Aug 31 2014

Perspektivwechsel

Erzählen funktioniert ja in verschiedenen Medien; insofern können sich Erzähler auch etwas von anderen Medien abschauen. Einer der kreativeren Filmemacher der letzten Jahre, Quentin Tarantino, hat sich beispielsweise in dem subtilsten (und am wenigsten blutrünstigen) seiner Filme ein paar schöne Kniffe einfallen lassen. Es ist nicht nur die minutenlange ungeschnittene Kamerafahrt am Beginn des Films, die "Jackie Brown" für Cineasten wie für Vielflieger gleichermaßen attraktiv macht. Sondern: Eine der Schlüsselszenen des Films, die Geldübergabe in einer Shopping-Mall, wird nicht nur einmal gezeigt, sondern gleich drei Mal. Jedes Mal aus unterschiedlichen Perspektiven, erzähl- und kameratechnisch gesehen.

Beim ersten Mal begleitet die Kamera die Hauptdarstellerin Jackie Brown, wie sie sich in dem Modeladen, in dem die Geldübergabe stattfindet, einen Anzug aussucht. Steht ihr super.

Aus der Perspektive von Jackie

Beim zweiten Mal wird der Streit zwischen Melanie und dem sehr nervösen Louis gezeigt, die zugleich Jackie dabei beobachten, wie sie sich einen Anzug aussucht, der ihr super steht.

Aus der Perspektive von Melanie und Louis

Beim dritten Mal wird die ganze Szene von Max Cherry beobachtet, dem Kautionshändler, der schliesslich das Geld an sich nehmen wird (und der auch findet, dass der Anzug Jackie super steht).

Aus der Perspektive von Max Cherry


Dreimal dieselbe Szene, in unterschiedlichem Kamerawinkel und unterschiedlich nah aufgenommen. Von dem, was da erzählt wird, ist es immer dasselbe, wie die obigen Bilder belegen. Anders ist eigentlich immer nur der Rahmen – einmal ist es die Erlebnisperspektive von Jackie, dann die von Melanie und Louis, dann die von Max Cherry. Der Informationszugewinn für den Zuschauer liegt nur in der Rahmenerzählung, nicht in der Wiederholung. Dennoch bewirkt sie, dass der Zuschauer sehr genau versteht, was da wirklich passiert (und wer da wen hinters Licht führt).

In einem Buch würde das so wahrscheinlich nicht vorkommen – es wird wohl kaum einen Autor geben, der seinen Text per copy + paste dreimal einfügt. Unterschiedliche Winkel oder Nähe/Ferne kennt das Erzählen mit Worten so nicht. Stets wäre die Erzählperspektive an das individuelle Erleben eines der Figuren geknüpft; Jackie Brown empfindet und sieht anders als die anderen Figuren.

Das wäre eine Möglichkeit, wie in digitaler Literatur die viel gescholtenen Hyperlinks verwendet werden könnten; der Leser muss sich entscheiden, ob er lieber mit der einen oder der anderen Figur gehen (oder vielmehr lesen) will. Aber er kann auch alle drei Erzählungen lesen; oder das ganze auch mehrfach lesen ...

... wie man es nur mit Büchern macht, die man wirklich gern mag.