Mai 27 2014

Von der List des Erzählens

Das Internet vergisst nichts. Wir können irgendwo irgendwas lesen, und wir finden es recht bald wieder, dank der Suchmaschinen, die es inzwischen gibt – wahrhaft phantastische Wesen mit übermenschlichen Kräften sind das. Sie funktionieren deshalb so gut, weil sie zum Web 2.0 gehören: Cookies und Cache sorgen dafür, dass unsere Lesespuren aufgezeichnet werden und dass schnell alle Orte im Netz wieder aufgesucht werden können, an denen wir schon einmal waren. Daher ist auch das Geschwafel von der digitalen Demenz so wenig überzeugend. Das ganze alltägliche bla bla bla, zu dem das Gezwitscher wie auch der Shitstorm gehört, kann man ruhig vergessen, ohne deswegen Angst vor Demenz bekommen zu müssen. Das Internet ist unser externalisiertes Gedächtnis, ohne Frage.

Das menschliche Gedächtnis funktioniert einfach anders. Was es in seinen Abgründen verklappt und was nicht, kann keiner von vornherein sagen. Die Literatur bietet dazu wunderbare Beispiele. In Julian Barnes' "The Sense of an Ending" etwa berichtet der Ich-Erzähler von einem Brief, den er in jungen Jahren, mit Anfang Zwanzig schrieb. Viele Seiten später – der Erzähler ist inzwischen Rentner – bekommt er diesen Brief wieder zu sehen, und er ist entsetzt über den Inhalt jenes Briefes, den er einmal selbst geschrieben hat. Eine echte Jugendsünde, über die ihn seine Erinnerung lange betrogen hat. Nicht wenige Leser werden dann an jene Stelle im Buch zurückblättern, um die erste Erwähnung des Briefes noch einmal zu begutachten.

Ein Buch 2.0 könnte seinen Lesern an dieser Stelle eine echte Überraschung bieten: Wer von der zweiten Textstelle, an der der Brief zur Sprache kommt, zur ersten zurückblättert, könnte dort den Brief in seiner ursprünglichen Form zu lesen bekommen: so, wie ihn der Erzähler tatsächlich geschrieben hat. Und wie der Ich-Erzähler auch würde sich der Leser fragen, wie es eigentlich sein kann, dass er von seinem eigenen Gedächtnis so hintergangen worden ist. Er würde so dem Erzähler und seinen Emotionen viel näher kommen können, als dies bei einem gewöhnlichen, physischen Buch der Fall wäre.

Ein solches Buch aber würde unseren Umgang mit und unser Verhältnis zu physischen Büchern fundamental verändern. Wir sind es nicht nur gewohnt, Literatur als unser externalisiertes Gedächtnis zu behandeln, sondern wir sehen die Inhalte auch als 'wie in Stein gemeißelt' an. Ein Buch 2.0 hingegen wird typische Eigenschaften aktueller digitaler Medien aufweisen, also Optionalität, Veränderbarkeit und das Speichern von Nutzungsmustern. Vermutlich würden wir dann erst einmal Angst bekommen, es könnte uns etwas verloren gehen, einfach weg sein. Und vielleicht merken wir uns ja dann die Inhalte, die uns wirklich wichtig sind, einfach besser. Oder wir freunden uns mit dem Vergessen an.

Öhm – wie war das noch mit der digitalen Demenz?