Aug 24 2013

My true companion

Als vor gut hundert Jahren der italienische Futurist Marinetti sein erstes Manifest in die Welt hinausposaunte, erlangte die Literatur nicht nur einen neuen gesellschaftlichen Stellenwert, sondern auch eine neue Attitüde gegenüber den Lesern. Fortan galt es als Markenzeichen der Avantgardisten, ihre Leser gleichsam anzubrüllen und sie in messianischem Überschwang zu bevormunden. Ab da wussten es die Künstler scheinbar besser, zumindest einige. Diese Selbstüberschätzung ging mit der Unterschätzung der Leser einher; sie waren diejenigen, deren Hirn es neu zu ordnen galt, deren Wahrnehmung verändert oder Sensibilität entfaltet werden musste. Noch der stille Kafka war der Ansicht, ein Buch müsse die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Ich selbst fühle das nicht so, und die Axt scheint mir eher bedrohlich zu sein.

Heutzutage ist es eigentlich nur noch der Film, allenfalls noch die Fotografie, die die Übernahme der Sinne anstrebt und eine Überwältigungsstrategie verfolgt. Bücher dagegen, das haben wir gelernt, gewähren dem Leser Handlungsmacht und Steuerungsfähigkeit. Man so schnell oder so langsam lesen wie man möchte, man kann intensiv oder kursorisch lesen, eintauchend udn versenkend oder analytisch-distanziert. Wir Leser reagieren ganz anders auf Literatur als auf Film, wir befinden uns mehr auf Augenhöhe, steuern unser empathisches Engagement und dialogisieren mit dem Text. Es ist möglich, von einem Buch begleitet zu werden und mit dem Buch zu tanzen, und wir behalten unsere Freiheit gegenüber diesem Medium noch in dem Moment, in dem wir die Lektüre abbrechen. Genau dieses Verhältnis stellt die Anschlussfähigkeit für eine interaktive Gestaltung von digitaler Literatur her.

Die Bücher vollzuballern mit Audios, Videos und allen möglichen klingelnden Features, um die Leser in eine neue Lesehaltung zu zwingen: Das hingegen ist eher die Fortführung der Strategie der terroristischen Avantgarden. Kein Wunder, dass viele Leser bei diesem Gedanken schaudern. Das Buch als Axt in der Hand von irgendwelchen Besserwissern – nein danke. Viel schöner ist es doch, ein Buch als ständigen, freundlichen und treuen Begleiter zu denken. Die Avantgardisten des neuen Buches tun gut daran, auf leisen Socken daherzukommen – und zumindest so raffiniert zu sein, wie es zeitgenössische Buchautoren schon sind.

Mein Buch als treuer Begleiter