Mai 18 2014

story generator

Den spanischen Lyriker und Dramatiker Federico Garcia Lorca inspirierte ein Zeitungsartikel. Der Bericht über ein Liebesdrama in der spanischen Provinz, das durch eine finale Jagd auf das Liebespaar seinen unrühmlichen Abschluß fand, bildete die Grundlage für seine "Bluthochzeit".

Auch Salman Rushdie liess sich vermutlich von der Zeitung inspirieren. Eine der Figuren in den "Mitternachtskindern", Mary Pereira, stammt aus Goa. Das ist erstmal ganz stimmig, Goa war früher eine portugiesische Provinz auf dem indischen Subkontinent, und die meisten Bewohner Goas sind bis heute Christen, können also Namen wie Mary Pereira tragen. In den Mitternachtskindern wird nun der Mutter von dieser Mary Pereira nachgesagt, dem heiligen Franz Xaver, der ja in Goa in einem Sarkophag ruht, in heiliger Extase den großen Zeh des rechten Fußes abgebissen zu haben. Diese kleine Geschichte ist so verrückt, dass sie sich schon wieder wunderbar in Rushdies magischen Realismus einfügt. Nur: So ein irres Detail kann man gar nicht erfinden; der Zeh des heiligen Franz Xaver wurde tatsächlich von einer fanatischen Katholikin abgebissen. Allerdings schon mehr als dreihundert Jahre zuvor. In der Zeitung wird es gestanden haben, als der Sarkophag des Franz Xaver wieder einmal bei einer Prozession im Freien herumgetragen wurde; das kommt alle zehn Jahre vor.

Eigentlich geht es ja ständig so – die besten Geschichten schreibt das Leben. Beispielsweise hat sich neulich ein Berliner Bestatter die Pässe der von ihm betreuten Toten angeeignet und diese wieder an einreisewillige Migranten verkauft. Da der Bestatter verständlicherweise über eine große Auswahl von Pässen verfügte, konnten sich die Interessierten jene Pässe (mitsamt Aufenthaltsgenehmigung) aussuchen, deren Personenmerkmale am besten auf sie passen; so berichtet es der Berliner Tagesspitzel. Für jeden Toten einen neu hinzuziehenden Ausländer – eine kreativere Lösung kann man sich für unsere vergreisende Gesellschaft kaum vorstellen.

Wir sollten einen Webservice einrichten, der diese stories aus der alltäglichen Nachrichtenflut herausfiltert und auf einer eigenen Seite versammelt. Was fact ist und was fiction, kann ja jeder für sich selbst entscheiden. Die literarische Imagination wird davon allemal angeregt.