Aug 27 2011

Die unendliche Bibliothek

In seiner Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ beschreibt Borges, wie eine Universalbibliothek aussehen könnte: Die Bücher haben jeweils 410 Seiten mit je vierzig Zeilen, jede Zeile etwa achtzig Zeichen. Aus 22 Buchstaben, dem Komma, dem Punkt und dem Abstand – also 25 Zeichen – werden Kombinationen gebildet. Alle nur möglichen Kombinationen in allen Sprachen dieser Welt bilden die Bücher dieser Bibliothek.

Im Ergebnis bedeutet das, dass es in dieser Bibliothek keine zwei identischen Bücher gibt; es ist eine totale Bibliothek, in der sich irgendwo alles findet, was sich ausdrücken lässt; es ist in ihr alles geschrieben, was geschrieben werden kann. Diese Bibliothek umfasst nicht nur die Bibliothek von Alexandria, in der alle damals existierenden Werke aufbewahrt wurden. Borges' Erzählung zielt auf mehr: Diese Bibliothek enthält nicht nur alle tatsächlich hergestellten Bücher dieser Welt und damit das gesammelte Weltwissen; es gibt nicht nur für jedes Weltproblem irgendwo in dieser Bibliothek eine Lösung, nein, alles dieses sowie auch alle denkbaren unsinnigen, aus den Zeichenkombinationen herstellbaren Bücher in allen Sprachen.

Borges' Erzähler hält diese Bibliothek für unendlich. Er sagt, sie sei unbegrenzt und zyklisch. Nehmen wir ihn beim Wort und geben wir uns bescheiden. Unsere Vision einer universellen Bibliothek wäre zunächst einmal an der von Alexandria orientiert: Google sagt uns, es existierten gegenwärtig rund 130 Millionen Bücher. Alle diese Bücher, digitalisiert und im Himmel untergebracht (in the cloud), so dass sie von jedem Menschen auf der Welt jederzeit und überall besucht werden kann. Aber Borges hatte schon recht – diese Bibliothek müsste auch babylonisch sein: 130 Millionen Bücher, und jedes in allen Sprachen der Welt verfügbar. Das wäre ein Anfang.

Jun 11 2011

The medium is the message: Die neuen Propheten und Missionare bedienen sich der avantgardistischsten Medien, um ihre Botschaften unters Volk zu bringen und Gläubige zu überzeugen. Jetzt hat der vormalige amerikanische Präsidentschaftskandidat und Klima-Apostel Al Gore zugeschlagen. Der Buchnachfolger zu seinem Film „An Inconvenient Truth“ heisst „Our Choice“ und ist jüngst als E-Book-App erschienen. The coolest book, the fanciest gadget, cutting-edge technology: IR-RE! – interaktive Grafiken, die vom Atem des Lesers bewegt werden, hier präsentiert vom Entwickler Mike Matas:

Dieses Buch ist ein gutes Beispiel für die Zweischneidigkeit häretischer Botschaften. Wer das Wunderbuch haben möchte, lädt sich erstmal 50 MB auf sein iPad oder iPhone herunter. Wer es dann auch noch lesen möchte und alle Bilder, Videos und Grafiken benutzen möchte, muss noch einmal 650 MB herunterziehen.

Eigentlich sollte man jeden Leser in einen Serverraum schicken, bevor er sich die App runterlädt; dann wird er den Sinn des Wortes „Treibhauseffekt“ sofort verstehen. Die Datenübermittlung – vor allem fürs bewegte Bild – frisst ordentlich Strom; genausoviel geht noch einmal für die Kühlung der Serverparks drauf. Die Rechenzentren fressen 1,5 bis 2 Prozent der weltweit erzeugten Elektrizität, und die Wachstumsrate beträgt 12 Prozent.

What to do, Al Gore?

Less is sometimes more.

Sep 10 2010

Intelligente Kleidung mit integrierten Sensoren für Körpertemperatur, Herzfrequenz, Perspiration und Atmung? Kein Problem.

Flüssige Digitalisierung menschlicher Bewegungen durch Beschleunigungsmesser, Annäherungssensor und winziges Gyroskop? Gibt’s schon.

eReader mit flexiblem Display? Alter Hut.

Also schneidere ich mir einen neues Kleid auf den Leib: Aus Text. Ein Kleidungsstück, auf dessen Oberfläche beständig neue Texte erscheinen, eine zweite magische Haut, die den vagen Luftzug meines Gedankenstroms nachzeichnet und den Blütenstaub meiner Ideen davonträgt. Gespeist aus einer Datenbank meiner Lieblingstexte, Parole, Gedichte, Zitate und Bonmots, gesteuert durch meine Bewegungen und Körpersignale. Vollständige Lesbarkeit seelischer Regungen in Echtzeit.

Welche intransparenten Winkel und Nischen unseres Innenlebens werden wir damit entdecken? Und welche zusammengerollten Schlangen werden wir aufstöbern, gefangen und eingeschläfert wie abgelebter Hass?

Unser Traumstoff

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Begriffe: 
Jun 28 2010

The Social Graph of Reading

Wenn ich mir vorstelle, wie die Zukunft des Lesens im Netz aussehen könnte, würde ich mir zunächst einmal ein schickes Lesegerät wünschen, so etwas wie den Flash-Player von Issuu.com;

Natürlich müsste das Ding ein bisschen komplizierter sein, denn ich würde ja an den Rändern der Bücher Kommentare, Assoziationen, Verknüpfungen, Ideen notieren wollen. Jetzt wird’s auch schon schwieriger: Wer soll das sehen können, was ich da aufzeichne? Ich bräuchte also die Möglichkeit, differenziert Rechte zu vergeben, damit auch andere meine Anmerkungen lesen können (und ich ihre). Als nächstes wäre mir wichtig, zu zeigen, welche Bücher ich gut finde ('sag mir was Du liest, und ich sage Dir, wer Du bist'), und das auch bei anderen sehen zu können. Ein soziales Ich, aus Büchern gebildet. Besser noch, wenn ich Menschen mit ähnlichem Geschmack finden kann (ähnliche Hitliste) und wenn ich Bücher empfohlen bekomme, durch Rezensionen, Blogs, Veranstaltungsankündigungen und so. Hier sind facebook-Funktionen hilfreich, denn ich vertraue nur wenigen Empfehlungen, es sei denn, ich weiss, von wem sie kommen. Richtig gut finde ich breite gesellschaftliche Debatten über Bücher, mit verschiedenen threads.

So herum gesehen führt kollektives Lesen im Netz fast automatisch zu einem postmodernen Tribalismus. Bestimmt werden sich geschmacklich ähnliche Gruppen von Lesern als Konsumsekten organisieren, mit gate-keepern, Hohepriestern und Sakralisierungsinstanzen. Bücher eignen sich dafür hervorragend, weil sie weniger als Dinge oder Produkte, sondern eben als Persönlichkeiten zu begreifen sind. Der Zusammenhalt in der Gruppe wird durch das Erlebnis eines neuen Textes gefeiert und neu gestiftet. Kult eben.

Einen habe ich noch: Richtig tricky wäre es doch, wenn ein Gerätchen Lesespuren sammeln würde: Wer hat wann wie lange in einem Text gelesen? Wo waren die heissen Punkte, mit denen sich die Leser viel beschäftigt haben? Damit wären wir bei einer visuellen Aufbereitung der Lesetätigkeit, die ich mir wie eye-tracking vorstelle (hier am Beispiel der Mona Lisa):

Ein Inhaltsverzeichnis, das nicht mit Buchstaben und Wörtern Auskunft über den Inhalt gibt, sondern den mal schwächeren, mal intensiveren Lesestrom darstellt, wäre doch bestimmt ein feature, das auch professionellen Lesern gefällt.

Oder zu viel schöne neue Welt.

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