Jan 18 2015

Engel und Madonnen

Für Leser, die sich für schöne Bücher, interreligiösen Dialog und eine frühe Form der Globalisierung interessieren, ist jetzt im Verlag Jörg Lehmann ein Katalog erschienen:

"Angels and Madonnas in Islam". 

Der Katalog präsentiert die Sammlung Vollmer, umfasst 116 und ist zu einem Preis von 24,90 EUR erhältlich. In Deutschland kann er über den Buchhandel bestellt werden (ISBN: 978-3-00-048460-5), er ist im Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB) aufgeführt. Darüber hinaus ist er über Amazon.de bestellbar (nach dem Titel oder der ISBN suchen). Eine Online-Vorschau des Katalogs gibt es hier:

Eine Besprechung des Buches wurde von Tilman Lüdke verfasst und erschien in Internationales Asien Forum. International Quarterly for Asian Studies. Vol. 46. Issue ¾, p.381.

 

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Dez 29 2014

Der obsessive Sammler

In seinem kurzen Text "Das Vermächtnis des Maximilian Tod" beschreibt Bruce Chatwin – neben anderem – Mr. Tods Bibliothek als eine Sammlung von Texten, die eine besondere Bedeutung für ihren Besitzer haben. Dazu gehören, in dieser Reihenfolge, Johannes Cassianus' Abhandlung über die Trägheit, das frühe irische Gedicht The Hermit's Hut, Hsien Yin Lungs poetischer Essay über das Leben in den Bergen (der uns Uneingeweihten nur auf Englisch, als Essay on Living in the Mountains verfügbar ist), ein Faksimile von De Arte Venandi Cum Avibus von Kaiser Friedrich II., Abu'l Fazls Bericht über Akbars Taubenfliegen (auch dieser nur in englischer Übersetzung), John Tyndalls Anmerkungen zur Farbe von Wasser und Eis, Hugo von Hofmannsthals später Text Die Ironie der Dinge, Landors Landhaus von Edgar Allan Poe, Wolfgang Hammerlis Kains Wanderschaft, Baudelaires Prosagedicht mit dem englischen Titel Any where out in this World!, sowie Louis Agassiz' Etude sur les glaciers in der Ausgabe von 1840.

Die tatsächlich ziemlich skurrile Zusammenstellung verrät uns zum einen, dass derart exklusive Sammlungen im digitalen Zeitalter für jeden verfügbar sind. Und auch, dass es einen Text gibt, der mehr über Chatwin verrät als über den fiktiven Maximilian Tod. Denn: Wolfgang Hammerlis Kains Wanderschaft, der einzig nicht im Internet nachweisbare Text (und Autor), ist sicher eine Erfindung von Bruce Chatwin, oder eher die Idee von Kain, dem Begründer der ersten Stadt, die Chatwin in die obskure Liste hineingeschmuggelt hat.

Ein Ausschnitt aus der 'balneologischen Abteilung' des Voynich-ManuskriptsIch selbst würde diese Bibliothek ja noch durch das Voynich-Manuskript, Robert Musils kurzen Essay Über die Dummheit, sowie Mao Tse Tungs Schrift Über den langwierigen Krieg ergänzen, aber das nur nebenbei. Was sagt uns das alles? Dass Exklusivität und Exzentrizität durch das Internet relativiert wird, dass Erlesenheit durch Ubiquität übertrumpft wird? Dass das Weltwissen derart breit zugänglich gemacht wird, dass ein arkanes Wissen kaum mehr möglich scheint? Dass wir selbst einem raffinierten Erzähler auf die Schliche kommen, der nurmehr durch eine eklektische Zusammenstellung von Texten brillieren kann?

Oh nein. Wer sammelt, glaubt an die Authentizität des Originaldrucks; und daran, dass diese Originale über einen Mehrwert verfügen und daher nur ihm etwas mitteilen, was dem durchschnittlichen Internetleser unzugänglich bleibt. Der Sammler folgt der Logik des Besitzes. Ganz grundsätzlich suspekt muss ihm der Verzicht auf alle Habe erscheinen, oder die Idee der Allmende, wie sie das Internet bietet.

Wie lässt sich diese Idee profilieren? Vielleicht so: Nur die individuelle Lesespur durch eine Vielzahl von Texten (wie denen der oben zusammengestellt Bibliothek) führt zu einem einzigartigen Zusammenstoß von Gedanken im Kopf des Lesers. Aus dem Aufeinandertreffen der Ideen und Beobachtungen entstehen dann wieder neue Einsichten, Theorien und Visionen. Aus solchen Bibliotheken einen Gewinn zu ziehen, das bleibt dem einzelnen Leser vorbehalten; er muss die Texte dafür nicht benutzen. Aber er muss sie lesen. Dies alles könnte man den Borges-Effekt der Weltliteratur nennen. Hier aber steht lesen gegen besitzen, verzehren gegen sammeln. Erst die Zukunft wird zeigen, welches Modell sich durchsetzen wird.

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Dez 13 2014

Im August diesen Jahres ist ja das Video unten rausgekommen; eigentlich eine Animation auf der Grundlage von 150.000 Personendaten aus der Datenbank Freebase. Geburtsorte sind blau dargestellt, Sterbeorte rot. Die Migrationsbewegungen der Personen, d.h. die Wanderung von Geburts- zu Sterbeort, bilden die Bögen zwischen beiden Punkten.

Was könnte das mit Büchern zu tun haben? Welchen Aufschluss könnte man bei ihnen erhalten? Nun, in alter Zeit wurden Bücher noch von Hand geschrieben. Es waren alles Unikate, wie die Individuen im Video. Bücher wurden geboren, und ihre Provenienz (die Folge der Besitzer des Werks) kann nachgezeichnet werden. Bei Kunstwerken, die auf Auktionen versteigert werden, ist das selbstverständlich, weil der lückenlose Besitznachweis auch das Einschleusen von Fälschungen minimiert.

Ein Video, das den Ort der Niederschrift von handgeschriebenen Büchern und ihren weiteren Weg bis in die Gegenwart nachzeichnet, würde vermutlich erst eine massive Konzentration dieser Werke in Europa bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dokumentieren, dann eine Abwanderungsbewegung nach dem 2. Weltkrieg in die USA, und vermutlich eine Konzentration dieser Werke im 21. Jahrhundert am Persischen Golf, in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Vermutlich.

Interessant wäre es aber auch, die – weit weniger wertvollen – gedruckten oder sogar nur die digital vorliegenden Bücher in ihren Wanderungsbewegungen zu verfolgen. Bei physischen Büchern könnte man kleine Chips einkleben (wenn das nicht so teuer wäre). Digitale Bücher könnte man mit einem Skript ausstatten, so dass sie ab und zu nach Hause telefonieren und angeben, wo sie sich gerade befinden; Hauptsache, das Gerät, in dem sie sich befinden, ist gerade online.

So ließen sich Fragen beantworten wie: Wo gehen die Bücher von ihren Produktionsorten (den Verlagen und Druckereien) hin, in welchen Vierteln von Städten lassen sie sich nieder, wie verteilen sie sich über die Fläche eines einzelnen Nationalstaats, und wie vermischen sich die unterschiedlichen Sprachen, in denen sie abgefasst sind? Was sagt uns das über die ökonomische Situation ihrer Besitzer, über den lokalen Lesegeschmack, über die Konzentration einzelner Genres in einer Region? Und: Weiss Amazon das schon alles?

Okt 25 2014

Esst mehr Bücher!

Na so etwas. Da bietet der bekannte Taschenhersteller Freitag – ja, die mit den Dingern aus LKW-Plane – ein neues Produkt an. Hosen und andere Klamotten aus Bast. Das besondere an diesen Textilien ist, dass man sie sämtlich rückstandsfrei kompostieren kann. Produktion, Nutzung und Rückführung in den Kreislauf werden so konsequent zu Ende gebracht. Chapeau.

Bücher könnte man natürlich auch leicht recycelbar herstellen. Ökologisch konsequent wäre das ja, die meisten Bücher werden halt eben doch nur einmal gelesen. Stattdessen hängt das Zeug in den Regalen rum. Zum Wegwerfen sind sie den meisten Menschen auch zu schade. Eigentlich hätten treue Leser (oder vielleicht auch die Buchhändler) schon längst kompostierbare Bücher entwickeln sollen.

Ich dagegen mache einen anderen Vorschlag: So wie die Freitag-Brüder ihr Textil F-ABRIC entwickelt haben, sollte man ein essbares Material entwickeln und die Bücher darauf drucken, etwa auf Spitzkohlblätter. Buch durchlesen und danach aufessen. Kein hassle mehr mit überquellenden Bücherregalen!

Bücher, die man sich einverleiben kann, das ist ein geradezu biblischer Vorschlag. Bei Ezechiel 3,1 heisst es schon: "Menschensohn, iss, was du vor dir hast. Iss diese Rolle!" Und in der Offenbarung des Johannes 10, 8-11: "Und ich ging zu dem Engel und bat ihn, mir das kleine Buch zu geben. Er sagte zu mir: Nimm und iss es! In deinem Magen wird es bitter sein, in deinem Mund aber süß wie Honig. Da nahm ich das kleine Buch aus der Hand des Engels und aß es."

Na dann: Guten Appetit!

Sep 24 2014

In der Blase

Wer schon einmal bei Amazon oder der Tolino-Allianz ein eBook erworben hat, weiss, dass sich das anfühlt wie ein Spaziergang am Gängelband. Es gibt ja diese "tethered appliances" (ein Begriff, der sich leider nicht gut übersetzen lässt), also devices, die immer ins Internet und nach Hause telefonieren wollen und die man daher eher schlecht als recht als "angeleinte Anwendungen" beschreiben kann. So ist es auch beim Kauf von Büchern dieser Anbieter: Man muss erst einmal seine Identität an der Gartentür abgegeben haben, um durch das Tor in die Welt der Literatur schreiten zu dürfen. Dank proprietärem Dateiformat und DRM wird man bei diesem Ausflug ständig begleitet: Nicht jeder darf das Buch lesen, das Du eben erworben hast, sondern möglichst nur Du. Amazon schaut sogar dabei zu, was Du liest – welcher Teil des Buches wirklich vom Leser aufgenommen wird.

Wo Du auch bist: Man schaut Dir zu...

Früher – und das wurde auch in der Literatur auch immer so imaginiert – war man mit seinem Buch allein; niemand konnte aus dem Gesicht des Lesers schließen, was in ihm vorging. ... und zwar von innen Daher war eine Gruppe schweigender, lesender Menschen auch ein Horrorszenario für jeden Überwachungsstaat, und eine Literatur, die komplexe Codes verwendete, die nur von ihren Lesern entschlüsselt wurden, ein Alptraum für ihn. Heute sind wir weiter: Das Buch spricht mit seinen Herstellern und verrät ihnen das über den Leser und Käufer, was sie wissen wollen.

Das unschuldige Spiel mit den Buchstaben und selbst das begeistert-wohlmeinende Weiterreichen eines geschätzten Lesestoffs ist damit vergiftet. Das spricht stark dafür, sich Systemen zuzuwenden, in denen der Leser nicht am Gängelband der Datensauger geführt wird, und in denen er sich nicht in einer transparenten Blase weiß. Es muss irgendwie auch offline gehen, selbst wenn es am Ende dazu führt, dass wir in einer Buchhandlung Speichermedien mit digitalen Büchern kaufen und damit Lesegeräte füttern, die nicht beständig nach Hause telefonieren müssen ...

Sep 20 2014

Barcodes

Auf unzähligen Produkten ist sie drauf, diese optoelektronisch lesbare Schrift aus Strichen und Lücken - auch auf Büchern. Und es gibt diese App für iPhones und Androids mit Namen Barcoo. Mit der Handykamera den Barcode fokussiert und gescannt, und schon erhält man die im Netz verfügbaren Informationen zum Produkt wie Testberichte oder Preisvergleiche. Für Bücher wäre das auch eine schöne Sache: Händikamera auf den Barcode halten, erst Rezensionen und Buchtipps aus dem Netz lesen und anschliessend das eBook herunterladen.
Was kaum einer weiss: Auch die deutsche Post verwendet schon lange Strichcodes. Fast jeder von ihr transportierte Brief trägt den fluoreszierenden Strichcode in der unteren rechten Ecke der Anschriftenseite. Damit wird das Ziel unmißverständlich und maschinenlesbar aufgedruckt und optimiert die schnellere maschinelle Weiterleitung und Sortierung.

Wenn sich so wunderbar viele Informationen auf recht unaufwendige Weise unterbringen lassen, wäre das auch ein schönes Einsatzgebiet z.B. für Alltagslyrik. Einfach einen kleinen Barcode an die Wohnungstür der Liebsten beppen, diese hält ihr Händy drauf und liest: "Ganze vier Wochen schon fehlt mir euer Anblick! Ich sah den Neumond, aber euch nicht! Ich sah die Sonne unter- und wieder aufgehen, aber keine Spur von eurem bezaubernden Lächeln..." (Und wer wissen will, wie es weitergeht ... muss diesen gänzlich unromantischen Barcode scannen:)

Ist das nicht wunderbar? Hachja! Ich wünsche mir einen Barcode, gestrichelt auf den Gehweg, mindestens von meiner Haustür bis zur U-Bahn...

Mai 18 2014

story generator

Den spanischen Lyriker und Dramatiker Federico Garcia Lorca inspirierte ein Zeitungsartikel. Der Bericht über ein Liebesdrama in der spanischen Provinz, das durch eine finale Jagd auf das Liebespaar seinen unrühmlichen Abschluß fand, bildete die Grundlage für seine "Bluthochzeit".

Auch Salman Rushdie liess sich vermutlich von der Zeitung inspirieren. Eine der Figuren in den "Mitternachtskindern", Mary Pereira, stammt aus Goa. Das ist erstmal ganz stimmig, Goa war früher eine portugiesische Provinz auf dem indischen Subkontinent, und die meisten Bewohner Goas sind bis heute Christen, können also Namen wie Mary Pereira tragen. In den Mitternachtskindern wird nun der Mutter von dieser Mary Pereira nachgesagt, dem heiligen Franz Xaver, der ja in Goa in einem Sarkophag ruht, in heiliger Extase den großen Zeh des rechten Fußes abgebissen zu haben. Diese kleine Geschichte ist so verrückt, dass sie sich schon wieder wunderbar in Rushdies magischen Realismus einfügt. Nur: So ein irres Detail kann man gar nicht erfinden; der Zeh des heiligen Franz Xaver wurde tatsächlich von einer fanatischen Katholikin abgebissen. Allerdings schon mehr als dreihundert Jahre zuvor. In der Zeitung wird es gestanden haben, als der Sarkophag des Franz Xaver wieder einmal bei einer Prozession im Freien herumgetragen wurde; das kommt alle zehn Jahre vor.

Eigentlich geht es ja ständig so – die besten Geschichten schreibt das Leben. Beispielsweise hat sich neulich ein Berliner Bestatter die Pässe der von ihm betreuten Toten angeeignet und diese wieder an einreisewillige Migranten verkauft. Da der Bestatter verständlicherweise über eine große Auswahl von Pässen verfügte, konnten sich die Interessierten jene Pässe (mitsamt Aufenthaltsgenehmigung) aussuchen, deren Personenmerkmale am besten auf sie passen; so berichtet es der Berliner Tagesspitzel. Für jeden Toten einen neu hinzuziehenden Ausländer – eine kreativere Lösung kann man sich für unsere vergreisende Gesellschaft kaum vorstellen.

Wir sollten einen Webservice einrichten, der diese stories aus der alltäglichen Nachrichtenflut herausfiltert und auf einer eigenen Seite versammelt. Was fact ist und was fiction, kann ja jeder für sich selbst entscheiden. Die literarische Imagination wird davon allemal angeregt.

Dez 21 2013

Freigelassen

Früher, so sagt es der Text in einem Museum, wurden Bücher in öffentlichen Lesesälen angekettet, damit niemand sie "nur für sich" behalten konnte. Die Kette am Buch – für uns heutige Symbol der Versklavung und Unfreiheit – gewährleistete die allgemeine Zugänglichkeit und schützte vor Diebstahl.

Ein Buch an der Kette

Die Zeiten ändern sich. Wer ein Buch für jeden verfügbar machen will, digitalisiert es und legt es auf einen Server, Pendant des mittelalterlichen Lesesaals. Die Kette – nun ja – besteht in den Urheberrechten, dieser Fessel des geistigen Eigentums.

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Okt 26 2013

Überschreiben

Jim Avignons neuer Beitrag zur Berliner East Side Gallery ...

 

Oooops, jetzt hat's einer gemacht. Da hat doch letzten Samstag der Künstler Jim Avignon zusammen mit einer Klasse von Kunstschülern sein eigenes Bild an der Berliner East Side Gallery übermalt. Morgens um sieben sind sie angerückt, haben das alte, über zwanzig Jahre Bild Avignons erstmal mit weißer Farbe überstrichen und anschließend gleich ein neues drauf gepinselt – nach einer Vorlage von Avignon selbst natürlich.

"Denkmalschutz? Scheiss drauf" wird sich der Pop-Art-Künstler gedacht haben; wer hat schon so eine exklusive Ausstellungsfläche zur Verfügung? Und das alte Bild ist sicher schon hunderttausende Male dokumentiert worden, digital, auf Fotopapier und Zelluloid.

Die Aktion "Doin' it cool for the East Side 2013" ärgert natürlich Denkmalschützer ebenso wie Künstlerkollegen. Während ihm der Denkmalschutz wohl nur ein Bußgeld aufbrummen wird (ist ja auch ein Amt), werfen andere Mauerkünstler Avignon vor, einem zügellosen Bemalen der East Side Gallery Vorschub geleistet zu haben und etwas konservierenswertes, historisches zerstört zu haben. So ist das, wenn Künstler mauern. Nichts darf man mehr, nicht mal das eigene Bild von vor 20 Jahren übermalen. Und Denkmäler nicht stürzen, selbst wenn's das eigene ist.

Eigentlich fehlt uns ein renommierter Autor, der dasselbe tut. Man stelle sich vor: Fünfhunderttausend Exemplare seines Buches sind seit dem Erscheinen kurz nach der Wende verkauft (digital natürlich), jetzt sagt der Autor "Ich habe mich weiterentwickelt", schreibt das Buch um, drückt ein paar Knöpfchen und zack, schon sind alle fünfhundertausend Bücher auf den Lesegeräten ebenfalls geändert. So ein Update-eBook würde die Musealisierung des Buches verhindern – und den Kult um das gedruckte Wort ebenso wie die Autorenverehrung wenigstens etwas relativieren.

... freut vor allem diejenigen nicht, die Kunst als unantastbar ansehen.

 

Okt 19 2013

Von Hohepriestern

Auf der Frankfurter Buchmesse haben sie wieder geklagt, die Buchhändler, vor allem die Ketten: Hugendubel, Thalia, Weltbild. Schuld an den mies laufenden Geschäften sind die anderen, vor allem Amazon, aber eben auch das Netz mit seinen eBooks. Ungreifbare Gegner in einem umkämpften Markt. Und Marcel Reich-Ranicki ist auch gestorben.

Man mag ja von MRR denken, was man will; autoritär, altväterlich, selbstherrlich, das waren typische Negativurteile. Eins muss man ihm aber zugestehen: Literatur ließ ihn nie kalt, er lobte oder verurteilte sie mit Leidenschaft. Literatur, das waren für ihn Inhalte, mit denen man sich intensiv auseinandersetzt. Buchhandelsketten sind dagegen das genaue Gegenteil eines MRR: Literatursupermärkte, die ihre Waren auf Grabbeltischen anbieten; Angebote für Laufkundschaft. Sie kommunizieren nichts über die Bücher, die sie verkaufen wollen, und es ist diese Leere, die die Kunden anhaucht wie ein Blumenladen ohne Düfte.

Ein Kultprodukt wie ein Buch braucht Hohepriester, die es zelebrieren. Die mit flammenden Schwertern herumfuchteln und bluttriefende Lanzen in den Boden rammen wie Marksteine im Gelände. Die sanfteren Vertreter dieser Art sind die kleinen Buchhändler, bei denen man mit kundigem Auge gemustert und persönlich beraten wird. Wenn die kleinen Buchhändler ihre Kunden länger kennen, bilden eine Reihe von persönlichen Gesprächen jene Vertrauensbasis, die die Geschäftsgrundlage darstellt.

Könnten die kleinen Buchhändler auch eBooks verkaufen? Ja, sicher. Denn dem gläubigen Leser kommt es auf den Text an, auf die imaginäre Welt, die vor seinem inneren Auge entsteht, wenn er liest. Damit eine Fktion funktioniert, muss man an sie glauben. Das haben Religion und Fiktion gemeinsam, und ohne diese Hingabe wäre die Literatur nur ein Haufen von Wörtern, erfundene Geschichten, Lügen ohne Botschaft und ohne Inhalt. Glaubt ihnen genau so wie den Hohepriestern, sonst könnt ihr die Literatur vergessen.

Äthiopischer Priester mit Bibel

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