Jun 11 2014

Wen die Fiktion erwischt

Was haben sich die Forscher geärgert: Da hat jetzt zum ersten Mal eine Software den Turing-Test bestanden. Das ist eigentlich ein relativ simples Frage- und Antwort-Spiel, das von Alan Turing entwickelt wurde, also dem Mathematiker, der auch während des Zweiten Weltkriegs den Code der deutschen Chiffriermaschine "Enigma" entschlüsselt hat. Mit dem Turing-Test wird überprüft, ob Menschen unterscheiden können, ob sie sich mit einem Mensch oder einer Maschine unterhalten. Erstmals in der Geschichte hat jetzt eine Software die Testpersonen in 30 Prozent der Fälle erfolgreich getäuscht und so den Test bestanden.

Diejenigen Forscher, die sich zu diesem Erfolg kritisch äußerten, haben als Einwand hervorgebracht, dass der Test, der lediglich fünf Minuten dauert, viel zu kurz sei, und dass nur Tricks den Erfolg möglich gemacht hätten. Im vorliegenden Fall simulierte die Software einen Jungen, der kein Muttersprachler ist. Daher reagierten die Juroren nachsichtig auf Verständnisprobleme und Wissenslücken der Software.

Es ist eigenartig, dass wir erst im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert so weit sind, dass eine Software eine so basale Unterscheidungsfähigkeit – die zwischen Fakt und Fiktion nämlich – erfolgreich aushebelt. Die Literatur macht das ja schon eine ganze Weile. Platon warf den Dichtern vor, dass sie lügen, weil sie eben erfundenes, fingiertes produzieren (vom lateinischen "fingere" kommt die "Fiktion"). Irgendwann wurde dann für viele Leser die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion wirklich wichtig; das wird wahrscheinlich irgendwann im 19. Jahrhundert gewesen sein. Versteht man die Unterscheidungsfähigkeit als eine Kulturtechnik, dann kann man sagen, dass wir sie ziemlich gut drauf haben: Wir nehmen in einer Buchhandlung ein Buch in die Hand, und in nichtmal fünf Minuten kommen wir zur Entscheidung, ob es eine fiktive oder faktuale Erzählung ist. Autobiographien gelten als faktuale Erzählungen, obwohl jeder weiss, dass da auch viel fingiertes und verzerrtes drin ist.

Und wie unterscheidet man eigentlich einen autobiographischen Text von der Fiktion einer Autobiographie? Oh weh, da haben sich schon manche die Zähne dran ausgebissen: Binjamin Wilkomirskis "Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948" etwa gilt inzwischen als erfundene Holocaust-Erinnerung, aber das kam erst etwa drei Jahre nach der Veröffentlichung des Buches heraus.

Die durch den bestandenen Turing-Test verärgerten Forscher sollten die Welt einmal aus der Sicht eines literarischen Buches betrachten: Wie täusche ich erfolgreich meine Leser? Wie schaffe ich es, ihn in meine Welt zu ziehen und mit ihm jenen fiktionalen oder autobiographischen Pakt zu schließen, der erst die Grundlage der Überzeugung bildet, dass man es mit einer fiktionalen oder faktualen Erzählung zu tun hat? Hier könnten die Forscher noch viel entdecken ...