Jun 15 2013

Das andere Bewusstsein

Als Saleem Sinai, die Hauptfigur in Salman Rushdies „Mitternachtskinder“, gegen Ende seines Lebens zurückblickt und dabei seine müden Knochen leise knirschen hört, verbindet sich seine Erinnerung mit Wendepunkten in der Geschichte Indiens. Sinai verknüpft damit Momente, an denen er teilhatte, mit solchen, von denen er eigentlich nichts wissen kann: Von seiner Geburtsstunde in der Nacht auf den 15. August 1947, dem Tag der indischen Unabhängigkeit, über seine spielerisch-leichte Teilnahme an der am Eßtisch durchgeführten Planung des Militärputsches in Pakistan bis zur Geburt seines Sohnes in der Stunde der Ausrufung des Notstands durch Indira Gandhi. Rushdies Held lebt aus dem Gedächtnis, seine persönlichen Erinnerungen stehen in aller Klarheit vor ihm, und zugleich hat er teil an einem nationalen Erleben, das er wieder aufrufen kann. (Das ist es auch, was ihn so alt und müde werden lässt, so dass seine Gelenke schmerzen; aber das ist eine andere Geschichte).

Vielleicht steht diese Szene stellvertretend für unser Verhältnis zur erzählenden Literatur. Manch eine Beschreibung ruft in unserem Gedächtnis einen früheren Bewusstseinszustand auf, und der Text scheint etwas wiederzugeben, was wir früher schon einmal erlebt haben oder erlebt zu haben meinen. Oder die Literatur regt unsere Imagination an und führt uns etwas in einer Deutlichkeit vor Augen, als hätten wir es selbst erlebt. Es ist dieser Als-ob-Modus, der uns dazu verführt, zu denken, ja, das hätte mir genauso selbst widerfahren können; und auch wenn ich es nicht selbst erlebt habe, so ist es doch Teil meines potentiellen Selbsts.

So verbinden sich das eigene Gedächtnis, die Imagination und die erzählende Literatur als Wahrnehmungsstellvertreter des Lesers. Ein erfahrener Leser mag auf sein Leben und die vielen Bücher, die er in sich aufgenommen hat, zurückblicken wie in je unterschiedliche Teile seiner großen Lebensszene. Literatur wird ihm dann als eine andere Form des Bewusstseins erscheinen, eines, das nicht auf Selbsterlebtem beruht, aber trotzdem genauso Teil seiner selbst ist.

Das ist vermutlich auch der Grund, warum das Buch nie aussterben wird; ganz gleich, ob digital oder analog, auf eine solche Vielfalt wird keiner verzichten wollen.

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Jun 1 2013

Heteronym

Fernando PessoaDer portugiesische Dichter Fernando Pessoa veröffentlichte nicht nur unter eigenem Namen, sondern auch unter fremden. Was normalerweise Pseudonym genannt wird, heisst bei Pessoa Heteronym, weil er noch dazu eigene Identitäten mit eigenen Biographien erschuf, um die fiktiven Dichter, für die er schrieb, so 'wirklich' wie möglich erscheinen zu lassen. Eine dieser fiktiven Figuren Pessoas trägt den Namen Ricardo Reis. Reis wurde 1887 geboren, studierte Medizin, veröffentlichte seine ersten Arbeiten 1924 in der Zeitschrift Athena, und zwischen 1927 und 1930 erschienen Oden von ihm in der Zeitschrift Presença.

Hätte Pessoa ein bisschen später gelebt, dann hätte er wahrscheinlich eine eigene Facebook-Seite für Ricardo Reis eingerichtet; dort hätten dessen Freunde die jüngsten lyrischen Ergüsse des Meisters geniessen können. Leider aber ist Pessoa 1935 gestorben, und so ist lediglich eine Seite der portugiesischen Wikipedia Ricardo Reis gewidmet (wie Facebook auch kann die Wikipedia zwischen 'real' und 'fiktiv' nicht unterscheiden).

José Saramago hat später dann den Faden aufgenommen, ein Buch über die letzte Zeit im Leben des Ricardo Reis geschrieben und 1984 den Titel "Das Todesjahr des Ricardo Reis" veröffentlicht. Damit wurde Reis gewissermaßen zu einer doppelt fiktiven Figur; erst von Pessoa ins Leben gerufen, dann von Saramago in seinen letzten Stunden begleitet.

Eigentlich sollten wir weitere Dichter erschaffen; Facebook wäre dafür der richtige Ort. Und wenn der Schöpfer eines Dichters den Faden verliert, kann er den Staffelstab ja an einen anderen Autoren weitergeben. So wie Pessoa und Saramago es vorgemacht haben.

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Mai 25 2013

Jeden Tag dieselben Wege, jeden Tag dieselben Orte – wir alle kennen das. Gewohnheit ist der Tod der Sensibilität, und unser Alltag wird durch sie zwar strukturiert, aber eben auch monoton. Darum empfiehlt eine buddhistische Weisheit auch: "Du sollst jeden Tag einen Ort aufsuchen, an dem Du noch nie warst." Doch leider ist es nicht so einfach, jeden Tag den Ort zu wechseln wie die eigene Unterhose.

Gimbal, die App für literarische StadtentdeckungenEin britischer Verlag mit dem schönen Namen "Comma Press" kommt uns alltagsmatten Lesern jetzt zu Hilfe. Wenigstens lesend vor den inneren Pforten der Wahrnehmung kehren und neue Stadtansichten gewinnen, das verspricht die iPhone-App Gimbal, die von Comma Press mit Inhalten gefüllt wurde. Der Verlag ist spezialisiert auf Kurzgeschichten zum Thema Stadt, hat bereits mehrere Anthologien unter der Rubrik "Reading the city" herausgegeben und daher auch richtig viele Autoren und Kurzgeschichten in der Schmuckschatulle.

In dieser App sind dreißig Kurzgeschichten versammelt, die in verschiedenen Städten der Welt spielen, zumeist in Europa. Man kann also seinen täglichen Alltagsweg im ÖPNV bestreiten, indem man lesend einen Ausflug in eine andere Stadt macht. In der Textversion sind links kleine Anker untergebracht, die Erläuterungen zu den Orten bieten, die im Text genannt werden. Alle Kurzgeschichten lassen sich auch in einer Audioversion herunterladen; das ist praktisch, wenn man etwa auf dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs ist. Ausserdem gibts hier eine Karte, auf der man sich orientieren kann, wo denn die erzählte Geschichte genau spielt: Ein blaues Pünktchen bewegt sich auf der Karte entlang, während die Erzählung voranschreitet. Das bringt eine weitere Nutzungsmöglichkeit ins Spiel: Wenn man nun gerade in jener Stadt ist, in der die Kurzgeschichte spielt, kann man die Route der short story auch abgehen bzw. nachfahren. Das bringt den Mehrwert einer wirklich ungewöhnlichen Stadterkundung.

Nutzerfreundlich wird die App durch die verschiedenen Auswahlmöglichkeiten: Die alltagstauglich kurzen Texte können nach dem Transportmedium ausgewählt werden, in dem die Erzählungen spielen, nach der Länge des Audiobeitrags, nach dem Ort, an dem sie spielen und nach dem Genre, dem die Texte angehören. Weitere Features bieten Informationen über die Autoren und, natürlich, die bei Comma Press verlegten Texte.

Wie man sich leicht vorstellen kann, sind alle Texte und Audiofiles auf Englisch. Und nur zwei stories spielen in Deutschland, d.h. in Berlin und Bremen. Wer das als Einschränkung empfindet, sollte sich daran erinnern, was die kostenlose App erschließt: Imaginäre Wege zu unbekannten Orten.

Mai 18 2013

Nichts lesen

"Ich les' mal eben noch schnell das Internet durch", simste mir ein Freund kurze Zeit nach unserer Verabschiedung (und diversen Bieren). Ja, dachte ich, und dann kannst Du mir ja morgen erzählen, was drinsteht. Eigentlich reicht mir das vollkommen, wenn jemand das Internet zusammenfasst und viel von dem unaufhörlichen BlaBla rausfiltert.

Eigentlich könnten wir ab und zu ein wenig von dem löschen, was wir da so ins Internet laichen. Ein digitaler Radiergummi wäre bestimmt kein schlechtes Tool. Mit elektronischen Büchern kann man es ja genau so machen: "Ein Buch weglesen" könnte dann bedeuten, dass es anschließend nicht mehr da ist, ausradiert, gelöscht. Natürlich kann man so was nur mit den eigenen Büchern und Texten machen; wir Deutschen haben einfach schlechte Erfahrungen mit Bücherverbrennungen gemacht.

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Stanislaw Lem hat allerdings einmal von einem freundlichen Menschen erzählt, der für eine solche Aufgabe prädestiniert zu sein scheint: In Professor Tarantogas Sprechstunde kommen lauter Personen, die über ihre kuriosen Einfälle und Entdeckungen berichten. Unter ihnen ist ein Herr, der vorhat, "Zudecker von Erfindungen" zu werden. Er möchte Erfindungen und Entdeckungen verhindern, bevor aus ihnen Gefährliches ensteht. Ob wir ihm unsere Aufgabe anvertrauen wollen, Texte "wegzulesen"?

Mai 11 2013

Club der untoten Dichter

Hachja, diese Eitelkeit. Wie viele Einträge zu einzelnen Personen auf Wikipedia sind von ihnen selbst geschrieben worden. "Ja, ich habe eine eigene Wikipedia-Seite", sagt mir Rolf Müller. Gähn.

Man sollte einen eigenen Wiki nur für literarische Autoren einrichten. Dort sollte es einen Administrator geben, der jeden der Autoren nur einmal reinlässt. Und dann darf jeder einen Nachruf schreiben: Auf sich selbst, aus der Rückperspektive auf sich als einen Menschen, der bereits gestorben ist und dessen Werk daher nun mindestens vorläufig abschließend zu beurteilen ist. Also ein Wiki mit lauter Autonekrologen. Das könnte ein Versammlungsort literarischer Kabinettstückchen werden und kein Wirbel der Eitelkeiten, die in einem Windbeutel herumfahren wie der Pups im Schnupftuch.

In welcher Perspektive erzählt man eigentlich von sich selbst, wenn man davon ausgeht, dass man bereits gestorben ist? "SIE/ER schrieb dreizehn Theaterstücke und vier Romane"? "ICH habe X/Y kennengelernt als einen liebenswerten, offenen ..."? Und wie schreibt man über das eigene Werk, das ja noch gar nicht abgeschlossen ist? Schreibt man, aus der vorauseilenden Rückperspektive heraus, alle die Projekte auf, die man eigentlich noch vorhat zu schreiben? Notiert man die Preise, die man gedenkt zu erringen? Präsentiert man seinen eigenen, literarischen Stil, oder versucht man sich an der Imitation der Sachprosa eines Literaturführers? Ein raffiniertes Projekt ...

Noch interessanter wird es, wenn dieser Wiki einige Jahre lang im Netz verfügbar bleibt. Man stelle sich vor, einer der jungen Autoren der noch aufstrebenden digitalen Generation hat sich dort mit einem Nachruf auf sich selbst "verewigt" – und stirbt dann wenig später ... und es bleibt wenig mehr von seinem Werk als das, was er in diesem Nekrolog von sich zu sagen wusste. Der Wiki-Eintrag als Epitaph.

Ich selbst würde ja, wenn es diesen Wiki gäbe und ich mich als Autor erfinden würde, gleich dreißig Nachrufe auf mich selbst schreiben. Und jedesmal dem Verblichenen ein anderes Pseudonym meiner vielen Selbste verleihen ...

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Apr 20 2013

Ein Hoch auf das Papier

Es gibt nichts, was den Mythos von der Originalität und die überzogene Wertschätzung für die Person des Künstlers stärker entlarvt als eine Fälschung. Der Fälscher steht dabei vor einem kaum aufzulösenden Dilemma: Je besser seine Fälschung, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Fälschung nicht als solche erkannt wird. Dann wird sie zum Original, und die Person des Fälschers verschwindet vollständig hinter der des Künstlers, dem das Werk zugeschrieben wird. Wird die Fälschung hingegen aufgedeckt, dann kann zwar die Kunstfertigkeit und das imitative Vermögen des Fälschers wahrgenommen und wertgeschätzt werden, das gefälschte Werk aber verliert jenes höhere Ansehen, das das Original gegenüber der Imitation und Kopie genießt. Gefälscht aber wird ja gerade, um sich das symbolische Kapital eines Künstlers anzueignen, es zu entwenden und in ökonomisches Kapital zu konvertieren – sprich, in klingende Münze zu verwandeln.

Konrad Kujaus Fälschung eines Briefs von Hitler aus dem Ersten Weltkrieg, in dem dieser von der Verleihung des Eisernen Kreuzes I. Klasse berichtet

Einer der genialsten Fälscher des 20. Jahrhunderts war Konrad Kujau. Von der Malerei und der Zeichnung her kommend, entdeckte er für sich den Markt der Militaria und die obskure Gier nach Hitler-Devotionalien als Einnahmequelle. Er fälschte zunächst den Kunstmaler Hitler, lernte, dessen Handschrift perfekt zu imitieren und taumelte, fiel, stürzte später in die Fälschung der Hitler-Tagebücher. Das war einer Verlagsgruppe 9,7 Millionen DM wert, von denen immerhin mehrere Millionen bei Kujau hängen blieben. Die Aufdeckung des Betrugs machte Kujau berühmt, und er ist wohl einer der wenigen Fälscher der Geschichte, bei dem nicht nur die Fälschungen selbst einen enormen Marktwert haben, sondern dessen eigene Bilder selbst gefälscht werden. Ein "echter Kujau" besitzt den daher den Charme, dass Original und Fälschung nicht mehr voneinander voneinander zu trennen sind.

Bemerkenswert an den gefälschten Hitler-Tagebücher ist die Tatsache, dass es nicht den eigentlich Fachkundigen (den Historikern), sondern dem Bundeskriminalamt gelang, die Fälschungen als solche zu entlarven. Aufgrund von Materialproben konnte der entsprechende Nachweis geführt werden: Erst die physikalisch-chemische Analyse der Papiere und Schreibstoffe ergab 1983 den Beweis der Fälschung. Ein Hoch auf das Papier. Originalität bleibt an das Material gebunden.

Sicher, ein gedrucktes oder getipptes Werk eignet nicht im selben Maß die Aura des "Authentischen", "Originalen" wie ein handbeschriebenes Blatt oder Tagebuch. Dennoch profitiert das physische Buch noch stark vom Schöpfer-Mythos und dem Glauben an die "Originalität", besonders dann, wenn es durch Alterung individuell (singulär) und selten (einzigartig) geworden ist. All das haftet dem Digitalen nicht an. Fälschungen zeigen daher, dass das unendlich und verlustfrei reproduzierbare digitale Buch ein Vorschlaghammer ist, mit dem der Mythos vom Künstler und Schöpfer zerstört werden wird.

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Apr 6 2013

Le lecteur épuisé

Sage keiner, er sei noch nie über einem Buch eingeschlafen. Manchmal kostet es so viel Kraft, sich in den Kontext eines Buches wieder einzufinden, dass man schon nach wenigen Absätzen einschläft. Bücher von intellektuellen Geistesriesen werden so zur zuverlässigen Einschlafhilfe; vielen Studenten hat das schon zu einer willkommenen Erholung vom Alltag verholfen.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass ein Buch direkt Erschöpfung kommuniziert. Yoram Kaniuks Erinnerungsbuch "1948" ist so eines. Kaniuk erzählt vom israelischen Unabhängigkeitskrieg, in dem er als Siebzehnjähriger mitkämpfte. Von "diesem verfluchten Krieg" berichtet er in ungewöhnlichen Worten: "Wir waren zehn müde Krieger vor dem Haus des Dorfältesten, umringt von Olivenbäumen, und die Massen stürmten von allen Seiten an, preschten zu Hunderten herauf, und wir schossen auf sie und schafften es irgendwie, zwischen den Schüssen nicht einzuschlafen". Was für eine seltsame Formulierung, 'es zu schaffen, im Krieg nicht einzuschlafen.' Und wie grausam. Der Krieg ist nicht zum Aushalten. "Und ich war auf einmal müde, schlief im Gehen ein und konnte nicht mehr reden." Kaniuk ist völlig erschöpft. Das ist absolut nachvollziehbar. Wie soll man als Leser Sätze wie den folgenden auch ertragen? "Wie erklärt man einem Jungen an Bord der 'Van York', der als Zwölfjähriger in Auschwitz Brillanten in den Aftern seiner toten Eltern gesucht hat, um sie an SS-Leute zu verkaufen, wie erklärt man dem, was in Kastel passiert ist?" Wer so einen Satz liest, versteht die Erschöpfung sofort (und stellt sich hernach die Frage nach dem Weiterlesen). Das zwölfte Kapitel kriegt seine Leser dann bei den Eiern. Danach braucht er auf jeden Fall eine Pause; oder er schläft sofort ein, vor Erschöpfung.

Der Krieg hat Löcher in Yoram Kaniuk gebohrt, die nicht mehr weichen. Ein Kamerad spricht es aus: "Stimmt, es hat schwere Momente gegeben, aber wir waren löchrig wie ein Schweizer Käse, und weißt du, wie Schweizer Käse gemacht wird? Man nimmt Löcher und umhüllt sie mit Käse. Wer waren wir denn schon? Wir waren lebende Tote, waren Löcher von Sesamkringeln und Löcher von Käse, also was denn?"

Dabei wird das Buch nicht streng chronologisch erzählt; es ist vielmehr ein Sammelsurium von Anekdoten, kurzen Einschüben, Abwegen, fast chaotisch. Auch das ermüdet. Aber es ist auch eine Chance. Man muss das Buch nämlich nicht linear lesen. "1948" ist auch als eBook erhältlich. Leider nicht so eines, wie ich es mir vorstelle, ein eBook 2.0. Meine Vorstellung wäre ein kluges, humanes, fast schon humanitäres eBook, das Rücksicht auf seine Leser nimmt, indem es seine Pausen und Unterbrechungen aufzeichnet und ihm in Reaktion auf seine Lese-Untätigkeit Erholung gönnt. Es könnte auf die Erschöpfung des Lesers reagieren und ihm aus dem Fundus an Episoden ein motivierendes Angebot machen. Nach der Lektüre des 12. Kapitels (und der daran anschließenden Pause) könnte ein solches eBook dem Leser beispielsweise jenes wunderbare Kapitel von einer durchwachten Liebesnacht vorschlagen, frisch und belebend wie ein erster Frühlingsgruß. Und wer das Buch dann ganz liest und auch den Epilog mitnimmt, ist selbst verantwortlich für seinen Schlaf.

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Mär 23 2013

Die Konferenz der Bücher

Jetzt können sich unbelebte physische Objekte also schon miteinander unterhalten: Autos kommunizieren miteinander über ihre Position, ihren Staus und optimale Fahrwege, Kühlschränke reden mit Supermärkten, Solarkollektoren geben den Markisen Kommandos. Die Registrierkasse labert mit dem Zentralcomputer und macht dem Nutzer, den sie an der Kreditkarte erkennt, Konsumvorschläge. Das "Internet der Dinge" vernetzt Gegenstände miteinander. Super.

Selbstverständlich werden in naher Zukunft auch die Bücher miteinander vernetzt; die physischen, wohlgemerkt: Einfach einen Chip hintenreingeklebt, und schon können die Bücher miteinander sprechen. Toll.

Worüber würden sie wohl kommunizieren? Vermutlich werden die großformatigen Kunstdruck-Bände ihren Kollegen zurufen: "Wir sind die Schönsten! Darum hat man uns auch ein eigenes Regalfach gebaut, ganz oben natürlich. Da können wir auf alle anderen heruntergucken." "Pah!" würden die Lyrik-Bändchen antworten, "Von wegen! Wir sind noch viel schöner! Wir sind so schlank und zart – und werden von den Menschen wirklich geliebt."

"Ich dagegen werde zu Hunderttausenden gekauft", würde ein dicker Konsalik von links unten her mosern; "das ist wahre Anerkennung."  "Und ich", fistelt ein Liebesroman, "rege zwei Drittel meiner Leserinnen erotisch an. Das habe ich aus Amazonien erfahren."

"Mir ist einfach nur langweilig", sagt ein stw-Taschenbuch mit dem Namen Derrida auf dem Rücken, "seit dem Studium meines Besitzers stehe ich hier im Regal – also seit 20 Jahren." Zu dieser Statusmeldung ringen sich die anderen Bücher ein mitfühlendes "Like" ab.

"Wir sind total depressiv", sagt der Werther für alle Bände der Goethe-Gesamtausgabe, "wir scheiden wohl bald aus dem Leben." Da schweigen die anderen Bücher betroffen.

Feb 23 2013

Der jüngste Pferdefleisch-Skandal hat es wieder einmal anschaulich vor Augen geführt: Wer das Fleisch auf seinem Teller betrachtet, denkt nicht ans Tier. Er denkt ans Fleisch. Marx hätte dann von der Entfremdung gesprochen, vom Vergessenmachen einer modernen arbeitsteiligen Welt, in der das eigene Futter einem näher ist als die, von denen es kommt.

Das Buch bedeutet eine Entfremdung vom BaumDie Lasagne, um die es ging, hat noch einmal mehr an der Schraube der Entfremdung gedreht: Wir schmecken nicht einmal mehr das Fleisch, das wir essen. Es scheint vollkommen gleichgültig zu sein, was wir da eigentlich essen, geschmacklich ist kein großer Unterschied festzustellen, denn alles ist durch den Wolf gedreht und mit viel Tomatensoße vermengt worden. Das spricht nicht wirklich für unseren Geschmack. Und ob Marx dazu doppelte Entfremdung gesagt hätte, lässt sich auch nicht mehr überprüfen.

Mit Büchern ist es ein wenig ähnlich: Wir lesen die Dinger, verschwenden aber wenige Gedanken an den Autor. Im Lesen sind wir mit den Büchern allein und vergessen alles andere, besonders aber ihre Produzenten. In diesem Sinn sind wir den Büchern entfremdet, jedenfalls in dem Sinn, in dem Marx das meinte. Und wie bei der Lasagne mit ihren Blättern und Schichten sind wir den Konsum von Büchern so gewohnt, dass nicht einmal unser Geschmack einen sicheren Rückschluß zum Fleischlieferanten erlaubt. Höchstens bei den wirklich großen Autoren, deren Stil so unverwechselbar ist, das wir ihn auf jeden Fall kennen.

Ist das bei eBooks anders? Erstmal nein. Aber hier sind Potentiale da. Wer beim Lesen an den Autor denkt, hat heute zumindest die Chance, auf Facebook zu gehen und zu schauen, ob er diesen Autor findet. Zumindest besteht also die Möglichkeit, dass wir ihn da irgendwo ausmachen und so eine Art Beziehung zu ihm herstellen, so, wie der Esser an das Tier denkt, von dem das Fleisch stammt. Jetzt kommt die nächste Herausforderung: Was hätte ich dem Autor eigentlich zu sagen? Oder besser: Hätte ich ihm eigentlich überhaupt irgendwas zu sagen? – Die letzte Frage zeigt vor allem an, wie sehr wir vom Marxschen Entfremdungsprozess schon deformiert worden sind. Sie erklärt aber auch das Schweigen der Leser, das sich bei öffentlichen Lesungen durch Autoren so oft einstellt.

Ich meine, dass sich hier noch viel verändern könnte (und auch wird). In einer nicht allzu fernen Zukunft werden wir, wenn unsere Imagination Futter bekommt, wieder an den Autor denken. Und wir werden mit ihm in Kontakt treten können. Nicht auf Facebook – weil das wieder einen Schritt entfernt ist – und auch nicht auf auf den Social Reading-Plattformen, weil wir dort nur auf andere Leser treffen. Wir werden vielmehr in den Büchern eine Möglichkeit geboten bekommen, mit den Autoren in Kontakt zu treten. Und wir werden wieder lernen, uns mit ihnen auf Augenhöhe auszutauschen. Ein menschlicher Austausch, ohne die üblichen Diffamierungen, Verleumdungen und Herabsetzungen, wie sie die Kritik betreibt.

Und das wäre ein Rückgängigmachen der Entfremdung. Marx hätte seinen Spaß daran.

Feb 2 2013

Wir stellen uns das einmal vor: In der nahen Zukunft ruft einer der bekanntesten deutschen Kinderbuchverlage in der ersten Rückrufaktion der digitalen Geschichte sämtliche eBooks eines seiner Autoren zurück, um sie upzudaten - alle Bücher werden von ganz bestimmten Wörtern gereinigt, auf eine politisch korrekte Sprache umgestellt, und so böse Begriffe wie "Neger" oder eine Episode wie die körperliche Züchtigung des kindlichen Protagonisten werden getilgt. Für immer. (Zur Erinnerung: Im "Kleinen Wassermann" erhält der Held für einen seiner Streiche fünfundzwanzig Schläge; ihm wird "der Arsch versohlt"...)

Skurril ist diese Vorstellung schon dann, wenn man sie in Bezug zur Lebenswelt der Leser-Kinder setzt: Ein paar wenige Texte dieser Lebenswelt unterliegen einer sprachlichen Säuberung, weil sie im Kosmos der heiligen Literatur nicht mehr geduldet werden. In einem anderen Medium hingegen bleibt das politisch unkorrekte, die Demütigung und Ausgrenzung, als Teil der Show unwidersprochen erhalten. Anders formuliert: "DSDS" mit dem gottgleichen Juror Dieter Bohlen darf weitermachen, der olle Otfried Preußler aber muss büßen. Hier wird klar: So funktioniert das alles nicht. Man kann nicht Preußlers altbackenes Weltbild korrigieren wollen, ohne dem Dieter Bohlen seinen Arsch auch gleich zu versohlen.

Der Fall macht auch deutlich, dass die selbsternannten Oberpädagogen ein sehr zweifelhaftes Geschichtsbild haben. Texte korrigieren zu wollen (anstatt sie zu kommentieren und die Kinder zu lehren, sich eine eigene Meinung dazu zu bilden) bedeutet auch, in dem herumfingern zu wollen, was unser kollektives Gedächtnis, unsere nationale Identität ausmacht. Wie Preußler vor fünfzig Jahren schrieb, war damals allgemein anerkannt, common sense. Insofern ist die Idee, Updates seiner Texte in einer Rückrufaktion umzugestalten, auch eine Form von Geschichtsfälschung. Klüger wäre es doch, den Kindern bei Preußler und Bohlen zu sagen: Das ist echte Grütze, vergesst es. Denn erst das Vergessen eröffnet eine Zukunft, die die Kinder mitgestalten.

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