Mär 17 2012

Zwischen Zeiten

Da haben also Jason Shiga und Andrew Plotkin den nächsten Versuch in interactive storytelling gestartet. Die iPhone- und iPad-App „Meanwhile verspricht dem Leser, dass er das Erlebnis eines selbstgestalteten Abenteuers haben könne – als Comic. Das ist clever, weil man schnell begreift, worum es geht, schnell Entscheidungen trifft und sich weiterklickt. Und cool – obwohl es wirklich sehr viele Entscheidungsmöglichkeiten und daher Verzweigungen in der story gibt – alles funktioniert echt fix, und da das ganze als riesige Karte angelegt ist, meint man immer, eine Art Überblick zu haben. Darüber hinaus ist die ganze App barrierefrei gestaltet; auch Menschen, die schlecht sehen, können sich mit VoiceOver orientieren. Gratulation!

Screenshot of "Meanwhile"

Wenn wie hier die Erzählung, die große Narration, im Vordergrund steht, wird der Unterschied zwischen Mitspielen und Zuhören nur allzu deutlich. Die großen Erzählungen der Weltliteratur teilen etwas mit, was nicht in Worten ausgedrückt wird; sie inszenieren etwas, und das ist ein Mehr, das man eigentlich so recht erst aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Das ruhelose Umherirren des Abenteurers, in dem eine große Verzweiflung über die eigene Heimatlosigkeit enthalten ist; das „Wie ich wurde, was ich bin“ des Bildungsromans, das von dem Erfolg des Aufsteigers erzählt; die Weltklugheit des Briefromans, in dem sich gelingendes Leben als Adaptationsfähigkeit zweier Gesprächspartner zeigt. Das sind drei typische Beispiele für klassische Erzählungen, in denen der Leser nur Beobachter ist. Und es sind auch drei gute Gründe, warum interactive storytelling auf dem Niveau eines unterhaltsamen Würfelspiels verbleiben wird.

Vielleicht befinden wir uns ja auch nur zwischen zwei Zeiten. Die große Erzählung verweilt auf dem Papier, weil sie einen elektronischen Mehrwert nicht nötig hat. Und die gaming fiction muss sich noch stark weiterentwickeln, damit sie in derselben Liga spielen darf wie die gute alte Narration.

Meanwhile we'll play that games, and we'll wait for others.

Oder gibt es schon den einen Weg durch die vielen Verzweigungen, der uns glücklich macht und uns die ganze Weisheit der Erzählung zuteil werden lässt?

2 comments

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Arjan
So, 03/18/2012 - 16:06

Danke für den Hinweis, sieht spannend aus (mangels iPad kann ich es leider nicht testen). Was gaming fiction angeht - viellerich einmal Dan Pinchbeck's DEAR ESTHER probieren? http://dear-esther.com/

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Jörg Lehmann
So, 03/18/2012 - 20:05

Lieber Arjan,

danke für den Link, das schau ich mir mal an; und wenn Du Lust hast, kannst Du auch gerne etwas dazu schreiben und hier posten. Schreibstu email, Adresse findstu unter "Kontakt".

Best wishes,

Jörg