Jun 18 2011

Recycle Books #4

Lesen braucht Zeit, und die findet man an einem lauschigen Plätzchen, im Grünen, unter einem Lindenbaume.

A literary bench: Warum nicht die alten Bücher benutzen, um darauf zu verweilen, auszuruhen und zu schmökern?

Bücherbank (c) by Bank für Sozialkapital

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Jun 11 2011

The medium is the message: Die neuen Propheten und Missionare bedienen sich der avantgardistischsten Medien, um ihre Botschaften unters Volk zu bringen und Gläubige zu überzeugen. Jetzt hat der vormalige amerikanische Präsidentschaftskandidat und Klima-Apostel Al Gore zugeschlagen. Der Buchnachfolger zu seinem Film „An Inconvenient Truth“ heisst „Our Choice“ und ist jüngst als E-Book-App erschienen. The coolest book, the fanciest gadget, cutting-edge technology: IR-RE! – interaktive Grafiken, die vom Atem des Lesers bewegt werden, hier präsentiert vom Entwickler Mike Matas:

Dieses Buch ist ein gutes Beispiel für die Zweischneidigkeit häretischer Botschaften. Wer das Wunderbuch haben möchte, lädt sich erstmal 50 MB auf sein iPad oder iPhone herunter. Wer es dann auch noch lesen möchte und alle Bilder, Videos und Grafiken benutzen möchte, muss noch einmal 650 MB herunterziehen.

Eigentlich sollte man jeden Leser in einen Serverraum schicken, bevor er sich die App runterlädt; dann wird er den Sinn des Wortes „Treibhauseffekt“ sofort verstehen. Die Datenübermittlung – vor allem fürs bewegte Bild – frisst ordentlich Strom; genausoviel geht noch einmal für die Kühlung der Serverparks drauf. Die Rechenzentren fressen 1,5 bis 2 Prozent der weltweit erzeugten Elektrizität, und die Wachstumsrate beträgt 12 Prozent.

What to do, Al Gore?

Less is sometimes more.

Jun 4 2011

Token of Recognition

"Minority Report" ist einer jener Sci-Fi-Thriller, in dem Menschen über einen Iris-Scan identifiziert werden. Auge = Identität. In einer kurzen Szene bekommt der von Tom Cruise gespielte Hauptdarsteller ein Paar neue Augen eingesetzt; kurz darauf läuft er durch einen der allgegenwärtigen Scanner und erhält auf einem Screen personalisierte Werbung angezeigt: "Good morning, Mr. Huang!"

Wenn man diese Idee aufnimmt und die Identitäts-Verknüpfung auflöst, kann man sich vorstellen, wie interaktive Geschichten gestaltet werden könnten. Es gibt ein Areal (das ,Setting'), und jeder, der sich in die Geschichten versenken möchte, erhält einen token, mit dem er sich durch das Areal bewegt. Dieser token wird gescannt, und daraufhin erhält der Leser / Besucher  / Nutzer auf einem Screen ein Stück Text eingeblendet. 

Er kann in dieser Geschichte durch den Weg, den wählt, mitspielen und ihren Verlauf verändern. Wenn beispielsweise die erste Szene im großen Bankettsaal des Schlosses spielt, wird im angezeigten Text beschrieben, was sich im Ost- bzw. Westflügel oder im Hof oder in der Krypta befindet. Geht der Leser / Spieler in einen dieser Räume, erhält er dort weitere Informationen usf.

Die Wege (und Erlebnisse) können also vielfach sein. Letztes Endes wird man die Zahl der Spielvarianten begrenzen müssen; dieses Manko eröffnet aber die Chance, die Rolle (den character) zu profilieren, denn aus den voraufgegangenen Wegen lassen sich ja Rückschlüsse über das Verhalten des Leser / Spielers ziehen (forsch, verhalten, unentschlossen usf.), und man kann dem Leser / Spieler erklären, warum manche Möglichkeiten nicht eröffnet werden ("das würdest Du gar nicht wollen").

In einem eigens für diese personalisierten Spielverläufe gestalteten Areal lassen auch andere interaktive Dialogmöglichkeiten realisieren. Der Leser / Spieler kann sich über Schaltflächen und Knöpfe ausstaffieren, wappnen, Schätze sammeln usf., wie in einem Computerspiel auch. Jetzt hätte er aber kein virtuelles Umfeld mehr, sondern ein mit allen fünf Sinnen erfahrbares, synästhetisches Kunstwerk.

Mai 28 2011

Über heilige Kühe

Der olle Mainzer Johannes Gutenberg hatte es einfach: Es gab schon Text. Es gab schon Bücher. Es gab schon Druck. Gutenberg hat 'nur' die Maschine angeworfen: Lesen für alle. Was folgte, war das Buch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Kontext: sich ausdifferenzierende Gesellschaften, Märkte, das literarische Feld, der hohe symbolische Wert des Buches, des Autors und der Lesekultur. Strukturierung der Öffentlichkeit.

Das eBook dagegen hat es ungemein schwerer. Es trifft auf eine Kultur, in der die Wahrnehmung vorherrscht, Textualität und Visualität seien einander entgegengesetzte, sich wechselseitig ausschließende Kategorien. Und es trifft auf ein Erleben von Texten, das diese als statisch ansieht, wohingegen die digitalen Produkte mit Adjektiven wie dynamisch, interaktiv, kinetisch und rekombinierbar versehen werden.

Mehr noch: Die Tatsache, dass es die technologische Entwicklung ist, die als Motor des Wandels gesehen wird und die diese kategorialen Unterscheidungen aufzuheben droht, diese Tatsache wird als Angriff auf das Traditions-Medium Buch gesehen.

Ein Buch mit visuellen und interaktiven Elementen? Geht schon mal gar nicht. Das ist ein Sakrileg. Das Sakrale wird von den Hohepriestern des Literaturbetriebes im wohlverstandenen Eigeninteresse verteidigt. Und ihre Verteidigungslinie setzt zuerst bei der Aufrechterhaltung der eben genannten kategorialen Unterscheidung an.

Bester Beleg für den sakralen Status von Büchern sind übrigens die Verlustängste, die sich am physischen Buch festmachen. Das physische, gedruckt Buch mit seinen umblätterbaren Seiten ist ein Kultobjekt. Die emotionale Besetzung von Dingen, ihre hohe libidinöse Aufladung verunmöglichen es, dass man sich einfach von dem Objekt verabschiedet und einem anderen zuwendet. Man legt auch nicht einfach seinen Ehering ab. Wenn der Prozeß einer Ablösung der Besetzung einsetzt, tauchen die Verlustängste auf. Aber es geht lange, bis es zu einem angstfreien Übergang kommt.

Inzwischen ist die Kuh längst geschlachtet. Wir Häretiker haben sie sogar schon gegessen. Schmeckt gut.

Mai 21 2011

Die alten Ägypter konnten offensichtlich mit komplexen Notationssystemen recht gut umgehen. Ihre Aufschreibesysteme variieren wahlweise mit Schreibungen von links nach rechts, rechts nach links, von rechts und links kommend (und sich in der Mitte treffend), von oben nach unten, Hieroglyphen oder hieratische Schrift. Wir dagegen sind ziemlich festgelegt mit unserem "von links nach rechts und von oben nach unten". Besonders beeindruckend ist die Tatsache, dass die Ägypter um 2400 vor Christus ein Jahrbuch mit einer dreizeiligen Darstellung hergestellt haben.

PalermosteinDer Palermostein (das Bild rechts zeigt nur einen Ausschnitt) wird von rechts nach links gelesen und verzeichnet in der schmalen oberen Zeile den Namen des Königs und seiner Mutter, in der breiteren zweiten Zeile wird für jedes Jahr ein rechteckiges Kästchen angelegt und in ihm die wichtigsten Ereignisse notiert. In der schmalen dritten Zeile unten schliesslich wird die Höhe der Nilflut notiert. Alles Wichtige, schnell und übersichtlich.

Wenn man sich den gesamten Palermostein vorstellt und vor dem inneren Auge dynamisch ablaufen lässt, erhält man ein von links nach rechts laufendes Band wie bei Al Jazeera. Mir scheint das ein phänomenales Beispiel für eine optimierte Informationsdichte zu sein. Wir jedenfalls hätten Probleme, mit unserem Schriftsystem und unseren Lesegewohnheiten drei Spuren gleichzeitig zu verfolgen. Vielleicht weist das altägyptische Beispiel ja in eine Richtung, wie unsere Lesesysteme verändert werden könnten: Ein stärker grafischer Aufbau, Kombination von Phonogrammen mit Ideogrammen, optische Phrasierung. Der Rest ist Übung und Gewohnheit.

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Mai 14 2011

Check in! Text out!

Eine von den weitgehend sinnfreien location-based services ist Foursquare. Man geht irgendwo hin, checkt sich ein, weiss dann, dass man an diesem Ort oft war (meist ist ein anderer noch häufiger dort gewesen) und kann verfolgen, wo die Freunde sich gerade einchecken. Super!

Jetzt hat ein Hundefutterhersteller eine wirklich bestechende Idee für den really cutting edge-Einsatz von Foursquare gehabt:

Eigentlich eine klasse Sache. Ich aber würde statt eines Hundefutterspenders einen Drucker anschliessen und hui – Lyrik to go: Check in, text out. Poetry to come.

Apr 27 2011

Der entleibte Text

Wer sich mit der Zukunft von Büchern beschäftigt, kommt um eine Geschichte des Lesens nicht herum. Die Auseinandersetzung mit der über Jahrhunderte eingeübten Kompetenz zur kontemplativen Versenkung in einen Text verdeutlicht dabei vor allem eines: Auf das physische Buch lässt sich leicht verzichten. Es macht kaum einen Unterschied, auf welchem materiellen Träger ein Text daherkommt; man kann ihn daher getrost 'entleiben'. Unverzichtbar dagegen sind Qualitäten und Fähigkeiten, die mit den Texten selbst verknüpft sind. Die Stimulation der Imagination, die dialogische Struktur der Texte, das Spiel der Fiktionen, das Eröffnen von Empathie, die Sensibilisierung des Lesers, der Vollzug von Perspektivenwechseln usf. – alle diese Eigenschaften des Austauschs zwischen Text und Leser sind in sehr langen Lesetraditionen eingeübt worden, und kein vernünftiger Mensch wird sie aufgeben wollen.

Von daher lässt sich auch von der Zukunft des Lesens sprechen: Das elektronische Buch wird am feinen Gewebe der Texte anknüpfen und jene Möglichkeiten forthäkeln, die die Texte mit den Lesern verknüpft. Allen voran wird dies auf jenen Ebenen erfolgen, auf denen die Texte sich auf den Leser hin ausrichten. Literarische Texte erwarten eine imaginäre Komplettierung durch den Leser, sei es durch die Herstellung sinnhafter Bezüge und Querverbindungen innerhalb des Textes oder zum eigenen Verstehen und der eigenen Imagination hin, sei es in der sinnlich-emotionalen Erlebnisfähigkeit oder durch das textbasierte Visualisierungspotential.

Wo derart auf die Verstärkung sinnlicher Eindringkraft von Texten gesetzt wird, ist nicht zu erwarten, dass elektronische Texte eigene Genres ausbilden oder gar Konventionen entwickeln werden. Nichts deutet bislang darauf hin, dass auf der selbstreflexiven Ebene der Texte sich rasch entfaltende Erfindungen entstehen werden. Da sich das Lesen selbst nur sehr langsam verändert, sind hier schnelle Entwicklungen nicht zu erwarten. Sicher, es gibt Genres, die den Konsumtionsmustern unserer Zeit entgegenkommen. Auf eine spontane mobile Lesesituation ausgerichtete Texte und nichtlineare, fragmentierte Erzählschemata werden schneller ihren Weg in die digitale Welt finden als umfangreichere und komplexere Erzählmuster. Dennoch: Der Schwerpunkt der Entfaltung digitalen Lesens wird in der Intensivierung der Darstellungsmittel liegen. Wenn diese an die Strukturen der Texte angeknüpft werden und mit Angeboten konform gehen, die die Texte selbst eröffnen, wird sich sicher schnell eine neue Kultur des Lesens entfalten.  

Apr 21 2011

Unter die Haut

Es gibt sie, diese Situationskomik, in der jeder Zuhörer unwillkürlich lachen muss. Und es gibt auch eine Art von Sprüchen, die umso mehr wirken, je weniger man auf sie vorbereitet ist. Die Wirkung beruht auf einem Sinn, der sich nicht unmittelbar erschliesst, oder weil die Situation, in der sie geäußert werden, drastisch konterkariert wird. Typisches Beispiel: Hinterbänkler-Kommentare. Die Sentenzen entfalten sich 'subkutan', und so ist es am besten, wenn sie zwar öffentlich (wie bei Twitter), aber doch nur auf eine bestimmte Situation / einen bestimmten Raum bezogen versandt werden.

Der Dateiaustauschdienst Hoccer bietet hierfür eine klasse Lösung an. Android oder iPhone gezückt, die App geöffnet, Bild oder Text ausgewählt, und Zack! mit der Hand eine Wurfbewegung gemacht. Jeder in der Nähe kann mit einer Fangbewegung die Datei oder den Text auffangen und hat Zack! den „Text, der unter die Haut geht“.

Fast schon Voodoo ist das Angebot von Hoccer, die Datei nicht auf ein anderes mobiles Gerät, sondern auf einen geolokalisierbaren Browser zu werfen. Man befindet sich zusammen in einem Raum, per Beamer wird die Hoccer-Wall an die Wand projiziert, jeder darf seine Dateien werfen und findet sie gleich drauf an der Wand wieder. Das eignet sich bestens für Partygags, aber auch für Kommentare zu Vorträgen und Podien.

Eine effektive Schutzhaut für diesen Niederschlag ist die Antizipation: Wenn du auf den Kommentare-Regen von Anfang an vorbereitet bist, wirst du nicht überrascht sein. Selbst wenn du nass wirst - unter die Haut dringt der Regen nicht ...

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Apr 6 2011

Zeitlichkeit

Kaum ein Medium, das einen so die Zeit vergessen lässt wie ein Buch. Schlag' ein Buch auf, und Du entfliehst der Diktatur von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Das hat das Buch mit Zuständen wie Tagträumereien oder dem Schlaf gemeinsam: Es führt den Leser in ein anderes, imaginäres Raum-Zeit-Kontinuum. Gilt dort keine Zeit? Doch, aber hier gibt es Alternativen: Durchbrechungen der Chronologie, Phasen der Entschlußlosigkeit und Zögerlichkeit, Unterbrechungen, Einschübe und Abwege, ewige Gegenwart der Verliebtheit, Zeitschleifen usf.

Das physische Buch, wie wir es kennnen, steht diesen Inhalten eigentlich entgegen. Der Leser muss in seiner Phantasie alles leisten (und dabei das Medium vergessen), das Buch selbst passt sich der erzählten Zeit nicht an, hat mir ihr nichts zu schaffen. Elektronische Bücher hingegen könnten das: Gerade die Veränderbarkeit ist ein wesentliches Merkmal ihrer spezifischen Medialität. Ohne weiteres lassen sich hier dynamische Elemente einbauen, die mit der Zeitlichkeit des Buches verknüpft sind.

Zunächst einmal gibt es da die klassischen Zeitanzeiger: Sonne und daher auch Schatten, Wind und Wolken am Himmel, die Gezeiten am Meer; längere Perioden werden durch Aufblühen und Verwelken von Blüten und durch den Jahreszeitenwechsel angedeutet. Anders als in den klassischen Büchern könnten Illustrationen so gestaltet werden, dass sie sich verändern, während der Leser liest. Dasselbe Haus, derselbe See könnten anders dargestellt werden, je nachdem, ob die Geschichte gerade den Morgen oder den Abend beschreibt. Animationen in Abhängigkeit vom Lesefortschritt: Das Bild verändert sich während des Lesevorgangs.

Salman Rushdie (Luka and the Fire of Life), Michael Ende (Momo) und Jean Cocteau (Orphée) haben Geschichten und Bücher als 'Gegengift' zu Tod und Zeitverknappung geschildert. Immer ist es die Welt der Magie, aus der die Rettung kommt. Und mit solchen Illustrationen würde die Tür zur Welt der Magie sicherlich ein bisschen weiter aufgestoßen.

Apr 1 2011

Copy & Paste eBook

Ohne TitelNeulich ist ein Minister gestürzt. Jetzt gibt es ein eBook dazu: "Ohne Titel" von dem Berliner Karikaturisten Klaus Stuttmann. In vierzig Karikaturen wird der schnelle Aufstieg und Fall des Politstars Karl-Theodor zu Guttenberg geschildert.

Der Clou: Das Buch wird im offenen ePub-Format ohne DRM ausgeliefert, kann also 'kopiert' werden. Als "Schutz" vor der unautorisierten Weitergabe wird jedes eBook mit einer persönlichen Widmung versehen, fortlaufend nummeriert und von Klaus Stuttmann handsigniert.  Bestellen kann man es hier.

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