Jan 21 2012

A wall of words

Geschichten stiften Identität, wenn sie sich um das Woher und Wohin einer Gemeinschaft drehen. Wer möchte, kann die Literaturgeschichte daraufhin abklappern, wie erzählte oder aufgeschriebene Geschichten die Identität von Individuen, Gruppen oder größeren Einheiten konstruieren. Meist funktioniert das über einen simplen Gegensatz, den von "Wir da drinnen, ihr da draußen". Bei der Konstruktion einer neuen Identität wird all das ausgeschlossen, was nicht Teil dieser Identität ist; das Selbst und das Andere werden voneinander getrennt und abgegrenzt. So kommt es, dass Literatur mit ihrem Potential zu Polyphonie und Dialogizität manchmal einem ganz anderen Projekt dienlich wird, nämlich dem Ausschluss. Dann kommt das Erstellen einer Geschichte aus Worten dem Bau einer Mauer zwischen dem "wir" und dem "sie" gleich. Die Identität, die durch solche Geschichten gestiftet wird, beruht auf einer Art Verbannung, und vor allem macht sie vergessen, dass man eigentlich immer zwei braucht, um zu wissen, wer einer ist.

Diese Mauern, die zwischen zwei Identitäten, dem Drinnen und dem Draußen, dem Selbst und dem Anderen verlaufen, haben in der jüngeren Vergangenheit mit der innerdeutschen Mauer und dem Grenzmauer zwischen Israel und dem Westjordanland Monumentalcharakter erhalten. Auf beiden Seiten der Mauern wurden und werden Geschichten erzählt, die den Anderen ausschliessen, zum Fremden machen und die Vereinigung mit diesem Anderen als lebensgefährlich beschreiben.

Man könnte doch für ein "echt deutsches" Projekt solche Geschichten aus der Zeit zwischen 1961 und 1989 sammeln und auf dem Mauerstreifen in Berlin in ein interaktives Kunstwerk verwandeln. Ein paar Meter Mauer noch mal neu errichten, eine interaktive Fassade mit täglich wechselnden QR-Codes erstellen, und dann kann jeder Besucher mit einem Smartphone hüben und drüben – also auf beiden Seiten der Mauer – lesend erfahren, wie die Deutschen einstmals voneinander gedacht haben.

Wie das technisch aussehen könnte, hat Terada Design mal auf einer Fassade in Tokyo vorgeführt:

N Building from Alexander Reeder on Vimeo.

Vielleicht würde diese physisch-räumliche Erfahrbarkeit von Mauern und Stereotypen ja ein bisschen dazu beitragen, Einsicht in soziale Verhältnisse zu erlangen. Die meisten dieser Mauern sind schliesslich unsichtbar.

Sep 10 2011

Das Buch hören

Als vor ein paar Jahren Hörbücher herauskamen, ging es eine Weile, bis man sich daran gewöhnt hatte; das “Kino im Kopf“ funktioniert aber mit ein wenig Übung eigentlich genau so gut wie beim Lesen des Textes. Und es wird wohl nur eine Weile gehen, bis die text-to-speech-Maschinen so gut sind, dass man sich den Text eines eBooks vorlesen lassen kann, ohne dass sich die Zehennägel aufrollen ob der Computerstimme. VoiceOver, Steve Jobs' Vorleseservice, soll das bei englischsprachigen Texten schon ziemlich passabel hinbringen.

Die Jungs von Booktrack dagegen haben in eine andere Richtung gedacht: Ein Soundtrack für das Buch, der sich je nach der Erzählung oder den Wünschen des Lesers verändert. Also: Man liest und lässt – wie in einem Film – untermalende Geräusche dazu erklingen. Für die, die sich gerne alles selbst einrichten, gibt es die Möglichkeit das Sound-Ambiente, die Effekte und die Musik individuell zu regeln. So bekommt der Leser / Hörer die Möglichkeit, ein bisschen am setting der Erzählung mitzuwirken.

Zum Testen gibts auch eine Sherlock-Holmes-Geschichte als kostenlose Demo für das iPad. Mal schauen, ob sich das durchsetzt, warum nicht? Den Hörbücher haben auch ein paar Jahre Zeit bekommen.

Jede Erzählung erschafft eine eigene Welt, in der sich die Geschichte abspielt; das nennt die Erzähltheorie Diegese. Seit Cervantes' Don Quijote wissen wir, dass eine Erzählung auch weitere Erzählungen in sich enthalten kann (also zwei Diegesen), und dass es etwas kompliziert wird, wenn Figuren aus der zweiten erzählten Welt in die erste erzählte Welt 'hinübergreifen', d.h. die Grenze zwischen den beiden Erzählungen überschreiten. So begegnen zu Beginn des zweiten Bandes Don Quijote und Sancho Panza zwei gleichnamigen Figuren, die aber einem anderen Buch entsprungen sind, und alle fragen sich, wer ist jetzt eigentlich echt ist und wer falsch.

In der Erzählung Continuidad de los parques (Park ohne Ende) von Julio Cortázar sitzt ein Mann in einem Sessel und liest ein Buch; er kann aus dem Fenster auf den Park schauen. Eine Figur aus diesem Buch – der Liebhaber – verabschiedet sich von seiner Geliebten, verlässt das Haus mit dem Vorsatz, den Mann seiner Geliebten zu ermorden, durchquert den Park (und damit die diegetische Grenze), betritt ein Haus und tritt in das Zimmer, in dem ein Mann in einem Sessel sitzt und ein Buch liest. Ende der Geschichte.

Natürlich kann man dieses Spiel schön kompliziert und mit vielen Erzählwelten weitertreiben, aber bislang verbleiben die Figuren und Akteure immer in diesen Textwelten.

Das könnte man doch mal ändern. Cortázars Liebhaber könnte beispielsweise beschließen, den Mann seiner Geliebten zunächst einmal anzurufen, und dann, beim nächsten Umblättern, klingelt das Telefon.

Des Lesers eines eBooks.

Jul 9 2011

It's a global nomad world

Der Nomade weiss, wann die Weiden abgegrast sind, wann es Zeit ist, die Herden weiterzutreiben. Auf in die U-Bahn, das Auto, das Flugzeug und – up in the air, das Jetzt fallenlassen, eintauchen in den stream of consciousness. Dann die nächste Station, kurzes check-in, log-in, wieder on, wieder sichtbar im social network, in der community, in den transparenten Zeltdörfern unserer Zeit.

Gibt es Texte für das Dazwischen? Welche Art von Lyrik oder Prosa könnte ein globaler Nomade unterwegs lesen? Kurze Texte, for sure: "Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt.“ "Notre nature est dans le mouvement; le repos entier est la mort.“ “The World is a book, and those who do not travel read only a page.”

Und wie lesen, während der Reise? Auf dem mobilen Endgerät? Der Nomade zieht – wie Jackie Brown in Tarantinos berühmtem Intro – über die Laufbänder übervölkerter Flughäfen, er schießt auf dem gleißenden Band sengender Autobahnen dahin. Und dorthin, zu seiner Rechten und Linken, gehören die Texte, an denen der Nomade vorbeigleitet.

Lesen zur Rechten: الذي لا سفر لا يعرف قيمة الرجل.

Lesen zur Linken: "Wer nicht reist, kennt den Wert des Menschen nicht.“

Vom Nomaden dagegen bleibt nur eine Spur im Sand...

Jan 1 2011

A new life

Das eigene Leben erzählen? Da denkt man zuerst an eine Chronologie. Stetige Entwicklung, Fortschritt, Aufstieg, Karriere. Aber einsnachdemanderen, so entwickelt sich kein Mensch. Also warum nicht nach Themen erzählen, die einen immer wieder beschäftigen? My life and art. My erotic life. My life and war. My life and spirituality. Oder das Leben anhand von Personen wiedergeben, die man da und dort getroffen hat und mit denen sich dies und das ergeben hat? Die Autobiographie als Geschichte von Dialogen, Projekten, Krisen und Streitereien. Oder anhand von Orten. Heimat. Fremde. Eroberungen. Rückzüge. Nomadismus.

Die Aufgabe wird noch komplexer, wenn man die gängigen Möglichkeiten des Internets ausnutzen möchte. Bilder. Videos. "Dokumente". E-Mails. Blogs. Social networks. Aufzeichnungen anderer über einen selbst oder gemeinsam Erlebtes. Alles miteinander verknüpfen, na schönen Dank. Und überhaupt: Das loswerden, was man im Internet mit seinem unendlichen Gedächtnis nicht (mehr) haben möchte. Spuren überall, und nur ungenügende Radierer vorhanden. (Das würde auch eine schöne Episode geben: My life and seppuku.)

Also bräuchten wir doch eine schöne life-storytelling-software, die uns dabei hilft, unser Leben zu erzählen. Erster Schritt: Mit ihrer Hilfe lässt sich alles, was da so im Internet herumschwirrt und zu uns gehört, taggen und verknüpfen (retrieven). Hier ist natürlich das Hirnschmalz der Nutzer gefragt, denn ein Foto von der aktuellen Geliebten kann ja - je nach Perspektive - als größte Eroberung, als Auslöser einer Katastrophe in der eigenen Ehe oder als schemenhafte Momentaufnahme in Don Juans Bildergalerie fungieren. Also ist eine umfangreiche und pfiffige Verschlagwortung erforderlich.

Zweiter Schritt: In der Software sind gängige Erzählmuster als Algorithmen programmiert. Aufstiegserzählungen. Katastrophenerzählungen. Wiederholungsschlaufen. Erlösungsmuster. Leidenserzählungen. Verwandlungsmuster. Glücksversprechen. Ein Klick auf "My life as ..." stellt dann alle dazugehörigen Internetinhalte zusammen, wie die Flicken, aus denen Patchworkteppiche hergestellt sind. Man muss nur noch Übergänge "vernähen" und das große Bild "weben".

Dritter Schritt: Aus den verschiedenen Erzählsträngen werden Flechtwerke hergestellt, deren Unterschiedlichkeit und Wechselhaftigkeit einen Eindruck von der Vielfalt und dem Reichtum eines Lebens geben. Und erst die Patina, die die einzelnen Partien mit der Zeit gewinnen ... Vielleicht ergibt sich sogar eine textile Harmonie...

Dez 10 2010

Neulich kam Borges vorbei und pfiff sich eins. Ich belauschte ihn.

Er hält es für einen allgemeinen Irrtum zu glauben, Literatur erzähle von der Wirklichkeit. Sie beschäftigt sich vielmehr häufig mit Themen und Gegenständen, die sich der direkten, sinnlichen Wahrnehmung entziehen. Es handelt sich hierbei um eine indirekte Strategie der Darstellung. Ihr liegt die Vorstellung von einer komplexeren Realität als jener zugrunde, die dem Leser mitgeteilt wird. Deshalb spricht Literatur immer von etwas anderem, das sich einer unvermittelten Darstellung entzieht.

Wohlbekannte Beispiele sind jene geschliffenen, paradoxen Verteidigungsreden für Dinge, die nicht zu verteidigen sind: Das Lob der Torheit, der Mord als schöne Kunst betrachtet, die Rechtfertigung des Kannibalismus. Ein anderes Beispiel sind die Metaphern, mit denen Vorgänge angezeigt werden: Kriegs- und Eroberungsmetaphern für zwischenmenschliche Beziehungen, Naturalisierung technischer Abläufe und so weiter.

Wir wissen also von dieser Wirklichkeit nur indirekt und erfahren von ihr durch die Kunstfertigkeit des Autors. Insofern ist Literatur immer schon augmentierte Realität avant la lettre gewesen. Auch von diesen Gedanken und Überlegungen hättest Du, lieber Leser, nie erfahren, wenn ich, die Nachtigall, nicht neulich im Gehölz gehockt und jenem Borges zugehört hätte, wie er ein paar Überlegungen anstellte und vor sich hin pfiff. So wollte es der Zufall, dass ich sein Tirili vernahm und davon jetzt berichten kann. Macht Dich das nicht schmunzeln?

Okt 21 2010

Es ist schon bezeichnend für die Entwicklung (oder Nicht-Entwicklung) auf dem deutschsprachigen eBook-Markt, dass ein Autor sich eine App für sein Buch entwickeln lässt. Jürgen Neffe wird in Kürze sein Darwin-Buch über iTunes anbieten. Der Clou an der Sache: Neffe hat sich seine iPad-App so entwickeln lassen, dass potentiell auch andere Bücher mit Hilfe dieser App publiziert werden können. Ein eBook-Format also, das weder der Regel „Ein Buch eine App“ folgt, noch von den eingeführten eReadern gelesen werden kann – denn diese setzen ja auf ein paar Formate, die kaum mehr als komprimierte html-Dateien lesen können. Das ganze nennt er Libroid:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neffes Konzept ist straightforward, ignoriert die Verlagslandschaft und gängige eBook-Distributionsplattformen, und später einmal soll ein Composer hinzukommen, damit Autoren Bücher für die Libroid-App herstellen können. Damit wird die App zum Publikationskanal.
Die dreispaltige Darstellung ist simpel und zugleich offen genug, um anregend zu wirken. Man kann den Text im Zentrum und damit im Fokus des Lesers belassen und die beiden Randspalten zur Erweiterung nutzen, so wie Neffe dies mit dem Darwin-Buch vorhat. Die Mehrspaltigkeit eröffnet aber auch narrative Entwicklungsmöglichkeiten.

So lässt sich damit multiperspektivisches Erzählen realisieren, etwa wenn die Erzählung in je einer Spalte einer Person folgt; treffen zwei oder drei Personen zusammen, können die Dialoge über die Spalten hinweg wechselnd geführt werden. Hier eröffnen sich interessante Optionen, um Synchronizität darzustellen und parallele Handlungsstränge zu entwickeln. Auch beispielsweise Historiker könnte das freuen, wenn sie sich denn in die Lage versetzen, parallele Entwicklungen – etwa im Bereich der Sozial- und Kulturgeschichte – auf adäquate Weise zu erzählen. Und schliesslich könnte die Darstellung von Konflikten – mit ihren typischen, nicht miteinander zu vereinbarenden und doch aufeinander bezogenen Perspektiven – auf ganz neue Weise gelingen.

Mit der effektiven Einbindung von Inhalten, die sowohl lokal als auch online gespeichert sein können, hat das Libroid das Potential, reality-augmented literature (RAL) zu präsentieren. Beispielsweise könnte im Zentrum die Biographie einer historischen Persönlichkeit stehen, als historischer Roman dargeboten. Rechts und links werden dann historische Materialien angeboten (Bilder, Videos) sowie online verfügbare Inhalte (Faktenwissen, Landkarten usf.) eingebunden. Wenn man sich, wie Neffe, auf die Spuren einer historischen Persönlichkeit begibt, und dabei mit dem iPad in der Hand die relevanten historischen Stätten aufsucht, wird man in der Tat neue Dimensionen des Lesens erfahren.
Ich freue mich drauf.

Jun 22 2010

Augmented Literature

Wieder mal so ein Denkspielchen: Wenn wir Literatur und Realität haben und augmented als Bindeglied, kann man zwei Kombinationen herstellen: Literature-augmented reality und Reality-augmented literature

Literature-augmented reality

Wie bei Augmented Reality ist die Literatur hier etwas, was zur Realität "hinzu" kommt und diese erweitert.

Beispielsweise kann ich am Strand herumlungern und die Wellen heranrollen hören. Da mein AR-Händi auch hören kann, trägt mir jede Welle eine Flaschenpost auf den Bildschirm. Das reale Rollen der Wellen bildet also das akustische Signal, das die Anzeige einer kurzen Geschichte, eines Sinnspruchs, einer geheimen Botschaft auslöst. Naja, vielleicht nicht jede Welle, aber jede zehnte vielleicht. Sonst nervt es allzu bald.

Eine andere Möglichkeit wäre "Literature To Go": Ich laufe mit meinem Smartphone durch die Stadt, und immer, wenn ich einen bestimmten Ort erreiche, wird ein Stück Literatur auf dem Display angezeigt. Neue Orte, neue Geschichten. Ein Streifzug durch die Stadt kann so durch literarische Erlebnisse bereichert werden. Selbstverständlich hat der Text irgendwie mit dem Ort zu tun, und ob ich ihn lese oder nicht, kann ich selbst entscheiden.

Reality-augmented literature

Anders als bei LAR steht hier die Literatur im Vordergrund, sie dominiert und ist handlungsleitend.

Möglich wäre hier beispielsweise "Nomadic Literature": Als Teil eines Nomadenstammes ziehe ich mit meinem Smartphone los zu den grünen Wiesen, die natürlich lokal gebundene Textsammlungen sind – wie oben in „Literature to go“, nur mit dem Unterschied, dass ich hier nicht nur konsumiere, sondern auch beitrage, indem ich die vorhandenen Texte kommentiere, neue schreibe und hinzufüge. Der Raum, in dem ich mich bewege – eine Stadt oder eine Gegend – wird hier überlagert von der Literatur, denn durch die Interaktion ist mein Handeln auf sie ausgerichtet. Optimalerweise würden sich Themen und Foki der Auseinandersetzung aus der Interaktion von selbst ergeben. Schön wäre natürlich auch eine tracking-Option, so dass man die Pfade der Hirten und die besonders grünen Wiesen sehen kann.

Eine andere Möglichkeit wäre, mit Borges einen "Garten der Pfade, die sich verzweigen" zu realisieren. Wenn ich mich beispielsweise in einem Stadtviertel aufhalte und auf einem mobilen Gerät einen Krimi lese, der in diesem Stadtviertel spielt, kann ich mit der Narration interagieren, indem ich am Ende eines jeden Abschnitts entscheide, wohin ich als nächstes gehe. Am nächsten Ort angelangt, erhalte ich die Fortsetzung des Textes, und so weiter und so fort bis zur Auflösung. Wenn Borges sagt: "In allen Fiktionen entscheidet sich ein Mensch angesichts verschiedener Möglichkeiten für eine und eliminiert die anderen", dann wäre das hier anders, denn in diesem Werk müssten ja wirklich viele Möglichkeiten vorhanden sein, und erst der Leser eliminiert einige, indem er sich für eine der Möglichkeiten entscheidet und sie so zur Realität werden lässt (oder in die Realität kommen lässt? However...).
Ich kann mir sogar vorstellen, dass die Aufgabe, hierzu einen Text zu schreiben, für einen Autor attraktiv sein könnte. Beispielsweise kann er im Text den Einfluss nicht realisierter Möglichkeiten auf die Realität thematisieren. So kann er etwa Anschlüsse an Geschichten herstellen, die aber nicht genutzt werden. Ein Leser, der sich entscheiden muss, ob er in die Kneipe geht, die das Zentrum der Gangsterbande ist, wird sehr wohl in Erwägung ziehen, ob er das 'Wagnis' einer Auseinandersetzung mit Verbrechern eingeht. Hier winkt also eine abenteuerliche Geschichte, aber vielleicht fällt die Entscheidung ja auch ganz anders aus: Der Leser lenkt seine Schritte in eine andere Richtung und umgeht die Kneipe. Das bedeutet das definitive Aus für die abenteuerliche Geschichte, hat aber Folgen für die Realität gehabt, denn der Leser ist nun (erst einmal) an einen völlig anderen Ort gegangen.

Jun 9 2010

Versuch einer Antwort

Oho, ein Manifestantist und Clausewitz-Leser: Die Fortsetzung der Literatur mit anderen Mitteln...

Literatur ist für mich ein wenig leiser ...

Daher erstmal ein paar Antworten: Was die Leute wollen, weiss ich nicht, wohl aber, was mich an Literatur fasziniert:
Eins: Einblicke in Wahrnehmungen, Stimmungen,Gefühle und Verhalten gewinnen und so meine Sicht auf die Welt bereichern. Je fremder, desto besser: Das macht mich neugierig.
Zwei: Eine Geschichte erzählt bekommen, die klüger ist als die Worte, aus denen sie gebildet ist.

Wenn Du sagst, dass augmented literature mit der Erweiterung der Sinne zu tun hat: Handelt es sich demnach um ein MEHR, etwas, das zur Literatur hinzu tritt, um die Wirkungen zu intensivieren? Bilder, sounds, haptische Erlebnisse sind ja ganz schön, gerne aber nicht als bloße Illustration. Das wäre ein bisschen simpel. Ich z.B. mag es ein wenig kontrapunktisch. Wenn ich lese: "Laßt, sanfte Wiesen, die Gräser wachsen. Goldene Herden ziehen über euch hin", dann möchte ich die Vibration der Rinder fühlen, ihre Bass dazu hören, den heissen Atem spüren, das Rauschen ihres Blutes an mein Trommelfell branden lassen. Dann kann ich der Boden sein, und meine Geduld lässt aus Gras Milch werden.
Also Hypermedialität, Magie, Synästhetik. Wäre das AL?

Was den zweiten Punkt angeht – story, Interaktion, Performanz – hiesse AL für mich, mitspielen dürfen. An der Geschichte mitwirken dürfen, an Wendepunkten eingreifen, einer Figur aus dem Weg gehen oder sie zur Rede stellen können. Im Gegensatz zum Computerspiel aber mit dem Vorzug, dass nicht alles möglich ist, sondern ich mir überlegen kann, was die Geschichte über mich sagt, eben weil sie so passiert ist, wie ich sie gelesen habe.
Also interaktive Narration. Denkst Du, es wäre möglich, dass ich als Leser ein wenig in einem Text interveniere, und der Autor „antwortet“ mir, indem er die story weiterschreibt?

Nächste Frage: Wessen Realität wird durch augmented literature erweitert oder sichtbar gemacht? Die des Autors / Lesers / Nutzers? Des Texts, des Mediums?

Jun 2 2010

Manifest

Was für mich Augmented Literature bedeutet:

1. Literatur auf digitalen Lese-/Schreibgeräten, die nicht einfach nur raschelt, wenn man sie umblättert
2. Literatur, die für die Art, wie und was sie erzählt, sich digitaler Technologie und Infrastruktur bedient: Hyperlinks, Mashup von Plattformen und Formaten, nicht-lineare Form, Interaktion, Dialog, Echtzeit
3. Literatur, die für die Art, wie und was sie erzählt, sich digitaler Technologie und Infrastruktur bedient, um die Story zu transportieren
4. Jetzt wirst du vielleicht sagen: Aha, das Medium ist die Botschaft, oder zumindest die wichtigere von beiden, wenn noch so was wie ein Sinn drunter liegt, der auch klassisch aufgeschrieben werden könnte. Ich sage aber - klar, Manifest! -: es geht um Sinn, Story, Leseerlebnis, Gehalt, also all die klassischen ästhetischen Erlebnisse, die man mit LIteratur verbindet. Nur eben, dass sie anders entstehen.
5. Es geht mir nicht um Hyperfiction im klassischen Sinn, HTTP-Romane und so. Das hat die ZEIT vor mehr als 10 Jahren gemacht. Texte konnte man auch vor Hyperfiction im Internet verlinken, und dass sich Motive, Geschichten, Sinnpfade aufeinander beziehen und Lesen nicht unbedingt linear ist und manchmal vom Autor selbst nicht-linear empfohlen wird (Cortazar, Rayuela), ist auch nichts neues. Technisch gesehen ist Augmented Reality natürlich HTTP- und URL-basiert, aber eben nicht nur.
6. Eine neue Sichtweise auf das, was als Literatur gilt und gelten wird. Augmented Literature hat am Schluß vielleicht nicht mal mehr viel mit Text zu tun, und trotzdem haben es ihre Leser mit Geschichten und Handlung zu tun
7. Augmented Literature konkurriert nicht mit klassischer Literatur in herkömmlichen Büchern aus Holz, sie schafft etwas Neues
8. Augmented Literature ist mit Absicht nah am Genre (sind AL Leser User?) der Augmented Reality. Beispiele für AR schießen wie Pilze aus dem Web, Marketing hat das Thema seit längerem entdeckt, file under Trendsetter/First Mover/Innovationsführer. Mini hat einen Case, General Electric, you name it. Das Prinzip ist immer dasselbe, Realität wird durch digitale Technologie "erweitert", die unsichtbaren Datenlayer (Mobilfunk, Drahtlos-Web, Rundfunk, etc.), die matrixmäßig über unserer Welt hängen und sie ständig nach- und weiterbilden, werden sichtbar gemacht durch irgendeine mehr oder weniger sinnvolle, mehr oder weniger nützliche Anwendung.
9. AL wird zwangsläufig mit der Erweiterung der Sinne zu tun haben: Sehen, Hören, (Zurück-)Schreiben, möglicherweise ist deshalb "lesen" gar nicht mehr das richtig Tuwort dafür.
10. Welch Art Literatur meine ich? Solche, die erzählt, "schöne" Literatur, meinetwegen auch ein Sachbuch. Bücher, die schon geschrieben sind und Bücher, die noch geschrieben werden müssen - in beiden steckt Potenzial. Wobei für letzteres natürlich auch noch der Autor mitspielen muss. Aber hey, wir haben ja schon ein paar Freunde auf Facebook! ;)
11. Kurz & bündig: AL ist eine Erweiterung von Literatur, wie wir sie bisher kennen, mit digitalen Mitteln

Fragen an dich: Denkst du, Leute wollen so eine Art Literatur? Oder ist Literatur LASS MICH IN RUHE, ICH LESE GERADE? Und wenn das so ist: wie lange dauert die Gewöhnung? Was muss passieren, damit der Übergang, die Gewöhnung, die Überzeugung, so reizvoll, elegant und überzeugend wird wie man es sich für ein neues Format wünschen kann? Kein Zweifel: Wir kämpfen erstmal mit Windmühlen. Als das Buch als Medium neu war, hat ein Don Quijote es ja auch erstmal mit der Medienkompetenz aufnehmen müssen.

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