Apr 6 2011

Zeitlichkeit

Kaum ein Medium, das einen so die Zeit vergessen lässt wie ein Buch. Schlag' ein Buch auf, und Du entfliehst der Diktatur von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Das hat das Buch mit Zuständen wie Tagträumereien oder dem Schlaf gemeinsam: Es führt den Leser in ein anderes, imaginäres Raum-Zeit-Kontinuum. Gilt dort keine Zeit? Doch, aber hier gibt es Alternativen: Durchbrechungen der Chronologie, Phasen der Entschlußlosigkeit und Zögerlichkeit, Unterbrechungen, Einschübe und Abwege, ewige Gegenwart der Verliebtheit, Zeitschleifen usf.

Das physische Buch, wie wir es kennnen, steht diesen Inhalten eigentlich entgegen. Der Leser muss in seiner Phantasie alles leisten (und dabei das Medium vergessen), das Buch selbst passt sich der erzählten Zeit nicht an, hat mir ihr nichts zu schaffen. Elektronische Bücher hingegen könnten das: Gerade die Veränderbarkeit ist ein wesentliches Merkmal ihrer spezifischen Medialität. Ohne weiteres lassen sich hier dynamische Elemente einbauen, die mit der Zeitlichkeit des Buches verknüpft sind.

Zunächst einmal gibt es da die klassischen Zeitanzeiger: Sonne und daher auch Schatten, Wind und Wolken am Himmel, die Gezeiten am Meer; längere Perioden werden durch Aufblühen und Verwelken von Blüten und durch den Jahreszeitenwechsel angedeutet. Anders als in den klassischen Büchern könnten Illustrationen so gestaltet werden, dass sie sich verändern, während der Leser liest. Dasselbe Haus, derselbe See könnten anders dargestellt werden, je nachdem, ob die Geschichte gerade den Morgen oder den Abend beschreibt. Animationen in Abhängigkeit vom Lesefortschritt: Das Bild verändert sich während des Lesevorgangs.

Salman Rushdie (Luka and the Fire of Life), Michael Ende (Momo) und Jean Cocteau (Orphée) haben Geschichten und Bücher als 'Gegengift' zu Tod und Zeitverknappung geschildert. Immer ist es die Welt der Magie, aus der die Rettung kommt. Und mit solchen Illustrationen würde die Tür zur Welt der Magie sicherlich ein bisschen weiter aufgestoßen.