Jul 30 2011

Es ist schon ein kleines Wunder: Nun gibt es eine App, die auf überzeugende Weise den Leser interaktiv an der Welt ihrer Geschichte teilhaben lässt – und story und Konzept kommen nicht aus der Literatur, sondern vom Film her. "The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore“  wurde von William Joyce, einem Ex-Pixar-Designer, geschrieben und zuerst als animierter Kurzfilm realisiert, wie auf der Webseite zur App  zu erfahren ist.

Für literarische Autoren genauso wie für Drehbuchautoren lässt sich das Eintauchen in die erzählte Welt schlecht mit Interaktivität vereinbaren. Meist wird versucht, den Leser / Nutzer auf der Ebene des plots einzubeziehen; er soll entscheiden, wie es mit der Geschichte weitergeht. Das kollidiert aber mit dem Anspruch, dem Leser / Nutzer die Möglichkeit zu geben, sich in die Welt des Textes zu versenken, denn um über den weiteren Fortgang der Handlung zu entscheiden, muss er einen Schritt zurücktreten, den Stand der Geschichte kritisch reflektieren und eine Entscheidung treffen. Um zu funktionieren, muss die Fiktion aber ihren eigenen Status als Fiktion verleugnen; Reflexion auf den plot aber bedeutet eine Illusionsdurchbrechung und verhindert Empathie.
Darüber hinaus müssen die verschiedenen möglichen Handlungsverläufe bereits als Interaktionsmuster angelegt sein. Das hat zur Folge, dass der Leser / Nutzer zwar zum (Mit-)Autoren wird, aber nur im Rahmen jenes Handlungsspielraums, der ihm auch eingeräumt wurde – er nimmt wahr, dass er nur ein kleiner Gott ist, den ein größerer, gleichsam hinter ihm wirkender Gott mitspielen lässt.

Erzählungen aber bieten neben dem plot (und damit der zeitlichen Struktur) noch zwei weitere Komponenten, in die der Leser / Nutzer eintauchen kann: das setting, mit dem eine imaginative Verortung des Körpers im fiktiven Raum erfolgt, und den character, mit dem die emotionale Teilhabe an den fiktiven Figuren ermöglicht wird. Hier, an setting und character, setzt "The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore“ an. Der Leser / Nutzer gestaltet zwar nicht den Handlungsverlauf mit, aber die interaktiven Elementen verstärken jene Partien, in denen das Erleben des Protagonisten gestaltet wird, z.B. das Eintauchen / Durchfliegen von Textwelten durch Morris Lessmore:

Zum anderen spielt der Leser / Nutzer in zahlreichen Szenen mit, wenn es um das setting geht, so zum Beispiel wenn er Mr. Lessmores Bücher zum Fliegen bringt, sein Haus in einem Orkan wegfliegen lässt oder den Himmel über ihm verändert:

Um die Leser / Nutzer in die Fiktion hineinzuziehen, setzt die App eine Vielzahl von Techniken ein, vor allem animierte Filmsequenzen und 2D-Animationen. Ob das noch ein eBook ist oder ein animierter Film, wird dabei unwichtig, auch wenn es immer um Bücher, um Versenkung in fiktionale Welten und Bücher als Medien individueller Lebensstorys geht. Mediale Unterscheidungen wie "Buch" oder "Film" helfen bei einem derartigen Konglomerat von Techniken nicht weiter. Storytelling selbst ist ohnehin eine Kategorie, die sich der Zuweisung zu nur einem Medium entzieht. "Morris Lessmore“ ist daher eine App sui generis – und das Vergnügen in der Beschäftigung mit ihr a joy of its own.