Dez 10 2010

Neulich kam Borges vorbei und pfiff sich eins. Ich belauschte ihn.

Er hält es für einen allgemeinen Irrtum zu glauben, Literatur erzähle von der Wirklichkeit. Sie beschäftigt sich vielmehr häufig mit Themen und Gegenständen, die sich der direkten, sinnlichen Wahrnehmung entziehen. Es handelt sich hierbei um eine indirekte Strategie der Darstellung. Ihr liegt die Vorstellung von einer komplexeren Realität als jener zugrunde, die dem Leser mitgeteilt wird. Deshalb spricht Literatur immer von etwas anderem, das sich einer unvermittelten Darstellung entzieht.

Wohlbekannte Beispiele sind jene geschliffenen, paradoxen Verteidigungsreden für Dinge, die nicht zu verteidigen sind: Das Lob der Torheit, der Mord als schöne Kunst betrachtet, die Rechtfertigung des Kannibalismus. Ein anderes Beispiel sind die Metaphern, mit denen Vorgänge angezeigt werden: Kriegs- und Eroberungsmetaphern für zwischenmenschliche Beziehungen, Naturalisierung technischer Abläufe und so weiter.

Wir wissen also von dieser Wirklichkeit nur indirekt und erfahren von ihr durch die Kunstfertigkeit des Autors. Insofern ist Literatur immer schon augmentierte Realität avant la lettre gewesen. Auch von diesen Gedanken und Überlegungen hättest Du, lieber Leser, nie erfahren, wenn ich, die Nachtigall, nicht neulich im Gehölz gehockt und jenem Borges zugehört hätte, wie er ein paar Überlegungen anstellte und vor sich hin pfiff. So wollte es der Zufall, dass ich sein Tirili vernahm und davon jetzt berichten kann. Macht Dich das nicht schmunzeln?