Okt 26 2013

Überschreiben

Jim Avignons neuer Beitrag zur Berliner East Side Gallery ...

 

Oooops, jetzt hat's einer gemacht. Da hat doch letzten Samstag der Künstler Jim Avignon zusammen mit einer Klasse von Kunstschülern sein eigenes Bild an der Berliner East Side Gallery übermalt. Morgens um sieben sind sie angerückt, haben das alte, über zwanzig Jahre Bild Avignons erstmal mit weißer Farbe überstrichen und anschließend gleich ein neues drauf gepinselt – nach einer Vorlage von Avignon selbst natürlich.

"Denkmalschutz? Scheiss drauf" wird sich der Pop-Art-Künstler gedacht haben; wer hat schon so eine exklusive Ausstellungsfläche zur Verfügung? Und das alte Bild ist sicher schon hunderttausende Male dokumentiert worden, digital, auf Fotopapier und Zelluloid.

Die Aktion "Doin' it cool for the East Side 2013" ärgert natürlich Denkmalschützer ebenso wie Künstlerkollegen. Während ihm der Denkmalschutz wohl nur ein Bußgeld aufbrummen wird (ist ja auch ein Amt), werfen andere Mauerkünstler Avignon vor, einem zügellosen Bemalen der East Side Gallery Vorschub geleistet zu haben und etwas konservierenswertes, historisches zerstört zu haben. So ist das, wenn Künstler mauern. Nichts darf man mehr, nicht mal das eigene Bild von vor 20 Jahren übermalen. Und Denkmäler nicht stürzen, selbst wenn's das eigene ist.

Eigentlich fehlt uns ein renommierter Autor, der dasselbe tut. Man stelle sich vor: Fünfhunderttausend Exemplare seines Buches sind seit dem Erscheinen kurz nach der Wende verkauft (digital natürlich), jetzt sagt der Autor "Ich habe mich weiterentwickelt", schreibt das Buch um, drückt ein paar Knöpfchen und zack, schon sind alle fünfhundertausend Bücher auf den Lesegeräten ebenfalls geändert. So ein Update-eBook würde die Musealisierung des Buches verhindern – und den Kult um das gedruckte Wort ebenso wie die Autorenverehrung wenigstens etwas relativieren.

... freut vor allem diejenigen nicht, die Kunst als unantastbar ansehen.