Nov 30 2013

Nackt vor dem Schirm

Der Mensch im Spätkapitalismus ist hypermobil (ohne Zuhause), gut vernetzt und immer "on", erst recht, wenn es in Flugzeugen dann WLAN gibt. Sein ständiges Gezwitscher, die Posterei auf Facebook und den 17 Blogs, die er führt, sind nicht nur sein persönlich-privater Entfaltungsraum und die Manifestation seiner Individualität, sondern auch die Schnittstelle, mit der er von außen wahrnehmbar wird. Genauer: Diese Zone ist nicht nur der Bereich, in dem der Mensch und sein nahes gesellschaftliches Umfeld sich berühren, sondern auch der, auf den der ganz große Bruder schaut. Edward Snowden war so freundlich, uns darauf hinzuweisen.

Das spätkapitalistische Ich und die NSADer digitale Raum dient also nicht nur als Vehikel der Selbstverwirklichung; er ist auch – wie in George Orwells 1948 – der matte Schirm, vor dem wir Gymnastik machen. Wir sind vollständig nackt, weil wir das wollen. Eine Privatsphäre im herkömmlichen Sinn gibt's nicht mehr. Als Antwort darauf können wir ein rotes Tarnkäppchen aufsetzen und in die Wälder zur Großmutter wandern, uns auf die Toilette zurückziehen oder in uns selbst, indem wir schweigend lesen und hoffen, dass keiner dabei durchs eBook hindurch zuschaut.

Oder andersrum: Wir begreifen Facebook, Twitter und unsere Blogs als Raum der Möglichkeiten, in dem wir uns selbst als Fiktion ständig derart neu erfinden, dass keine NSA mehr zwischen den vielen Identitäten durchblickt. Wir können dort musikalische oder filmische Autobiographien schreiben, die klassische Hagiographie mit mobbendem Gossip verbinden, kollaborativ das Leben eines Kollektivs erfinden. Oder wir beleben (zu möglichst vielen natürlich) das Genre der kriminellen Autobiographie neu: Ist nicht jeder von uns auch ein Staatsfeind, Terrorist, Behördenhasser und Bombenleger? Was haben wir denn da in unserem Körbchen?