Okt 21 2010

Es ist schon bezeichnend für die Entwicklung (oder Nicht-Entwicklung) auf dem deutschsprachigen eBook-Markt, dass ein Autor sich eine App für sein Buch entwickeln lässt. Jürgen Neffe wird in Kürze sein Darwin-Buch über iTunes anbieten. Der Clou an der Sache: Neffe hat sich seine iPad-App so entwickeln lassen, dass potentiell auch andere Bücher mit Hilfe dieser App publiziert werden können. Ein eBook-Format also, das weder der Regel „Ein Buch eine App“ folgt, noch von den eingeführten eReadern gelesen werden kann – denn diese setzen ja auf ein paar Formate, die kaum mehr als komprimierte html-Dateien lesen können. Das ganze nennt er Libroid:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neffes Konzept ist straightforward, ignoriert die Verlagslandschaft und gängige eBook-Distributionsplattformen, und später einmal soll ein Composer hinzukommen, damit Autoren Bücher für die Libroid-App herstellen können. Damit wird die App zum Publikationskanal.
Die dreispaltige Darstellung ist simpel und zugleich offen genug, um anregend zu wirken. Man kann den Text im Zentrum und damit im Fokus des Lesers belassen und die beiden Randspalten zur Erweiterung nutzen, so wie Neffe dies mit dem Darwin-Buch vorhat. Die Mehrspaltigkeit eröffnet aber auch narrative Entwicklungsmöglichkeiten.

So lässt sich damit multiperspektivisches Erzählen realisieren, etwa wenn die Erzählung in je einer Spalte einer Person folgt; treffen zwei oder drei Personen zusammen, können die Dialoge über die Spalten hinweg wechselnd geführt werden. Hier eröffnen sich interessante Optionen, um Synchronizität darzustellen und parallele Handlungsstränge zu entwickeln. Auch beispielsweise Historiker könnte das freuen, wenn sie sich denn in die Lage versetzen, parallele Entwicklungen – etwa im Bereich der Sozial- und Kulturgeschichte – auf adäquate Weise zu erzählen. Und schliesslich könnte die Darstellung von Konflikten – mit ihren typischen, nicht miteinander zu vereinbarenden und doch aufeinander bezogenen Perspektiven – auf ganz neue Weise gelingen.

Mit der effektiven Einbindung von Inhalten, die sowohl lokal als auch online gespeichert sein können, hat das Libroid das Potential, reality-augmented literature (RAL) zu präsentieren. Beispielsweise könnte im Zentrum die Biographie einer historischen Persönlichkeit stehen, als historischer Roman dargeboten. Rechts und links werden dann historische Materialien angeboten (Bilder, Videos) sowie online verfügbare Inhalte (Faktenwissen, Landkarten usf.) eingebunden. Wenn man sich, wie Neffe, auf die Spuren einer historischen Persönlichkeit begibt, und dabei mit dem iPad in der Hand die relevanten historischen Stätten aufsucht, wird man in der Tat neue Dimensionen des Lesens erfahren.
Ich freue mich drauf.