Sep 14 2010

Interpretation und Bedeutung

Wenn das Web die Kulturtechnik des Lesens verändert hat, dann sicherlich durch die Verwendung von Hypertext. Damit wurde die Vorstellung popularisiert, dass einzelne Begriffe in Texten verknüpft sind mit anderen Begriffen oder Texten. Diese Herangehensweise ist mit einem Verfahren der Textinterpretation verwandt, nämlich der Suche nach Schlüsselbegriffen und ihrer Katalogisierung und Hierarchisierung.
Für die webbasierte Interpretation von literarischen Texten liegt dagegen auch ein semantischer Zugang nahe, konzentriert er sich doch auf die Bedeutung von Begriffen und Textteilen. Hier gibt es aber scheinbar noch viel zu tun, denn auch das Semantische Web steckt noch in den Kinderschuhen. Die Idee ist einfach: Begriffe werden auf der Ebene ihrer Bedeutung miteinander verknüpft, aber nicht einfach über Hyperlinks, sondern über Relationen. Diese haben den Vorteil, dass sie typisiert werden können und so auch für Maschinen lesbar werden. Ein wesentliches Problem bei der Interpretation von Texten ist ja, dass die Texte Zusammenhänge herstellen, die aufgrund ihrer Komplexität – z.B. durch Bedeutungsvielfalt und Gleiten der Bedeutung – für Maschinen nicht auswertbar sind. Dieser Umstand generiert viele Arbeitsplätze von Literaturkritikern und Wissenschaftlern.
Wie könnte eine webbasierte Textinterpretations-Software aussehen? Zunächst haben wir einen literarischen Text. Ein Mensch liest ihn durch und stellt fest: die und die Begriffe sind wichtig und stellen zusammengenommen ein Ordnungssystem dar, das dabei hilft, den Text zu erschliessen oder besser zu verstehen. Er kann dann diese Begriffe mit Hilfe von Relationen miteinander verknüpfen und typisieren, d.h. den links Kategorien zuweisen. Dann weiss man – aha – dieser Begriff ist ein Synonym oder ein Gegenteil von diesem und jenem Begriff, er gehört über seine Konnotationen und Denotationen zu dieser oder jener Ontologie, er ist zentral oder weniger zentral für die erzählten Textwelten (Hierarchie), und – falls der Text das hergibt – er gehört zu dieser Taxonomie von Oppositionspaaren, die den Text strukturiert. Bestenfalls ergibt sich also eine grafische Anordnung der Begriffe oder eine andere Repräsentation der zugrunde liegenden Begriffe und deren Zusammenhänge.
Will das jemand haben? Ausser ein paar Wissenschaftlern vermutlich eher keiner. Interessant wird es eher, wenn eine solche Software mit einer Social-Web-Anwendung verknüpft wird. Dann würden die Leser nämlich die oben genannten Zusammenhänge herstellen und aufzeichnen, so wie es jeder einigermassen routinierte Leser mit dem Bleistift in einem Buch tut (oder er merkt sich die Textstellen schlichtweg). Diese benutzerspezifischen „Lesespuren“ könnten maschinell ausgewertet werden: Viele Leser fanden diese oder jene Relation hilfreich oder hätten sie genauso hergestellt, oder sie sahen diese oder jene Ontologie als zentral an. (Vorausgesetzt, alle Leser hätten die Kompetenz, diese Software richtig zu bedienen bzw. die Inkompetenz, sie zu manipulieren.) Was sich damit abzeichnen würde, wäre so etwas wie eine dominante gesellschaftliche Lesart. Begleitet von einem entsprechenden Online-Diskussionsforum könnte das die gesellschaftliche Debatte über einzelne Texte unterstützen, nicht aber die Bewertung dieser Texte. Ob man diesen oder jenen Text klug und hilfreich, amüsant oder langweilig, spannend oder dröge findet, das geht aus der semantischen Interpretierbarkeit nicht hervor. Und auch die Tatsache, dass ein hummeldummer Text zum Bestseller wird, lässt sich damit nicht erklären. Denn auch die Wissenschaft weiss noch nicht, ob ein Text dann erfolgreich ist, wenn sein semantisches Ordnungsystem dem seiner Leser besonders nahe ist. Hopp oder topp steht auf einem anderen Blatt.
Mit der Entwicklung des Semantischen Webs wird auch eine entsprechende Textinterpretations-Software kommen. Ob sie populär wird und jenseits von Literaturzirkeln zum Einsatz kommt, hängt ganz davon ab, in welchem Maß sie mit kommerziell erfolgreichen Titeln verknüpft werden kann, müssen diese doch online publiziert werden. Und davon sind wir noch weit entfernt.

Sep 10 2010

Intelligente Kleidung mit integrierten Sensoren für Körpertemperatur, Herzfrequenz, Perspiration und Atmung? Kein Problem.

Flüssige Digitalisierung menschlicher Bewegungen durch Beschleunigungsmesser, Annäherungssensor und winziges Gyroskop? Gibt’s schon.

eReader mit flexiblem Display? Alter Hut.

Also schneidere ich mir einen neues Kleid auf den Leib: Aus Text. Ein Kleidungsstück, auf dessen Oberfläche beständig neue Texte erscheinen, eine zweite magische Haut, die den vagen Luftzug meines Gedankenstroms nachzeichnet und den Blütenstaub meiner Ideen davonträgt. Gespeist aus einer Datenbank meiner Lieblingstexte, Parole, Gedichte, Zitate und Bonmots, gesteuert durch meine Bewegungen und Körpersignale. Vollständige Lesbarkeit seelischer Regungen in Echtzeit.

Welche intransparenten Winkel und Nischen unseres Innenlebens werden wir damit entdecken? Und welche zusammengerollten Schlangen werden wir aufstöbern, gefangen und eingeschläfert wie abgelebter Hass?

Unser Traumstoff

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Begriffe: 
Sep 3 2010

Storystickers

Wenn die location-based services es ermöglichen, dass man an einem bestimmten Ort eine story erhält, dann wird es wohl möglich sein, dass man auch eine hinterlässt.

Wieder so eine Stadt-Idee: Was charakterisiert eine Stadt besser und individueller als die ganzen Anekdoten, die sich um sie ranken? Was, wenn man dieses Charakterbild noch weiter differenziert, nach Stadtteilen, Bezirken, Kiezen? Wenn kurze Geschichten direkt mit den Orten verknüpft werden, erhält man ein intensives Stadt-Feeling.

Also: Als ich mal bei unserem Italiener bin, fragt eine Frau ungeduldig: „Ober – können wir zahlen?“ und der Ober sagt: „Sie müssen sogar!“

Oder: Ich kaufe Bier bei so einem Spätkauf und wundere mich an der Kasse, dass es sogar das ausgefallene Bier aus meiner badischen Heimat gibt. Darauf erklärt mir der Migrationshintergründler an der Theke: „Jede ethnische Minderheit braucht ihr eigenes Bier.“

Stories to go, stories to tell.

Jeder hinterlässt die Anekdoten und Geschichtchen virtuell dort, wo er sie erlebt hat – und wenn ein anderer Nutzer wieder an diesem Ort vorbeikommt, werden sie ihm aufs Smartphone gespielt. Je mehr User sich an diesem Spielchen beteiligen, desto dichter wird das Netz von Geschichten, mit dem man die Stadt überzieht. Ein Rating-System sortiert gute und schlechte Anekdoten. Und für die diejenigen, die viel Wert auf Qualität legen und nicht mit allem konfrontiert werden wollen, was ihre freundlichen Mitnutzer hinterlassen haben, kann man ja ausgewählte narrative Trips durch die entsprechenden Orte zusammenstellen (in der Art, wie Gowalla dies bereits mit Musik und Events anbietet).

Eine andere Variante: Man stellt stories, Slogans und Begebenheiten zu einem Album zusammen, aus dem der User auswählen kann, um dann die entsprechenden Schnipsel an einem Ort zu hinterlassen – virtuell natürlich. Optisch ansprechend, aber als hardcopy geprinted, haben das schon die Kollegen vom Stickermagazin gemacht:

 

Wenn man sich ein solches Vorgehen mit virtuellen Stickers vorstellt, könnte das bei einzelnen locations ziemlich interessante Kollektionen erzeugen; vielleicht sehen die Orte in dieser literature-augmented reality ja dann wie tag clouds aus.

Aug 25 2010

Die Welt als "ICH"

"See my profile on Facebook" lautet der Spruch, und – Simsalabim – öffnet sich eine Welt, in der sich die Nutzer profilieren, vielmehr definieren über das, was sie dort einstellen. Das Profil eines ICH wird erstellt über das, was die Nutzer für wichtig halten, und niemand weiss so recht, ob das, was sich dort findet, so ganz real ist, den „Tatsachen“ entspricht, oder ob die Selbstdarstellung nicht mehr eine Fiktion ist. Anders als in der „Realität“ ist dieses ICH vollständig gestaltet, zusammengefügt aus Worten, Bildern, Videos, links, und was das Medium Internet mit seinen virtuellen, elektronischen Optionen sonst noch so bietet. Das sollte man ausbeuten, denn die eigentliche Domäne der Literatur ist die Fiktion, und nirgendwo wird deutlicher, wie anders die Welt aussehen könnte, wenn das Profil ein anderes wäre, nirgendwo wird deutlicher, wieviele andere Möglichkeiten es gibt, wie das Profil zustandekam, und nirgendwo wird deutlicher, welche Macht einige Worte haben können, die die Selbstsicht eines Protagonisten vollständig verändern.

Konsequent wäre es daher, wenn man "Facebook" um "Fictionbook" erweitern würde. Schliesslich weiss jeder, dass das eigene ICH auch aus Leben besteht, die in den gängigen Formen der Selbstpräsentation üblicherweise nicht berücksichtigt werden, oder auch aus zahllosen ungelebten, bloß fiktiven Leben, die dort einen Platz finden könnten. Jenseits der beruflichen Entwicklung also ein ICH als Familienmensch, als Autor, Musiker, Abenteurer. Eine Biographie aus medizinischer Perspektive, eine, die das ICH als Rechtssubjekt fasst, eine intellektuelle Biographie und eine als politischer Mensch und Staatsbürger und so fort. Zweifellos ein attraktives Angebot, vor allem für jene, die an einer vorteilhaften Selbstdarstellung interessiert sind. Darüber hinaus käme man hier aber auch leicht weg von den konventionellen Fortschrittserzählungen und Schilderungen der derzeit erlangten Perfektion, hin zu einer Selbstdarstellung, die nüchterner und bescheidener ausfallen könnte oder die Wege erzählt, die man nicht gegangen ist, weil man sich an einer Gabelung anders entschieden hat. Man könnte seine Biographie als die eines Buchhalters anlegen, der Bilanz zieht und dessen Saldo immer gegen sich spricht. Diese Bescheidenheit eröffnet einen Reichtum – als biografischer Autor das Medium von Gestalten zu sein, die man selbst erschaffen hat, und die doch "ICH" sind. Noch ein Argument dafür: Welches Genre wird von jedem Internetnutzer besser beherrscht als das der Erzählung über sich selbst? Und wenn man die Rückkopplungen bedenkt: Bestimmt würde man das reale Leben in Rücksicht auf die virtuelle Inszenierung im Netz führen, damit dort mehr geboten werden kann als nur die Worte, die bislang ein literarisches ICH konstituierten ...

Aug 18 2010

Raum und Erzählung

Jede Erzählung entfaltet sich in einem strukturierten Raum. Die erzählte Welt teilt sich dabei in mindestens zwei Räume auf, die zum einen durch topologische Unterscheidungen (z.B. oben – unten, innen – außen, zu Hause – in der Fremde) strukturiert wird, zum anderen durch semantische Gegensätze wie gut – böse, bekannt – unbekannt, geordnet – chaotisch usf. Schliesslich gibt es den oder die Helden der fabula, und ein wesentliches Kennzeichen dieser Helden ist ihre Fähigkeit, zwischen den Räumen hin- und herwechseln zu können.
Ein einfaches Beispiel: Die Welt der Pippi Langstrumpf teilt sich in die kleine schwedische Stadt mit ihren bürgerlichen Bewohnern und der wohlgeordneten Welt der Konventionen und in die Welt der Südsee (Taka-Tuka-Land), der abenteuerlichen Piraten und des Unkonventionellen. Der Heldin (und ihren Freunden Tommy und Annika) gelingt es, zwischen diesen Welten hin- und herzuwandern, sie kann sie aber nicht zusammenführen. Den Vater, König einer Südseeinsel, kann sie zwar wiederfinden, entscheidet sich aber gegen ihn und bleibt bei ihren kleinen schwedischen Freunden.
Anders als gedruckte Bücher erlauben es elektronische Medien prinzipiell, diese Raumstruktur sichtbar und navigierbar zu machen. So könnte man sich vorstellen, die Episodenstruktur der drei Pippi-Bücher grafisch-räumlich zu veranschaulichen und so dem Leser die Möglichkeit zu eröffnen, zu entscheiden, ob er lieber Episoden in der kleinen, überschaubaren und heimeligen schwedischen Welt lesen möchte oder eher die Abenteuer in der großen, weiten Welt der Meere und der Südsee. Entscheidend aber scheint mir zu sein, dass die räumliche Struktur von Erzählungen sich in der Imaginationskraft des Leser entfaltet. Anschlüsse und Übergänge in die jeweils andere Welt sind damit in der Vorstellung des Lesers zwar vorhanden, aber man kann nicht einfach aus einer in sich geschlossenen Episode ausbrechen und wieder in die Gegen-Welt überwechseln, sprich, dort weiterlesen. So weit ich das sehen kann, kann damit die räumliche Ordnung der Erzählung höchstens in einem Inhaltsverzeichnis visualisiert werden. Die nichträumlichen Gegensätze (wie konventionell – unkonventionell), die den Text strukturieren, können dagegen nicht visualisiert werden, sondern bleiben der Vorstellungskraft des Lesers vorbehalten.

Auch ein anderes Prinzip von Erzählungen – Nähe und Ferne zur Hauptfigur, also die Erzählperspektive – gehorcht einem räumlichen Prinzip. Ein Ich-Erzähler erlaubt keine Distanz zwischen dem Blick des Erzählers und dem Erzählten, ein personaler Erzähler ermöglicht den Wechsel zwischen der Sicht einer bestimmten Figur (seiner Binnenperspektive) und dem, was um ihn herum vorgeht (aber nur von außen betrachtet werden kann). Der auktoriale Erzähler schliesslich bietet eine umfassende Perspektive, ist allwissend und mischt sich immer wieder kommentierend und bewertend in das Geschehen ein.
Umgesetzt auf die Möglichkeiten elektronischer Medien hiesse das, dass die Perspektive gewechselt werden kann. Heranzoomen – wie in Google Maps mit der Bewegung von zwei Fingern – ermöglicht die Fokussierung auf einen Ich-Erzähler, Wegzoomen den Wechsel über den personalen bis hin zum auktorialen Erzähler. Gibt es bereits Narrationen, die alle drei genannten Perspektiven gleichwertig nebeneinander führen? Nein. Will man das wirklich: Drei Textstränge mit unterschiedlichen Erzählperspektiven, die parallel geführt werden und jederzeit Übergänge ermöglichen? Wohl eher nein, denn: Was soll das bringen? Wo wäre der Mehrwert? Wer will das alles lesen?

Mein Fazit zu Raum und Erzählung: Am ehesten viel schöne neue Welt, Platz für Experimente, aber noch keine überzeugenden Beispiele. So weit sind wir noch nicht. Entscheidend ist vielmehr, was in der Vorstellungswelt des Lesers abgeht. Und da sollten wir vielleicht garnicht hineinfingern.

Aug 12 2010

Vom Klang der Wörter

„Die Bedeutung der Worte und Sätze über Bord werfen und sie als Ausgangsmaterial für kreative Kompositionen nehmen.“ Das hört sich erstmal schwierig an, ist aber nur ein kleiner Schritt, und er gelingt besonders leicht, wenn es um den Klang geht. Man nimmt ein Wort, hart wie Stein, klopft darauf und stellt fest, es sind Vögel drin: Granit. Gra-Nit, GraGraNitNit, GraGraGraNitNitNit und so weiter. Wir haben also massenhaft Möglichkeiten zur Verfügung, und nicht nur diesen onomatopoietischen Kram wie Kuckuck, Tschilp und Kikeriki. Immer wieder fällt einem doch auf, wie merkwürdig manches Wort klingt und wie leicht sich damit spielen lässt. „Alter, hast Du Haaramarsch“ klingt Arabisch, ist es aber nicht.

Wenn das Web2.0 die Nutzer zum Autor macht, warum nicht auch zum Dichter? Früher nannte man das Lautmalerei, jetzt wäre es vielleicht besser, von Wortkomposition zu sprechen. Also brauchen wir eine App, die das Komponieren unterstützt. Zum einen sollte sie Wortvorschläge machen, wie T9, und klanglich verwandte Beispiele vorschlagen, damit man zügig zu Ergebnissen kommt, wie etwa „was dort unten dumpf rumdunkelt“. Zum anderen sollte sie eine Silbenerkennung haben, um auch rhythmische Strukturen berücksichtigen zu können und so etwas wie „Spielt mein Wiesel mit dem Kiesel, sitzt inmitten still Geriesel“ ermöglichen. Und schliesslich sollte sie die Anordnung des Klangmaterials erlauben wie eine Kompositionssoftware auch, d.h. verschiedene Tonhöhen übereinander stapeln können.

Sopran: „Hilf mir fix, denn ich zittere ziemlich hier, hilf mir fix, denn ich klittere ziemlich hier, hilf mir fix, denn ich wittere fieses hier, nie hilft mir nix“

Alt: „Ach ja, am Klang da macht mans lang, ach ja, der Zwang dem macht man bang, ach ja, den graden Damm entlang, ach, da entlang“

Bass: „Unten dumpf, unterm Sumpf, gruselts dumpf, raunt Zunge dumpf“

Ziemlicher Schwachsinn – hört sich aber als dreistimmiger Gospel brauchbar an.

 

Begriffe: 
Aug 4 2010

Das Material der Poesie

 

Einstmals,

als die Dichter einen Schritt

zurücktraten und augenreibend das

Material entdeckten, mit dem sie arbeiteten,

also die Buchstaben, Worte, Sätze, da haben sie

gleich angefangen, diese neu zusammenzusetzen.

Das Wort als Baustein, die Sprache als Baumaterial,

die Sätze als Bauelemente. Coole Sache, seither können

Symbolismus, Lettrismus, konkrete Poesie und wer auch

immer kombinieren, selektieren, anaphorische Muster oder vertikale Textstrukturen schaffen,

geometrische oder organisch-fliessende Gebilde erstellen, die Worte setzen, um zu malen, oder

Sätze neu zusammenfügen, damit das Zentrum im Zentrum sichtbar wird und Poesie, Literatur,

Lyrik einen sakralen Charakter erhalten. Zentrum im Zentrum meint dabei nur ein typographisches

In-den-Hintergrund-Drängen des Sinns, Zentrum im Zentrum verlangt, dass die Form einen Inhalt

überwiegt, damit die Gestaltungsmacht der Buchstaben sich durchsetzt gegen jenen Mechanismus

in der Wahrnehmung der Menschen, der die Worte mit Bedeutung verknüpft. So stellt sich die

Sprache selbst dar und aus und erweitert ihre phonetischen,

visuellen und akustischen Möglichkeiten oder setzt sie ein als

literarische Mittel. Weil es nur wenigen möglich war, Bücher

zu drucken, die derart verschwenderisch mit dem verfügbaren

Platz umgingen, war diese Herangehensweisen immer nur den

literarischen Avantgarden vorbehalten. Erst die Digitalisierung

hat dem Durchschnittsmenschen die Gestaltungsmacht über die

Buchstaben übertragen. Merkwürdigerweise hat sich aber noch

keinerlei Software durchgesetzt, die es jedem einzelnen möglich

macht, die verschiedenen Bauklötzchen aufeinander zu türmen,

indem man sie mit der Tastatur eingibt und dann mit dem Finger

auf dem touchscreen anordnet, um seiner Liebsten eine Textrose,

seinem Hund einen knackigen Textknochen oder dem Papst den

Konstruktionsplan einer Basilika als Textmodell anzuverehren.

Dass sich die verschiedenen Verfahren der Materialanordnung,

die beispielsweise von Lettrismus, Oulipo und so fort entwickelt

wurden, nicht als Algorithmen von Computerlyrik durchgesetzt

haben, verwundert nicht, weil sie ganz ordentlich verschwurbelt

sind. Sicher aber wird eins kommen: Die Mobilität der Poesie,

wie sie von Mallarmé vorgedacht wurde und jetzt mit einem

Flash-Player schick von Anatol und anderen umgesetzt wird.

 

Begriffe: 
Jul 26 2010

Ein Buch, kein Spiel

Die spielerische Herangehensweise, die die neuen Medien eröffnen, die Möglichkeit, kollaborativ Texte zu erstellen und die Verlockungen eines interaktiven storyboardings scheinen die Grenze zwischen Buch und Spiel zu verwischen. Obwohl Dramaturgie und Erzählung einige Elemente mit den aktuellen High-Tech-Spielen teilen, zeichnet sich die Literatur jedoch durch einige wichtige Merkmale aus, die das Spiel nicht eröffnen kann.

Verlassen der Ich-Perspektive: Im Spiel erhält man keine Reflexion vorgeführt, die man nicht selbst vollzieht. Die Literatur dagegen bietet ein Denken auf der Bühne an und lädt dazu ein, unbekannte Gefühls- und Erlebniswelten zu erschliessen. Die Innenperspektive einer Figur, die nicht ich ist, bietet mir mehr als die verschiedenen Varianten meiner Erlebniswelten, in die mich das Spiel führt. Dieses Manko liesse sich ja eventuell noch dadurch beheben, dass dem Leser gestattet wird, in einen Dialog mit einem Autoren zu treten. Dieser scheinbare Ausweg bietet aber keine Rettung. Denn die Literatur zeigt häufig: Die Gespräche, die wir nicht führen, sind noch bewegender als die anderen, die wir führen.

Fiktionale Verstärkung: Die merkwürdige Fähigkeit der Literatur, wahrer zu sein als das alltägliche Leben und ihr Potential, zu enthüllen, wie es ist, hat kein Pendant im Spiel. Im Spiel gibt es nur die Wirklichkeit des Spiels, in der Literatur hingegen den Reichtum der Fiktionen. Dadurch gelingt es der Literatur, eine künstliche Intensität von Dingen, die im wirklichen Leben flüchtig sind, freizulegen und den „Kern“ von Erfahrungen oder Erlebnissen zu präsentieren. Diesen Verstärkereffekt gibt es wohl in anderen Medien wie dem Film oder dem Theater, nicht aber im Spiel.

Ein Buch ist nicht ergebnisoffen: Die Personen übernehmen in einem Buch die Führung und schreiben es selbst. Die spielerische Wahlfreiheit und Beliebigkeit kennt das Buch nicht, wohl aber die scheinbar zwangsläufige, schicksalhafte Verkettung. Auch überflüssige Seitenpfade, die das Thema und seine Durchführung anreichern, sind im Spiel nicht angelegt. Die Literatur aber kennt Pfade, die dramaturgisch überflüssig sind.

Jul 21 2010

Die große Form

Fast jedes Kind kennt die Geschichte von Swimmy, dem kleinen Fisch, der sich mit vielen anderen kleinen Fischen zusammentut. Gemeinsam können sie einen großen Fisch bilden und anderen Fischen Furcht einflössen. So sind sie geschützt und können gemeinsam Spass haben. Bezeichnenderweise nimmt Swimmy in diesem Schwarm die Rolle des Auges ein. Einerseits kann er so wachsam beobachten und 'nach innen' kommunizieren, andererseits – und 'von außen' betrachtet – haucht er dem aus einem Schwarm gebildeten Fisch Leben ein. (Wie ich soeben merke, lässt sich diese Geschichte – wie jede gute Literatur – nicht paraphrasieren oder beschreiben; sie zwingt einen daher zum Nachdenken, hurra.)

Als ich früher in diesem Blog die Möglichkeit kollaborativer Autorschaft ausschloss, tat ich dies vor dem Hintergrund der Beobachtung, dass unsere Literaten ihre Autonomie mit Zähnen und Klauen verteidigen. Schliesslich ist die Literatur (und die Kunst) einer der wenigen Bereiche unserer arbeitsteiligen Welt, in denen ein Individuum ein Werk noch allein erschaffen und weitgehend kontrollieren kann, jedenfalls im Sinne von Kontrolle bis zur Abgabe des Textes. Die Idee von Autorschaft und Individualität sind durch den Geniekult eng miteinander verknüpft worden. Daher scheint es kaum denkbar, dass ein Schriftsteller seinen Namen teilweise aufgibt und sich bzw. sein Werk als Teil eines größeren Ganzen versteht. Diejenigen, die das tun, verzichten meist ganz auf ihren Namen und nennen sich John Sinclair. Warum publizieren solche Autoren eigentlich nicht unter dem Namen James Joyce?

Vielleicht eröffnen moderne Zeiten ja die Möglichkeit, dass sich einige wenige Autoren zusammentun. Sie sprechen sich untereinander ab, und jeder für sich schreibt ein in sich abgeschlossenes Buch, wobei diese Bücher sich zu einem übergeordneten Ganzen von epischer Breite zusammenfügen. Die Form müsste so groß und so offen sein, dass jeder der Autoren darin genügend Raum bekommt, um seine individuelle Meisterschaft zu entfalten und die Absprachen nicht als Fesseln zu empfinden. Beispielsweise könnte man die Geschichte eines großen gesellschaftlichen Konfliktes schreiben und jeder der Autoren übernimmt es, die Geschichte aus der Sicht einer gesellschaftlichen Gruppe (der Politik, der Polizei, einer Bürgerinitiative, einer Wirtschaftsvereinigung, der Unterwelt usf.) zu schreiben. Selbstverständlich müsste es für das übergeordnete Epos eine gemeinsame timeline und Figuren geben, die in zwei oder mehreren der jeweiligen Bücher auftauchen. Die Ausgestaltung eines jeden dieser Bücher in Formenbau, Stil, Ästhetik usf. könnte den jeweiligen Autoren selbst überlassen bleiben. Perspektivismus als Notwendigkeit, Komplexität und monumentale Größe als Chance.

Eine Zukunft des Schreibens? Vielleicht. Die Zukunft des Lesens? Auch schwierig. Wie in jedem Epos wird anhand der großen Form deutlich, dass sich jedes Werk aus vielen einzelnen Geschichten oder Erzählsträngen zusammensetzt, die für sich genommen rezipiert werden können. Die Unübersichtlichkeit wird dadurch gemildert, dass man sich als Leser zunächst für eine der Gruppen entscheiden muss, aus deren Perspektive erzählt wird. Also wählt man einen Teil des ganzen in der Größe eines Romans. Das entsprechende Buch könnte man beispielsweise als digitales eBook über ein Abonnement kapitelweise aufs Handy geschickt bekommen. Als Chance verstanden, könnte ein solches Lesen extrem kommunikativ sein, wenn man sich z.B. mit Arbeitskollegen austauscht, die parallel dasselbe Epos lesen, aber aus einer anderen Perspektive heraus geschrieben. Dieselbe story, derselbe Konflikt, aber ein völlig anderer Blick auf die Ereignisse. Ehrgeizige Leser können zwei, drei oder mehr der Romane lesen - und sich so einer 'Totalität' annähern. Welche Chancen für Empathie, Debatte, Anerkennung! Das Risiko aber besteht darin, dass die Leser frustriert werden, weil sie nicht mehr wissen, wo sie sich in der Gesamterzählung befinden, oder weil sie die Ausdauer verlieren. Das spricht entweder für das Erstellen kurzer, orientierender Zusammenfassungen oder für einen Seriencharakter (man kann sich als Leser jederzeit ein- und ausklinken) mit den entsprechenden Auflagen für die Autoren.

Zweifellos aber eine neue Bühne für den Konflikt zwischen Autonomie und Kollektiv, wie er schon der Geschichte von Swimmy zugrunde liegt. Wie Swimmy könnte der Leser wachsames Auge nach außen und innen und Schaltstelle in einer aktuellen gesellschaftlichen Debatte sein. Eine Position, in die ich mich als möglicher Leser gerne hineinwünsche.

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