Jun 23 2012

... kennen alle Leser von gedruckten Büchern. Der Rest des Buches wird so schmal, dass man unweigerlich auf die Endlichkeit jeder Geschichte hingewiesen wird, und dann, nun ja, fliegt man raus aus der Welt des Buches. Manche lesen langsamer, um das unweigerlich nahende Ende ein wenig hinauszuzögern. Andere wiederum legen das Buch kurz vor Ende weg, um sich den Schluß für den nächsten Tag aufzuheben, und sie schliessen die Augen mit dem Gefühl, die Zeit angehalten zu haben.

Bei digitalen Büchern stellt sich diese Angst nicht selbstverständlich ein, zumindest nicht so intensiv. Das Lesegerät ist ohnehin immer gleich schwer und dick, da fühlt man das Ende nicht so stark nahen. Außerdem haben digitale Bücher das Potential, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu verwischen, eben weil sie mit dem Leser interagieren können.

An so etwas hat auch Orhan Pamuk gedacht, als er sein Buch "Museum der Unschuld" schrieb. Im Buch selbst findet man die Adresse dieses Museums, einen Ausschnitt aus dem Stadtplan von Istanbul und – auf den letzten Seiten selbstverständlich – eine Eintrittskarte. Vor ein paar Wochen, Ende April 2012 wurde dann das Haus mit diesem Namen oder Titel eröffnet. Das "Masumiyet Müzesi" ist ein dreistöckiges Eckhaus in Istanbul. Das Haus hat ebenso viele Räume wie Kapitel, und die im Buch enthaltene Eintrittskarte wird an der Pforte akzeptiert. Der Leser braucht also keine Angst mehr vor dem Ende zu haben; die Geschichte geht einfach weiter, im realen Leben, der Schluß des Buches gewährt einen direkten Übergang von der Welt der Fiktion in ihre Verlängerung in der Wirklichkeit.

Orhan Pamuks Museum ist natürlich nicht das erste Beispiel dieser Art. Zu Italo Calvino's wunderbarem Buch Le città invisibili wurde (nicht von ihm selbst) ein Hotel auf Menorca gebaut. Und die vielen Bücher, die in der Zukunft kommen werden ... wartet's ab, Leser, und ihr braucht keine Angst vor dem Ende mehr zu haben.

Der türkische Literaturnobelpreisträger wusste das schon lange. Schon in seinem Roman Die weiße Festung spendete Orhan Pamuk auf seine Weise Trost: "Man kann das Leben, diese einmalige Kutschfahrt. nicht neu beginnen, wenn es vorüber ist, aber wenn man ein Buch in der Hand hält, ganz gleich, wie schwierig es zu verstehen ist, kann man am Schluß zum Anfang zurückkehren, von vorn beginnen, um das Schwierige und damit das ganze Leben zu begreifen."

2 comments

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Nikola Richter
Do, 06/28/2012 - 16:25

Bei meinem iphone kann ich unten an der Seite einen Graphen sehen, der mir anzeigt, wie viele Seiten das jeweilige Kapitel noch hat. So kann ich also auch ein wenig das Ende vorwegsehen, wie bei einem gedruckten Buch.

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Jörg Lehmann
Do, 06/28/2012 - 20:14

... mit Graphen und Gräfinnen ...

:-)

Ich frage mich nur, ob es Leser gibt, die bereits ein wirklich dickes Buch vollständig auf einem eReader gelesen haben; ich selbst kann mir das schwer vorstellen, weil ich ein wenig ungeduldig bin und den "Lesefortschritt" am Schwinden des Restbuches ablesen möchte ... um dann kurz vor Schluß ein wenig abbremsen zu können. Jedenfalls lese ich da wieder besonders genau ...