Mai 5 2014

Man kennt das ja: In einem Markt fordern die kleinen Neulinge die großen Alteingesessenen heraus. Das kann im Bereich der Kunst, Musik oder Literatur sein, und die Avantgarde versucht, den Platz der Arrieregarde einzunehmen. Wird das optisch umgesetzt, spricht man auch von Bilderstürmern. Eines jüngeren Beispiele aus Russland sieht dann so aus:

Die Tolokonnikowa von Pussy Riot als Madonna

Aber können sich auch Große, bereits Arrivierte als Neulinge und Herausforderer präsentieren? Ja, das geht auch. Man muss dann halt immer schauen, gegen wen man sich wendet. Wie bei der Tolokonnikowa bieten Kirchen mit ihren Glaubensgemeinden in jeder Form eine wunderbare Angriffsfläche. Gegenüber der Orthodoxie steht man dann auf jeden Fall als Häretiker da. Man kann das beispielsweise an der Islamischen Revolution im Iran sehen. Der Bildersturm, den sich dieser Umsturz vor nunmehr 35 Jahren leistete, wurde damals unter anderem so präsentiert:

Der Ayatollah Khomeini nach Murillo

Na? Klingelts? Wahrscheinlich nicht sofort. Was hier ins Bild gesetzt wird, ist (nein, nicht nur der Erzfeind USA, der durch den Drachen unter den Füßen des Ayatollah symbolisiert wird) die Platznahme des Ayatollah Khomeini. Ersetzt wird – wieder die Madonna. Die Vorlage für dieses hübsche Bild stammt von Bartolomé Esteban Murillo, einem Barockmaler des 17. Jahrhunderts. Bei ihm sieht die "Unbefleckte Empfängnis" so aus:

Die "Unbefleckte Empfängnis" von Murillo

Dass sich ein großes Wirtschaftsunternehmen als Neuling und Herausforderer präsentiert, kommt auch vor. Hier geht es immer um die Glaubhaftmachung eines Innovativitätsvorsprungs. Daher muss man sich den Alteingesessenen immer wieder als Neuerer präsentieren. Man kennt ja im Kapitalismus des Phänomen der "rutschenden Abhänge": Nie darf man stillstehen, immer muss man sich weiterentwickeln, sonst holt einen die Konkurrenz ein. Das gilt auch für Giganten wie Microsoft. Dieses Unternehmen hat jüngst einen Beitrag zur aktuellen Debatte um den Charakter der Arbeit publiziert. Das ist mindestens insofern interessant, als sich ja nicht viele Unternehmen als Unternehmen in dieser Debatte positionieren; meist sind es ja die Kleinen, die als häretische Avantgarde auftreten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Das wollte ich dann mal kommentieren. Mein Beitrag zu dieser Debatte kann hier heruntergeladen werden - natürlich als ePub (öffnen in Adobe Digital Editions oder iBooks).