Okt 19 2013

Von Hohepriestern

Auf der Frankfurter Buchmesse haben sie wieder geklagt, die Buchhändler, vor allem die Ketten: Hugendubel, Thalia, Weltbild. Schuld an den mies laufenden Geschäften sind die anderen, vor allem Amazon, aber eben auch das Netz mit seinen eBooks. Ungreifbare Gegner in einem umkämpften Markt. Und Marcel Reich-Ranicki ist auch gestorben.

Man mag ja von MRR denken, was man will; autoritär, altväterlich, selbstherrlich, das waren typische Negativurteile. Eins muss man ihm aber zugestehen: Literatur ließ ihn nie kalt, er lobte oder verurteilte sie mit Leidenschaft. Literatur, das waren für ihn Inhalte, mit denen man sich intensiv auseinandersetzt. Buchhandelsketten sind dagegen das genaue Gegenteil eines MRR: Literatursupermärkte, die ihre Waren auf Grabbeltischen anbieten; Angebote für Laufkundschaft. Sie kommunizieren nichts über die Bücher, die sie verkaufen wollen, und es ist diese Leere, die die Kunden anhaucht wie ein Blumenladen ohne Düfte.

Ein Kultprodukt wie ein Buch braucht Hohepriester, die es zelebrieren. Die mit flammenden Schwertern herumfuchteln und bluttriefende Lanzen in den Boden rammen wie Marksteine im Gelände. Die sanfteren Vertreter dieser Art sind die kleinen Buchhändler, bei denen man mit kundigem Auge gemustert und persönlich beraten wird. Wenn die kleinen Buchhändler ihre Kunden länger kennen, bilden eine Reihe von persönlichen Gesprächen jene Vertrauensbasis, die die Geschäftsgrundlage darstellt.

Könnten die kleinen Buchhändler auch eBooks verkaufen? Ja, sicher. Denn dem gläubigen Leser kommt es auf den Text an, auf die imaginäre Welt, die vor seinem inneren Auge entsteht, wenn er liest. Damit eine Fktion funktioniert, muss man an sie glauben. Das haben Religion und Fiktion gemeinsam, und ohne diese Hingabe wäre die Literatur nur ein Haufen von Wörtern, erfundene Geschichten, Lügen ohne Botschaft und ohne Inhalt. Glaubt ihnen genau so wie den Hohepriestern, sonst könnt ihr die Literatur vergessen.

Äthiopischer Priester mit Bibel