und besonders nah an lebende oder fiktive Personen heranzoomen zu können. Das hat sie allerdings mit den Alltagsmedien gemein: Auch Fernsehen, Zeitungen, Blogs, Twitter usf. behaupten die totale Transparenz der öffentlichen Person.

Irgendwie ist Literatur aber anders: Sie gewährt Einblicke in die Innenwelt, in die Innerlichkeit der Gefühle, auch wenn das alles vielleicht nur fingiert und gemutmaßt ist. Die alltäglichen Medien hingegen fokussieren stark auf Personen, kommen aber nicht in sie hinein. Auch Twitter – könnte ja ein Online-Tagebuch sein – täuscht ja Nähe nur vor; man ist nur schnell dran an den Leuten, die twittern; aber: Schaut man auch in sie hinein?

Andersherum gefragt: Wie könnte ein Roman aussehen, der auf Twitter publiziert wird und nicht nur die übliche Microfiction (oder Gedankengebrösel) ist? Wie würde ein Treatment für einen Film dort aussehen? Welche markigen Sätze und unsterblichen Dialoge würden wir dort finden?

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Dez 29 2013

Der erste Tweet

Frankreich, letztes Drittel des 19. Jahrhunderts. Die Rotationspresse ist erfunden, die Zahl der Zeitungen explodiert nach dem Ende der Zensur, der Preis pro verkauftem Exemplar fällt auf 5 Centimes, der Telegraph wird erfunden und versorgt die Redaktionen mit einer Fülle von Informationen. Nun wird der Platz knapp: Die Zeitungen bestehen meist aus vier Seiten auf zwei Blatt. Also: Raus mit den eloquenten Kommentaren und den Berichten aus der monde und demi-monde, rein mit den Informationen, kurz gehalten. Die faits divers, die vermischten Meldungen entstehen.

Als auch hier die Masse an Information die zur Verfügung stehende Anzahl von Zeichen übersteigt, wird die Reduktion von Information zur Kunstform. Keinem gelang das besser als dem Kritiker und Journalisten Félix Fénéon, der zwischen Mai und November 1906 in der Zeitung "Matin" die Rubrik "Nouvelles en trois lignes" betreute. Vermischte Meldungen, in drei Zeilen komprimiert – das dürften wohl die ersten Tweets gewesen sein. Kurze, geschliffene Sätze, bei denen die Leser wesentliche Informationen ergänzen mussten und oft nicht zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden konnten. "Nachdem er sein Messer sechs mal in den Hals, den Kopf und den rechten Arm der Baronin Apolline Selias gepflanzt hatte, floh ihr Ex-Liebhaber." Beziehungsdrama? Eifersucht? Parodie? Warum "gepflanzt"? 

Nicht schlecht, und das mehr als hundert Jahre vor den Tiny Tales von Florian Meimberg. Mehr braucht Microfiction nicht. Hat jemand schon eine Seite angelegt, um all die Tweets zu sammeln, die als vermischte Meldungen verkleidet daherkommen? 

Nov 16 2013

New Storytelling

Vom 18. bis 20. November findet im eigens eingerichteten Münchner Literatur Loft der Kreativwettbewerb "New Storytelling" statt. Er wird von Microsoft veranstaltet und beschäftigt sich mit der Frage, wie Technologie als Katalysator für innovative Ideen und Produktivität wirkt. Oder, in den Worten von Lectronica: Welche Möglichkeiten eröffnen die neuen digitalen Medien für das klassische Erzählen, für die Literatur und für eBooks? Mit von Lectronica dabei ist Jörg, der von Microsoft nach München eingeladen wurden. Was ihn da erwartet? Das werden wir sehen ...

Aug 31 2013

Nation and Narration

Noch vor wenigen Jahrzehnten lasen die Menschen national: Der Abenteuerroman führte seinen Protagonisten an Grenzen, die er überschreitet, um glücklich wieder in die Zivilisation zurückzukommen. Er kehrt dahin zurück, wo er herkommt, gereift und wissend, wo seine Heimat ist. Das Draußen / Andere / Gegenüber hingegen ist fremd, fremdsprachig allemal, nicht kultiviert und unzivilisiert. Diese Struktur zeigte sich in ihrem Extrem im Kriegsroman, hier war die Front die Grenze und der Fremdsprachige der, der umgebracht werden sollte. So entstehen und entstanden Nationen, in einer Abgrenzungsbewegung von "wir" gegen "die". Tausende Romane füllten die Imagination zehntausender Leser an, hier "wir", dort "die", Nation gegen Nation, die Sprachgrenze dazwischen. Ist das alles passé? Vielleicht noch nicht ganz, aber aus der Mode gekommen. Zeit für Inventur und eine Bemessung dessen, was als Ausschuss gelten kann; der Abraum wird abgeschätzt.

Abraum der Geschichte: Das deutsche Buch

Wie könnte die (digitale) Abenteuerliteratur des 21. Jahrhunderts dagegen aussehen? Stellen wir uns ein paar Autoren vor, die sich wie Korrespondenten auf verschiedenen Kontinenten aufhalten. Dazu ein spannungsgeladenes Thema, internationaler Terrorismus beispielsweise. Jeder Autor entwirft einen Plot, verschiedene narrative Schnittstellen zwischen den Erzählungen werden vereinbart, jeder produziert in Abschnitten, alles wird in kürzester Zeit übersetzt und auf die Endgeräte der Leser gedrückt. Ein Autor erzählt, vor welchem gesellschaftlichen Hintergrund sich in einer Region eine Gruppe radikalisiert; ein anderer, wie sie sich durch internationalen Drogenschmuggel finanziert; ein dritter die Folgen terroristischer Attentate in den Zielländern; ein vierter schließlich die militärischen Reaktionen der Länder des globalen Nordens (denn diese reagieren immer militärisch auf so etwas...). Die Leser wählen aus dem Angebot aus, welchem Erzählstrang sie folgen wollen – oder folgen gleich mehreren. Ein Auge West, ein Auge Ost. Keine Nationen. Eine globalisierte Literatur.

Jan 5 2013

History and Herstory

Warum noch mal dürfen Leser nicht beim plot der Geschichte mitmischen, die sie gerade lesen? Ach ja, so wars: Die Leser haben da eigentlich keine Lust drauf, denn dann müssten sie die ganze Zeit aus der Fiktion heraustreten, die sie gerade lesen, und das stört eben. Und: Die Autoren haben sowieso keinen Bock darauf, irgendwen mitspielen zu lassen, sondern nehmen die Leser lieber an die Hand und zeigen ihnen eine Welt, von der diese nicht mal zu träumen wagten (weil sie eben Leser sind und nicht besonders phantasievoll sind, aber das ist ein anderes Thema ...).

Nicht mal so ein kleines bißchen mitmachen, wäre das nicht drin? Doch, so ein bißchen, das läßt sich machen. Zum Beispiel könnte der Leser ja per Knopfdruck das Geschlecht der Hauptfigur auswählen. Das hat den Vorteil, dass sich dann endlich politisch korrekte stories bilden ließen; eben nicht nur his story, sondern auch her story.

Eine solche Herangehensweise hat für den Autoren erst einmal den Vorteil, dass er zunächst nur zwei Versionen der Geschichte schreiben muss: Eine, in der die weibliche Protagonistin im Mittelpunkt steht, und eine mit der männlichen. Wenn er sich ziemlich viel Mühe gibt, kann er ja dann vier Versionen schreiben, jeweils noch eine mit Lesben und Homos im Zentrum.

Hier ist das Titelblatt von Venus im Pelz zu sehenÜberhaupt ist ja klar, dass diese Art von Literatur erst dann so richtig spannend wird, wenn auch die Geschlechtlichkeit selbst Thema des Buches ist. Stellt Euch vor, man könnte das Geschlecht der Hauptfiguren von "Venus im Pelz" von Leopold von Sacher-Masoch in einem drop-down-Menü auswählen. Ergebnis: Sie unterwirft sich Ihr. Oder: Er unterwirft sich Ihm. Oder bei Shades of Grey: Er unterwirft sich Ihr.

Dann die ganzen "Diana"-, "Oberschwester Rita Bosemüller"- und "Der Bergdoktor"-Romane: Herrlich, herrlich.

Toll, oder? Wenn das mal nicht die Phantasie des Lesers anregt ...

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Dez 15 2012

Sie sind jung, sie studieren Literatur und sie hatten bis vor kurzem (fast) keine Ahnung von elektronischen Büchern: Elf Studenten stellen hier kreative, durchgeknallte, humorvolle, seriöse, informative und nachdenkliche Beiträge zum Thema E-Books bereit – natürlich in einem ePub und ganz kostenlos. Der kleine Sammelband ist im Rahmen des Seminars "Die Welt der E-Books" im Sommer 2012 an der FU Berlin entstanden und bietet ein Kaleidoskop junger Überlegungen und Gedankenspiele zur Digitalisierung der Bücher.

Kaleidoskop oder die Welt der E-Books

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Jun 9 2012

In dieser Stunde, ein Anfang

"Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotopen taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913."

Nicht jeder wird gleich darauf kommen, aber das ist tatsächlich der Anfang eines der berühmtesten (und daher auch ungelesensten) Romane der Weltliteratur. Es ist der erste Absatz von Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften". Wer weiterliest und das ganze erste Kapitel "Woraus bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht" konsumiert, weiss, dass Musil hier seine Genauigkeit auf die Spitze treibt – bis die vergangene Welt einer breiten, belebten Straße der Wiener Innenstadt im August 1913, nachmittags so etwa gegen vier Uhr vor dem geistigen Auge des Lesers aufersteht.

Wenn sich demnächst eine Debatte entfalten sollte, wie man den nächstes Jahr drohenden Jubiläumstag des Musilschen Werkes begehen soll, so möchte ich dazu einen Vorschlag machen, einen billigen: Man sollte ein Denkmal aufstellen. Zu der im Werk selbst genannten Stunde sollte es einen Zugang in dieses Monumentalwerk bieten, und die Hürde des Einstiegs sollte so niedrig wie möglich gehalten werden. Einfach an einer geeigneten Stelle der Wiener Innenstadt etwas aufstellen, was wie eine Sonnenuhr funktioniert, und ab 16 Uhr können bei schönem Augustsonnenschein alle Lesewilligen ihr Smartphone auf das Musildenkmal richten und 'SimSalaBim' öffnet sich ihnen das Reich des großen Meisters.

Die technische Lösung dazu hat neulich ein Verein namens Emart geliefert: Ein dreidimensionaler QR-Code, der nur zu einer bestimmten Stunde funktioniert. Das sieht so aus:

Also: QR-Code in Wien aufstellen, ab 16 Uhr Smartphone draufhalten und schwupps, schon darf man das eBook lesen. Mehr Genauigkeit, mehr "Welt" und mehr Einstieg in die Fiktion kann man doch gar nicht leisten, oder? DAS, so meine ich, wäre ein Denkmal, das Musil gerecht werden würde ...

Warum daraus "bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht" ... erkläre ich ein andermal ...

Mai 20 2012

Reisen lesen

Wo war noch mal die Insel von Robinson Crusoe? In der Südsee? In der Karibik? Achso, hat er ja frei erfunden, der Daniel Defoe. Oder gibt es wirklich einen Ort, der mit Robinsons Insel korrespondiert?

Jetzt haben sich ein paar Wissenschaftler zusammengesetzt und GoogleMaps benutzt, um auf einer 'realen' Karte Orte aus der Literatur einzutragen. Das Projekt nennt sich "Mapping Writing", und bis heute sind nur Texte von rund 20 Autoren sowie vier genaue Analysen von Werken eingetragen; weiterer Ausbau folgt. Die acht Reisen des Robinson Crusoe sehen grafisch so aus:

The Journeys of Robinson Crusoe, shown on Google Maps

Wie wird das eigentlich sein, wenn die erfundenen Orte nicht mit realen korrelieren? Oder wenn in einem Text fingierte Orte neben realen vorkommen? Sind die fiktiven Orten Idealisierungen, Utopien, oder basieren sie auf selbsterlebten / selbstgesehenen Orten, die in der Vorstellungswelt der AutorInnen überformt wurden?

In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ... und wenn man erstmal mit solchen Sachen anfängt, kommt man rasch zu immer neuen Fragen. Und so wird das Erforschen imaginierter Textwelten zum Aufbruch in unbekannte Gebiete des Wissens ...

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Mai 5 2012

Lies mit mir

Das menschliche Gewissen ist ein Organ, das sich erst herausbildet, wenn der Mensch in Dilemmasituationen geführt wird. Keine Dilemmata, kein Gewissen.

Was hat das mit Literatur zu tun? Stell Dir folgende Versuchsanordnung vor: Du liest ein eBook und weisst, dass Dein Lesen vom eBook registriert wird. Es reagiert auf Dich. Es reagiert auf alle Leser. Je mehr Leser, desto schneller stirbt die Hauptfigur. Das Buch ist so programmiert, dass es die kürzestmögliche der Varianten anzeigt, wenn viele Leser 'on' sind. Mehr Leser, mehr Gift. Je mehr Leser, desto schneller wuchert der Krebs. Je mehr Leser, desto schneller steigt das Wasser in dem Raum, in dem der Held sich befindet. Lesen tötet, lire tue, reading kills.

Warum das? Um die Leser stark zu machen. Wir sind nämlich alle neugierig und wollen wissen wie es weitergeht, und ob die Hauptfigur stirbt oder nicht, ist uns im Grunde egal. Nicht egal ist es uns aber, ob das Buch gleich vorbei ist oder nicht. Wir wollen alle nämlich gerne lesen, nur: Um lange zu lesen, müssten wir hier aufs Lesen verzichten oder es immer wieder unterbrechen...

Wie gemein ist das denn?

Eine Zwickmühle eben, die uns Leser darauf bringt, über unsere Lust am Sterben anderer zu reflektieren. Und unser Gewissen ausbildet.

Das Internet kennt das schon. Da dürfen die Nutzer im Rahmen eines Kunstprojekts über Leben und Tod eines Schafes abstimmen, oder ein Film führt vor, wie die Nutzer bei Morden mitmischen. Warum das ganze nicht mal als eBook ausprobieren?

Mär 17 2012

Zwischen Zeiten

Da haben also Jason Shiga und Andrew Plotkin den nächsten Versuch in interactive storytelling gestartet. Die iPhone- und iPad-App „Meanwhile verspricht dem Leser, dass er das Erlebnis eines selbstgestalteten Abenteuers haben könne – als Comic. Das ist clever, weil man schnell begreift, worum es geht, schnell Entscheidungen trifft und sich weiterklickt. Und cool – obwohl es wirklich sehr viele Entscheidungsmöglichkeiten und daher Verzweigungen in der story gibt – alles funktioniert echt fix, und da das ganze als riesige Karte angelegt ist, meint man immer, eine Art Überblick zu haben. Darüber hinaus ist die ganze App barrierefrei gestaltet; auch Menschen, die schlecht sehen, können sich mit VoiceOver orientieren. Gratulation!

Screenshot of "Meanwhile"

Wenn wie hier die Erzählung, die große Narration, im Vordergrund steht, wird der Unterschied zwischen Mitspielen und Zuhören nur allzu deutlich. Die großen Erzählungen der Weltliteratur teilen etwas mit, was nicht in Worten ausgedrückt wird; sie inszenieren etwas, und das ist ein Mehr, das man eigentlich so recht erst aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Das ruhelose Umherirren des Abenteurers, in dem eine große Verzweiflung über die eigene Heimatlosigkeit enthalten ist; das „Wie ich wurde, was ich bin“ des Bildungsromans, das von dem Erfolg des Aufsteigers erzählt; die Weltklugheit des Briefromans, in dem sich gelingendes Leben als Adaptationsfähigkeit zweier Gesprächspartner zeigt. Das sind drei typische Beispiele für klassische Erzählungen, in denen der Leser nur Beobachter ist. Und es sind auch drei gute Gründe, warum interactive storytelling auf dem Niveau eines unterhaltsamen Würfelspiels verbleiben wird.

Vielleicht befinden wir uns ja auch nur zwischen zwei Zeiten. Die große Erzählung verweilt auf dem Papier, weil sie einen elektronischen Mehrwert nicht nötig hat. Und die gaming fiction muss sich noch stark weiterentwickeln, damit sie in derselben Liga spielen darf wie die gute alte Narration.

Meanwhile we'll play that games, and we'll wait for others.

Oder gibt es schon den einen Weg durch die vielen Verzweigungen, der uns glücklich macht und uns die ganze Weisheit der Erzählung zuteil werden lässt?

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