Mai 28 2011

Über heilige Kühe

Der olle Mainzer Johannes Gutenberg hatte es einfach: Es gab schon Text. Es gab schon Bücher. Es gab schon Druck. Gutenberg hat 'nur' die Maschine angeworfen: Lesen für alle. Was folgte, war das Buch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Kontext: sich ausdifferenzierende Gesellschaften, Märkte, das literarische Feld, der hohe symbolische Wert des Buches, des Autors und der Lesekultur. Strukturierung der Öffentlichkeit.

Das eBook dagegen hat es ungemein schwerer. Es trifft auf eine Kultur, in der die Wahrnehmung vorherrscht, Textualität und Visualität seien einander entgegengesetzte, sich wechselseitig ausschließende Kategorien. Und es trifft auf ein Erleben von Texten, das diese als statisch ansieht, wohingegen die digitalen Produkte mit Adjektiven wie dynamisch, interaktiv, kinetisch und rekombinierbar versehen werden.

Mehr noch: Die Tatsache, dass es die technologische Entwicklung ist, die als Motor des Wandels gesehen wird und die diese kategorialen Unterscheidungen aufzuheben droht, diese Tatsache wird als Angriff auf das Traditions-Medium Buch gesehen.

Ein Buch mit visuellen und interaktiven Elementen? Geht schon mal gar nicht. Das ist ein Sakrileg. Das Sakrale wird von den Hohepriestern des Literaturbetriebes im wohlverstandenen Eigeninteresse verteidigt. Und ihre Verteidigungslinie setzt zuerst bei der Aufrechterhaltung der eben genannten kategorialen Unterscheidung an.

Bester Beleg für den sakralen Status von Büchern sind übrigens die Verlustängste, die sich am physischen Buch festmachen. Das physische, gedruckt Buch mit seinen umblätterbaren Seiten ist ein Kultobjekt. Die emotionale Besetzung von Dingen, ihre hohe libidinöse Aufladung verunmöglichen es, dass man sich einfach von dem Objekt verabschiedet und einem anderen zuwendet. Man legt auch nicht einfach seinen Ehering ab. Wenn der Prozeß einer Ablösung der Besetzung einsetzt, tauchen die Verlustängste auf. Aber es geht lange, bis es zu einem angstfreien Übergang kommt.

Inzwischen ist die Kuh längst geschlachtet. Wir Häretiker haben sie sogar schon gegessen. Schmeckt gut.

Jan 19 2011

Google eBooks

Anfang Dezember 2010 hat Google zugeschlagen. Nun stehen – vorerst nur in den USA – auf einmal rund drei Millionen eBooks zur Verfügung, denn ein Teil des Angebots besteht aus jenen 15 Millionen gedruckten Büchern, die Google in den vergangenen sechs Jahren gescannt hat. Es gibt aber auch aktuelle Bücher, Bestseller, wissenschaftliche Literatur usf. Und man kann auf fast allen Geräten lesen: Im Browser, auf Android Phones, iPhone, iPad, iPod touch sowie vielen unterstützten eReadern (nicht auf dem Kindle, versteht sich). Und man erhält die Bücher nicht nur über Googles eBookstore, sondern auch über die Shops vieler anderer Anbieter wie Barnes & Noble, alibris, Powell's Books.

Wie kann das sein? Giganten wie Google wollen möglichst viele Leser erreichen, also bieten sie viele Lösungen an. Grundsätzlich wird wohl ein web-based eReader verwendet, und jeder Nutzer/Leser stellt seine Bibliothek in the cloud zusammen – ähnlich wie beim Ibis Reader. Zum Lesen muss sich ein Nutzer bei Google anmelden, dann kann er immer wieder auf die Bücher zugreifen – nach dem Einloggen. Für Androids und iIrgendwas gibt’s eigene Apps. Und: Die Bücher sind auch als Downloads für nicht-internetfähige eReader verfügbar, wahlweise als ePub oder als PDF. Alle Verlage, Groß- und Einzelhändler, die mit Google kooperieren, bieten in ihren Shops auch die gemeinfreien, von Google gescannten Bücher an.

Viel Angebot, viele Lösungen – da kann man sich auch ein Video leisten, das vollmundig leichtes Lesen verspricht:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Okt 21 2010

Es ist schon bezeichnend für die Entwicklung (oder Nicht-Entwicklung) auf dem deutschsprachigen eBook-Markt, dass ein Autor sich eine App für sein Buch entwickeln lässt. Jürgen Neffe wird in Kürze sein Darwin-Buch über iTunes anbieten. Der Clou an der Sache: Neffe hat sich seine iPad-App so entwickeln lassen, dass potentiell auch andere Bücher mit Hilfe dieser App publiziert werden können. Ein eBook-Format also, das weder der Regel „Ein Buch eine App“ folgt, noch von den eingeführten eReadern gelesen werden kann – denn diese setzen ja auf ein paar Formate, die kaum mehr als komprimierte html-Dateien lesen können. Das ganze nennt er Libroid:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neffes Konzept ist straightforward, ignoriert die Verlagslandschaft und gängige eBook-Distributionsplattformen, und später einmal soll ein Composer hinzukommen, damit Autoren Bücher für die Libroid-App herstellen können. Damit wird die App zum Publikationskanal.
Die dreispaltige Darstellung ist simpel und zugleich offen genug, um anregend zu wirken. Man kann den Text im Zentrum und damit im Fokus des Lesers belassen und die beiden Randspalten zur Erweiterung nutzen, so wie Neffe dies mit dem Darwin-Buch vorhat. Die Mehrspaltigkeit eröffnet aber auch narrative Entwicklungsmöglichkeiten.

So lässt sich damit multiperspektivisches Erzählen realisieren, etwa wenn die Erzählung in je einer Spalte einer Person folgt; treffen zwei oder drei Personen zusammen, können die Dialoge über die Spalten hinweg wechselnd geführt werden. Hier eröffnen sich interessante Optionen, um Synchronizität darzustellen und parallele Handlungsstränge zu entwickeln. Auch beispielsweise Historiker könnte das freuen, wenn sie sich denn in die Lage versetzen, parallele Entwicklungen – etwa im Bereich der Sozial- und Kulturgeschichte – auf adäquate Weise zu erzählen. Und schliesslich könnte die Darstellung von Konflikten – mit ihren typischen, nicht miteinander zu vereinbarenden und doch aufeinander bezogenen Perspektiven – auf ganz neue Weise gelingen.

Mit der effektiven Einbindung von Inhalten, die sowohl lokal als auch online gespeichert sein können, hat das Libroid das Potential, reality-augmented literature (RAL) zu präsentieren. Beispielsweise könnte im Zentrum die Biographie einer historischen Persönlichkeit stehen, als historischer Roman dargeboten. Rechts und links werden dann historische Materialien angeboten (Bilder, Videos) sowie online verfügbare Inhalte (Faktenwissen, Landkarten usf.) eingebunden. Wenn man sich, wie Neffe, auf die Spuren einer historischen Persönlichkeit begibt, und dabei mit dem iPad in der Hand die relevanten historischen Stätten aufsucht, wird man in der Tat neue Dimensionen des Lesens erfahren.
Ich freue mich drauf.

Jun 28 2010

The Social Graph of Reading

Wenn ich mir vorstelle, wie die Zukunft des Lesens im Netz aussehen könnte, würde ich mir zunächst einmal ein schickes Lesegerät wünschen, so etwas wie den Flash-Player von Issuu.com;

Natürlich müsste das Ding ein bisschen komplizierter sein, denn ich würde ja an den Rändern der Bücher Kommentare, Assoziationen, Verknüpfungen, Ideen notieren wollen. Jetzt wird’s auch schon schwieriger: Wer soll das sehen können, was ich da aufzeichne? Ich bräuchte also die Möglichkeit, differenziert Rechte zu vergeben, damit auch andere meine Anmerkungen lesen können (und ich ihre). Als nächstes wäre mir wichtig, zu zeigen, welche Bücher ich gut finde ('sag mir was Du liest, und ich sage Dir, wer Du bist'), und das auch bei anderen sehen zu können. Ein soziales Ich, aus Büchern gebildet. Besser noch, wenn ich Menschen mit ähnlichem Geschmack finden kann (ähnliche Hitliste) und wenn ich Bücher empfohlen bekomme, durch Rezensionen, Blogs, Veranstaltungsankündigungen und so. Hier sind facebook-Funktionen hilfreich, denn ich vertraue nur wenigen Empfehlungen, es sei denn, ich weiss, von wem sie kommen. Richtig gut finde ich breite gesellschaftliche Debatten über Bücher, mit verschiedenen threads.

So herum gesehen führt kollektives Lesen im Netz fast automatisch zu einem postmodernen Tribalismus. Bestimmt werden sich geschmacklich ähnliche Gruppen von Lesern als Konsumsekten organisieren, mit gate-keepern, Hohepriestern und Sakralisierungsinstanzen. Bücher eignen sich dafür hervorragend, weil sie weniger als Dinge oder Produkte, sondern eben als Persönlichkeiten zu begreifen sind. Der Zusammenhalt in der Gruppe wird durch das Erlebnis eines neuen Textes gefeiert und neu gestiftet. Kult eben.

Einen habe ich noch: Richtig tricky wäre es doch, wenn ein Gerätchen Lesespuren sammeln würde: Wer hat wann wie lange in einem Text gelesen? Wo waren die heissen Punkte, mit denen sich die Leser viel beschäftigt haben? Damit wären wir bei einer visuellen Aufbereitung der Lesetätigkeit, die ich mir wie eye-tracking vorstelle (hier am Beispiel der Mona Lisa):

Ein Inhaltsverzeichnis, das nicht mit Buchstaben und Wörtern Auskunft über den Inhalt gibt, sondern den mal schwächeren, mal intensiveren Lesestrom darstellt, wäre doch bestimmt ein feature, das auch professionellen Lesern gefällt.

Oder zu viel schöne neue Welt.

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