Jan 21 2012

A wall of words

Geschichten stiften Identität, wenn sie sich um das Woher und Wohin einer Gemeinschaft drehen. Wer möchte, kann die Literaturgeschichte daraufhin abklappern, wie erzählte oder aufgeschriebene Geschichten die Identität von Individuen, Gruppen oder größeren Einheiten konstruieren. Meist funktioniert das über einen simplen Gegensatz, den von "Wir da drinnen, ihr da draußen". Bei der Konstruktion einer neuen Identität wird all das ausgeschlossen, was nicht Teil dieser Identität ist; das Selbst und das Andere werden voneinander getrennt und abgegrenzt. So kommt es, dass Literatur mit ihrem Potential zu Polyphonie und Dialogizität manchmal einem ganz anderen Projekt dienlich wird, nämlich dem Ausschluss. Dann kommt das Erstellen einer Geschichte aus Worten dem Bau einer Mauer zwischen dem "wir" und dem "sie" gleich. Die Identität, die durch solche Geschichten gestiftet wird, beruht auf einer Art Verbannung, und vor allem macht sie vergessen, dass man eigentlich immer zwei braucht, um zu wissen, wer einer ist.

Diese Mauern, die zwischen zwei Identitäten, dem Drinnen und dem Draußen, dem Selbst und dem Anderen verlaufen, haben in der jüngeren Vergangenheit mit der innerdeutschen Mauer und dem Grenzmauer zwischen Israel und dem Westjordanland Monumentalcharakter erhalten. Auf beiden Seiten der Mauern wurden und werden Geschichten erzählt, die den Anderen ausschliessen, zum Fremden machen und die Vereinigung mit diesem Anderen als lebensgefährlich beschreiben.

Man könnte doch für ein "echt deutsches" Projekt solche Geschichten aus der Zeit zwischen 1961 und 1989 sammeln und auf dem Mauerstreifen in Berlin in ein interaktives Kunstwerk verwandeln. Ein paar Meter Mauer noch mal neu errichten, eine interaktive Fassade mit täglich wechselnden QR-Codes erstellen, und dann kann jeder Besucher mit einem Smartphone hüben und drüben – also auf beiden Seiten der Mauer – lesend erfahren, wie die Deutschen einstmals voneinander gedacht haben.

Wie das technisch aussehen könnte, hat Terada Design mal auf einer Fassade in Tokyo vorgeführt:

N Building from Alexander Reeder on Vimeo.

Vielleicht würde diese physisch-räumliche Erfahrbarkeit von Mauern und Stereotypen ja ein bisschen dazu beitragen, Einsicht in soziale Verhältnisse zu erlangen. Die meisten dieser Mauern sind schliesslich unsichtbar.