Sep 7 2014

Analoge Geheimnisse

Die Urlaubszeit verpasst einem schon deswegen einen regressiven Schub, weil man unweigerlich vor einem jener Souvenirläden mit Postkartendrehständern stehen bleibt und feststellt, indem man sich den DIN-A-5-Kartons zuwendet, dass sie mit der Aura der Authentizität und einem besonderen „Ich war da“ winken. Schnell geschrieben und schnell versandt, stellen diese Relikte einer fernen, handschriftlichen Zeit für den Leser der Karte scheinbar erst den ultimativen Beweis dar, dass da einer wirklich so weit weg war und dann wieder glücklich und um viele Fremdheitserfahrungen reicher wieder zurück kam.

Diese Aura des Analogen, die einen kurzen Einblick in das Seelenleben eines sonst fernen Menschen gewährt, wird ja seit vielen Jahren von einem Kunstprojekt ausgebeutet: Postsecret.com stellt weltweit Postfächer zur Verfügung, an die Menschen Postkarten schicken können, auf denen in irgendeiner Form und völlig anonym ein Geheimnis offenbart und gestaltet wird. Eine simple und geniale Idee: Endlich einmal etwas aussprechen, was man mündlich niemandem offenlegen würde; schriftlich auch nicht, weil man dann einen Adressaten bräuchte, und der könnte vermutlich irgendwie Rückschlüsse auf den Absender ziehen. Postsecret.com hingegen macht das Geheimnis öffentlich, und der kathartische Effekt, endlich etwas losgeworden zu sein, was einem schon lange auf der Seele liegt, kann in der Anonymität voll genossen werden.

Nur analog bleibt das Geheimnis anonym.

Erst neulich wurde das digitale Gegenstück ins Leben gerufen: Bei Secret.ly kann man Geheimnisse posten. Dass ein solcher Service eingerichtet wurde, ist ein gutes Indiz für jene Verschiebung der Grenze zwischen Öffentlich und Privat, die sich derzeit vollzieht. Die Anbieter sind ganz offensichtlich der Ansicht, dass es wirklich noch Nutzer gibt, die glauben, man sei im Netz anonym. Warum genau sollte ich in einer gated community Geheimnisse offenbaren und mich so in der einen oder der anderen Weise erpressbar machen?

Da lobe ich mir doch die gute, alte, handschriftliche Postkarte des Vertrauens: Jede Sendung ein Original, jede selbst gestaltete Karte ein Unikat.

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Nov 23 2013

Der Despot als Künstler

Da war er diese Woche also zu Gast bei Jay Leno, dem US-Talkmaster. George W. Bush, der vormalige amerikanische Präsident, sprach darüber, was er gerade treibt. Er malt. Im Ernst. George W. sitzt also in der Badewanne, betrachtet seine Füße, und beschließt, diese zu malen. Ausserdem malt er Porträts (oder will noch welche malen) von Staatsmännern. Wie süß. George W. hat die kalte Aura der Macht hinter sich gelassen und widmet sich nun der schöngeistigen Kunst. Ausgerechnet er, der den Irak-Krieg angezettelt hat, tauscht das Donnern der Kanonen gegen die Stille der Malerei. Grundlegender Wandel? Kretinismus?

Nichts von alledem. In unserer Kultur geht die Auffassung von Staatsmacht mit Kunstferne einher, der Schönheitssinn entfaltet sich scheinbar weitab von den Zentren der Macht (als ob die ökonomische Potenz der bestverdienenden Popstars nicht auch als Macht zu denken wäre). Wenn man sich aber einmal in der Geschichte umschaut, stellt man schnell fest, dass das falsche Verknüpfungen sind. Adolf Hitler, der sich als Kunstmaler und verkanntes Genie sah, ist das beste Beispiel dafür. Aber nicht allein. Saddam Hussein, der Mann, den George W. zu Fall und an den Strang brachte, schrieb Romane. Von ihm ist 2004 "Zabiba und der König" erschienen, eine Liebesgeschichte, die auch auf Deutsch publiziert wurde und bei Amazon erhältlich ist.. Ausserdem schrieb er Titel wie "Männer und eine Stadt" oder "Die uneinnehmbare Festung". Darüber hinaus ließ er sich ein Jahr lang jede Woche Blut abzapfen, um damit ein Exemplar des Korans schreiben zu lassen.

Andere Beispiele gefällig? Benito Mussolini, Stalin und Mao schrieben Gedichte. Radovan Karadzic ebenfalls, sie sind hier in einer englischen Übersetzung zu lesen. Sein Pseudonym begleitete ihn bis zu seiner Festnahme: "Dragan Dabic". Joseph Goebbels schrieb "Michael. Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern" (1929). Muammar al-Gaddafi schrieb nicht nur das "Grüne Buch" (1975), sondern auch den Sammelband "Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten", ebenfalls bei Amazon zu haben.

Auf einen Nenner lässt sich der Output der Despoten nicht bringen. Archaische Männlichkeitsmythen finden sich neben dem Ideal eines voraussetzungslosen Genies, das sich selbst erschafft. Selbstbespiegelung also, und ein Hinweis darauf, dass schwache Bürger offensichtlich starke Worte brauchen. Oder die Literatur dient als Instrument, um Anschluss an eine Elite zu erhalten (aus der künstlerischen sollte eine politische werden). Der Fall von Saddam aber liegt anders: Hier herrscht ein tragischer, resignativer Grundton vor, der an Selbstmitleid grenzt. Ein Tyrann, der hunderttausende Menschenleben auf dem Gewissen hat, lässt Nähe zu – als Kompensation für die Kälte, mit der er herrschte. Zugleich aber bleiben Freund und Feind weiter fein säuberlich getrennt. Wer den Artikel über Bushs Auftritt bei Leno liest, weiss: So ist es auch bei ihm.

Okt 26 2013

Überschreiben

Jim Avignons neuer Beitrag zur Berliner East Side Gallery ...

 

Oooops, jetzt hat's einer gemacht. Da hat doch letzten Samstag der Künstler Jim Avignon zusammen mit einer Klasse von Kunstschülern sein eigenes Bild an der Berliner East Side Gallery übermalt. Morgens um sieben sind sie angerückt, haben das alte, über zwanzig Jahre Bild Avignons erstmal mit weißer Farbe überstrichen und anschließend gleich ein neues drauf gepinselt – nach einer Vorlage von Avignon selbst natürlich.

"Denkmalschutz? Scheiss drauf" wird sich der Pop-Art-Künstler gedacht haben; wer hat schon so eine exklusive Ausstellungsfläche zur Verfügung? Und das alte Bild ist sicher schon hunderttausende Male dokumentiert worden, digital, auf Fotopapier und Zelluloid.

Die Aktion "Doin' it cool for the East Side 2013" ärgert natürlich Denkmalschützer ebenso wie Künstlerkollegen. Während ihm der Denkmalschutz wohl nur ein Bußgeld aufbrummen wird (ist ja auch ein Amt), werfen andere Mauerkünstler Avignon vor, einem zügellosen Bemalen der East Side Gallery Vorschub geleistet zu haben und etwas konservierenswertes, historisches zerstört zu haben. So ist das, wenn Künstler mauern. Nichts darf man mehr, nicht mal das eigene Bild von vor 20 Jahren übermalen. Und Denkmäler nicht stürzen, selbst wenn's das eigene ist.

Eigentlich fehlt uns ein renommierter Autor, der dasselbe tut. Man stelle sich vor: Fünfhunderttausend Exemplare seines Buches sind seit dem Erscheinen kurz nach der Wende verkauft (digital natürlich), jetzt sagt der Autor "Ich habe mich weiterentwickelt", schreibt das Buch um, drückt ein paar Knöpfchen und zack, schon sind alle fünfhundertausend Bücher auf den Lesegeräten ebenfalls geändert. So ein Update-eBook würde die Musealisierung des Buches verhindern – und den Kult um das gedruckte Wort ebenso wie die Autorenverehrung wenigstens etwas relativieren.

... freut vor allem diejenigen nicht, die Kunst als unantastbar ansehen.

 

Sep 7 2013

Algorithmisches Afrika

Die Einführung von Textverarbeitungssoftware hat die Art und Weise, wie wir Texte schreiben, massiv verändert. Man muss nicht mehr die Struktur des Textes im Kopf fertig haben, bevor man beginnt, sondern setzt sich hin, schreibt und kann später noch alles ändern. Einen von Hand geschriebenen Brief bringt heutzutage kaum einer mehr zustande, ohne sich vorher ein paar Notizen zu machen.

Algorithmen könnten auch die Art und Weise, wie literarische oder poetische Texte verfasst werden, massiv verändern. Man schaue sich die Produktionsverfahren an, mit denen lettristische oder kombinatorische Texte erstellt werden – sie lassen sich in Algorithmen fassen, denn diese sind ja auch nichts anderes als Handlungsvorschriften. So hat beispielsweise der US-amerikanische Autor Walter Abish 1974 mit "Alphabetical Africa" einen Roman verfaßt, dessen Produktionstechnik sich als Algorithmus niederschreiben lässt – und zwar als Einschränkung und Zwang. Diese Einschränkungen in ein kleines Programm geschrieben, und es müsste fast jedem gelingen, zumindest tendenziell einen ähnlichen Roman zu verfassen.

Abish's erstes Kapitel von "Alphabetical Africa" ist zwei Seiten lang und enthält ausschließlich Wörter, die mit A beginnen, etwa: "Ages ago, Alex, Allen and Alva arrived at Antibes, and Alva allowing all, allowing anyone, against Alex's admonition, against Allen's angry assertion: another African amusement ... anyhow, as all argued, an awesome African army assembled and arduously advanced against an African anthill, assiduously annihilating ant after ant, and afterward, Alex astonishingly accusses Albert as also accepting Africa's antipodal ant annexation. Albert argumentatively answers at another apartment. Answers: ants are Ameisen. Ants are Ameisen?"

Das zweite Kapitel, auch zwei Seiten lang, enthält dann nur Wörter, die mit a oder b beginnen; das dritte Wörter mit a, b, c, und so weiter, bis etwa in der Mitte des Buches alle Buchstaben des Alphabets als Anfangsbuchstaben benutzt werden dürfen. So erodiert allmählich der Zwang zur Alliteration. Nach Kapitel 26 ("Z") verläuft der Prozess dann rückwärts, die Kapitel y, x, w usf. schränken jeweils wieder die Wortwahl ein. Man kann Abish's "Alphabetical Africa" als Parodie und Kritik am westlichen Imperialismus verstehen. Der formale Zwang ist eine Aussage, denn die Einschränkungen in der Wortwahl treiben die Entwicklung des plots im Roman voran. Angolanische Attacken, Dogonische Destruktionen und eritreische Extinktionen entstehen, weil das Alphabet sie erst ab Kapitel 1, 4 oder 5 zulassen.

Afrikanische Alliterationen

Ein solches Schreibverfahren übt einen unglaublichen Sog aus; als Leser wird man anfangs auf Alliterationen getrimmt, und so geniesst man in Kapitel 26 jeden Anfangsbuchstaben und die Freiheit des Worts – sowie das völlige Fehlen von Alliterationen: "Zambia helps fill our zoos, and our doubts, and our extra-wide screens as we sit back. Each year we zigzag between the cages, prodding the alligators, the antelopes, the giant ants, just to see them move about a bit, just to make our life more authentic, help us recapture the fantasy we had while watching the wide-screen spectacular with rock Hudson on horseback, or the African Queen zapping Panda the wild leopard."

Als kleines Programm wird Abish's Verfahren zum Algorithmus, bei dem man mit muss. Ach algorithmisches Afrika, Alliterationen allüberall.

Jun 1 2013

Heteronym

Fernando PessoaDer portugiesische Dichter Fernando Pessoa veröffentlichte nicht nur unter eigenem Namen, sondern auch unter fremden. Was normalerweise Pseudonym genannt wird, heisst bei Pessoa Heteronym, weil er noch dazu eigene Identitäten mit eigenen Biographien erschuf, um die fiktiven Dichter, für die er schrieb, so 'wirklich' wie möglich erscheinen zu lassen. Eine dieser fiktiven Figuren Pessoas trägt den Namen Ricardo Reis. Reis wurde 1887 geboren, studierte Medizin, veröffentlichte seine ersten Arbeiten 1924 in der Zeitschrift Athena, und zwischen 1927 und 1930 erschienen Oden von ihm in der Zeitschrift Presença.

Hätte Pessoa ein bisschen später gelebt, dann hätte er wahrscheinlich eine eigene Facebook-Seite für Ricardo Reis eingerichtet; dort hätten dessen Freunde die jüngsten lyrischen Ergüsse des Meisters geniessen können. Leider aber ist Pessoa 1935 gestorben, und so ist lediglich eine Seite der portugiesischen Wikipedia Ricardo Reis gewidmet (wie Facebook auch kann die Wikipedia zwischen 'real' und 'fiktiv' nicht unterscheiden).

José Saramago hat später dann den Faden aufgenommen, ein Buch über die letzte Zeit im Leben des Ricardo Reis geschrieben und 1984 den Titel "Das Todesjahr des Ricardo Reis" veröffentlicht. Damit wurde Reis gewissermaßen zu einer doppelt fiktiven Figur; erst von Pessoa ins Leben gerufen, dann von Saramago in seinen letzten Stunden begleitet.

Eigentlich sollten wir weitere Dichter erschaffen; Facebook wäre dafür der richtige Ort. Und wenn der Schöpfer eines Dichters den Faden verliert, kann er den Staffelstab ja an einen anderen Autoren weitergeben. So wie Pessoa und Saramago es vorgemacht haben.

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Mai 11 2013

Club der untoten Dichter

Hachja, diese Eitelkeit. Wie viele Einträge zu einzelnen Personen auf Wikipedia sind von ihnen selbst geschrieben worden. "Ja, ich habe eine eigene Wikipedia-Seite", sagt mir Rolf Müller. Gähn.

Man sollte einen eigenen Wiki nur für literarische Autoren einrichten. Dort sollte es einen Administrator geben, der jeden der Autoren nur einmal reinlässt. Und dann darf jeder einen Nachruf schreiben: Auf sich selbst, aus der Rückperspektive auf sich als einen Menschen, der bereits gestorben ist und dessen Werk daher nun mindestens vorläufig abschließend zu beurteilen ist. Also ein Wiki mit lauter Autonekrologen. Das könnte ein Versammlungsort literarischer Kabinettstückchen werden und kein Wirbel der Eitelkeiten, die in einem Windbeutel herumfahren wie der Pups im Schnupftuch.

In welcher Perspektive erzählt man eigentlich von sich selbst, wenn man davon ausgeht, dass man bereits gestorben ist? "SIE/ER schrieb dreizehn Theaterstücke und vier Romane"? "ICH habe X/Y kennengelernt als einen liebenswerten, offenen ..."? Und wie schreibt man über das eigene Werk, das ja noch gar nicht abgeschlossen ist? Schreibt man, aus der vorauseilenden Rückperspektive heraus, alle die Projekte auf, die man eigentlich noch vorhat zu schreiben? Notiert man die Preise, die man gedenkt zu erringen? Präsentiert man seinen eigenen, literarischen Stil, oder versucht man sich an der Imitation der Sachprosa eines Literaturführers? Ein raffiniertes Projekt ...

Noch interessanter wird es, wenn dieser Wiki einige Jahre lang im Netz verfügbar bleibt. Man stelle sich vor, einer der jungen Autoren der noch aufstrebenden digitalen Generation hat sich dort mit einem Nachruf auf sich selbst "verewigt" – und stirbt dann wenig später ... und es bleibt wenig mehr von seinem Werk als das, was er in diesem Nekrolog von sich zu sagen wusste. Der Wiki-Eintrag als Epitaph.

Ich selbst würde ja, wenn es diesen Wiki gäbe und ich mich als Autor erfinden würde, gleich dreißig Nachrufe auf mich selbst schreiben. Und jedesmal dem Verblichenen ein anderes Pseudonym meiner vielen Selbste verleihen ...

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Apr 20 2013

Ein Hoch auf das Papier

Es gibt nichts, was den Mythos von der Originalität und die überzogene Wertschätzung für die Person des Künstlers stärker entlarvt als eine Fälschung. Der Fälscher steht dabei vor einem kaum aufzulösenden Dilemma: Je besser seine Fälschung, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Fälschung nicht als solche erkannt wird. Dann wird sie zum Original, und die Person des Fälschers verschwindet vollständig hinter der des Künstlers, dem das Werk zugeschrieben wird. Wird die Fälschung hingegen aufgedeckt, dann kann zwar die Kunstfertigkeit und das imitative Vermögen des Fälschers wahrgenommen und wertgeschätzt werden, das gefälschte Werk aber verliert jenes höhere Ansehen, das das Original gegenüber der Imitation und Kopie genießt. Gefälscht aber wird ja gerade, um sich das symbolische Kapital eines Künstlers anzueignen, es zu entwenden und in ökonomisches Kapital zu konvertieren – sprich, in klingende Münze zu verwandeln.

Konrad Kujaus Fälschung eines Briefs von Hitler aus dem Ersten Weltkrieg, in dem dieser von der Verleihung des Eisernen Kreuzes I. Klasse berichtet

Einer der genialsten Fälscher des 20. Jahrhunderts war Konrad Kujau. Von der Malerei und der Zeichnung her kommend, entdeckte er für sich den Markt der Militaria und die obskure Gier nach Hitler-Devotionalien als Einnahmequelle. Er fälschte zunächst den Kunstmaler Hitler, lernte, dessen Handschrift perfekt zu imitieren und taumelte, fiel, stürzte später in die Fälschung der Hitler-Tagebücher. Das war einer Verlagsgruppe 9,7 Millionen DM wert, von denen immerhin mehrere Millionen bei Kujau hängen blieben. Die Aufdeckung des Betrugs machte Kujau berühmt, und er ist wohl einer der wenigen Fälscher der Geschichte, bei dem nicht nur die Fälschungen selbst einen enormen Marktwert haben, sondern dessen eigene Bilder selbst gefälscht werden. Ein "echter Kujau" besitzt den daher den Charme, dass Original und Fälschung nicht mehr voneinander voneinander zu trennen sind.

Bemerkenswert an den gefälschten Hitler-Tagebücher ist die Tatsache, dass es nicht den eigentlich Fachkundigen (den Historikern), sondern dem Bundeskriminalamt gelang, die Fälschungen als solche zu entlarven. Aufgrund von Materialproben konnte der entsprechende Nachweis geführt werden: Erst die physikalisch-chemische Analyse der Papiere und Schreibstoffe ergab 1983 den Beweis der Fälschung. Ein Hoch auf das Papier. Originalität bleibt an das Material gebunden.

Sicher, ein gedrucktes oder getipptes Werk eignet nicht im selben Maß die Aura des "Authentischen", "Originalen" wie ein handbeschriebenes Blatt oder Tagebuch. Dennoch profitiert das physische Buch noch stark vom Schöpfer-Mythos und dem Glauben an die "Originalität", besonders dann, wenn es durch Alterung individuell (singulär) und selten (einzigartig) geworden ist. All das haftet dem Digitalen nicht an. Fälschungen zeigen daher, dass das unendlich und verlustfrei reproduzierbare digitale Buch ein Vorschlaghammer ist, mit dem der Mythos vom Künstler und Schöpfer zerstört werden wird.

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Feb 23 2013

Der jüngste Pferdefleisch-Skandal hat es wieder einmal anschaulich vor Augen geführt: Wer das Fleisch auf seinem Teller betrachtet, denkt nicht ans Tier. Er denkt ans Fleisch. Marx hätte dann von der Entfremdung gesprochen, vom Vergessenmachen einer modernen arbeitsteiligen Welt, in der das eigene Futter einem näher ist als die, von denen es kommt.

Das Buch bedeutet eine Entfremdung vom BaumDie Lasagne, um die es ging, hat noch einmal mehr an der Schraube der Entfremdung gedreht: Wir schmecken nicht einmal mehr das Fleisch, das wir essen. Es scheint vollkommen gleichgültig zu sein, was wir da eigentlich essen, geschmacklich ist kein großer Unterschied festzustellen, denn alles ist durch den Wolf gedreht und mit viel Tomatensoße vermengt worden. Das spricht nicht wirklich für unseren Geschmack. Und ob Marx dazu doppelte Entfremdung gesagt hätte, lässt sich auch nicht mehr überprüfen.

Mit Büchern ist es ein wenig ähnlich: Wir lesen die Dinger, verschwenden aber wenige Gedanken an den Autor. Im Lesen sind wir mit den Büchern allein und vergessen alles andere, besonders aber ihre Produzenten. In diesem Sinn sind wir den Büchern entfremdet, jedenfalls in dem Sinn, in dem Marx das meinte. Und wie bei der Lasagne mit ihren Blättern und Schichten sind wir den Konsum von Büchern so gewohnt, dass nicht einmal unser Geschmack einen sicheren Rückschluß zum Fleischlieferanten erlaubt. Höchstens bei den wirklich großen Autoren, deren Stil so unverwechselbar ist, das wir ihn auf jeden Fall kennen.

Ist das bei eBooks anders? Erstmal nein. Aber hier sind Potentiale da. Wer beim Lesen an den Autor denkt, hat heute zumindest die Chance, auf Facebook zu gehen und zu schauen, ob er diesen Autor findet. Zumindest besteht also die Möglichkeit, dass wir ihn da irgendwo ausmachen und so eine Art Beziehung zu ihm herstellen, so, wie der Esser an das Tier denkt, von dem das Fleisch stammt. Jetzt kommt die nächste Herausforderung: Was hätte ich dem Autor eigentlich zu sagen? Oder besser: Hätte ich ihm eigentlich überhaupt irgendwas zu sagen? – Die letzte Frage zeigt vor allem an, wie sehr wir vom Marxschen Entfremdungsprozess schon deformiert worden sind. Sie erklärt aber auch das Schweigen der Leser, das sich bei öffentlichen Lesungen durch Autoren so oft einstellt.

Ich meine, dass sich hier noch viel verändern könnte (und auch wird). In einer nicht allzu fernen Zukunft werden wir, wenn unsere Imagination Futter bekommt, wieder an den Autor denken. Und wir werden mit ihm in Kontakt treten können. Nicht auf Facebook – weil das wieder einen Schritt entfernt ist – und auch nicht auf auf den Social Reading-Plattformen, weil wir dort nur auf andere Leser treffen. Wir werden vielmehr in den Büchern eine Möglichkeit geboten bekommen, mit den Autoren in Kontakt zu treten. Und wir werden wieder lernen, uns mit ihnen auf Augenhöhe auszutauschen. Ein menschlicher Austausch, ohne die üblichen Diffamierungen, Verleumdungen und Herabsetzungen, wie sie die Kritik betreibt.

Und das wäre ein Rückgängigmachen der Entfremdung. Marx hätte seinen Spaß daran.

Apr 7 2012

Das Ende von etwas

Manche Autoren lieben es kurz, sehr kurz. "An einem heißen Abend in Padua trug man ihn auf das Dach und er konnte weit über die Stadt hinwegblicken. Am Himmel waren Turmschwalben. Nach einer Weile wurde es dunkel, und die Scheinwerfer begannen zu spielen. Die anderen gingen hinunter und nahmen die Flaschen mit. Er und Luz konnnten sie unten auf dem Balkon hören. Luz saß auf seinem Bett. Sie war kühl und frisch in der heißen Nacht."

Andere Autoren dagegen benötigen ein paar Adjektive mehr. "Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben. / Mr. Dursley war Direktor einer Firma namens Grunnings, die Bohrmaschinen herstellte. Er war groß und bullig und hatte fast keinen Hals, dafür aber einen sehr großen Schnurrbart. Mrs. Dursley war dünn und blond und besaß doppelt so viel Hals, wie notwendig gewesen wäre, was allerdings sehr nützlich war, denn so konnte sie den Hals über den Gartenzaun recken und zu den Nachbarn hinüberspahen. Die Dursleys hatten einen kleinen Sohn namens Dudley und in ihren Augen gab es nirgendwo einen prächtigeren Jungen."

Ernest Hemingway 1923Man kann sich ja leicht vorstellen, eBooks zu erstellen, in denen der Text bearbeitet werden kann. Es liegt ein Text vor, die/der LeserIn/NutzerIn wird in die Rolle eines Editors versetzt und kann beispielsweise Adjektive hinzufügen oder streichen. Ähnlich wie bei "Malen nach Zahlen" kann man sich so die Arbeitsweise eines Autors aneignen. Das hilft dabei, einen Begriff von "Poesie", vom "Machen" eines Textes zu bekommen. Ganz am Anfang seiner Karriere wurde beispielsweise dem jungen Hemingway geraten, alle Adjektive zu streichen. Bei Joanne Rowling wird es wohl der gegenteilige Rat gewesen sein. Nur: Von einem typischen Rohtext zu einem charakteristischen Hemingway- oder Rowling-Stil zu gelangen, das scheint, nun ja, eben doch nicht so simpel zu sein. Zeugnis davon legt die Webseite "SixWordStories" ab, deren Nutzer der berühmtesten Kurzgeschichte Hemingways nacheifern: "For sale: baby shoes, never used."

Ein solches editierbares eBook hätte zumindest zwei Effekte: Zum einen wird es dem Ruf des Digitalen gerecht, das von einer Aura des Optionalen umgeben ist und das Texte hervorbringt, die als provisorisch, revidierbar wahrgenommen werden, die dem nicht-autorisierten Zugriff offen gegenüberstehen. Und zum anderen müsste die/der LeserIn/NutzerIn den Stier bei den Hörnern packen und sich den Aufgaben stellen, mit der AutorInnen konfrontiert sind. So hat Hemingway beispielsweise das Ende von "A Farewell to Arms" 39 mal geschrieben, bis er zufrieden war. Die Einsicht in die Tatsache, dass so viel Kürze, so viel Präzision das Ergebnis von sehr viel Arbeit ist, würde mit Sicherheit einige Differenzen zwischen Autoren und Lesern klären.

Jul 21 2010

Die große Form

Fast jedes Kind kennt die Geschichte von Swimmy, dem kleinen Fisch, der sich mit vielen anderen kleinen Fischen zusammentut. Gemeinsam können sie einen großen Fisch bilden und anderen Fischen Furcht einflössen. So sind sie geschützt und können gemeinsam Spass haben. Bezeichnenderweise nimmt Swimmy in diesem Schwarm die Rolle des Auges ein. Einerseits kann er so wachsam beobachten und 'nach innen' kommunizieren, andererseits – und 'von außen' betrachtet – haucht er dem aus einem Schwarm gebildeten Fisch Leben ein. (Wie ich soeben merke, lässt sich diese Geschichte – wie jede gute Literatur – nicht paraphrasieren oder beschreiben; sie zwingt einen daher zum Nachdenken, hurra.)

Als ich früher in diesem Blog die Möglichkeit kollaborativer Autorschaft ausschloss, tat ich dies vor dem Hintergrund der Beobachtung, dass unsere Literaten ihre Autonomie mit Zähnen und Klauen verteidigen. Schliesslich ist die Literatur (und die Kunst) einer der wenigen Bereiche unserer arbeitsteiligen Welt, in denen ein Individuum ein Werk noch allein erschaffen und weitgehend kontrollieren kann, jedenfalls im Sinne von Kontrolle bis zur Abgabe des Textes. Die Idee von Autorschaft und Individualität sind durch den Geniekult eng miteinander verknüpft worden. Daher scheint es kaum denkbar, dass ein Schriftsteller seinen Namen teilweise aufgibt und sich bzw. sein Werk als Teil eines größeren Ganzen versteht. Diejenigen, die das tun, verzichten meist ganz auf ihren Namen und nennen sich John Sinclair. Warum publizieren solche Autoren eigentlich nicht unter dem Namen James Joyce?

Vielleicht eröffnen moderne Zeiten ja die Möglichkeit, dass sich einige wenige Autoren zusammentun. Sie sprechen sich untereinander ab, und jeder für sich schreibt ein in sich abgeschlossenes Buch, wobei diese Bücher sich zu einem übergeordneten Ganzen von epischer Breite zusammenfügen. Die Form müsste so groß und so offen sein, dass jeder der Autoren darin genügend Raum bekommt, um seine individuelle Meisterschaft zu entfalten und die Absprachen nicht als Fesseln zu empfinden. Beispielsweise könnte man die Geschichte eines großen gesellschaftlichen Konfliktes schreiben und jeder der Autoren übernimmt es, die Geschichte aus der Sicht einer gesellschaftlichen Gruppe (der Politik, der Polizei, einer Bürgerinitiative, einer Wirtschaftsvereinigung, der Unterwelt usf.) zu schreiben. Selbstverständlich müsste es für das übergeordnete Epos eine gemeinsame timeline und Figuren geben, die in zwei oder mehreren der jeweiligen Bücher auftauchen. Die Ausgestaltung eines jeden dieser Bücher in Formenbau, Stil, Ästhetik usf. könnte den jeweiligen Autoren selbst überlassen bleiben. Perspektivismus als Notwendigkeit, Komplexität und monumentale Größe als Chance.

Eine Zukunft des Schreibens? Vielleicht. Die Zukunft des Lesens? Auch schwierig. Wie in jedem Epos wird anhand der großen Form deutlich, dass sich jedes Werk aus vielen einzelnen Geschichten oder Erzählsträngen zusammensetzt, die für sich genommen rezipiert werden können. Die Unübersichtlichkeit wird dadurch gemildert, dass man sich als Leser zunächst für eine der Gruppen entscheiden muss, aus deren Perspektive erzählt wird. Also wählt man einen Teil des ganzen in der Größe eines Romans. Das entsprechende Buch könnte man beispielsweise als digitales eBook über ein Abonnement kapitelweise aufs Handy geschickt bekommen. Als Chance verstanden, könnte ein solches Lesen extrem kommunikativ sein, wenn man sich z.B. mit Arbeitskollegen austauscht, die parallel dasselbe Epos lesen, aber aus einer anderen Perspektive heraus geschrieben. Dieselbe story, derselbe Konflikt, aber ein völlig anderer Blick auf die Ereignisse. Ehrgeizige Leser können zwei, drei oder mehr der Romane lesen - und sich so einer 'Totalität' annähern. Welche Chancen für Empathie, Debatte, Anerkennung! Das Risiko aber besteht darin, dass die Leser frustriert werden, weil sie nicht mehr wissen, wo sie sich in der Gesamterzählung befinden, oder weil sie die Ausdauer verlieren. Das spricht entweder für das Erstellen kurzer, orientierender Zusammenfassungen oder für einen Seriencharakter (man kann sich als Leser jederzeit ein- und ausklinken) mit den entsprechenden Auflagen für die Autoren.

Zweifellos aber eine neue Bühne für den Konflikt zwischen Autonomie und Kollektiv, wie er schon der Geschichte von Swimmy zugrunde liegt. Wie Swimmy könnte der Leser wachsames Auge nach außen und innen und Schaltstelle in einer aktuellen gesellschaftlichen Debatte sein. Eine Position, in die ich mich als möglicher Leser gerne hineinwünsche.

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