Dez 6 2014

Wer heute ein Buch oder einen Film aus den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts konsumiert, das den Genres Action, Fantasy oder Science-Fiction zuzurechnen ist, wird sich bestimmt über das geringe Tempo, die Unterkomplexität der story und die leicht grobschlächtige Zeichnung der Charaktere wundern. Bücher (und Filme) altern eben, und gerade diese Genres haben – anders als etwa der Krimi – in den letzten vierzig Jahren eine enorme Entwicklung genommen.

Liegen alle diese Texte elektronisch vor, müsste es eigentlich möglich sein, mittels auswertender Maschinen ihre Evolution nachzuzeichnen. Tempo, nun ja, das wird wahrscheinlich schwer werden, aber lexikalischen Reichtum oder stilistische Merkmale kann problemlos analysieren. Nebenhandlungen und die psychologische Entwicklung der Charaktere müsste man vermutlich noch händisch markieren, aber kartieren ließe sich das bestimmt.

Altersbestimmung bei BaumscheibenIn den Geowissenschaften wurde so eine Methode bereits entwickelt, um zu bestimmen, wann ein Baum aus seinem Samen gesprossen ist und wie alt er wurde. Durch den Abstand der Jahrringe und das je unterschiedliche Wachstum innerhalb ihrer Lebenszeit können die Bäume bestimmten Regionen (wegen des Klimaeinflusses) und einem bestimmten, bekannten Zeitraum zugeordnet werden. Das Verfahren nennt sich Dendrochronologie und ermöglicht es etwa, festzustellen, wann ein Fachwerkhaus genau gebaut wurde.

Tolle Sache! Das sollte man für digitale Literatur entwickeln. So ließe sich das Alter der Texte bestimmen, auf gigantischen lexikalischen und stilistischen Karten eintragen, ... und irgendwie haben die Bücher ja auch etwas mit dem Material der Bäume, dem Zellstoff, zu tun.