Aug 25 2012

Elektronische Bücher könnten nicht nur aufzeichnen, wo sie überall gewesen sind, also nach außen schauen. Sie könnten auch nach innen schauen, in die eigene Welt der Fiktion hinein. Besonders interessant wäre das für uns Leser, wenn die Bücher uns dabei ein paar Dinge zeigen, die wir mit dem bloßem Auge oder dem inneren Auge der Imagination nicht wahrnehmen können.

Stellen wir uns beispielsweise vor, ein paar Bildungsromane kämen zusammen, um sich auszutauschen. Jeder würde von sich erzählen und dabei natürlich berichten, wo seine Handlung spielt. Illusions perdues von Honoré de Balzac, La éducation sentimentale von Gustave Flaubert und Rouge et Noir von Stendal würde von den Wegen ihrer Protagonisten in die Hauptstadt Paris erzählen. Die Deutschen würden dagegenhalten und sagen "Nein, bei uns gab es gar kein so klares Zentrum wie bei Euch", und darum beschreiben Wilhelm Meisters Wanderjahre von Goethe und Der grüne Heinrich von Gottfried Keller die Wanderungsbewegungen ihrer Helden.

The World, seen by a BookEin Buch könnte aber auch interessantes von dem setting seiner Handlung aufzeigen. Illusions perdues würde dann beispielsweise visualisieren, dass sich alle die jungen Männer, von denen die Rede ist, in ein paar wenigen Straßen in Paris aufhalten, die sämtlich an der Rive gauche, im Quartier Latin, nahe der Sorbonne gelegen sind.

Und warum soll jetzt das interessant sein? Ganz einfach: Weil es – ohne dass das je explizit gemacht wird – ein zentrales Element der Handlung (oder vielmehr des abgebildeten Sozialraums) ist. Lucien, d'Arthez, Lousteau, Rastignac: Jeder der jungen Männer hat ein Objekt der Begierde: Eine reiche Frau; und alle wohnen sie im entgegengesetzten Teil der Stadt, rive droite, an den großen Boulevards oder der Chaussée d'Antin. Und der Roman erzählt die Geschichte der allmählichen Eroberung dieser entgegengesetzten Welt durch die jungen Herren.

Ein paar Karten, historische Bilder, interaktive Verknüpfungen: Wer mit einem solchen Buch durch das Paris von heute streifen würde, könnte wahrlich diese Welt mit den Augen eines Buches sehen.