Nov 5 2011

Snack Attack

Seit Dezember 2003 gibt es in Berlin eine Reihe von Süsswaren-Automaten, aus denen man auch Literatur herausziehen kann. Münzen rein, Fach angewählt, schon drehen sich die Spiralen und man erhält ein reclamgelbes DIN-A-6 Heftchen mit literature to go. Auf dieses ungewöhnliche Merchandising-Konzept ist der kleine Berliner Verlag SuKuLTuR gekommen, und seither finden sich die gelben Heftchen nicht nur in Buchhandlungen, sondern in den Automaten der ganzen Hauptstadt und auf Sylt. Verblüffenderweise funktioniert das Konzept, obwohl man sich ja eigentlich nicht aussuchen kann, was genau man liest: Was kommt, kommt, und da die Heftchen ja nur einen Euro kosten, hält sich das eigene Bedauern in Grenzen, wenn man etwas erhalten hat, mit dem man nichts anfangen kann.

SuKuLTuR: Der dunkelste Planet

Für eBook-Fans und -Verkäufer gibt das Konzept eine Richtung vor: Kooperationen mit branchenfremden Distributeuren erreichen neue / andere Zielgruppen. Man könnte einfach einen Mini-QR-Code auf eine Süsswarenpackung draufkleben, und für einen Euro mehr erhält der Käufer nicht nur den Snack, sondern auch ein literarisches amuse-gueule.

Witzigerweise eröffnet diese Verkaufsstrategie auch dem Buchhandel neue Chancen - also der einzigen Branche, die sich zu Recht durch die elektronischen Angebote bedroht fühlen darf. Literatur, die über QR-Codes abgerufen werden kann, eignet sich ja quasi für jedes Produkt aus dem Non-Literature-Bereich. Einfach draufkleben oder dem Kunden einen Papierschniepel mit dem Code überreichen, zusammen mit der eben gekauften Schokoladentorte oder dem Mozzarella-Baguette. Snack and read eben.

Okt 29 2011

Hidden messages

Routinierte Leser kennen das Phänomen: Für die ersten fünfzig Seiten eines Romans benötigt man wesentlich länger als für die letzten fünfzig. Warum eigentlich? Jeder Leser, der sich in die imaginäre Welt eines literarischen Werkes versenkt, arbeitet intensiv: Er erstellt die imaginäre Welt in seinem Kopf, und diese Leistung entschleunigt das Lesetempo.

Wie wäre es, eBooks zu erstellen, bei denen jedes Umblättern einer Seite ein Abbild dieser imaginären Welt nach und nach, ganz allmählich zutage fördert? Hinter den Buchstaben könnten langsam Konturen sichtbar werden, die gegen Ende des Buches deutlich erkennbar sind.

Ein paar Beispiele: Leser von Daniel Kehlmanns Ruhm könnten eine grafische Darstellung des Beziehungsgeflechts angezeigt bekommen, das sich während der Lektüre durch die Bezüge zwischen den Figuren ergibt. Die Leser von Italo Calvinos Le città invisibili erhalten eine Karte all jener Städte, die von Marco Polo dem aufmerksamen Zuhörer Kublai Khan geschildert werden und mehr einem imaginären Universum angehören denn dem realen chinesisch-mongolischen Reich. Oder man erhält, von Kapitel zu Kapitel je unterschiedlich, Bilder aus der Geschichte Indiens, die in Salman Rushdies Mitternachtskindern erzählt wird.

Würde das den Begriff Illustration nicht neu definieren und der Beziehung zwischen Bild und Text neue Möglichkeiten einhauchen?

Okt 22 2011

ePub3 veröffentlicht

Am  11. Oktober hat das International Digital Publishing Forum (IDPF) bekanntgegeben, dass nun die finale Version von ePub3 veröffentlicht wurde. Die Spezifikation definiert alle notwendigen Mittel, um strukturierte und semantisch erweiterte Web-Inhalte in einem einzigen Dateiformat zusammenzufassen.

Basierend auf HTML5 unterstützt ePub3 nun Rich Media (Audio, Video), Interaktivität (JavaScript), globale Sprachunterstützung (einschließlich vertikaler Schreibweise), Styling-und Layout-Funktionen, SVG, eingebettete Schriften, erweiterte Metadaten-Möglichkeiten, MathML und die Synchronisation von Audio mit Text. Und vieles mehr.

Um etwas anschaulicher zu machen, welches Tor da aufgestoßen wurde, hat Liza Daly von Threepress Consulting einige der Möglichkeiten in einem Video erläutert:

 

Ich habe mal einige der neuen features von ePub3 zusammengefasst und hier in einer extrem stylischen pdf-Datei zum download bereitgestellt.

Na dann: Let's go!

Begriffe: 
Sep 24 2011

Glücklich ist der Reisende, der von Stadt zu Stadt reist und sich in unbekannten Vierteln verlieren darf. Jede neue Fremde verändert seinen Blick auf den Weg, den er bereits zurückgelegt hat, und auf die Stationen seiner Reise, die Städte der Vergangenheit. Die Geschichte des ganzen Landes enthüllt sich mit jeder neuen Stadt, jede Station enthüllt neue Geschichten. Ob die Fremdheit, die er entdeckt, ihn von den Geschichten seiner Reise entfremdet oder ob er dort nur fremd gewordene Vergangenheiten seiner selbst entdeckt, wer weiss das schon?

Aus solchen Reiseberichten liessen sich herrliche eBooks bauen: Jedes Kapitel eine neue Stadt, die sich vor dem inneren Auge des Lesenden entfaltet. Im selben Maß, wie der Leser auf seiner imaginären Reise voranschreitet, im selben Maß verändert sich auch die Vergangenheit, entsprechend der Route, die er zurückgelegt hat. Nicht die Vergangenheit der letzten Seiten, sondern die der weiter entfernten Kapitel. Und weil das Buch interaktiv ist, wird der Leser irgendwann zurückblättern und nochmals eines der voraufgegangenen Kapitel lesen, nochmals eine der Städte besuchen. Und der Text wird sich verändert haben, ebenso wie sich sein Blick auf die Vergangenheit geändert hat, entsprechend der Route, die der Leser zurückgelegt hat.

Sep 10 2011

Das Buch hören

Als vor ein paar Jahren Hörbücher herauskamen, ging es eine Weile, bis man sich daran gewöhnt hatte; das “Kino im Kopf“ funktioniert aber mit ein wenig Übung eigentlich genau so gut wie beim Lesen des Textes. Und es wird wohl nur eine Weile gehen, bis die text-to-speech-Maschinen so gut sind, dass man sich den Text eines eBooks vorlesen lassen kann, ohne dass sich die Zehennägel aufrollen ob der Computerstimme. VoiceOver, Steve Jobs' Vorleseservice, soll das bei englischsprachigen Texten schon ziemlich passabel hinbringen.

Die Jungs von Booktrack dagegen haben in eine andere Richtung gedacht: Ein Soundtrack für das Buch, der sich je nach der Erzählung oder den Wünschen des Lesers verändert. Also: Man liest und lässt – wie in einem Film – untermalende Geräusche dazu erklingen. Für die, die sich gerne alles selbst einrichten, gibt es die Möglichkeit das Sound-Ambiente, die Effekte und die Musik individuell zu regeln. So bekommt der Leser / Hörer die Möglichkeit, ein bisschen am setting der Erzählung mitzuwirken.

Zum Testen gibts auch eine Sherlock-Holmes-Geschichte als kostenlose Demo für das iPad. Mal schauen, ob sich das durchsetzt, warum nicht? Den Hörbücher haben auch ein paar Jahre Zeit bekommen.

Aug 27 2011

Die unendliche Bibliothek

In seiner Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ beschreibt Borges, wie eine Universalbibliothek aussehen könnte: Die Bücher haben jeweils 410 Seiten mit je vierzig Zeilen, jede Zeile etwa achtzig Zeichen. Aus 22 Buchstaben, dem Komma, dem Punkt und dem Abstand – also 25 Zeichen – werden Kombinationen gebildet. Alle nur möglichen Kombinationen in allen Sprachen dieser Welt bilden die Bücher dieser Bibliothek.

Im Ergebnis bedeutet das, dass es in dieser Bibliothek keine zwei identischen Bücher gibt; es ist eine totale Bibliothek, in der sich irgendwo alles findet, was sich ausdrücken lässt; es ist in ihr alles geschrieben, was geschrieben werden kann. Diese Bibliothek umfasst nicht nur die Bibliothek von Alexandria, in der alle damals existierenden Werke aufbewahrt wurden. Borges' Erzählung zielt auf mehr: Diese Bibliothek enthält nicht nur alle tatsächlich hergestellten Bücher dieser Welt und damit das gesammelte Weltwissen; es gibt nicht nur für jedes Weltproblem irgendwo in dieser Bibliothek eine Lösung, nein, alles dieses sowie auch alle denkbaren unsinnigen, aus den Zeichenkombinationen herstellbaren Bücher in allen Sprachen.

Borges' Erzähler hält diese Bibliothek für unendlich. Er sagt, sie sei unbegrenzt und zyklisch. Nehmen wir ihn beim Wort und geben wir uns bescheiden. Unsere Vision einer universellen Bibliothek wäre zunächst einmal an der von Alexandria orientiert: Google sagt uns, es existierten gegenwärtig rund 130 Millionen Bücher. Alle diese Bücher, digitalisiert und im Himmel untergebracht (in the cloud), so dass sie von jedem Menschen auf der Welt jederzeit und überall besucht werden kann. Aber Borges hatte schon recht – diese Bibliothek müsste auch babylonisch sein: 130 Millionen Bücher, und jedes in allen Sprachen der Welt verfügbar. Das wäre ein Anfang.

Aug 13 2011

Wolken ziehn vorüber

Begriffe: 
Aug 6 2011

Das verliehene Gedächtnis

Die guten, alten Papierbücher stellen einen bedeutenden Teil unseres kulturellen Gedächtnisses dar. Wie nahe liegt es daher, eine typische Fähigkeit von digitalen Medien – memory – für eBooks zu nutzen.

Ein simples Beispiel: Der titelgebende Brief in Edgar Allan Poes kurzer Erzählung The purloined letter  (Der entwendete Brief) wird dem Leser nie präsentiert. In den einführenden Passagen wird zwar sein kompromittierender Inhalt erwähnt, aber nie wird ausgeführt, was denn dort genau steht. Das wäre eine schöne Aufgabe für die Leser: Überlegen Sie sich doch einmal, was dort geschrieben sein könnte, und schreiben Sie es direkt auf das leere Briefpapier, das das eBook Ihnen zeigt. Schnell in den virtuellen Umschlag geschoben und weitergelesen. Am Ende der Erzählung taucht der Brief dann wieder auf, beschmutzt und zerknittert. Auf dem Blatt könnte der von Ihnen geschriebene Text stehen ...

Ein anderes Beispiel: In der Erzählung "Das unerbittliche Gedächtnis“ berichtet Jorge Luis Borges von Ireneo Funes, der als junger Mann vom Pferd fiel und ein absolutes Gedächtnis erlangte (oder vielmehr seine Fähigkeit zu vergessen verlor). Während für uns Leser der Text als lange Reihe von Wörtern vor uns vorbeizieht und der Begriff "Hund“ wenig ins Gewicht fällt, erinnert der traurige Held der Geschichte jedes Detail von jedem Hund, den er in seinem Leben zu Gesicht bekam. Ein Klick auf das Wort "Hund“ könnte die Möglichkeit eröffnen, unsere Erinnerungen an Hunde dort zu notieren; beim nächsten Lesen dann weitere hinzuzufügen; und irgendwann würden wir Funes' Unfähigkeit zu Abstraktion und Synthese am eigenen Leib nachvollziehen können ...

Oder schliesslich Philip Roth's "Exit Ghost": Wieder einmal begegnet uns Nathan Zuckerman, diesmal gealtert und alternd. An einer Stelle versucht er sich präzise an den Verlauf eines Telefonats und die dort gewählten Worte zu erinnern; so raffiniert sind die Abgründe der Nuancen und Hintersinnigkeiten der Anspielungen gewählt, dass sich nicht nur der Protagonist, sondern auch der Leser unsicher wird, was denn genau gesagt wurde. Zuckerman's Gedächtnis lässt nach, und der feste Grund seiner Wortsicherheit wird zum Treibsand. Als Leser blättert man dann zurück, um nachzuschlagen, was wie gesagt wurde. – Was aber wäre, wenn dort, im eBook, nun ein leicht veränderter Text stünde, abgewandelt gegenüber dem, was man noch Minuten zuvor gelesen hatte, rewritten and refreshed von der unerbittlichen digitalen Maschine?

Begriffe: 
Jul 4 2011

Happy Birthday, eBooks!

Man kann es kaum glauben, aber heute sind die eBooks – um genau zu sein, die Idee eBooks – 40 Jahre alt geworden. Vierzig! Dass man das so genau weiß, liegt an Michael Hart. Diesen Menschen muss man nicht unbedingt kennen, aber seine Idee und das daraus entstandene Projekt kennt jeder: Project Gutenberg.

Michael Hart hatte sich an der Universität von Illinois eingeschrieben und erhielt am 4. Juli 1971 einen account im damals existierenden Universitäts-Netzwerk (von Internet war noch nicht die Rede). Da Hart sehr wohl wusste, dass dieses Netzwerk der Informationsverbreitung dienen würde, tippte er die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung ab. Gerade diesen Text zu wählen, lag für einen Amerikaner nahe, denn die Unabhängigkeitserklärung wurde ja am 4. Juli 1776 proklamiert.

Da der von Hart abgetippte Text im Plain text (ASCII)-Format gespeichert wurde, war die Datei mit 5 kB zu groß zum versenden, also speicherte Hart die Datei auf dem Server und verschickte den link; das erste eBook war erstellt worden. Im Herbst desselben Jahres gründete er dann das visionäre "Project Gutenberg“, dessen Angebot bis heute auf 36.000 Bücher angewachsen ist.

Herzlichen Glückwunsch!

Begriffe: 
Jun 29 2011

Das eBook "Ein Schiffsausflug zur Seehundbank" ist eine App für das iPad. Ich finde daran gut, dass das Buch zweisprachig deutsch und englisch ist und dass man auswählen kann, welche Sprache man will. Wenn man auf den Text drauftippt, dann liest eine Stimme den Text vor, und alle Texte gibt es auch auf Deutsch und Englisch. Mir gefallen auch die Geräusche und Animationen gut, zum Beispiel wenn sich das Wasser im Hintergrund bewegt.

Zu dem Buch gibts auch ein Memoryspiel. Cool finde ich, dass man in jedem Bild des Buches was antippen kann und dann kommt dieser kleine Ausschnitt in groß und es wird was dazu gesagt, zum Beispiel über Wale oder den Fang im Netz von einem Fischkutter. Es macht Spass, etwas zu suchen, was man antippen kann, und zu schauen, was dann passiert und wo eine Animation kommt. Zum Beispiel bellt der Hund, wenn man ihn antippt.

Ich denke, dass das Buch geeignet ist für Dritt- und Viertklässler, weil man zwischen den beiden Sprachen hin- und herwechseln kann. Also ist das Buch für diejenigen gut, die anfangen, Englisch zu lernen (ich bin schon in der sechsten Klasse). Schade ist es, dass das Buch sehr kurz ist, dann ist man so schnell fertig.

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