Mai 25 2013

Jeden Tag dieselben Wege, jeden Tag dieselben Orte – wir alle kennen das. Gewohnheit ist der Tod der Sensibilität, und unser Alltag wird durch sie zwar strukturiert, aber eben auch monoton. Darum empfiehlt eine buddhistische Weisheit auch: "Du sollst jeden Tag einen Ort aufsuchen, an dem Du noch nie warst." Doch leider ist es nicht so einfach, jeden Tag den Ort zu wechseln wie die eigene Unterhose.

Gimbal, die App für literarische StadtentdeckungenEin britischer Verlag mit dem schönen Namen "Comma Press" kommt uns alltagsmatten Lesern jetzt zu Hilfe. Wenigstens lesend vor den inneren Pforten der Wahrnehmung kehren und neue Stadtansichten gewinnen, das verspricht die iPhone-App Gimbal, die von Comma Press mit Inhalten gefüllt wurde. Der Verlag ist spezialisiert auf Kurzgeschichten zum Thema Stadt, hat bereits mehrere Anthologien unter der Rubrik "Reading the city" herausgegeben und daher auch richtig viele Autoren und Kurzgeschichten in der Schmuckschatulle.

In dieser App sind dreißig Kurzgeschichten versammelt, die in verschiedenen Städten der Welt spielen, zumeist in Europa. Man kann also seinen täglichen Alltagsweg im ÖPNV bestreiten, indem man lesend einen Ausflug in eine andere Stadt macht. In der Textversion sind links kleine Anker untergebracht, die Erläuterungen zu den Orten bieten, die im Text genannt werden. Alle Kurzgeschichten lassen sich auch in einer Audioversion herunterladen; das ist praktisch, wenn man etwa auf dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs ist. Ausserdem gibts hier eine Karte, auf der man sich orientieren kann, wo denn die erzählte Geschichte genau spielt: Ein blaues Pünktchen bewegt sich auf der Karte entlang, während die Erzählung voranschreitet. Das bringt eine weitere Nutzungsmöglichkeit ins Spiel: Wenn man nun gerade in jener Stadt ist, in der die Kurzgeschichte spielt, kann man die Route der short story auch abgehen bzw. nachfahren. Das bringt den Mehrwert einer wirklich ungewöhnlichen Stadterkundung.

Nutzerfreundlich wird die App durch die verschiedenen Auswahlmöglichkeiten: Die alltagstauglich kurzen Texte können nach dem Transportmedium ausgewählt werden, in dem die Erzählungen spielen, nach der Länge des Audiobeitrags, nach dem Ort, an dem sie spielen und nach dem Genre, dem die Texte angehören. Weitere Features bieten Informationen über die Autoren und, natürlich, die bei Comma Press verlegten Texte.

Wie man sich leicht vorstellen kann, sind alle Texte und Audiofiles auf Englisch. Und nur zwei stories spielen in Deutschland, d.h. in Berlin und Bremen. Wer das als Einschränkung empfindet, sollte sich daran erinnern, was die kostenlose App erschließt: Imaginäre Wege zu unbekannten Orten.

Okt 13 2012

Babba, sagt der Maxl

Ja, das gibts wirklich: Ein Kinderbuch, in dem alle Geschichten gleich anfangen: "Babba," sagt der Maxl, "Du musst mir eine Geschichte erzählen" – so geht's immer los, und dann soll der Vater eine Geschichte erzählen, und wie bei allen Vätern fällt ihm bald nichts mehr ein. Der Babba – das ist eine Figur von Eugen Oker, und in seiner Geburtsstadt Schwandorf spielen viele der Geschichten, nur dass dieser Ort in dem Buch "Babba, sagt der Maxl" nicht Schwandorf heißt, sondern Söllach. Aber wenn Ihr mal die Geschichten lest oder Euch vorlesen lasst, dann könnt ihr mal auf Google Maps nachschauen, denn die Pesserlstraße und das Nagelschmiedgäßchen und die anderen Straßen, die im Buch vorkommen, die gibts wirklich, und die findet Ihr halt nicht in dem erfundenen Söllach, sondern in dem echten Schwandorf. Und achja, die Orte ringsum um das erfundene Söllach, die haben so lustige Namen wie Taxöldern, Hohenlohe und Büchelkühn, und die gibts tatsächlich auch in Wirklichkeit, alle rings um Schwandorf. Und die Mur, also der Fluß, in den das Krokodil springt, um dann in die Donau und von dort ins Schwarze Meer und dann in den Nil zu gelangen, ja da hat der Eugen Oker auch geschummelt, das ist eigentlich die Naab.

Was wollte ich jetzt eigentlich erzählen? Wisst Ihrs? Ach ja, also immer, wenn der Vater, also der Babba nicht weiter weiss, da fragt er seinen Sohn Maxl, zum Beispiel so: "Und wie der Elefant um einen Baum herumgeht, ja was sieht er da?" Und dann antwortet der Maxl immer das, was ihm grad so einfällt oder was ihm Spaß macht, zum Beispiel: "Eine Flasche Bier" oder: "Ein Krokodil". Und damit macht der Babba dann weiter, weil er ja jetzt weiss, was der Maxl sich so wünscht.

Stellt Euch mal vor, Ihr hättet so einen elektronischen Babba: Ihr lest das Buch auf dem iPad, und immer, wenn der Babba nicht weiter weiß, fragt er Euch – und ihr könnt sagen, was Euch einfällt; wenn Euch nix einfällt, kann das iPad ja Vorschläge machen, so wie "Eine Weißwurscht" oder: "Ein Händi", und dann sucht Ihr Euch aus, was Euch am besten passt, und damit gehts dann weiter.

Findet Ihr das gut? Dann schreibt doch mal an den Verlag, der das Buch zuerst rausgebracht hat, den Oetinger Verlag, ob er nicht einmal da aus dem Buch ein App machen kann. Und wenn die nicht wissen, wie das geht oder wie sie des machen sollen, dann können sie sich ja an mich wenden – also sagts ihnen einfach, ich bin der Schorsch.

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Sep 10 2011

Das Buch hören

Als vor ein paar Jahren Hörbücher herauskamen, ging es eine Weile, bis man sich daran gewöhnt hatte; das “Kino im Kopf“ funktioniert aber mit ein wenig Übung eigentlich genau so gut wie beim Lesen des Textes. Und es wird wohl nur eine Weile gehen, bis die text-to-speech-Maschinen so gut sind, dass man sich den Text eines eBooks vorlesen lassen kann, ohne dass sich die Zehennägel aufrollen ob der Computerstimme. VoiceOver, Steve Jobs' Vorleseservice, soll das bei englischsprachigen Texten schon ziemlich passabel hinbringen.

Die Jungs von Booktrack dagegen haben in eine andere Richtung gedacht: Ein Soundtrack für das Buch, der sich je nach der Erzählung oder den Wünschen des Lesers verändert. Also: Man liest und lässt – wie in einem Film – untermalende Geräusche dazu erklingen. Für die, die sich gerne alles selbst einrichten, gibt es die Möglichkeit das Sound-Ambiente, die Effekte und die Musik individuell zu regeln. So bekommt der Leser / Hörer die Möglichkeit, ein bisschen am setting der Erzählung mitzuwirken.

Zum Testen gibts auch eine Sherlock-Holmes-Geschichte als kostenlose Demo für das iPad. Mal schauen, ob sich das durchsetzt, warum nicht? Den Hörbücher haben auch ein paar Jahre Zeit bekommen.

Aug 21 2011

Mika

In der App "Mikas Abenteuer“ fahren Mika und sein Hund zum ersten Mal mit seiner Oma in den Dschungel. Mika findet eine ganz giftige Blume und merkwürdige Vögel, Pflanzen, die er noch nie gesehen hat; ein großes Tier, an dem er vorbeischleichen muss und einen furchtbaren Drachen mit schlimmem Mundgeruch. Am Schluss kommt er in eine Zauberwelt, das Paradies der Vögel, wo er … aber das wird nicht verraten.

Ich finde es super, dass das Buch einen in eine wunderbare Welt im Urwald bringt. Die Bilder im Buch sind einfach gut gezeichnet und sind richtig fantastisch. Die Geräusche im Hintergrund bringen einen dazu, dass man noch stärker in die Geschichte gezogen wird. Die Sachen zum Mitmachen haben überhaupt viel mit der Erzählung zu tun. Die Geschichte generell gefällt mir; sie ist spannend, und der Schluss ist offen, so dass man gerne erfahren würde, wie es weitergeht. Die Geschichte ist nicht so richtig lang, aber auch nicht zu kurz.

In den Bildern von diesem Buch ist gar keine Bewegung drin. Das einzigste, was besser sein könnte, wäre, Bewegungen reinzubringen. Zum Beispiel könnte der Hund einmal hinter den Vögeln herrennen und dann fliegen die Vögel weg. Oder man könnte eine Blume "pflücken“ und sie werfen. Das wäre cool.

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Jun 29 2011

Das eBook "Ein Schiffsausflug zur Seehundbank" ist eine App für das iPad. Ich finde daran gut, dass das Buch zweisprachig deutsch und englisch ist und dass man auswählen kann, welche Sprache man will. Wenn man auf den Text drauftippt, dann liest eine Stimme den Text vor, und alle Texte gibt es auch auf Deutsch und Englisch. Mir gefallen auch die Geräusche und Animationen gut, zum Beispiel wenn sich das Wasser im Hintergrund bewegt.

Zu dem Buch gibts auch ein Memoryspiel. Cool finde ich, dass man in jedem Bild des Buches was antippen kann und dann kommt dieser kleine Ausschnitt in groß und es wird was dazu gesagt, zum Beispiel über Wale oder den Fang im Netz von einem Fischkutter. Es macht Spass, etwas zu suchen, was man antippen kann, und zu schauen, was dann passiert und wo eine Animation kommt. Zum Beispiel bellt der Hund, wenn man ihn antippt.

Ich denke, dass das Buch geeignet ist für Dritt- und Viertklässler, weil man zwischen den beiden Sprachen hin- und herwechseln kann. Also ist das Buch für diejenigen gut, die anfangen, Englisch zu lernen (ich bin schon in der sechsten Klasse). Schade ist es, dass das Buch sehr kurz ist, dann ist man so schnell fertig.

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Jun 11 2011

The medium is the message: Die neuen Propheten und Missionare bedienen sich der avantgardistischsten Medien, um ihre Botschaften unters Volk zu bringen und Gläubige zu überzeugen. Jetzt hat der vormalige amerikanische Präsidentschaftskandidat und Klima-Apostel Al Gore zugeschlagen. Der Buchnachfolger zu seinem Film „An Inconvenient Truth“ heisst „Our Choice“ und ist jüngst als E-Book-App erschienen. The coolest book, the fanciest gadget, cutting-edge technology: IR-RE! – interaktive Grafiken, die vom Atem des Lesers bewegt werden, hier präsentiert vom Entwickler Mike Matas:

Dieses Buch ist ein gutes Beispiel für die Zweischneidigkeit häretischer Botschaften. Wer das Wunderbuch haben möchte, lädt sich erstmal 50 MB auf sein iPad oder iPhone herunter. Wer es dann auch noch lesen möchte und alle Bilder, Videos und Grafiken benutzen möchte, muss noch einmal 650 MB herunterziehen.

Eigentlich sollte man jeden Leser in einen Serverraum schicken, bevor er sich die App runterlädt; dann wird er den Sinn des Wortes „Treibhauseffekt“ sofort verstehen. Die Datenübermittlung – vor allem fürs bewegte Bild – frisst ordentlich Strom; genausoviel geht noch einmal für die Kühlung der Serverparks drauf. Die Rechenzentren fressen 1,5 bis 2 Prozent der weltweit erzeugten Elektrizität, und die Wachstumsrate beträgt 12 Prozent.

What to do, Al Gore?

Less is sometimes more.

Mai 25 2011

Das Buch aufmischen

Die Kinder von heute sind die Leser von morgen. Die Zukunft des Buches liegt daher bei den Kindern. Merkwürdigerweise gibt es aber noch gar nicht so viele elektronische Kinderbücher. Eines der derzeit technisch avanciertesten Kinderbücher ist gar kein eBook, sondern eine App. „Alice in Wonderland“ wurde von AtomicAntelope für das iPad entwickelt:

Ein Buch zum Drehen, Wiegen, Rütteln, Schütteln, Wischen und Ziehen. Hier kann man sich wirklich vorstellen, dass Kinder die vielen verspielten Animationen lieben werden und sich gerne damit beschäftigen.
Und man kann sich auch vorstellen, wie andere Kinderbücher aussehen würden, wenn man sie technisch entsprechend aufbereitet: Für „Der kleine Wassermann“ von Otfried Preussler zum Beispiel könnte sich das iPad in ein Aquarium verwandeln, so dass man das Szenario ständig vor Augen hat. Den Text könnte man inmitten der Algen und Krebse scrollen, wenn der Onkel aus dem Moor vorbeikommt, färbt sich der Vordergrund trübe ein, an einer anderen Textstelle kommt das Neunauge langsam durch den Bildschirm geschwommen ...
Eine andere Möglichkeit wäre Jutta Bauers „Königin der Farben“. Die Geschichte, in der sich die Farben erst vermischen und zu einem unansehlichen Grau werden, um dann später durch die Tränen der Königin wieder getrennt zu werden und schliesslich in einem bunten Feuerwerk zu enden, kann man sich ebenfalls gut animiert vorstellen. Interaktiv könnten Kinder die Farben vermischen und wieder trennen und sich am finalen Feuerspektakel erfreuen.

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Apr 21 2011

Unter die Haut

Es gibt sie, diese Situationskomik, in der jeder Zuhörer unwillkürlich lachen muss. Und es gibt auch eine Art von Sprüchen, die umso mehr wirken, je weniger man auf sie vorbereitet ist. Die Wirkung beruht auf einem Sinn, der sich nicht unmittelbar erschliesst, oder weil die Situation, in der sie geäußert werden, drastisch konterkariert wird. Typisches Beispiel: Hinterbänkler-Kommentare. Die Sentenzen entfalten sich 'subkutan', und so ist es am besten, wenn sie zwar öffentlich (wie bei Twitter), aber doch nur auf eine bestimmte Situation / einen bestimmten Raum bezogen versandt werden.

Der Dateiaustauschdienst Hoccer bietet hierfür eine klasse Lösung an. Android oder iPhone gezückt, die App geöffnet, Bild oder Text ausgewählt, und Zack! mit der Hand eine Wurfbewegung gemacht. Jeder in der Nähe kann mit einer Fangbewegung die Datei oder den Text auffangen und hat Zack! den „Text, der unter die Haut geht“.

Fast schon Voodoo ist das Angebot von Hoccer, die Datei nicht auf ein anderes mobiles Gerät, sondern auf einen geolokalisierbaren Browser zu werfen. Man befindet sich zusammen in einem Raum, per Beamer wird die Hoccer-Wall an die Wand projiziert, jeder darf seine Dateien werfen und findet sie gleich drauf an der Wand wieder. Das eignet sich bestens für Partygags, aber auch für Kommentare zu Vorträgen und Podien.

Eine effektive Schutzhaut für diesen Niederschlag ist die Antizipation: Wenn du auf den Kommentare-Regen von Anfang an vorbereitet bist, wirst du nicht überrascht sein. Selbst wenn du nass wirst - unter die Haut dringt der Regen nicht ...

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Okt 21 2010

Es ist schon bezeichnend für die Entwicklung (oder Nicht-Entwicklung) auf dem deutschsprachigen eBook-Markt, dass ein Autor sich eine App für sein Buch entwickeln lässt. Jürgen Neffe wird in Kürze sein Darwin-Buch über iTunes anbieten. Der Clou an der Sache: Neffe hat sich seine iPad-App so entwickeln lassen, dass potentiell auch andere Bücher mit Hilfe dieser App publiziert werden können. Ein eBook-Format also, das weder der Regel „Ein Buch eine App“ folgt, noch von den eingeführten eReadern gelesen werden kann – denn diese setzen ja auf ein paar Formate, die kaum mehr als komprimierte html-Dateien lesen können. Das ganze nennt er Libroid:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neffes Konzept ist straightforward, ignoriert die Verlagslandschaft und gängige eBook-Distributionsplattformen, und später einmal soll ein Composer hinzukommen, damit Autoren Bücher für die Libroid-App herstellen können. Damit wird die App zum Publikationskanal.
Die dreispaltige Darstellung ist simpel und zugleich offen genug, um anregend zu wirken. Man kann den Text im Zentrum und damit im Fokus des Lesers belassen und die beiden Randspalten zur Erweiterung nutzen, so wie Neffe dies mit dem Darwin-Buch vorhat. Die Mehrspaltigkeit eröffnet aber auch narrative Entwicklungsmöglichkeiten.

So lässt sich damit multiperspektivisches Erzählen realisieren, etwa wenn die Erzählung in je einer Spalte einer Person folgt; treffen zwei oder drei Personen zusammen, können die Dialoge über die Spalten hinweg wechselnd geführt werden. Hier eröffnen sich interessante Optionen, um Synchronizität darzustellen und parallele Handlungsstränge zu entwickeln. Auch beispielsweise Historiker könnte das freuen, wenn sie sich denn in die Lage versetzen, parallele Entwicklungen – etwa im Bereich der Sozial- und Kulturgeschichte – auf adäquate Weise zu erzählen. Und schliesslich könnte die Darstellung von Konflikten – mit ihren typischen, nicht miteinander zu vereinbarenden und doch aufeinander bezogenen Perspektiven – auf ganz neue Weise gelingen.

Mit der effektiven Einbindung von Inhalten, die sowohl lokal als auch online gespeichert sein können, hat das Libroid das Potential, reality-augmented literature (RAL) zu präsentieren. Beispielsweise könnte im Zentrum die Biographie einer historischen Persönlichkeit stehen, als historischer Roman dargeboten. Rechts und links werden dann historische Materialien angeboten (Bilder, Videos) sowie online verfügbare Inhalte (Faktenwissen, Landkarten usf.) eingebunden. Wenn man sich, wie Neffe, auf die Spuren einer historischen Persönlichkeit begibt, und dabei mit dem iPad in der Hand die relevanten historischen Stätten aufsucht, wird man in der Tat neue Dimensionen des Lesens erfahren.
Ich freue mich drauf.

Jul 6 2010

Das Buch schütteln

Wenn man sich anguckt, was der deutsche Kinderbuchmarkt aktuell zu bieten hat, kommt man an Sybille Heins Produkten nicht vorbei, etwa an Prinzessin Knöpfchen:

Hier wird vollständig auf den Flash Player gesetzt (der auf dem iPad nicht läuft), es gibt viele Interaktionen und Spielvarianten, aber eigentlich keine Erzählung, denn die Webseite ist mehr das Spiel zum Buch als ein Kinderbuch selbst.

Seltsam wenig Wert wird hier auf das Lesen selbst gelegt. Die animierten Illustrationen stehen im Vordergrund, die eigentlich story ist nicht mit den interaktiven Angeboten verknüpft. Zweifellos werden wir es mit einer Generation von Kindern zu tun haben, deren visuelle und bildanalytische Fähigkeiten stärker ausgebildet sind als je zuvor. „Lesen“ wird also nur noch eine Medienkompetenz unter vielen sein.

Eine gute Antwort auf diesen Befund wären vielleicht elektronische Kinderbücher, in denen Bild und Text enger miteinander verknüpft sind. Eine Geschichte wie „Hans im Glück“ zum Beispiel, in der die Leser dessen aktuelles Hab und Gut (den Goldklumpen, die Kuh, die Ente) durch die story vorwärtsschubsen und immer wieder tauschen müssen.

Oder man nähert sich mehr dem Text und zieht die Aufmerksamkeit der Kinder stärker auf die Wörter. Man könnte beispielsweise einzelne Wörter animieren. Wenn sich Daumen und Zeigefinger des Kindes auf dem Touchscreen dem Wort nähern, kann es 'ausgequetscht' werden, so dass neue Worte und Bilder aus ihm herausquellen, also Konnotationen und Denotationen sichtbar werden.
Oder man könnte die Kinder beim Entstehungsprozess mitmachen lassen, beispielsweise bei einem Gedicht. Interactive Lyrics, sozusagen. Als Beispiel versuch ich es mal mit folgenden leicht obskuren Zeilen:

Im Schlafzimmer klingelt der Wecker
Der Bruder schlingert da noch im Traum

Wenn man das Lesegerät schüttelt, dann verwandeln sich die Zeilen zum Reim:

Im Zimmerschlaf weckert die Klingel
Im Traum noch da brudert der Schlingel

Hmmm - naja. Geht so. Vielleicht fragen wir mal lieber bei Paul Maar nach für ein Buch mit Schüttelreimen.

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