Jan 1 2011

A new life

Das eigene Leben erzählen? Da denkt man zuerst an eine Chronologie. Stetige Entwicklung, Fortschritt, Aufstieg, Karriere. Aber einsnachdemanderen, so entwickelt sich kein Mensch. Also warum nicht nach Themen erzählen, die einen immer wieder beschäftigen? My life and art. My erotic life. My life and war. My life and spirituality. Oder das Leben anhand von Personen wiedergeben, die man da und dort getroffen hat und mit denen sich dies und das ergeben hat? Die Autobiographie als Geschichte von Dialogen, Projekten, Krisen und Streitereien. Oder anhand von Orten. Heimat. Fremde. Eroberungen. Rückzüge. Nomadismus.

Die Aufgabe wird noch komplexer, wenn man die gängigen Möglichkeiten des Internets ausnutzen möchte. Bilder. Videos. "Dokumente". E-Mails. Blogs. Social networks. Aufzeichnungen anderer über einen selbst oder gemeinsam Erlebtes. Alles miteinander verknüpfen, na schönen Dank. Und überhaupt: Das loswerden, was man im Internet mit seinem unendlichen Gedächtnis nicht (mehr) haben möchte. Spuren überall, und nur ungenügende Radierer vorhanden. (Das würde auch eine schöne Episode geben: My life and seppuku.)

Also bräuchten wir doch eine schöne life-storytelling-software, die uns dabei hilft, unser Leben zu erzählen. Erster Schritt: Mit ihrer Hilfe lässt sich alles, was da so im Internet herumschwirrt und zu uns gehört, taggen und verknüpfen (retrieven). Hier ist natürlich das Hirnschmalz der Nutzer gefragt, denn ein Foto von der aktuellen Geliebten kann ja - je nach Perspektive - als größte Eroberung, als Auslöser einer Katastrophe in der eigenen Ehe oder als schemenhafte Momentaufnahme in Don Juans Bildergalerie fungieren. Also ist eine umfangreiche und pfiffige Verschlagwortung erforderlich.

Zweiter Schritt: In der Software sind gängige Erzählmuster als Algorithmen programmiert. Aufstiegserzählungen. Katastrophenerzählungen. Wiederholungsschlaufen. Erlösungsmuster. Leidenserzählungen. Verwandlungsmuster. Glücksversprechen. Ein Klick auf "My life as ..." stellt dann alle dazugehörigen Internetinhalte zusammen, wie die Flicken, aus denen Patchworkteppiche hergestellt sind. Man muss nur noch Übergänge "vernähen" und das große Bild "weben".

Dritter Schritt: Aus den verschiedenen Erzählsträngen werden Flechtwerke hergestellt, deren Unterschiedlichkeit und Wechselhaftigkeit einen Eindruck von der Vielfalt und dem Reichtum eines Lebens geben. Und erst die Patina, die die einzelnen Partien mit der Zeit gewinnen ... Vielleicht ergibt sich sogar eine textile Harmonie...