Jun 22 2010

Augmented Literature

Wieder mal so ein Denkspielchen: Wenn wir Literatur und Realität haben und augmented als Bindeglied, kann man zwei Kombinationen herstellen: Literature-augmented reality und Reality-augmented literature

Literature-augmented reality

Wie bei Augmented Reality ist die Literatur hier etwas, was zur Realität "hinzu" kommt und diese erweitert.

Beispielsweise kann ich am Strand herumlungern und die Wellen heranrollen hören. Da mein AR-Händi auch hören kann, trägt mir jede Welle eine Flaschenpost auf den Bildschirm. Das reale Rollen der Wellen bildet also das akustische Signal, das die Anzeige einer kurzen Geschichte, eines Sinnspruchs, einer geheimen Botschaft auslöst. Naja, vielleicht nicht jede Welle, aber jede zehnte vielleicht. Sonst nervt es allzu bald.

Eine andere Möglichkeit wäre "Literature To Go": Ich laufe mit meinem Smartphone durch die Stadt, und immer, wenn ich einen bestimmten Ort erreiche, wird ein Stück Literatur auf dem Display angezeigt. Neue Orte, neue Geschichten. Ein Streifzug durch die Stadt kann so durch literarische Erlebnisse bereichert werden. Selbstverständlich hat der Text irgendwie mit dem Ort zu tun, und ob ich ihn lese oder nicht, kann ich selbst entscheiden.

Reality-augmented literature

Anders als bei LAR steht hier die Literatur im Vordergrund, sie dominiert und ist handlungsleitend.

Möglich wäre hier beispielsweise "Nomadic Literature": Als Teil eines Nomadenstammes ziehe ich mit meinem Smartphone los zu den grünen Wiesen, die natürlich lokal gebundene Textsammlungen sind – wie oben in „Literature to go“, nur mit dem Unterschied, dass ich hier nicht nur konsumiere, sondern auch beitrage, indem ich die vorhandenen Texte kommentiere, neue schreibe und hinzufüge. Der Raum, in dem ich mich bewege – eine Stadt oder eine Gegend – wird hier überlagert von der Literatur, denn durch die Interaktion ist mein Handeln auf sie ausgerichtet. Optimalerweise würden sich Themen und Foki der Auseinandersetzung aus der Interaktion von selbst ergeben. Schön wäre natürlich auch eine tracking-Option, so dass man die Pfade der Hirten und die besonders grünen Wiesen sehen kann.

Eine andere Möglichkeit wäre, mit Borges einen "Garten der Pfade, die sich verzweigen" zu realisieren. Wenn ich mich beispielsweise in einem Stadtviertel aufhalte und auf einem mobilen Gerät einen Krimi lese, der in diesem Stadtviertel spielt, kann ich mit der Narration interagieren, indem ich am Ende eines jeden Abschnitts entscheide, wohin ich als nächstes gehe. Am nächsten Ort angelangt, erhalte ich die Fortsetzung des Textes, und so weiter und so fort bis zur Auflösung. Wenn Borges sagt: "In allen Fiktionen entscheidet sich ein Mensch angesichts verschiedener Möglichkeiten für eine und eliminiert die anderen", dann wäre das hier anders, denn in diesem Werk müssten ja wirklich viele Möglichkeiten vorhanden sein, und erst der Leser eliminiert einige, indem er sich für eine der Möglichkeiten entscheidet und sie so zur Realität werden lässt (oder in die Realität kommen lässt? However...).
Ich kann mir sogar vorstellen, dass die Aufgabe, hierzu einen Text zu schreiben, für einen Autor attraktiv sein könnte. Beispielsweise kann er im Text den Einfluss nicht realisierter Möglichkeiten auf die Realität thematisieren. So kann er etwa Anschlüsse an Geschichten herstellen, die aber nicht genutzt werden. Ein Leser, der sich entscheiden muss, ob er in die Kneipe geht, die das Zentrum der Gangsterbande ist, wird sehr wohl in Erwägung ziehen, ob er das 'Wagnis' einer Auseinandersetzung mit Verbrechern eingeht. Hier winkt also eine abenteuerliche Geschichte, aber vielleicht fällt die Entscheidung ja auch ganz anders aus: Der Leser lenkt seine Schritte in eine andere Richtung und umgeht die Kneipe. Das bedeutet das definitive Aus für die abenteuerliche Geschichte, hat aber Folgen für die Realität gehabt, denn der Leser ist nun (erst einmal) an einen völlig anderen Ort gegangen.

Jun 14 2010

Autorschaft

Grosse Literatur hat einen Namen. Jedes Werk der Weltliteratur ist mit einer Person verknüpft: Homer, Cervantes Saavedra, Shakespeare, Musil, Garcia Marquez usf. Jeder dieser Texte versucht sich daran, ein bestimmtes Verständnis von Selbst und Welt zu entwerfen, und sie sind alle mit zumindest einer vagen Vorstellung davon begonnen worden, worum es gehen soll, was verhandelt werden soll (obwohl wir nicht wirklich wissen können, was genau die Intention bei Beginn der Niederschrift war; aber das interessiert im Nachhinein auch wenig).
Nun hat das Web 2.0 eine neue Rolle geschaffen - der Nutzer als Autor - und damit Bewegung gebracht in das Gefüge von Autor / Mittler / Leser. Wie aber kann man sich Literaturproduktion unter Web 2.0-Bedingungen vorstellen? Wie würden die Anteile an der Produktion verteilt sein?
Wenn man ein eingeführtes Autorbild nimmt: Ein Ich als Autor würde den Teufel tun und sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen, sprich, irgendjemand bei dem Masterplan dessen mitmischen zu lassen, was Ich zu realisieren vorhabe. Und dieses Ich würde auf seine Rolle als Hegemon klopfen und sie mit Zähnen und Klauen verteidigen. Hier darf Ich sein, hier bleibe Ich Gott.Kollaboratives, selbstorganisiertes und gleichberechtigtes Schreiben? Haben wir als Individuen jedes genügend Kompetenzen, um uns in die Schwarmintelligenz einzuordnen, dort am Masterplot mitzustricken und ein gemeinsames Textprodukt zu erstellen? Muss man sich einen solchen Herstellungsprozess dann nicht eher so vorstellen wie ein gigantisch wuchernder Pilz, ein formloser Schwamm, eine Text-Hydra, unförmig aus tausend Kanälen strömend, mit tausend Anfängen und Enden, strukturlos?
Sollten wir nicht bei der phänomenalen Kompetenz der Netznutzer beginnen, sich zu orientieren, Verknüpfungen herzustellen, sich im Labyrinth zu orientieren, einen Ariadnefaden zu legen, Spuren zu hinterlassen und sich der Weisheit der Vielen anzuvertrauen, um Muster zu finden?

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