Jun 9 2012

In dieser Stunde, ein Anfang

"Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotopen taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913."

Nicht jeder wird gleich darauf kommen, aber das ist tatsächlich der Anfang eines der berühmtesten (und daher auch ungelesensten) Romane der Weltliteratur. Es ist der erste Absatz von Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften". Wer weiterliest und das ganze erste Kapitel "Woraus bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht" konsumiert, weiss, dass Musil hier seine Genauigkeit auf die Spitze treibt – bis die vergangene Welt einer breiten, belebten Straße der Wiener Innenstadt im August 1913, nachmittags so etwa gegen vier Uhr vor dem geistigen Auge des Lesers aufersteht.

Wenn sich demnächst eine Debatte entfalten sollte, wie man den nächstes Jahr drohenden Jubiläumstag des Musilschen Werkes begehen soll, so möchte ich dazu einen Vorschlag machen, einen billigen: Man sollte ein Denkmal aufstellen. Zu der im Werk selbst genannten Stunde sollte es einen Zugang in dieses Monumentalwerk bieten, und die Hürde des Einstiegs sollte so niedrig wie möglich gehalten werden. Einfach an einer geeigneten Stelle der Wiener Innenstadt etwas aufstellen, was wie eine Sonnenuhr funktioniert, und ab 16 Uhr können bei schönem Augustsonnenschein alle Lesewilligen ihr Smartphone auf das Musildenkmal richten und 'SimSalaBim' öffnet sich ihnen das Reich des großen Meisters.

Die technische Lösung dazu hat neulich ein Verein namens Emart geliefert: Ein dreidimensionaler QR-Code, der nur zu einer bestimmten Stunde funktioniert. Das sieht so aus:

Also: QR-Code in Wien aufstellen, ab 16 Uhr Smartphone draufhalten und schwupps, schon darf man das eBook lesen. Mehr Genauigkeit, mehr "Welt" und mehr Einstieg in die Fiktion kann man doch gar nicht leisten, oder? DAS, so meine ich, wäre ein Denkmal, das Musil gerecht werden würde ...

Warum daraus "bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht" ... erkläre ich ein andermal ...