Vor etwa 15 Jahren habe ich "Hamlet" gelesen und das meiste glücklich vergessen. Ein Zauderer, auf halbem Wege zwischen Mutterliebe und Vatererbe steckengeblieben - das ist nichts für mich. Permanente Unentschiedenheit, Waten im Sumpf des "Was denn jetzt", verträumtes Spiel mit changierenden Möglichkeiten. Was sonst noch blieb: Die Szene, in der Theater auf dem Theater gespielt wird (H will seiner Mutter was vorführen), der Kopf des Polonius, und das Allerweltswort "Sein oder Nicht-Sein", das Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden ist.

Ob Ihr es glaubt oder nicht, ich weiss noch, was die Menschen auf Bombays Boulevards in Rushdies "Midnight Children" knabbern ('time-pass, time-pass'), ich erinnere mich an das Loch im Nachthemd der Ehefrau von Arcadio Buendia (oder war es Aureliano Segundo?) in Marques' Hundert Jahre Einsamkeit, und an die verdammten Nasennebenhöhlenentzündungen des Protagonisten in Kiran Nagarkars "Gottes kleiner Krieger".

Kurz - das Lesen geniesst Portionen, Reste, Stücke, und was haften bleibt, ist fragmentarisch, sprunghaft, und bestimmt nicht den Texten angemessen. Wer kann schon die Entwicklung einer Figur vollständig wiedergeben ausser dem Autor?

Hätte ich ein passendes eBook zur Hand, würde ich, wie ich es schon jetzt mit physischen Büchern tue, Stellen markieren, um sie noch einmal zu geniessen. Beim zweiten oder dritten Lesen würden mir diese Stellen und Zitate genügen, der Rest könnte 'entfallen'. Jahre später, wenn ich wieder zu diesem Text greife, reicht wiederum ein kleinerer Teil dieser Auswahl, oder vielleicht ein zwei andere markante Stellen dazu. Ich wünsche mir also ein eBook, das zerfällt, bis das übrig bleibt, was ohnehin in meinem Gedächtnis ist. Und wenn dieses etwas auch in Eurem Gedächtnis ist, ist es unsterblich.

Nov 20 2010

Weg von der Papiermetapher

Wenn man über die Geschichte des Lesens nachdenkt, fällt einem zuerst Gutenberg ein. Dabei ist die Erfindung des Papiers mindestens genauso wichtig für die Entstehung von Textwelten gewesen wie die beweglichen Lettern des Mainzer Druckers.
Aller Text ist Fläche - damit ist ein Umstand von fundamentaler Bedeutung für die Entwicklung von Lesekompetenz bezeichnet. Die steinzeitlichen Höhlenmalereien, die antiken Inschriften in Steintafeln, die Kalligraphie der Bibelkopisten mit ihren gemalten Majuskeln, schliesslich das Buch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit: Aller Text ist Fläche.
Selten einmal, dass den Buchstaben Räumlichkeit (und Schatten) gewährt wird, selten, dass das Wort "Textur" dazu führt, dass Schriftzeichen in Gewebe eingestickt werden, um die zarte Stofflichkeit verwebter Schicksalsfäden und das dichte Geflecht literarischer Werke haptisch erfahrbar zu machen.
Wenn eBooks das Lesen in ähnlich revolutionärer Weise verändern werden, wie es der Hypertext bereits getan hat, müssen sie sich von der Papiermetapher ablösen. Es kann nicht sein, dass moderne eReader immer nur eine ebene Fläche anzeigen, Eselsohren als Markierungen anbieten und - wie Steve Jobs iBook - grosse Mengen an Programmiercode verschwenden, nur damit das Umblättern von Buchseiten möglichst realitätsnah imitiert wird. Dieses mimetische Verhalten verleugnet die Potentiale der elektronischen Darstellung von Buchstaben und unterwirft sich den festgefahrenen Gewohnheiten des Durchschnittslesers.
Also sollten wir damit anfangen, in unserer Phantasie Möglichkeiten zu ersinnen, wie Texte dargestellt werden können:
- Als Inschrift auf der Oberfläche einer virtuellen Glaskugel - ein Fingerwischen von unten nach oben erlaubt ein verräumlichtes "Scrollen". Das wäre eine angemessene Darstellung für Science Fiction-Werke - die Zukunft auf der Glaskugel.
- Als unendliche Textlinie in einem Raum - der Leser folgt dem Text durch den Raum, indem er sich an der Zeile entlanghangelt wie an Ariadnes Faden. Eine Möglichkeit für Labyrinth-Texte von Dädalos bis Homo Faber.
- Oder jedes Wort ist auf den Rücken eines Insekts geheftet, die in unendlicher Abfolge vor den Augen des Lesers von rechts nach links durchs Bild wandern. Mit diesem Spektakel würde man sicherlich viele Leser für die Entomologie begeistern können ...

Nov 5 2010

Mehrsprachigkeit

(Die französische Prinzessin möchte von ihrer Kammerdienerin Englisch lernen, um König Heinrich angemessen empfangen zu können:) Katharine: „Non, je recitera a vous promptement: de hand, de fingres, de mails.“ Alice: „De Nails, madame.“ Katharine: „De nails, de arme, de ilbow.“ Alice: „Sauf votre honneur, de elbow.“ Katharine: „Ainsi dis-je; de elbow, de nick, et de sin: Comment appelez-vous les pied et la robe?“ Alice: „De foot, Madame, et de coun.“ Katharine: „De foot et de coun: O Seigneur Dieu! ce sont mots de son mauvais, corruptible, gros, et impudique, et non pour le Dames de Honneur d'user: Je ne voudrai prononcer ce mots devant le seigneurs de France, pour toute le monde. Foh! le foot et le coun! Neanmois, je recitera une autre fois ma leçon ensemble: de hand, de fingre, de nails, de arm, de elbow, de sin, de foot, de coun.“ Alice: „Excellent, madame!“ (Shakespeare, King Henry V, Zweiter Akt)
Gute Literatur ist eigentlich unübersetzbar. Konsequenterweise sollten daher qualitativ hochwertige eBooks mehrsprachig daher kommen, mit einem Sprachwahlschalter, so dass man immer zum Originaltext umschalten kann – oder der Text wird gleich in zwei Spalten dargestellt, in der einen die Ausgangssprache, in der anderen die Übersetzung. Dann könnten tatsächlich auch polyglotte Texte adäquat präsentiert werden. Wer es gesehen hat: Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ kommt als viersprachiges Opus daher – im Kino eigentlich nur als OmU zu lösen. Warum also nicht vielsprachige, „globalisierte“ Texte mehrsprachig darstellen?
Wenn es technisch gelingt, könnten die Texte nicht nur les-, sondern auch hörbar werden. Entweder die Audiodatei ist in das eBook integriert, so dass man über einen Knopf den Text der entsprechenden Seite vorgelesen bekommt, oder es wird eine OCR mit einer leistungsfähigen Text-to-Speech-Engine verknüpft, so dass der Text erkannt und vorgelesen wird.
Das könnte den Reichtum der Sprachen unterstreichen und ihre je eigenen Klangfarben und Vorstellungswelten hervorheben. Der Safran-, Nelken-, Pistazienmorgen, mit dem sich die arabische Welt begrüsst, kämen ebenso ins Bewusstsein des Lesers / Hörers wie die zahlreichen zärtlichen Diminutive der lateinamerikanischen Welt. Ein sprachspielerischer Witz wie der von Shakespeare käme ebenso zur Geltung wie die Zungenbrecher, Abzählreime, Zaubersprüche und muttersprachlichen Wendungen.
Allerdings: Wie wird es wohl klingen, wenn James Joyes „Finnegan's Wake“ von Steve Job's VoiceOver vorgetragen wird? „bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronntuonnthunn-trovarrhounawnskawntoohoohoordenenthur — nuk“! – Zehn Worte für Donner in einem Wort (Lautmalerei pur), oder „Brékkek Kékkek Kékkek Kékkek! Kóax Kóax Kóax! Ualu Ualu Ualu! Quaouauh!“, vorgetragen von einer überforderten Computerstimme? Oder Karl Valentins Radfahrer, der auf den schönen Namen „Frnz Xvr Wrdlbrmpfd“ hört? – Deutlich wird hier einmal mehr, dass der Transport von Literatur in ein neues Medium vor allem ein technisches Problem darstellt, das nicht auf triviale Weise zu lösen ist.

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Okt 21 2010

Es ist schon bezeichnend für die Entwicklung (oder Nicht-Entwicklung) auf dem deutschsprachigen eBook-Markt, dass ein Autor sich eine App für sein Buch entwickeln lässt. Jürgen Neffe wird in Kürze sein Darwin-Buch über iTunes anbieten. Der Clou an der Sache: Neffe hat sich seine iPad-App so entwickeln lassen, dass potentiell auch andere Bücher mit Hilfe dieser App publiziert werden können. Ein eBook-Format also, das weder der Regel „Ein Buch eine App“ folgt, noch von den eingeführten eReadern gelesen werden kann – denn diese setzen ja auf ein paar Formate, die kaum mehr als komprimierte html-Dateien lesen können. Das ganze nennt er Libroid:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neffes Konzept ist straightforward, ignoriert die Verlagslandschaft und gängige eBook-Distributionsplattformen, und später einmal soll ein Composer hinzukommen, damit Autoren Bücher für die Libroid-App herstellen können. Damit wird die App zum Publikationskanal.
Die dreispaltige Darstellung ist simpel und zugleich offen genug, um anregend zu wirken. Man kann den Text im Zentrum und damit im Fokus des Lesers belassen und die beiden Randspalten zur Erweiterung nutzen, so wie Neffe dies mit dem Darwin-Buch vorhat. Die Mehrspaltigkeit eröffnet aber auch narrative Entwicklungsmöglichkeiten.

So lässt sich damit multiperspektivisches Erzählen realisieren, etwa wenn die Erzählung in je einer Spalte einer Person folgt; treffen zwei oder drei Personen zusammen, können die Dialoge über die Spalten hinweg wechselnd geführt werden. Hier eröffnen sich interessante Optionen, um Synchronizität darzustellen und parallele Handlungsstränge zu entwickeln. Auch beispielsweise Historiker könnte das freuen, wenn sie sich denn in die Lage versetzen, parallele Entwicklungen – etwa im Bereich der Sozial- und Kulturgeschichte – auf adäquate Weise zu erzählen. Und schliesslich könnte die Darstellung von Konflikten – mit ihren typischen, nicht miteinander zu vereinbarenden und doch aufeinander bezogenen Perspektiven – auf ganz neue Weise gelingen.

Mit der effektiven Einbindung von Inhalten, die sowohl lokal als auch online gespeichert sein können, hat das Libroid das Potential, reality-augmented literature (RAL) zu präsentieren. Beispielsweise könnte im Zentrum die Biographie einer historischen Persönlichkeit stehen, als historischer Roman dargeboten. Rechts und links werden dann historische Materialien angeboten (Bilder, Videos) sowie online verfügbare Inhalte (Faktenwissen, Landkarten usf.) eingebunden. Wenn man sich, wie Neffe, auf die Spuren einer historischen Persönlichkeit begibt, und dabei mit dem iPad in der Hand die relevanten historischen Stätten aufsucht, wird man in der Tat neue Dimensionen des Lesens erfahren.
Ich freue mich drauf.

Okt 14 2010

Eine runde Sache

Mit dem zirkulären Erzählen ist das so eine Sache: Es verwirrt die Leser, eröffnet aber großartige narrative Varianten. Man kennt es aus dem Film: "Pulp Fiction" kehrt am Ende an den Anfang zurück, Underground vom Emir Kusturica läuft gleich zweimal durch die Wiederholungsschlaufe, in "Picknick am Valentinstag" von Peter Weir wirds dann so richtig bedrohlich - "es geht weiter". Literarische Beispiele sind dagegen vermutlich weniger bekannt. In Stanislaw Lems "Sterntagebüchern" findet man dazu eine Geschichte - die mit den 49 Gravitationsfeldern -, grausig-gruselig auch Jack Londons "Zwangsjacke". Wiederholungsstrukturen sind allerdings in Gespenstergeschichten Standard, und wegen der logischen und chronologischen Brüche werden sie häufiger in phantastischer Literatur eingesetzt als in realistischer.
Diese literarische Form liesse sich leicht elektronisch umsetzen - wenn die Leser bereit sind, dieses imitative Blättern in iBooks und Stanza gegen jenes Scrollen zu tauschen, das man aus dem Netz kennt. Dann könnte man endlose "Buchrollen" herstellen, runde Bücher sozusagen, in denen man immer wieder an einen Anfang oder eine sich wiederholende Szene zurückkehrt. Statt einer Lesefortschrittsanzeige könnte man eine kleine Uhr rechts oben einblenden - wenn der Zeiger wieder auf zwölf steht, ist man wieder zurück. Und da der eReader ja weiss, ob und wie oft das Buch schon gelesen wurde, wählt er, wenn weitergelesen wird, einfach eine neue Erzählschleife aus - eine neue Erzählung, die wieder voranschreitet, bis der Leser wieder am Anfang angelangt ist.

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Sep 30 2010

Visualisierung

Jeder kennt das: Man liest einen Text mit einem oder gleich mehreren farbigen Marker in der Hand, und nach der Lektüre hat man einen Flickenteppich mit vielen knallbunten Patchwork-Seiten. Wenn die Farben mit den Inhalten korrespondieren, sieht das nicht nur gut aus, sondern orientiert auch.

Für digitale Bücher kann ein solcher grafischer Zugang neue Wege der Lektüre erschliessen. Es geht nicht mehr um die Volltextsuche – den klassischen Index –, sondern um inhaltliche Verknüpfungen. Im elektronischen Text kann man zunächst eine Vielzahl von Motiven ausmachen und als tags markieren, danach diese tags in eine überschaubare Anzahl von Inhalten gliedern, und diesen schliesslich Farben zuweisen – wie der Leser mit dem Textmarker in der Hand.

Fasst man die tags und Farben in einer Grafik zusammen, dann erhält man ein farbiges Leitsystem, so etwas wie das Liniennetz des ÖPNV einer Großstadt oder, wenn mans dreidimensional macht, fein verzweigte Verästelungen bzw. Wurzelgeflechte ohne Stamm (die Schlauheimer sagen dazu Rhizome).

Solche Visualisierungen fördern vielfältige Lektüren, entdeckendes Lesen und spontane, nichtlineare Zugänge zum Text. Oder auch zu mehreren Texten, denn Autoren verfolgen bestimmte Themen ja häufig ein Leben lang.

Wer meint, dass das mit der narrativen Chronologie nicht zu vereinbaren ist, kann sich ja mal ein Gegenbeispiel anschauen. Stephen Fry hat sich für seine „Fry Chronicles“ – die Fortsetzung seiner Autobiographie – einen solchen visuellen Index basteln lassen:

Den Entwurf dazu hat Stefanie Posavec gemacht, die sich schon eine ganze Weile mit der Visualisierung von Texten herumschlägt. Mich selbst überzeugt ihr Rad mit den vielen Speichen nicht wirklich – zu abstrakt, um es gut zu verstehen –, aber weiterverfolgen sollte wir die Idee auf jeden Fall. MyFry wird mit Sicherheit nicht das letzte Beispiel dieser Art sein.

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Sep 24 2010

Lesen und Handeln

Wer liest, handelt nicht. Wer handelt, liest nicht. Warum? Der Handelnde ist fühllos, der Lesende passiv.

Wer ein literarisches Werk liest, stellt seinen Körper still und öffnet sich – in unterschiedlichen Intensitätsgraden – den dargebotenen Inhalten. Flüssige Sätze durchströmen ihn wie ein gefühlter Bachlauf, die Worte rempeln ihn an im Dahinfliessen des grossen Demonstrationszuges einer Erzählung. Er lässt zu, dass seine Imagination besetzt wird von etwas, auf das er wenig Einfluss nimmt. Empathie entfaltet sich in der Sensibilität für das Erzählte und im analytischen Denken, das nichts anderes ist als ein Denken mit der Sensibilität. Dem Handelnden dagegen mangelt es an dieser Sensibilität, er drückt dem Geschehen seinen Stempel auf und legt keine Rechenschaft ab über ein Fremdes, das sich ihm in den Weg stellt. Er schreitet über es hinweg, häufig ohne Bewusstsein der eigenen Disempathie.

Für die Zukunft des Buches bedeutet das ein Gebot zur Vorsicht bei der Gestaltung interaktiver Elemente. Ein Buch ist nicht einfach ein Computerspiel, in dem beständig gewechselt wird zwischen Lesen und Handeln. So spielerisch und intuitiv der Zugang zur imaginierten Welt auch gestaltet sein mag – immer wieder zu Aktivität aufgefordert zu werden behindert die eigene Imaginationsfähigkeit und beschneidet die Sensibilität. Daher wird es auch weiterhin einen Bereich geben müssen, der vom Literarischen des Textes vollständig dominiert wird, und der sich nicht von der Realität des Lesers abhängig macht. Texte eröffnen ihre eigene Realität nur dem, der es zulässt, und der nicht beansprucht, mitwirken zu wollen. Dann hört er die Sonne über sich jauchzen, sieht die Frühlingszweige sich ehrfurchtsvoll zur Seite neigen und wird jener Liebende auf dem Weg zu seiner Geliebten, dahinschreitend über den weichen roten Teppich des Bürgersteigs. Und er überlässt sich der Fürsorge und Klugheit des Textes, die ihn aus dem Exil der geistigen Stagnation herausführt, er bewundert die Syntax, die ihn mit ihren Rhythmen liebkost, und er bemerkt das Spiel der fiktionalen Muskeln in ihrer Anstrengung, das Leben der Literatur wirklich werden zu lassen.

Hier ein gutes Gleichgewicht zwischen Handeln und Lesen zu finden und dem Literarischen seinen Raum zu gewähren, wird eine Aufgabe zukünftig zu gestaltender Bücher sein.

Sep 14 2010

Interpretation und Bedeutung

Wenn das Web die Kulturtechnik des Lesens verändert hat, dann sicherlich durch die Verwendung von Hypertext. Damit wurde die Vorstellung popularisiert, dass einzelne Begriffe in Texten verknüpft sind mit anderen Begriffen oder Texten. Diese Herangehensweise ist mit einem Verfahren der Textinterpretation verwandt, nämlich der Suche nach Schlüsselbegriffen und ihrer Katalogisierung und Hierarchisierung.
Für die webbasierte Interpretation von literarischen Texten liegt dagegen auch ein semantischer Zugang nahe, konzentriert er sich doch auf die Bedeutung von Begriffen und Textteilen. Hier gibt es aber scheinbar noch viel zu tun, denn auch das Semantische Web steckt noch in den Kinderschuhen. Die Idee ist einfach: Begriffe werden auf der Ebene ihrer Bedeutung miteinander verknüpft, aber nicht einfach über Hyperlinks, sondern über Relationen. Diese haben den Vorteil, dass sie typisiert werden können und so auch für Maschinen lesbar werden. Ein wesentliches Problem bei der Interpretation von Texten ist ja, dass die Texte Zusammenhänge herstellen, die aufgrund ihrer Komplexität – z.B. durch Bedeutungsvielfalt und Gleiten der Bedeutung – für Maschinen nicht auswertbar sind. Dieser Umstand generiert viele Arbeitsplätze von Literaturkritikern und Wissenschaftlern.
Wie könnte eine webbasierte Textinterpretations-Software aussehen? Zunächst haben wir einen literarischen Text. Ein Mensch liest ihn durch und stellt fest: die und die Begriffe sind wichtig und stellen zusammengenommen ein Ordnungssystem dar, das dabei hilft, den Text zu erschliessen oder besser zu verstehen. Er kann dann diese Begriffe mit Hilfe von Relationen miteinander verknüpfen und typisieren, d.h. den links Kategorien zuweisen. Dann weiss man – aha – dieser Begriff ist ein Synonym oder ein Gegenteil von diesem und jenem Begriff, er gehört über seine Konnotationen und Denotationen zu dieser oder jener Ontologie, er ist zentral oder weniger zentral für die erzählten Textwelten (Hierarchie), und – falls der Text das hergibt – er gehört zu dieser Taxonomie von Oppositionspaaren, die den Text strukturiert. Bestenfalls ergibt sich also eine grafische Anordnung der Begriffe oder eine andere Repräsentation der zugrunde liegenden Begriffe und deren Zusammenhänge.
Will das jemand haben? Ausser ein paar Wissenschaftlern vermutlich eher keiner. Interessant wird es eher, wenn eine solche Software mit einer Social-Web-Anwendung verknüpft wird. Dann würden die Leser nämlich die oben genannten Zusammenhänge herstellen und aufzeichnen, so wie es jeder einigermassen routinierte Leser mit dem Bleistift in einem Buch tut (oder er merkt sich die Textstellen schlichtweg). Diese benutzerspezifischen „Lesespuren“ könnten maschinell ausgewertet werden: Viele Leser fanden diese oder jene Relation hilfreich oder hätten sie genauso hergestellt, oder sie sahen diese oder jene Ontologie als zentral an. (Vorausgesetzt, alle Leser hätten die Kompetenz, diese Software richtig zu bedienen bzw. die Inkompetenz, sie zu manipulieren.) Was sich damit abzeichnen würde, wäre so etwas wie eine dominante gesellschaftliche Lesart. Begleitet von einem entsprechenden Online-Diskussionsforum könnte das die gesellschaftliche Debatte über einzelne Texte unterstützen, nicht aber die Bewertung dieser Texte. Ob man diesen oder jenen Text klug und hilfreich, amüsant oder langweilig, spannend oder dröge findet, das geht aus der semantischen Interpretierbarkeit nicht hervor. Und auch die Tatsache, dass ein hummeldummer Text zum Bestseller wird, lässt sich damit nicht erklären. Denn auch die Wissenschaft weiss noch nicht, ob ein Text dann erfolgreich ist, wenn sein semantisches Ordnungsystem dem seiner Leser besonders nahe ist. Hopp oder topp steht auf einem anderen Blatt.
Mit der Entwicklung des Semantischen Webs wird auch eine entsprechende Textinterpretations-Software kommen. Ob sie populär wird und jenseits von Literaturzirkeln zum Einsatz kommt, hängt ganz davon ab, in welchem Maß sie mit kommerziell erfolgreichen Titeln verknüpft werden kann, müssen diese doch online publiziert werden. Und davon sind wir noch weit entfernt.

Aug 18 2010

Raum und Erzählung

Jede Erzählung entfaltet sich in einem strukturierten Raum. Die erzählte Welt teilt sich dabei in mindestens zwei Räume auf, die zum einen durch topologische Unterscheidungen (z.B. oben – unten, innen – außen, zu Hause – in der Fremde) strukturiert wird, zum anderen durch semantische Gegensätze wie gut – böse, bekannt – unbekannt, geordnet – chaotisch usf. Schliesslich gibt es den oder die Helden der fabula, und ein wesentliches Kennzeichen dieser Helden ist ihre Fähigkeit, zwischen den Räumen hin- und herwechseln zu können.
Ein einfaches Beispiel: Die Welt der Pippi Langstrumpf teilt sich in die kleine schwedische Stadt mit ihren bürgerlichen Bewohnern und der wohlgeordneten Welt der Konventionen und in die Welt der Südsee (Taka-Tuka-Land), der abenteuerlichen Piraten und des Unkonventionellen. Der Heldin (und ihren Freunden Tommy und Annika) gelingt es, zwischen diesen Welten hin- und herzuwandern, sie kann sie aber nicht zusammenführen. Den Vater, König einer Südseeinsel, kann sie zwar wiederfinden, entscheidet sich aber gegen ihn und bleibt bei ihren kleinen schwedischen Freunden.
Anders als gedruckte Bücher erlauben es elektronische Medien prinzipiell, diese Raumstruktur sichtbar und navigierbar zu machen. So könnte man sich vorstellen, die Episodenstruktur der drei Pippi-Bücher grafisch-räumlich zu veranschaulichen und so dem Leser die Möglichkeit zu eröffnen, zu entscheiden, ob er lieber Episoden in der kleinen, überschaubaren und heimeligen schwedischen Welt lesen möchte oder eher die Abenteuer in der großen, weiten Welt der Meere und der Südsee. Entscheidend aber scheint mir zu sein, dass die räumliche Struktur von Erzählungen sich in der Imaginationskraft des Leser entfaltet. Anschlüsse und Übergänge in die jeweils andere Welt sind damit in der Vorstellung des Lesers zwar vorhanden, aber man kann nicht einfach aus einer in sich geschlossenen Episode ausbrechen und wieder in die Gegen-Welt überwechseln, sprich, dort weiterlesen. So weit ich das sehen kann, kann damit die räumliche Ordnung der Erzählung höchstens in einem Inhaltsverzeichnis visualisiert werden. Die nichträumlichen Gegensätze (wie konventionell – unkonventionell), die den Text strukturieren, können dagegen nicht visualisiert werden, sondern bleiben der Vorstellungskraft des Lesers vorbehalten.

Auch ein anderes Prinzip von Erzählungen – Nähe und Ferne zur Hauptfigur, also die Erzählperspektive – gehorcht einem räumlichen Prinzip. Ein Ich-Erzähler erlaubt keine Distanz zwischen dem Blick des Erzählers und dem Erzählten, ein personaler Erzähler ermöglicht den Wechsel zwischen der Sicht einer bestimmten Figur (seiner Binnenperspektive) und dem, was um ihn herum vorgeht (aber nur von außen betrachtet werden kann). Der auktoriale Erzähler schliesslich bietet eine umfassende Perspektive, ist allwissend und mischt sich immer wieder kommentierend und bewertend in das Geschehen ein.
Umgesetzt auf die Möglichkeiten elektronischer Medien hiesse das, dass die Perspektive gewechselt werden kann. Heranzoomen – wie in Google Maps mit der Bewegung von zwei Fingern – ermöglicht die Fokussierung auf einen Ich-Erzähler, Wegzoomen den Wechsel über den personalen bis hin zum auktorialen Erzähler. Gibt es bereits Narrationen, die alle drei genannten Perspektiven gleichwertig nebeneinander führen? Nein. Will man das wirklich: Drei Textstränge mit unterschiedlichen Erzählperspektiven, die parallel geführt werden und jederzeit Übergänge ermöglichen? Wohl eher nein, denn: Was soll das bringen? Wo wäre der Mehrwert? Wer will das alles lesen?

Mein Fazit zu Raum und Erzählung: Am ehesten viel schöne neue Welt, Platz für Experimente, aber noch keine überzeugenden Beispiele. So weit sind wir noch nicht. Entscheidend ist vielmehr, was in der Vorstellungswelt des Lesers abgeht. Und da sollten wir vielleicht garnicht hineinfingern.

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