Feb 23 2013

Der jüngste Pferdefleisch-Skandal hat es wieder einmal anschaulich vor Augen geführt: Wer das Fleisch auf seinem Teller betrachtet, denkt nicht ans Tier. Er denkt ans Fleisch. Marx hätte dann von der Entfremdung gesprochen, vom Vergessenmachen einer modernen arbeitsteiligen Welt, in der das eigene Futter einem näher ist als die, von denen es kommt.

Das Buch bedeutet eine Entfremdung vom BaumDie Lasagne, um die es ging, hat noch einmal mehr an der Schraube der Entfremdung gedreht: Wir schmecken nicht einmal mehr das Fleisch, das wir essen. Es scheint vollkommen gleichgültig zu sein, was wir da eigentlich essen, geschmacklich ist kein großer Unterschied festzustellen, denn alles ist durch den Wolf gedreht und mit viel Tomatensoße vermengt worden. Das spricht nicht wirklich für unseren Geschmack. Und ob Marx dazu doppelte Entfremdung gesagt hätte, lässt sich auch nicht mehr überprüfen.

Mit Büchern ist es ein wenig ähnlich: Wir lesen die Dinger, verschwenden aber wenige Gedanken an den Autor. Im Lesen sind wir mit den Büchern allein und vergessen alles andere, besonders aber ihre Produzenten. In diesem Sinn sind wir den Büchern entfremdet, jedenfalls in dem Sinn, in dem Marx das meinte. Und wie bei der Lasagne mit ihren Blättern und Schichten sind wir den Konsum von Büchern so gewohnt, dass nicht einmal unser Geschmack einen sicheren Rückschluß zum Fleischlieferanten erlaubt. Höchstens bei den wirklich großen Autoren, deren Stil so unverwechselbar ist, das wir ihn auf jeden Fall kennen.

Ist das bei eBooks anders? Erstmal nein. Aber hier sind Potentiale da. Wer beim Lesen an den Autor denkt, hat heute zumindest die Chance, auf Facebook zu gehen und zu schauen, ob er diesen Autor findet. Zumindest besteht also die Möglichkeit, dass wir ihn da irgendwo ausmachen und so eine Art Beziehung zu ihm herstellen, so, wie der Esser an das Tier denkt, von dem das Fleisch stammt. Jetzt kommt die nächste Herausforderung: Was hätte ich dem Autor eigentlich zu sagen? Oder besser: Hätte ich ihm eigentlich überhaupt irgendwas zu sagen? – Die letzte Frage zeigt vor allem an, wie sehr wir vom Marxschen Entfremdungsprozess schon deformiert worden sind. Sie erklärt aber auch das Schweigen der Leser, das sich bei öffentlichen Lesungen durch Autoren so oft einstellt.

Ich meine, dass sich hier noch viel verändern könnte (und auch wird). In einer nicht allzu fernen Zukunft werden wir, wenn unsere Imagination Futter bekommt, wieder an den Autor denken. Und wir werden mit ihm in Kontakt treten können. Nicht auf Facebook – weil das wieder einen Schritt entfernt ist – und auch nicht auf auf den Social Reading-Plattformen, weil wir dort nur auf andere Leser treffen. Wir werden vielmehr in den Büchern eine Möglichkeit geboten bekommen, mit den Autoren in Kontakt zu treten. Und wir werden wieder lernen, uns mit ihnen auf Augenhöhe auszutauschen. Ein menschlicher Austausch, ohne die üblichen Diffamierungen, Verleumdungen und Herabsetzungen, wie sie die Kritik betreibt.

Und das wäre ein Rückgängigmachen der Entfremdung. Marx hätte seinen Spaß daran.

1 comment

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Silke Haupt
Mo, 04/22/2013 - 21:15

Epitaph vom Schaf