Vor etwa 15 Jahren habe ich "Hamlet" gelesen und das meiste glücklich vergessen. Ein Zauderer, auf halbem Wege zwischen Mutterliebe und Vatererbe steckengeblieben - das ist nichts für mich. Permanente Unentschiedenheit, Waten im Sumpf des "Was denn jetzt", verträumtes Spiel mit changierenden Möglichkeiten. Was sonst noch blieb: Die Szene, in der Theater auf dem Theater gespielt wird (H will seiner Mutter was vorführen), der Kopf des Polonius, und das Allerweltswort "Sein oder Nicht-Sein", das Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden ist.

Ob Ihr es glaubt oder nicht, ich weiss noch, was die Menschen auf Bombays Boulevards in Rushdies "Midnight Children" knabbern ('time-pass, time-pass'), ich erinnere mich an das Loch im Nachthemd der Ehefrau von Arcadio Buendia (oder war es Aureliano Segundo?) in Marques' Hundert Jahre Einsamkeit, und an die verdammten Nasennebenhöhlenentzündungen des Protagonisten in Kiran Nagarkars "Gottes kleiner Krieger".

Kurz - das Lesen geniesst Portionen, Reste, Stücke, und was haften bleibt, ist fragmentarisch, sprunghaft, und bestimmt nicht den Texten angemessen. Wer kann schon die Entwicklung einer Figur vollständig wiedergeben ausser dem Autor?

Hätte ich ein passendes eBook zur Hand, würde ich, wie ich es schon jetzt mit physischen Büchern tue, Stellen markieren, um sie noch einmal zu geniessen. Beim zweiten oder dritten Lesen würden mir diese Stellen und Zitate genügen, der Rest könnte 'entfallen'. Jahre später, wenn ich wieder zu diesem Text greife, reicht wiederum ein kleinerer Teil dieser Auswahl, oder vielleicht ein zwei andere markante Stellen dazu. Ich wünsche mir also ein eBook, das zerfällt, bis das übrig bleibt, was ohnehin in meinem Gedächtnis ist. Und wenn dieses etwas auch in Eurem Gedächtnis ist, ist es unsterblich.