Jun 11 2011

The medium is the message: Die neuen Propheten und Missionare bedienen sich der avantgardistischsten Medien, um ihre Botschaften unters Volk zu bringen und Gläubige zu überzeugen. Jetzt hat der vormalige amerikanische Präsidentschaftskandidat und Klima-Apostel Al Gore zugeschlagen. Der Buchnachfolger zu seinem Film „An Inconvenient Truth“ heisst „Our Choice“ und ist jüngst als E-Book-App erschienen. The coolest book, the fanciest gadget, cutting-edge technology: IR-RE! – interaktive Grafiken, die vom Atem des Lesers bewegt werden, hier präsentiert vom Entwickler Mike Matas:

Dieses Buch ist ein gutes Beispiel für die Zweischneidigkeit häretischer Botschaften. Wer das Wunderbuch haben möchte, lädt sich erstmal 50 MB auf sein iPad oder iPhone herunter. Wer es dann auch noch lesen möchte und alle Bilder, Videos und Grafiken benutzen möchte, muss noch einmal 650 MB herunterziehen.

Eigentlich sollte man jeden Leser in einen Serverraum schicken, bevor er sich die App runterlädt; dann wird er den Sinn des Wortes „Treibhauseffekt“ sofort verstehen. Die Datenübermittlung – vor allem fürs bewegte Bild – frisst ordentlich Strom; genausoviel geht noch einmal für die Kühlung der Serverparks drauf. Die Rechenzentren fressen 1,5 bis 2 Prozent der weltweit erzeugten Elektrizität, und die Wachstumsrate beträgt 12 Prozent.

What to do, Al Gore?

Less is sometimes more.

Mai 28 2011

Über heilige Kühe

Der olle Mainzer Johannes Gutenberg hatte es einfach: Es gab schon Text. Es gab schon Bücher. Es gab schon Druck. Gutenberg hat 'nur' die Maschine angeworfen: Lesen für alle. Was folgte, war das Buch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Kontext: sich ausdifferenzierende Gesellschaften, Märkte, das literarische Feld, der hohe symbolische Wert des Buches, des Autors und der Lesekultur. Strukturierung der Öffentlichkeit.

Das eBook dagegen hat es ungemein schwerer. Es trifft auf eine Kultur, in der die Wahrnehmung vorherrscht, Textualität und Visualität seien einander entgegengesetzte, sich wechselseitig ausschließende Kategorien. Und es trifft auf ein Erleben von Texten, das diese als statisch ansieht, wohingegen die digitalen Produkte mit Adjektiven wie dynamisch, interaktiv, kinetisch und rekombinierbar versehen werden.

Mehr noch: Die Tatsache, dass es die technologische Entwicklung ist, die als Motor des Wandels gesehen wird und die diese kategorialen Unterscheidungen aufzuheben droht, diese Tatsache wird als Angriff auf das Traditions-Medium Buch gesehen.

Ein Buch mit visuellen und interaktiven Elementen? Geht schon mal gar nicht. Das ist ein Sakrileg. Das Sakrale wird von den Hohepriestern des Literaturbetriebes im wohlverstandenen Eigeninteresse verteidigt. Und ihre Verteidigungslinie setzt zuerst bei der Aufrechterhaltung der eben genannten kategorialen Unterscheidung an.

Bester Beleg für den sakralen Status von Büchern sind übrigens die Verlustängste, die sich am physischen Buch festmachen. Das physische, gedruckt Buch mit seinen umblätterbaren Seiten ist ein Kultobjekt. Die emotionale Besetzung von Dingen, ihre hohe libidinöse Aufladung verunmöglichen es, dass man sich einfach von dem Objekt verabschiedet und einem anderen zuwendet. Man legt auch nicht einfach seinen Ehering ab. Wenn der Prozeß einer Ablösung der Besetzung einsetzt, tauchen die Verlustängste auf. Aber es geht lange, bis es zu einem angstfreien Übergang kommt.

Inzwischen ist die Kuh längst geschlachtet. Wir Häretiker haben sie sogar schon gegessen. Schmeckt gut.

Mai 25 2011

Das Buch aufmischen

Die Kinder von heute sind die Leser von morgen. Die Zukunft des Buches liegt daher bei den Kindern. Merkwürdigerweise gibt es aber noch gar nicht so viele elektronische Kinderbücher. Eines der derzeit technisch avanciertesten Kinderbücher ist gar kein eBook, sondern eine App. „Alice in Wonderland“ wurde von AtomicAntelope für das iPad entwickelt:

Ein Buch zum Drehen, Wiegen, Rütteln, Schütteln, Wischen und Ziehen. Hier kann man sich wirklich vorstellen, dass Kinder die vielen verspielten Animationen lieben werden und sich gerne damit beschäftigen.
Und man kann sich auch vorstellen, wie andere Kinderbücher aussehen würden, wenn man sie technisch entsprechend aufbereitet: Für „Der kleine Wassermann“ von Otfried Preussler zum Beispiel könnte sich das iPad in ein Aquarium verwandeln, so dass man das Szenario ständig vor Augen hat. Den Text könnte man inmitten der Algen und Krebse scrollen, wenn der Onkel aus dem Moor vorbeikommt, färbt sich der Vordergrund trübe ein, an einer anderen Textstelle kommt das Neunauge langsam durch den Bildschirm geschwommen ...
Eine andere Möglichkeit wäre Jutta Bauers „Königin der Farben“. Die Geschichte, in der sich die Farben erst vermischen und zu einem unansehlichen Grau werden, um dann später durch die Tränen der Königin wieder getrennt zu werden und schliesslich in einem bunten Feuerwerk zu enden, kann man sich ebenfalls gut animiert vorstellen. Interaktiv könnten Kinder die Farben vermischen und wieder trennen und sich am finalen Feuerspektakel erfreuen.

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Apr 6 2011

Zeitlichkeit

Kaum ein Medium, das einen so die Zeit vergessen lässt wie ein Buch. Schlag' ein Buch auf, und Du entfliehst der Diktatur von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Das hat das Buch mit Zuständen wie Tagträumereien oder dem Schlaf gemeinsam: Es führt den Leser in ein anderes, imaginäres Raum-Zeit-Kontinuum. Gilt dort keine Zeit? Doch, aber hier gibt es Alternativen: Durchbrechungen der Chronologie, Phasen der Entschlußlosigkeit und Zögerlichkeit, Unterbrechungen, Einschübe und Abwege, ewige Gegenwart der Verliebtheit, Zeitschleifen usf.

Das physische Buch, wie wir es kennnen, steht diesen Inhalten eigentlich entgegen. Der Leser muss in seiner Phantasie alles leisten (und dabei das Medium vergessen), das Buch selbst passt sich der erzählten Zeit nicht an, hat mir ihr nichts zu schaffen. Elektronische Bücher hingegen könnten das: Gerade die Veränderbarkeit ist ein wesentliches Merkmal ihrer spezifischen Medialität. Ohne weiteres lassen sich hier dynamische Elemente einbauen, die mit der Zeitlichkeit des Buches verknüpft sind.

Zunächst einmal gibt es da die klassischen Zeitanzeiger: Sonne und daher auch Schatten, Wind und Wolken am Himmel, die Gezeiten am Meer; längere Perioden werden durch Aufblühen und Verwelken von Blüten und durch den Jahreszeitenwechsel angedeutet. Anders als in den klassischen Büchern könnten Illustrationen so gestaltet werden, dass sie sich verändern, während der Leser liest. Dasselbe Haus, derselbe See könnten anders dargestellt werden, je nachdem, ob die Geschichte gerade den Morgen oder den Abend beschreibt. Animationen in Abhängigkeit vom Lesefortschritt: Das Bild verändert sich während des Lesevorgangs.

Salman Rushdie (Luka and the Fire of Life), Michael Ende (Momo) und Jean Cocteau (Orphée) haben Geschichten und Bücher als 'Gegengift' zu Tod und Zeitverknappung geschildert. Immer ist es die Welt der Magie, aus der die Rettung kommt. Und mit solchen Illustrationen würde die Tür zur Welt der Magie sicherlich ein bisschen weiter aufgestoßen.

Apr 1 2011

Copy & Paste eBook

Ohne TitelNeulich ist ein Minister gestürzt. Jetzt gibt es ein eBook dazu: "Ohne Titel" von dem Berliner Karikaturisten Klaus Stuttmann. In vierzig Karikaturen wird der schnelle Aufstieg und Fall des Politstars Karl-Theodor zu Guttenberg geschildert.

Der Clou: Das Buch wird im offenen ePub-Format ohne DRM ausgeliefert, kann also 'kopiert' werden. Als "Schutz" vor der unautorisierten Weitergabe wird jedes eBook mit einer persönlichen Widmung versehen, fortlaufend nummeriert und von Klaus Stuttmann handsigniert.  Bestellen kann man es hier.

Begriffe: 
Mär 24 2011

Bye bye Flash

Im Netz ist Adobes proprietäres Format SWF allgegenwärtig. Für vektorgrafik-basierte, interaktive Animationen im Web ist Flash derzeit fast alternativlos. Das würde natürlich auch herrliche Möglichkeiten für die Gestaltung von eBooks bieten, wenn der Flash Player denn auch auf iOS devices laufen würde: Steve Jobs ärgerte sich bei der Präsentation seines tablets letztes Jahr noch schwarz, als er die Seite der New York Times anwählte und die Fehlermeldung „Flash Player nicht gefunden“ erhielt.

Seit kurzem deutet sich ein workaround an: Adobe hat jetzt ein Tool hergestellt – zumindest ein Demo davon – , das die Konversion von Flash-Inhalten in HTML5 erlaubt. Und seit ein paar Monaten bereits gibt es ein Open-Source-HTML5-Framework zur eBook-Erstellung für das iPad. Das Baker eBook Framework wurde unter BSD-Lizenz veröffentlicht und erlaubt es, eBook-typische Inhalte im HTML5 aufzubereiten und über den App Store zu vertreiben. Ein erstes, ganz nettes Beispiel mit dem Titel 5x15 Tokyo kann man sich kostenlos aus dem App Store laden. Hier sind noch keine animierten, Audio- oder Video-Inhalte integriert, aber:

Die Tür steht offen. Let's go.

 

 

 

 

 

 

 

Mär 16 2011

How to become a hero

Geschichten stiften Identitäten, und wer identifiziert sich nicht mit einem der Helden der Geschichte? Wenn im Herbst der neue ePub3-Standard herauskommt, wird es möglich sein, den Namen einer der Figuren im eBook durch den eigenen Namen zu ersetzen und so zum hero zu avancieren. Mehr noch: JavaScript ermöglich es, Verknüpfungen zu den devices, die im Lesegerät enthalten sind, herzustellen. Mit anderen Worten: Man kann auf die Kamera zugreifen und dem eBook sein eigenes Foto hinzufügen, man kann in das eBook eine „Spiegelfläche“ einbetten, in der die aktuellen Bilder der Videokamera angezeigt werden. „Spieglein, Spieglein, an der Wand“ – und man sieht sich selbst im eBook wieder. Willst Du die / der Schönste im ganzen Land sein?

Begriffe: 
Mär 8 2011

Geo-aware eBooks

Ok, Liza Daly von ThreePress Consulting ist schon letztes Jahr mit einem geo-aware ebook-demo im ePub-Format rausgekommen. Im ePub selbst ist der Geo-Code als JavaScript enthalten, und er enthält die Schnittstelle zum geolocation feature des Browsers, das die Längen- und Breitengrade des Leserstandorts übermittelt.

Wenn man das so macht wie Liza Daly sich das vorstellt, fängt man irgendwo an zu lesen und erlaubt zu Beginn dem Browser, die Standortinformationen aufzunehmen. Um weiterlesen zu können, muss man sich bewegen – erst dann also erhält man mehr Text. Ein echtes technisches WUNDER! Nur: Was hat das mit Narration zu tun?

Erst mal gar nichts. Was bringt der Unfug? Also: Für mich ist der Clou daran, dass das Buch sich seines Lesers bewusst ist. Das erlaubt tatsächlich neue Formen der Interaktion zwischen Text und Leser. Stellen wir uns vor, dass ein Leser an einem bestimmten Ort, zum Beispiel in einem Märchenpark ist und an einem Punkt dort mit der Lektüre beginnt. Am Ende der Textpassage angelangt, erhält er eine Anweisung: Geh da und dort hin. An diesem neuen Punkt angelangt, erhält der Leser die Fortsetzung der Geschichte (und wenn er dort nicht hingeht, kann entweder nichts passieren oder er wird von seinem Browser angemault).

Das bindet zwar den Leser an einen bestimmten Ort, vervielfacht aber die Erlebnismöglichkeiten und -intensitäten. Du musst in Dornröschens Turm steigen und Dich dort hinlegen. Du musst, um ans Ziel zu gelangen, eine Schlucht durchqueren und unter einem Wasserfall durchlaufen. Du musst durch einen unterirdischen Tunnel gehen und siehst dabei gruselige Monster in Nischen stehen oder erblickst durch die Glasscheiben in der Decke Fische und See-Elefanten von unten. Du erhältst die nächste Anweisung nur, wenn Du durch das Schlüsselloch einer Tür schaust, auf der "Säbelzahntiger" steht. Und so fort. Also eindeutig was für die Erlebnisindustrie.

Oder man macht eine digitale Schnitzeljagd oder richtet schicke Stadtführer ein.

Wenn einem die Ortsgebundenheit solcher Erzählungen als zu enge Jacke erscheint, kann man die Leser mit Krimiplots auf Fährtensuche schicken. Es ist bestimmt möglich, einen Krimi in 20 verschiedenen Städten desselben Sprachraumes spielen zu lassen und die jeweiligen Geo-Codes als Varianten im eBook unterzubringen.

Wir fragen mal bei der AOK und der Barmer nach, ob sie die Entwicklung solcher stories als Bewegungsförderung finanziell unterstützen ...

Mär 1 2011

In the cloud

Die in Deutschland gängigsten eBooks werden im offenen ePub-Format hergestellt. EPub bedeutet eigentlich kaum mehr als ein Bündel komprimierter html-Dateien nebst Metadaten und Table of Contents. Und wenn das so ist: Gibt es etwas besseres als einen Web-Browser, um html-Dateien zu lesen?

Ein paar australische Freunde haben sich jetzt drangesetzt und auf HTML5-Basis einen web-based eReader erstellt, der plattformunabhängig auf jedem modernen Browser läuft. Netterweise ist die eReading-Technologie Open Source verfügbar, falls sich ein Entwickler dransetzen und weitere Funktionen hinzufügen will.

Dieser web-based eReader erfordert keine Installation einer Software mehr. Immerhin erlaubt er das Hinzufügen von Lesezeichen sowie eine Reihe weiterer Möglichkeiten, die einem konventionellen Leseverhalten entgegenkommen. Die Bücher können z.B. auf dem iPad dem Home-Bildschirm hinzugefügt werden, so dass das Buch auch offline lesbar wird – thanx to HTML5. Das muss aber nicht sein, man kann seine Bücher auch in der Cloud lassen. Auf dieser Grundlage haben die Aussis eine kommerzielle Bücherplattform erstellt, die sie Booki.sh nennen.

Klare Nachteile sind die bislang beschränkten Darstellungsmöglichkeiten, denn die Bücher selbst basieren nach wie vor auf ePub. Darüber hinaus fehlt beim eReader eine Notizfunktion und die Bedienung der eReading-Technologie ist wenig intuitiv. Aber hier ist vermutlich noch viel Luft nach oben drin.

Begriffe: 
Jan 19 2011

Google eBooks

Anfang Dezember 2010 hat Google zugeschlagen. Nun stehen – vorerst nur in den USA – auf einmal rund drei Millionen eBooks zur Verfügung, denn ein Teil des Angebots besteht aus jenen 15 Millionen gedruckten Büchern, die Google in den vergangenen sechs Jahren gescannt hat. Es gibt aber auch aktuelle Bücher, Bestseller, wissenschaftliche Literatur usf. Und man kann auf fast allen Geräten lesen: Im Browser, auf Android Phones, iPhone, iPad, iPod touch sowie vielen unterstützten eReadern (nicht auf dem Kindle, versteht sich). Und man erhält die Bücher nicht nur über Googles eBookstore, sondern auch über die Shops vieler anderer Anbieter wie Barnes & Noble, alibris, Powell's Books.

Wie kann das sein? Giganten wie Google wollen möglichst viele Leser erreichen, also bieten sie viele Lösungen an. Grundsätzlich wird wohl ein web-based eReader verwendet, und jeder Nutzer/Leser stellt seine Bibliothek in the cloud zusammen – ähnlich wie beim Ibis Reader. Zum Lesen muss sich ein Nutzer bei Google anmelden, dann kann er immer wieder auf die Bücher zugreifen – nach dem Einloggen. Für Androids und iIrgendwas gibt’s eigene Apps. Und: Die Bücher sind auch als Downloads für nicht-internetfähige eReader verfügbar, wahlweise als ePub oder als PDF. Alle Verlage, Groß- und Einzelhändler, die mit Google kooperieren, bieten in ihren Shops auch die gemeinfreien, von Google gescannten Bücher an.

Viel Angebot, viele Lösungen – da kann man sich auch ein Video leisten, das vollmundig leichtes Lesen verspricht:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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