Mai 11 2013

Club der untoten Dichter

Hachja, diese Eitelkeit. Wie viele Einträge zu einzelnen Personen auf Wikipedia sind von ihnen selbst geschrieben worden. "Ja, ich habe eine eigene Wikipedia-Seite", sagt mir Rolf Müller. Gähn.

Man sollte einen eigenen Wiki nur für literarische Autoren einrichten. Dort sollte es einen Administrator geben, der jeden der Autoren nur einmal reinlässt. Und dann darf jeder einen Nachruf schreiben: Auf sich selbst, aus der Rückperspektive auf sich als einen Menschen, der bereits gestorben ist und dessen Werk daher nun mindestens vorläufig abschließend zu beurteilen ist. Also ein Wiki mit lauter Autonekrologen. Das könnte ein Versammlungsort literarischer Kabinettstückchen werden und kein Wirbel der Eitelkeiten, die in einem Windbeutel herumfahren wie der Pups im Schnupftuch.

In welcher Perspektive erzählt man eigentlich von sich selbst, wenn man davon ausgeht, dass man bereits gestorben ist? "SIE/ER schrieb dreizehn Theaterstücke und vier Romane"? "ICH habe X/Y kennengelernt als einen liebenswerten, offenen ..."? Und wie schreibt man über das eigene Werk, das ja noch gar nicht abgeschlossen ist? Schreibt man, aus der vorauseilenden Rückperspektive heraus, alle die Projekte auf, die man eigentlich noch vorhat zu schreiben? Notiert man die Preise, die man gedenkt zu erringen? Präsentiert man seinen eigenen, literarischen Stil, oder versucht man sich an der Imitation der Sachprosa eines Literaturführers? Ein raffiniertes Projekt ...

Noch interessanter wird es, wenn dieser Wiki einige Jahre lang im Netz verfügbar bleibt. Man stelle sich vor, einer der jungen Autoren der noch aufstrebenden digitalen Generation hat sich dort mit einem Nachruf auf sich selbst "verewigt" – und stirbt dann wenig später ... und es bleibt wenig mehr von seinem Werk als das, was er in diesem Nekrolog von sich zu sagen wusste. Der Wiki-Eintrag als Epitaph.

Ich selbst würde ja, wenn es diesen Wiki gäbe und ich mich als Autor erfinden würde, gleich dreißig Nachrufe auf mich selbst schreiben. Und jedesmal dem Verblichenen ein anderes Pseudonym meiner vielen Selbste verleihen ...

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Apr 7 2012

Das Ende von etwas

Manche Autoren lieben es kurz, sehr kurz. "An einem heißen Abend in Padua trug man ihn auf das Dach und er konnte weit über die Stadt hinwegblicken. Am Himmel waren Turmschwalben. Nach einer Weile wurde es dunkel, und die Scheinwerfer begannen zu spielen. Die anderen gingen hinunter und nahmen die Flaschen mit. Er und Luz konnnten sie unten auf dem Balkon hören. Luz saß auf seinem Bett. Sie war kühl und frisch in der heißen Nacht."

Andere Autoren dagegen benötigen ein paar Adjektive mehr. "Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben. / Mr. Dursley war Direktor einer Firma namens Grunnings, die Bohrmaschinen herstellte. Er war groß und bullig und hatte fast keinen Hals, dafür aber einen sehr großen Schnurrbart. Mrs. Dursley war dünn und blond und besaß doppelt so viel Hals, wie notwendig gewesen wäre, was allerdings sehr nützlich war, denn so konnte sie den Hals über den Gartenzaun recken und zu den Nachbarn hinüberspahen. Die Dursleys hatten einen kleinen Sohn namens Dudley und in ihren Augen gab es nirgendwo einen prächtigeren Jungen."

Ernest Hemingway 1923Man kann sich ja leicht vorstellen, eBooks zu erstellen, in denen der Text bearbeitet werden kann. Es liegt ein Text vor, die/der LeserIn/NutzerIn wird in die Rolle eines Editors versetzt und kann beispielsweise Adjektive hinzufügen oder streichen. Ähnlich wie bei "Malen nach Zahlen" kann man sich so die Arbeitsweise eines Autors aneignen. Das hilft dabei, einen Begriff von "Poesie", vom "Machen" eines Textes zu bekommen. Ganz am Anfang seiner Karriere wurde beispielsweise dem jungen Hemingway geraten, alle Adjektive zu streichen. Bei Joanne Rowling wird es wohl der gegenteilige Rat gewesen sein. Nur: Von einem typischen Rohtext zu einem charakteristischen Hemingway- oder Rowling-Stil zu gelangen, das scheint, nun ja, eben doch nicht so simpel zu sein. Zeugnis davon legt die Webseite "SixWordStories" ab, deren Nutzer der berühmtesten Kurzgeschichte Hemingways nacheifern: "For sale: baby shoes, never used."

Ein solches editierbares eBook hätte zumindest zwei Effekte: Zum einen wird es dem Ruf des Digitalen gerecht, das von einer Aura des Optionalen umgeben ist und das Texte hervorbringt, die als provisorisch, revidierbar wahrgenommen werden, die dem nicht-autorisierten Zugriff offen gegenüberstehen. Und zum anderen müsste die/der LeserIn/NutzerIn den Stier bei den Hörnern packen und sich den Aufgaben stellen, mit der AutorInnen konfrontiert sind. So hat Hemingway beispielsweise das Ende von "A Farewell to Arms" 39 mal geschrieben, bis er zufrieden war. Die Einsicht in die Tatsache, dass so viel Kürze, so viel Präzision das Ergebnis von sehr viel Arbeit ist, würde mit Sicherheit einige Differenzen zwischen Autoren und Lesern klären.

Jan 21 2012

A wall of words

Geschichten stiften Identität, wenn sie sich um das Woher und Wohin einer Gemeinschaft drehen. Wer möchte, kann die Literaturgeschichte daraufhin abklappern, wie erzählte oder aufgeschriebene Geschichten die Identität von Individuen, Gruppen oder größeren Einheiten konstruieren. Meist funktioniert das über einen simplen Gegensatz, den von "Wir da drinnen, ihr da draußen". Bei der Konstruktion einer neuen Identität wird all das ausgeschlossen, was nicht Teil dieser Identität ist; das Selbst und das Andere werden voneinander getrennt und abgegrenzt. So kommt es, dass Literatur mit ihrem Potential zu Polyphonie und Dialogizität manchmal einem ganz anderen Projekt dienlich wird, nämlich dem Ausschluss. Dann kommt das Erstellen einer Geschichte aus Worten dem Bau einer Mauer zwischen dem "wir" und dem "sie" gleich. Die Identität, die durch solche Geschichten gestiftet wird, beruht auf einer Art Verbannung, und vor allem macht sie vergessen, dass man eigentlich immer zwei braucht, um zu wissen, wer einer ist.

Diese Mauern, die zwischen zwei Identitäten, dem Drinnen und dem Draußen, dem Selbst und dem Anderen verlaufen, haben in der jüngeren Vergangenheit mit der innerdeutschen Mauer und dem Grenzmauer zwischen Israel und dem Westjordanland Monumentalcharakter erhalten. Auf beiden Seiten der Mauern wurden und werden Geschichten erzählt, die den Anderen ausschliessen, zum Fremden machen und die Vereinigung mit diesem Anderen als lebensgefährlich beschreiben.

Man könnte doch für ein "echt deutsches" Projekt solche Geschichten aus der Zeit zwischen 1961 und 1989 sammeln und auf dem Mauerstreifen in Berlin in ein interaktives Kunstwerk verwandeln. Ein paar Meter Mauer noch mal neu errichten, eine interaktive Fassade mit täglich wechselnden QR-Codes erstellen, und dann kann jeder Besucher mit einem Smartphone hüben und drüben – also auf beiden Seiten der Mauer – lesend erfahren, wie die Deutschen einstmals voneinander gedacht haben.

Wie das technisch aussehen könnte, hat Terada Design mal auf einer Fassade in Tokyo vorgeführt:

N Building from Alexander Reeder on Vimeo.

Vielleicht würde diese physisch-räumliche Erfahrbarkeit von Mauern und Stereotypen ja ein bisschen dazu beitragen, Einsicht in soziale Verhältnisse zu erlangen. Die meisten dieser Mauern sind schliesslich unsichtbar.

Nov 26 2011

Das schöne Buch

eBooks haben gegenüber den konventionellen Büchern den massiven Nachteil, dass sie einfach (noch) nicht so geliebt werden. Erstmal ist das auch einfach nachzuvollziehen, denn die materiellen Kennzeichen der herkömmlichen bibliophilen Bücher sind unnachahmlich: Ein besonderes Papier, der Geruch, den es verströmt; handgemalte Majuskeln oder Miniaturen; Holzschnitte oder Kupferstiche als Illustrationen; limitierte Auflagen, handsigniert; besondere Stoffe, auf denen der  Druck ausgeführt wurde, wie Pergament, Velin oder handgeschöpftes Papier. All das macht ein Buch zu einem Unikat, und das wird im digitalen Zeitalter der verlustfreien Reproduzierbarkeit als wertvoller angesehen als ein eBook.

Darüber hinaus stimmt es einfach, dass es bislang nur wenige eBooks gibt, die mit viel Liebe hergerichtet wurden und "schön anzuschauen" sind. Beim Internet Archive kann man sich so eines kostenlos herunterladen. Im eReader sieht es so aus:

Angenommen, wir hätten in Kürze viele Bücher, die so schön gestaltet sind wie das hier – würde das die vielen Vorteile ausgleichen, die Bibliophile an den Objekten ihrer Leidenschaft ausmachen? Sicher nicht. Die Gründe müssen daher noch ein bisschen tiefer liegen als nur im "schön gemacht" und "Unikat".

Ein weiterer Grund ist sicherlich der, dass viele der geliebten Bücher altern und nicht selten älter sind als ihre Besitzer. Physische Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen Bezug zu zeitlicher Tiefe haben. Ihre Fähigkeit, Jahrhunderte zu überdauern, und ihr Symbolgehalt als Träger des Weltwissens suggerieren Unsterblichkeit. Digitale Bücher hingegen stehen für Veränderlichkeit, Vergänglichkeit und Kurzlebigkeit.

Strategie für eBook-Futuristen: Das Stigma in eine Auszeichnung verwandeln.

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Okt 29 2011

Hidden messages

Routinierte Leser kennen das Phänomen: Für die ersten fünfzig Seiten eines Romans benötigt man wesentlich länger als für die letzten fünfzig. Warum eigentlich? Jeder Leser, der sich in die imaginäre Welt eines literarischen Werkes versenkt, arbeitet intensiv: Er erstellt die imaginäre Welt in seinem Kopf, und diese Leistung entschleunigt das Lesetempo.

Wie wäre es, eBooks zu erstellen, bei denen jedes Umblättern einer Seite ein Abbild dieser imaginären Welt nach und nach, ganz allmählich zutage fördert? Hinter den Buchstaben könnten langsam Konturen sichtbar werden, die gegen Ende des Buches deutlich erkennbar sind.

Ein paar Beispiele: Leser von Daniel Kehlmanns Ruhm könnten eine grafische Darstellung des Beziehungsgeflechts angezeigt bekommen, das sich während der Lektüre durch die Bezüge zwischen den Figuren ergibt. Die Leser von Italo Calvinos Le città invisibili erhalten eine Karte all jener Städte, die von Marco Polo dem aufmerksamen Zuhörer Kublai Khan geschildert werden und mehr einem imaginären Universum angehören denn dem realen chinesisch-mongolischen Reich. Oder man erhält, von Kapitel zu Kapitel je unterschiedlich, Bilder aus der Geschichte Indiens, die in Salman Rushdies Mitternachtskindern erzählt wird.

Würde das den Begriff Illustration nicht neu definieren und der Beziehung zwischen Bild und Text neue Möglichkeiten einhauchen?

Apr 27 2011

Der entleibte Text

Wer sich mit der Zukunft von Büchern beschäftigt, kommt um eine Geschichte des Lesens nicht herum. Die Auseinandersetzung mit der über Jahrhunderte eingeübten Kompetenz zur kontemplativen Versenkung in einen Text verdeutlicht dabei vor allem eines: Auf das physische Buch lässt sich leicht verzichten. Es macht kaum einen Unterschied, auf welchem materiellen Träger ein Text daherkommt; man kann ihn daher getrost 'entleiben'. Unverzichtbar dagegen sind Qualitäten und Fähigkeiten, die mit den Texten selbst verknüpft sind. Die Stimulation der Imagination, die dialogische Struktur der Texte, das Spiel der Fiktionen, das Eröffnen von Empathie, die Sensibilisierung des Lesers, der Vollzug von Perspektivenwechseln usf. – alle diese Eigenschaften des Austauschs zwischen Text und Leser sind in sehr langen Lesetraditionen eingeübt worden, und kein vernünftiger Mensch wird sie aufgeben wollen.

Von daher lässt sich auch von der Zukunft des Lesens sprechen: Das elektronische Buch wird am feinen Gewebe der Texte anknüpfen und jene Möglichkeiten forthäkeln, die die Texte mit den Lesern verknüpft. Allen voran wird dies auf jenen Ebenen erfolgen, auf denen die Texte sich auf den Leser hin ausrichten. Literarische Texte erwarten eine imaginäre Komplettierung durch den Leser, sei es durch die Herstellung sinnhafter Bezüge und Querverbindungen innerhalb des Textes oder zum eigenen Verstehen und der eigenen Imagination hin, sei es in der sinnlich-emotionalen Erlebnisfähigkeit oder durch das textbasierte Visualisierungspotential.

Wo derart auf die Verstärkung sinnlicher Eindringkraft von Texten gesetzt wird, ist nicht zu erwarten, dass elektronische Texte eigene Genres ausbilden oder gar Konventionen entwickeln werden. Nichts deutet bislang darauf hin, dass auf der selbstreflexiven Ebene der Texte sich rasch entfaltende Erfindungen entstehen werden. Da sich das Lesen selbst nur sehr langsam verändert, sind hier schnelle Entwicklungen nicht zu erwarten. Sicher, es gibt Genres, die den Konsumtionsmustern unserer Zeit entgegenkommen. Auf eine spontane mobile Lesesituation ausgerichtete Texte und nichtlineare, fragmentierte Erzählschemata werden schneller ihren Weg in die digitale Welt finden als umfangreichere und komplexere Erzählmuster. Dennoch: Der Schwerpunkt der Entfaltung digitalen Lesens wird in der Intensivierung der Darstellungsmittel liegen. Wenn diese an die Strukturen der Texte angeknüpft werden und mit Angeboten konform gehen, die die Texte selbst eröffnen, wird sich sicher schnell eine neue Kultur des Lesens entfalten.  

Dez 10 2010

Neulich kam Borges vorbei und pfiff sich eins. Ich belauschte ihn.

Er hält es für einen allgemeinen Irrtum zu glauben, Literatur erzähle von der Wirklichkeit. Sie beschäftigt sich vielmehr häufig mit Themen und Gegenständen, die sich der direkten, sinnlichen Wahrnehmung entziehen. Es handelt sich hierbei um eine indirekte Strategie der Darstellung. Ihr liegt die Vorstellung von einer komplexeren Realität als jener zugrunde, die dem Leser mitgeteilt wird. Deshalb spricht Literatur immer von etwas anderem, das sich einer unvermittelten Darstellung entzieht.

Wohlbekannte Beispiele sind jene geschliffenen, paradoxen Verteidigungsreden für Dinge, die nicht zu verteidigen sind: Das Lob der Torheit, der Mord als schöne Kunst betrachtet, die Rechtfertigung des Kannibalismus. Ein anderes Beispiel sind die Metaphern, mit denen Vorgänge angezeigt werden: Kriegs- und Eroberungsmetaphern für zwischenmenschliche Beziehungen, Naturalisierung technischer Abläufe und so weiter.

Wir wissen also von dieser Wirklichkeit nur indirekt und erfahren von ihr durch die Kunstfertigkeit des Autors. Insofern ist Literatur immer schon augmentierte Realität avant la lettre gewesen. Auch von diesen Gedanken und Überlegungen hättest Du, lieber Leser, nie erfahren, wenn ich, die Nachtigall, nicht neulich im Gehölz gehockt und jenem Borges zugehört hätte, wie er ein paar Überlegungen anstellte und vor sich hin pfiff. So wollte es der Zufall, dass ich sein Tirili vernahm und davon jetzt berichten kann. Macht Dich das nicht schmunzeln?

Nov 20 2010

Weg von der Papiermetapher

Wenn man über die Geschichte des Lesens nachdenkt, fällt einem zuerst Gutenberg ein. Dabei ist die Erfindung des Papiers mindestens genauso wichtig für die Entstehung von Textwelten gewesen wie die beweglichen Lettern des Mainzer Druckers.
Aller Text ist Fläche - damit ist ein Umstand von fundamentaler Bedeutung für die Entwicklung von Lesekompetenz bezeichnet. Die steinzeitlichen Höhlenmalereien, die antiken Inschriften in Steintafeln, die Kalligraphie der Bibelkopisten mit ihren gemalten Majuskeln, schliesslich das Buch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit: Aller Text ist Fläche.
Selten einmal, dass den Buchstaben Räumlichkeit (und Schatten) gewährt wird, selten, dass das Wort "Textur" dazu führt, dass Schriftzeichen in Gewebe eingestickt werden, um die zarte Stofflichkeit verwebter Schicksalsfäden und das dichte Geflecht literarischer Werke haptisch erfahrbar zu machen.
Wenn eBooks das Lesen in ähnlich revolutionärer Weise verändern werden, wie es der Hypertext bereits getan hat, müssen sie sich von der Papiermetapher ablösen. Es kann nicht sein, dass moderne eReader immer nur eine ebene Fläche anzeigen, Eselsohren als Markierungen anbieten und - wie Steve Jobs iBook - grosse Mengen an Programmiercode verschwenden, nur damit das Umblättern von Buchseiten möglichst realitätsnah imitiert wird. Dieses mimetische Verhalten verleugnet die Potentiale der elektronischen Darstellung von Buchstaben und unterwirft sich den festgefahrenen Gewohnheiten des Durchschnittslesers.
Also sollten wir damit anfangen, in unserer Phantasie Möglichkeiten zu ersinnen, wie Texte dargestellt werden können:
- Als Inschrift auf der Oberfläche einer virtuellen Glaskugel - ein Fingerwischen von unten nach oben erlaubt ein verräumlichtes "Scrollen". Das wäre eine angemessene Darstellung für Science Fiction-Werke - die Zukunft auf der Glaskugel.
- Als unendliche Textlinie in einem Raum - der Leser folgt dem Text durch den Raum, indem er sich an der Zeile entlanghangelt wie an Ariadnes Faden. Eine Möglichkeit für Labyrinth-Texte von Dädalos bis Homo Faber.
- Oder jedes Wort ist auf den Rücken eines Insekts geheftet, die in unendlicher Abfolge vor den Augen des Lesers von rechts nach links durchs Bild wandern. Mit diesem Spektakel würde man sicherlich viele Leser für die Entomologie begeistern können ...

Aug 4 2010

Das Material der Poesie

 

Einstmals,

als die Dichter einen Schritt

zurücktraten und augenreibend das

Material entdeckten, mit dem sie arbeiteten,

also die Buchstaben, Worte, Sätze, da haben sie

gleich angefangen, diese neu zusammenzusetzen.

Das Wort als Baustein, die Sprache als Baumaterial,

die Sätze als Bauelemente. Coole Sache, seither können

Symbolismus, Lettrismus, konkrete Poesie und wer auch

immer kombinieren, selektieren, anaphorische Muster oder vertikale Textstrukturen schaffen,

geometrische oder organisch-fliessende Gebilde erstellen, die Worte setzen, um zu malen, oder

Sätze neu zusammenfügen, damit das Zentrum im Zentrum sichtbar wird und Poesie, Literatur,

Lyrik einen sakralen Charakter erhalten. Zentrum im Zentrum meint dabei nur ein typographisches

In-den-Hintergrund-Drängen des Sinns, Zentrum im Zentrum verlangt, dass die Form einen Inhalt

überwiegt, damit die Gestaltungsmacht der Buchstaben sich durchsetzt gegen jenen Mechanismus

in der Wahrnehmung der Menschen, der die Worte mit Bedeutung verknüpft. So stellt sich die

Sprache selbst dar und aus und erweitert ihre phonetischen,

visuellen und akustischen Möglichkeiten oder setzt sie ein als

literarische Mittel. Weil es nur wenigen möglich war, Bücher

zu drucken, die derart verschwenderisch mit dem verfügbaren

Platz umgingen, war diese Herangehensweisen immer nur den

literarischen Avantgarden vorbehalten. Erst die Digitalisierung

hat dem Durchschnittsmenschen die Gestaltungsmacht über die

Buchstaben übertragen. Merkwürdigerweise hat sich aber noch

keinerlei Software durchgesetzt, die es jedem einzelnen möglich

macht, die verschiedenen Bauklötzchen aufeinander zu türmen,

indem man sie mit der Tastatur eingibt und dann mit dem Finger

auf dem touchscreen anordnet, um seiner Liebsten eine Textrose,

seinem Hund einen knackigen Textknochen oder dem Papst den

Konstruktionsplan einer Basilika als Textmodell anzuverehren.

Dass sich die verschiedenen Verfahren der Materialanordnung,

die beispielsweise von Lettrismus, Oulipo und so fort entwickelt

wurden, nicht als Algorithmen von Computerlyrik durchgesetzt

haben, verwundert nicht, weil sie ganz ordentlich verschwurbelt

sind. Sicher aber wird eins kommen: Die Mobilität der Poesie,

wie sie von Mallarmé vorgedacht wurde und jetzt mit einem

Flash-Player schick von Anatol und anderen umgesetzt wird.

 

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